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Ich Ameisenhaufen (“Senioren-Journal” vom 28. März)

Kürzlich schwappte eine Empörungswelle um den Globus. Ein unretuschiertes Werbefoto der Model-Ikone Cindy Crawford, heute 49 Jahre alt, erregte erregungsbereite Gemüter. Auf dem unautorisierten Bild, von hämischen Kleingeistern auf Twitter veröffentlicht, erkennt man sichtbare Schwangerschaftsstreifen, ein Bäuchlein und Cellulitis – welch ein Skandal!

In der Diskussion gab es zwei Pole: Die Empörung über unretuschierte Fotos – und auf der anderen Seite die Trotzreaktion, gipfelnd in der heuchlerischen Huldigung von Ü-60-Models als wahres Schönheitsideal. Beide Seiten wollen also die Realität vertuschen, die einen bildbuchstäblich, die anderen, indem sie nackte alte Haut zeigen und uns herausfordernd mitteilen: Seht her, ich bin nicht jung, aber immer noch schön und attraktiv. Und wehe, es wagt jemand, die Wahrheit zu sagen. Da müsste man, vor allem Mann, ja lebensmüde sein.

Bin ich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich wage es trotzdem, aber nur mit mir als Argument. Ich bin nicht jung, und falls ich jemals attraktiv gewesen sein sollte, bin ich es jetzt jedenfalls nicht mehr, außer – hoffentlich! – in den liebevoll retuschierenden Augen meiner Frau. In meinem progressiven Alt-Tag beobachte ich den eigenen körperlichen Verfall aus unretuschierter Sicht, und was ich da sehe, macht mich weder traurig noch stolz. Mir fällt nicht ein, etwas wegzuretuschieren (zum Beispiel operativ), und auf die Idee, das Gegenteil von dem zu behaupten, was ich sehe, komme ich ebenfalls nicht. Ich beobachte mich wie ein Insektenforscher einen Ameisenhaufen: interessiert und sachlich.

Zum Beispiel habe ich jetzt festgestellt, dass der alte, fiese Männerwitz (»Warum haben wir keine Cellulitis? – Weil es bescheuert aussieht«) auch sachlich daneben liegt. Ich jedenfalls habe Cellulitis. Oder so etwas Ähnliches. Man könnte es auch Broileritis nennen. Die breitet sich nicht am Oberschenkel aus, sondern … wissen Sie, wie unappetitlich es aussieht, wenn jemand keine Hähnchenhaut mag, sie abzuppelt und auf ein Häufchen am Tellerrand drapiert? Bräunlich-gelbliche Haut, labberig, mit kleinen, runden Dellen? Dann wissen Sie auch, wie es an der Innenseite meiner Ellbogen aussieht.

Na und? Jammere ich? Werde ich deswegen depressiv? Nein, ich schaue mir die Bescherung jeden Tag interessiert an und bin froh: Hurra, ich lebe noch. Im Gegensatz zu den Broilern, deren Haut Tellerränder verunziert.

Auch mit meinem Hals kenne ich keine falsche Scham. In einem »Spiegel«-Leserbrief zum schlipslosen Trend unter Politikern, nicht nur jungen griechischen, heißt es: »Alte Männer haben hässliche Hälse. Sie haben allen Grund, ihre Schildkrötenkehlen mittels Krawatten zu tarnen.« Tarne ich meine Schildkrötenkehle mittels Krawatten? Isch ’abe gar keine Krawatte!, schmettert es aus meiner hähnchenhäutigen Schildkrötenkehle. Apropos: Wussten Sie, dass sich Bruno Maccallini, der nette Italiener aus der Fernsehwerbung (»Isch ’abe gar kein Auto«), und Jutta Speidel nach elf Jahren Liebe getrennt haben? Das aber nur als Information am Rande, damit Sie nicht behaupten können, ich kreiste in meinem progressiven Alttag nur um mich und ließe wichtige gesellschaftliche Entwicklungen außer Neun.

Entschuldigung. Acht natürlich. Kleiner Kalauer. Sehr kleiner, ich weiß. Aber auch mein Humor leidet unter jenen Altersbeschwerden, die ich nicht ernst nehme. Zurück zur Kareta karetiensis, vulgo Hähnchenhäutige Schildkrötenkehle. Ein Fisch würde mich dafür lieben, ein Fisch namens Richard Fish. Wir Älteren erinnern uns: Das ist jener Anwalt aus der Fernsehserie »Ally McBeal«, den Hautfalten am Hals in höchste sexuelle Erregung versetzen. Nun ja, eigentlich nur bei älteren Frauen, aber angesichts meiner prachtvollen Halshautlappen vergäße sogar der betont heterosexuelle Fish seine geschlechtliche Fixierung.

Nun aber ernsthaft. Die Crawford-Diskussion, das Retuschieren, das Manipulieren, Botox und Co., der Fitness-Wahn, der verzweifelte Kampf gegen den naturgegebenen körperlichen Verfall und sein noch verzweifelteres Ignorieren, all das – auch in einem Wort gebündelt: Madonnaritis – hindert uns daran, sich existenziell wichtigeren Dingen zuzuwenden. Wenn die medizintechnische Entwicklung den Wahn-Witz auf die Spitze treibt, wird sie bald jedem von uns eine Wunschgestalt verpassen, in die wir hineinschlüpfen können wie in ein OP-Hemd, nein, wie in einen hautengen KTU-Overall (taucht in jedem Fernsehkrimi auf), dann haben wir auch mit hundert noch unsere Traumfigur und unser Traumgesicht, ohne uns wahnwitzig abrackern zu müssen.

Aber noch tun wir es. Haben wir eigentlich nichts Besseres zu tun? In unserem Alter? Jetzt ist die Zeit doch endlich reif, sich mit dem zu beschäftigen, was uns in der Kindheit umtrieben hat. Dazwischen lag das »normale« Leben, das mit seinen alltäglichen Verrichtungen und Verpflichtungen kaum Zeit lässt für die tieferen Fragen, die wir uns damals gestellt haben. Wer bin ich? Was wird aus mir? Was soll das alles eigentlich?

Dass wir über diese kindlichen Fragen nicht hinaus- oder gar ihrer Antwort näher kommen, muss nicht entmutigen. Sisyphus hat es auch nicht bis auf den Berg geschafft. Aber wir können ihn uns, sagt Albert Camus, als glücklichen Menschen vorstellen. Glücklicher als alle, die im Alter der eigenen Jugend hinterher hetzen, von Madonnaritis geplagt, bis sie von der Bühne des Lebens purzeln.

Baumhausbeichte - Novelle