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Sport-Stammtisch (vom 28.März)

Das vogelwilde Australien-Spiel ist keine Blaupause für das Match gegen Georgien, daher haken wir das eine und warten das andere ab. – Vogelwild? Blaupause? Modewörter, deren ursprüngliche Bedeutung kaum jemand kennt. An die Blaupause, an das »Pauspapier«, erinnern sich Ältere vielleicht noch. Aber »vogelwild«? Selbst das Internet rätselt. Auch mein alter Freund Brockhaus (Jahrgang 1958) muss passen. Aber in Grimms Wörterbuch werde ich fündig: Vogelwild »ist weiberwild. männer sollten so männlich seyn und diesen jagdabschnitt den weibern überlassen«.
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Mhm. Dieses Vogelwild ist wohl nicht gemeint. Da bleibt uns nur, mit Georg Ringsgwandl »Trulla Trulla Gaggerfidel« zu singen: »Ah, schau, da kommt der Mikel, / mit seinem geilen Mountainbikel. / Neonbunt erscheint er uns gekleidet, / vogelwild er durch die Schluchten ridet. / Bunte Turnschuh, auftrainierte Wadl, / Berg, bleib steh, er kimmt mi’m Superradl.«
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Georgien. Mit einem Deutschen (Alexander Merkel) auf dem Platz und einem Ex-Frankfurter (Kachaber Zchadadse) auf der Trainerbank. Der eine galt einmal als kommender deutscher Superstar, nun ist er ein lebendes Beispiel, dass Talent nur eine Chance ist, sonst gar nichts. Der andere hat es zwar als Verteidiger nicht zur Eintracht-Legende geschafft, aber dafür zum Problemfall der Sportredaktionen: Tschadadse, Zchadadse, Tsadadse, Schadadse – der Namen waren viele, nur  »-dadse« blieb immer gleich.
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Problemfall Eintracht und die Auswärtsspiele. Die »Frankfurter Rundschau« befragt eine Sportpsychologin. Vor allem dürfe die Bedrohungssituation, die Versagensangst nicht noch vergrößert werden, indem durch mediale Überbetonung ein, zwei Niederlagen zu »schwarzen Serien« hochdramatisiert werden. Und wer tut das? Mit einem ganzseitigen Interview unter der Schlagzeile »Und schwups ist der Fokus auf Verlieren«? Und mit der Eingangsfrage, warum die Eintracht »immer und immer wieder« gegen schwächere Gegner verliere?
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Arbeitnehmerrechte als Blaupause für Arbeitsverträge mit Profifußballern. Ziemlich vogelwild, das Mainzer Urteil. Auch der Fußball flattert aufgeregt. Aber was hilft es ihm, der Richterin Weltfremdheit vorzuwerfen? Sicher, die EU-Regel, auf der das Urteil basiert, ist für den Sport unvernünftig. Aber auch Gesetze, die unvernünftig sind, sind … Gesetze.
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Das unvernünftigste kommt erst noch. Wenigstens habe ich jetzt auch einmal (m)ein Argument gegen ein Anti-Doping-Gesetz gehört, das in dieser Woche von der Politik bekakelt (im Jargon: »auf den Weg gebracht«) wurde: Sportler könnten unwissentlich straffällig werden, so der DOSB, wenn sie Arzneimittel besitzen, die auch auf der Dopingliste stehen. – Danke. Da jeder von uns in seiner Hausapotheke Arzneimittel hat, die auf der Dopingliste stehen (Nasentropfen etc.), wird laut anbekakeltem Gesetz jeder knastgefährdet sein, der eine Hausapotheke besitzt.
Aber macht doch, was ihr wollt. Gegen politpopulistischen Aktionismus ist eh kein Kraut gewachsen.
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Gegen Nike schon mal gar nicht. Der globale Sportausrüster nimmt den mehrfach gedopten Justin Gatlin unter Vertrag und zahlt ihm vermutlich in einem Jahr mehr als bisher allen deutschen Sprintern in diesem Jahrtausend zusammen. Aber Nike macht sowieso, was es will. Zur Erinnerung: Das »Oregon-Project« (NOP) von Nike mit Anti-Schwerkraft-Laufbändern, Luftkammern mit Überdruck, Unterwasser-Laufbändern, Kältekammer, Höhenzelt, das alles und noch viel mehr in einem Höhenhaus, in dem ein Luftdruck wie auf 3600 Metern über dem Meer herrscht. Doping? Ach was. Das NOP hat umjubelte Langlauf-Weltstars hervorgebracht und von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada den Sauberkeitsstempel erhalten, es sei sportmoralisch nicht zu beanstanden.

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Makabres Bild: Ein mexikanischer Wrestler hängt tot in den Seilen. Genickbruch nach einem misslungenen »Move«. Der Kampf geht weiter, da alle an eine gelungene Show glauben. Die Szene erinnert mich an Owen Hart, einen Flug- und Sprungspezialisten aus Hulk-Hogan-Zeiten. Hart stürzte im grell bunten Vogel-Kostüm von einer 30 Meter hohen Stahlkonstruktion in den Ring. Der Karabinerhaken des Seils an seinem Gürtel hatte sich gelöst. Hart war sofort tot. Frenetischer Jubel erfüllte die Arena, während der leblose Körper im federgeschmückten Strampelanzug weggeschafft wurde. Das Publikum glaubte, der Sturz sei Teil der Show. Owens Bruder, Bret »Hitman« Hart, selbst Wrestler, sagte: »Ich bin mir sicher, dass er zehn Meter vor dem Aufprall dachte: Hier falle ich, in diesem blödsinnigen Outfit, vor all diesen Leuten, die sich einen Scheiß um mich scheren, und das war es dann.«
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Schließlich noch die Schote von Nico Rosberg, der sich eine schweißaufsaugende Damenbinde in den Helm steckt. Eine Damenbinde – auch das erinnert mich. An Prinz Charles. Der wollte zwar nicht Damenbinde in Nicos Helm sein, aber Tampon eines »Rottweilers« (Lady Di damals über Camilla). Camilla wiederum erwiderte die Zuneigung telefonisch: »Ich brauche dich mehrmals die Woche.«
Sagten diesen Satz seine Leser, nichts könnte einen drei bis vier Mal die Woche kommenden Schreiber glücklicher machen.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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