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Mittwoch, 25. März, 9.35 Uhr

Als von Flugangst Geplagter versuche ich, mein Vorstellungsvermögen auszuschalten und nicht an das zu denken, was in den acht Minuten des Sinkflugs in der Kabine und in den Köpfen geschehen sein mag. Albtraum.

Dass Fliegen sicherer ist als jede andere Art der Fortbewegung (zum Beispiel als mein Radfahren), das hat noch keinen Flugangstgeplagten beruhigen können. Wir wissen, dass unsere Angst – trotz des aktuellen Unfalls – irrational ist, aber das ist ja gerade das Problem.

Eine rationale Folgerung fehlt mir bisher: Da dieser Flugzeugtyp so weit verbreitet ist, müsste er auch in der Unfallstatistik häufiger auftauchen als Flugzeuge mit kleinerer Stückzahl. Tut er aber nicht, so weit ich weiß, eher im Gegenteil. Das spräche also, trotz der Tragödie, für diesen Typ. Aber wer weiß, was da noch ermittelt wird.

Soeben in den Nachrichten zum ersten Mal mein Argument gegen ein Anti-Doping-Gesetz gehört, das heute von der Politik bekakelt  (im Jargon: auf den Weg gebracht) wird: Der DOSB gibt zu bedenken, dass Sportler unwissentlich straffällig werden könnten, wenn sie Arzneimittel besitzen, die auch auf der Dopingliste stehen.

Danke. Da jeder von uns in seiner Hausapotheke Arzneimittel hat, die auf der Dopingliste stehen (Nasentropfen etc.), wird laut anbekakeltem Gesetz jeder knastgefährdet, der eine Hausapotheke besitzt und Mitglied in einem Sportverein ist. Aber macht doch, was ihr wollt. Gegen politpopulistischen Aktionismus ist eh kein Kraut gewachsen.

Kraut. Der eigentliche Grund, warum ich heute blogschreibe. Ich habe erst jetzt einen interessanten “FAS”-Artikel gelesen, über Udo Pollmer, den “Veganerfresser”. Pollmer hat früher Bestseller über “Hormone im Fleisch, Pestizide im Gemüse und andere Schrecken  der industrialisierten Ernährungswirklichkeit” geschrieben, ist jetzt umgeschwenkt und schreibt gegen den Veganismus an. Er bringt ihn mit einer Hysterie-Mode in Verbindung, für die er ein hübsch krachendes Beispiel gefunden hat: “Wenn heute jemandem ein Furz querliegt, dann glaubt er schon, er würde von Handystrahlen durchbohrt.” Das lege ich gleich auf den Zitatenstapel für die nächste “Ohne weitere Worte”-Kolumne.

Pollmer kennt sich ohne Zweifel in der Materie aus. Ich nicht, daher kann ich auch gar nichts zu Behauptungen sagen, dass Rohkost-betonte Ernährung für die massive Zunahme von Darmentzündugen verantwortlich sei, dass Wurstsalat mehr Vitamin C habe als Kopfsalat, Pommes für Kinder besser seien als Pellkartoffeln oder dass nicht Zucker süß mache, sondern Süßstoffe. Pollmer begründet das alles faktenreich und scheinbar einleuchtend, aber das konnte er früher schon genauso gut. Heute pro Agrarindustrie und Kontra veganen Ernährungsfetischismus, gestern umgekehrt. Und wir glauben, was wir glauben wollen.

Ständige Leser wissen: Den Blog schreibe ich nicht nur nicht als “das” Blog, sondern auch nicht mit den üblichen Motiven von Blogschreibern. Für mich ist er nur Stein(es)bruch für die Zeitungskolumnen, eine Art elektronischer Notizblock. Heute mit dem Vorsatz, nach der Lektüre des “FAS”-Artikels Gedanken ungeordnet aus dem Kopf purzeln zu lassen, um sie später eventuell für meine nächste “Nach-Lese”-Kolumne im Feuilleton zu ordnen. Aber wie das im Steinbruch so ist: Jetzt merke ich, dass die Bröckchen nicht geeignet sind, um aus ihnen eine Kolumne zu formen. Liegt wohl an den anderen Themen des Tages, die störend durch den Kopf geflogen sind.

Baumhausbeichte - Novelle