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Sonntag, 22. März, 6.30 Uhr

Klammkalt, milchigtrüb. Meldungen der Nacht mau. Hammer-Schlagzeilen a la “Klümper war Berater bei Puma”. So was aber auch. Noch keine NBA-Ergebnisse. Neuer Name: Feigenbutz. 19-jähriger K.o.-Schläger. Wird offenbar zum nächsten Star aufgebaut. Kommt in die “Montagsthemen”. Auch die Meldung vom Samstag, die für mich absolut unglaubliche von dem deutschen Kugelstoßer, der seine persönliche Bestleistung von 19,07 auf 21,35 m verbessert hat. Erster Stoß knapp über 19, zweiter knapp 20, dann ein “normaler” mit Achtzehnkomma, dann 21,35 m. Für die meisten Menschen nur erstaunlich, für mich außerhalb des Fassungsvermögens. Nur dass er Drehtechniker ist, gibt der Sache für mich wenigstens einen Anflug von Erklärungsmöglichkeit. Aber wirklich nur einen Anflug. Seltsam: Gestern erst kam mir in den Sinn, beim Nachsuchen im Internet nach aktuellen Informationen über die Kiwis Tom Walsh (soeben 21,37/PB) und Jacko Gill (nichts Neues): Ein Kugelstoßer, der Angleit- und Drehtechnik perfekt beherrscht, wird mit Drehung deutlich weiter stoßen können. Nur gibt es solch einen Athleten nicht, und es gibt nicht einmal einen, der nur die Drehtechnik perfekt beherrscht (Angleiten können einige optimal, wie Storl oder Majewski). Hat dieser Thomas Schmitt, dessen Name ich noch nie gehört hatte, den perfekten Tag und den perfekten Stoß erwischt?

Am Samstag in zwei Kolumnen (“Nach-Lese” und “Sport-Stammtisch”) über Humor und Ironie geschrieben. Mit einer groben Unterlassungssünde: Obwohl es schon seit Tagen in mir teils gejuxt und teils gegrummelt hat, weil der Fake-Fake des Nachwuchs-Gottschalks vom ZDF bundesweit ernst genommen wurde (nur der Grieche hat ihn sofort verstanden!), habe ich vergessen, diesen metarealsatirischen Beweis, dass Ironie für viele ein fremdes, unverständliches Ding ist, ein Alien, in die Kolumnen zu übernehmen.

Am Samstag bin ich auf eine Mail eingegangen (Leipziger Jungs). Der Schreibert hatte sich – auf nette Weise – über eine “launige Formulierung” beschwert. Meine Antwort:

War die »launige Formulierung« von mir? Ich erinnere mich nicht. Oder meinten Sie eine Passage mit »Wenigstens Singapur light: Schlagstöckchen für Schlägerdeppchen und eine Quote pro Polizei deutlich besser als das Bayern-Torverhältnis«? Das meinte ich aber allgemein, nicht gegen Leipziger Jungs speziell. Zuletzt habe ich in dem Tenor geschrieben, RB-Klubs darf man verachten, aber nicht gewalttätig hassen. Vielleicht kamen die Stockschläge für prügelnde Leipziger Jungs aus einer anderen Feder (ich lese als Ruheständler nicht mehr alles). Wie dem auch sei: Ich finde doch, dass Ihre Zeilen in den Anstoß müssen. Was halten Sie davon? Anonymisiert, nur für sich sprechend, ohne dass ich mit wertenden Bemerkungen nachkarte?

Die Reaktion des Lesers stand dann wieder im Blatt. Eine schärfere Kritik kam von einem langjährigen Eintracht-Fan zu einer flapsigen Bemerkung von mir (siehe “Mailbox”). Dem Leser antwortete ich:

Ich will mich nicht rausreden, aber mit meinem Text wollte ich nicht meine Reaktion beschreiben, sondern ironisch die von vielen Fans, u.a. die der von Ihnen Genannten. Die Szene wird sicher noch oft in diversen Schadenfreude-Sendungen auftauchen, Sendungen, die ich aus Prinzip nicht anschaue. Dass Sie ständiger »Anstoß«-Leser sind, freut mich sehr. Ich hoffe ebenso sehr, dass Sie es bleiben.

Walther Roeber, ständiger Begleiter und Anreger meiner Kolumnen, hat etwas besonders Hübsches gefunden:

Da ich weiß, dass Sie sich gern mit kryptischen Meldungen beschäftigen, tippe ich hier zwei Sätze aus der heutigen WZ ab. Unter »Namen und Nachrichten« auf Seite 2: »Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) wegen uneidlicher Falschaussage eingestellt. Mappus habe vor dem ersten Untersuchungssausschuss zum eskalierten Polizeieinsatz gegen »Stuttgart21«-Gegner die Wahrheit nicht gelogen, als er Einflussnahme auf Maßnahmen an der Baustelle ausgeschlossen hatte. (dpa)« Ich habe diesen Satz mindestens fünf Mal gelesen, ihn aber immer noch nicht verstanden. Können Sie mir helfen? Fehlt da eine Zeile oder ist die Meldung wirklich so gekommen? Ist es Hohlspiegel-fähig oder versucht sich jemand in Postillion-Manier?

Herrlich. Ärgerlich nur, dass ich den Redigier-Lapsus (dpa hatte die Wahrheit nicht gelogen, das ist wohl beim Kürzen so reingerutscht) nicht selbst verbrochen habe, ich hätte mich mit Lust und Wonne  auf den Arm genommen. Kollegen aber sind tabu.

Das ist ähnlich wie beim folgenden Mail-Dialog:

Ich produziere momentan ein längeres Feature über die Arbeit der Sportmedizin in Freiburg für das SWR-Fernsehen (Ausstrahlung 29. März, 22.30 Uhr). Sie schrieben kürzlich in Ihrem Blog davon, dass Keul Ihnen sagte, ein SC-Torwart müsse eine Verletzung vortäuschen, weil Klümper ihm Anabolika gespritzt habe. Wann war das? Handelt es sich um (… es folgt der Name)? Danke für eine möglichst rasche Rückmeldung.

Meine Antwort:

Haben wir kürzlich telefoniert? Falls nicht, war es ein Kollege von Ihnen (ebenfalls SWR, ebenfalls Sendung Schwerpunkt Freiburg Ende März). Wenn ich mich richtig erinnere, kannte er (Sie?) die Geschichte und den Torwart. Ich weiß den Namen nicht, vermutlich habe ich ihn nicht vergessen, sondern nie gekannt bzw. ihn mir nie gemerkt – wohl Ignoranz des Extrem-Individualsportlers gegenüber Fußballern. Wüsste ich den Namen, würde ich ihn nicht preisgeben, denn schon immer war mein Ding: Selbst absolute Offenheit, aber keine anderen Ex-Sportler zwangsouten.

Rückantwort:

Vielen Dank für Ihre schnelle Rückmeldung. Nein, wir hatten nicht in dieser Angelegenheit telefoniert. Aber grundsätzlich sind einige SWR-Kollegen an diesem Thema dran. Daher kann es zu solchen Überschneidungen kommen. Ich verstehe Ihre Haltung gut. Ihr Blog liest sich im übrigen hervorragend.

Danke. Freut mich. Das war’s. Und jetzt das Übliche, immer wieder schön, dafür stehe ich gerne so früh auf: Kaffee, Kuchen, Knicks.

 

 

 

 

 


Baumhausbeichte - Novelle