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Sport-Stammtisch (vom 21. März)

Das 0:3 gegen Turin – »ein Spiel zum Vergessen«? Da ist der Wunsch der Vater von Klopps Gedanke, denn vergessen wird diese mitleiderregende Dortmunder Hilflosigkeit so schnell niemand. Der BVB spielte gegen Juve wie … ein Tabellenzehnter der Fußball-Bundesliga. Allerhöchstens. Wer gedacht hatte, zumal nach dem glanzvollen Ausreißer im Derby, Dortmund habe die schwersten Zeiten hinter sich, der weiß jetzt: Sie kommen erst noch.
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Dortmund raus, Leverkusen raus (immerhin nach starker Gesamtleistung), Schalke raus (immerhin mit Sternstunde in Madrid) – da bleiben uns nur die einzigartigen Bayern. Und eine Etage tiefer Wolfsburg. Auch wer seine Vorbehalte gegen den VW-Klub hegt und pflegt, kann nicht umhin zuzugeben: SO spielt man gegen die Italiener! Reife Leistung.
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Ebenfalls erfreulich: Trotz interner Turbulenzen und mainmedialer Aufgeregtheiten legt die Frankfurter Eintracht bisher eine Saisonleistung hin, die kaum noch etwas nach hinten befürchten lässt, aber  leise Hoffnungen nach oben erlaubt. Gegen Paderborn stand jedenfalls nur EIN Absteiger auf dem Platz. Schade um den tüchtigen Aufsteiger, dem die Puste ausgeht.
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Aber um wen wäre es nicht schade? Na ja, da fallen mir ein, zwei Klubs ein, zum Beispiel … nein, keine Namen. Ist erstens nur Geschmacksache und wäre zweitens gesundheitsgefährdend, so wie heutzutage die vielen Chaoten unter den Fans drauf sind.
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Apropos: Wenigstens Singapur light: Schlagstöckchen für Schlägerdeppchen und eine Quote pro Polizei deutlich besser als das Bayern-Torverhältnis. Dazu schreibt Hermann W. aus Laubach, der »den Anstoß immer sehr gerne« liest: »Der eine Junge ist mein Neffe, aus Leipzig, schwere Kindheit (1. Vater prügelte, soff, fanatisch religiös, 2. Vater klassischer Heiratsschwindler, nach drei Jahren mit 200 000 Euro weg und riesigem seelischem Schaden), und er schlug niemanden, sondern sprühte Farbe an einen Eisenbahnwaggon mit einem Kumpel zusammen. Saublöd, aber in Deutschland würde man ihm dafür nicht den Hintern blutig schlagen.« – Zum Glück nicht. Allerdings hat mich der Leser missverstanden, was er nach meiner erklärenden Antwort auch selbstironisch einräumte: »Und jetzt merke sogar ich, dass Sie mit Schlägerdeppchen bestimmte Fans meinen (falls man das noch Fans nennen mag) und nicht die Leipziger Jungs.«
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Diese Selbstironie ist nicht nur bei unserem Leser eine angenehme Eigenschaft, sie stünde auch jedem der »bestimmten Fans« gut zum verzerrten Gesicht, vom Ultra des Fußballs bis zu jedem anderen auf der nach oben bis Tunis offenen Wahnsinns-Skala. Doch alle haben sie leider eine Gemeinsamkeit: null Selbstironie.
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Und nun zu einem ganz anderen Thema: Doping am Arbeitsplatz. Nicht am Arbeitsplatz Fußball, denn dem ist es wieder einmal gelungen, der aufgewärmten Aufregung stoisch beim Abkühlen zuzuschauen. Nein, an Ihrem, an meinem, an jedem Arbeitsplatz! Drei Millionen Arbeitnehmer dopen sich regelmäßig mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, um dem Leistungsdruck standzuhalten, sagt der neue DAK-Gesundheitsreport. Zählt man noch Arbeitgeber hinzu, Manager (»Die sind doch alle gedopt!«) sowie alle, die nicht verschreibungspflichtige Medikamente nehmen, die aber auf der Dopingliste stehen (Wick Medinait für Kinder, Nasentropfen etc.), dann verdoppeln und verdreifachen sich die Dopingsünder-Millionen in Deutschland.
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Sie alle wollen ihre naturgegebene Leistungsfähigkeit durch Medikamente verbessern – klassisches Doping also. Einziger Unterschied: Nur der Sport verbietet es, und zwar nur sich selbst. Das ist auch gut so, beweist aber auch, dass Doping kein Fall für den Staat ist. Doch wenn, wie beabsichtigt, ein Anti-Dopinggesetz kommt, dass den Besitz und Konsum von Dopingmitteln strafbar macht, und wenn es kein Sondergesetz für Minderheiten sein soll (hatten wir so etwas nicht schon mal?), dann wehe uns allen! Nein, ich bin ja sauber. Ihnen!
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Immer, wenn das Thema hochkocht, klingelt das Telefon oder es kommen Mails, und jedes Mal werde ich um exklusive Informationen gebeten. Aber NUR bei diesem Thema! Ich würde sooo gerne meine Vielfalt beweisen. Warum, liebe Kollegen, fragt ihr nicht mein in jahrzehntelanger Kolumnen-Arbeit nachweisbares Wissen ab? Kleine Auswahl meiner großen Bandbreite: der Urknall und die Knallköppe, die Blattschneiderameisen, der Großzehenschiefstand, der Sinn des Uhrzeigersinns, umher irrende Kaltlufttropfen, sich gabelnde Kleidungsstücke, Gottfried Benn und der Geschlechtsverkehr von Stubenfliegen, die Merseburger Zaubersprüche, das schnelle Ex-Saufen ohne Zäpfchen, die Verhausschweinung, die Psychologie des Auswurfs, Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern oder auch, in diesen Zeiten besonders wichtig, die friedensfördernde Promiskuität der Bonobos. Aber dazu befragt mich ja keiner. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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