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Humor ist, wenn man … (“Nach-Lese” vom 21. März 2015)

Noch sind wir alle Charlie, treiben ein Nischen-Blättchen auf Millionen-Auflagen und demonstrieren damit unsere neue heilige Dreifaltigkeit: Meinungsfreiheit, Karikaturfreiheit. Humorfreiheit. Doch dann diese Karikatur in der griechischen »Syriza«-Parteizeitung: Wolfgang Schäuble, in Wehrmachtsuniform, blafft die Griechen an: »Die Verhandlung hat begonnen: Wir bestehen darauf, Seife aus eurem Fett zu machen … wir diskutieren nur über Düngemittel aus eurer Asche.«
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Darf Karikatur alles? Ist auch so etwas Perfides von der Meinungsfreiheit gedeckt? Von der griechischen offenbar ja, von der deutschen nein. Immerhin erschießen wir den Karikaturisten nicht. Stünde die Karikatur aber als Meinungsäußerung in einer deutschen linken oder rechten Parteizeitung, käme der Staatsanwalt und es gäbe einen riesigen Skandal.
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Andere Länder, andere Humorsitten. In Galaxidi am Golf von Korinth findet am letzten Karnevalstag, dem Kathari Devtera (Reiner Montag), die Alevromountzouromata (Mehlschlacht) statt, bei der sich die Einwohner, bewaffnet mit Schutzbrillen, Mundschutz und Kuhglocken, mit buntem Mehl bewerfen. Ein Höllenspektakel. Da denkt der Gast: Die spinnen, die Griechen, und wendet sich mit Grausen.
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Vielleicht sucht er sein Humor-Heil dann in Frankreich. Die kultivierte »Grande Nation« mit ihrem Esprit, ihrer feinsinnigen Lebensart und ihrem erlesenen Geschmack muss doch auch einen wunderbaren Humor haben. Aber was findet der Gast: überwiegend Brachialhumor. Louis de Funès, diesen cholerischen Zappelphilipp, konnte ich nie ertragen, fünf Minuten mit ihm genügen, und ich bin ebenfalls ein Nervenbündel. Auch Pierre Richard, der große Blonde mit dem schwarzen Schuh, macht mich humorratlos: Fährt mit dem Rad, tritt völlig unbegründet in voller Fahrt auf den Rücktritt und fliegt über den Lenker. Das Kino lacht. Warum bloß?
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Als von Donald Duck und seinen Eltern Carl Barks und Dr. Erika Fuchs geprägter, die »Pardon«-Beilage »Welt im Spiegel« (WimS) verschlingender und die Monty Pythons für Genies haltender Comics-Freund scheiterte ich jedesmal, wenn ich in »Charlie Hebdo« blätterte, dessen krachend-aggressiven Humor mit dem Lieblingsland meiner Jugend zu vereinbaren.
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Einmal wurde ich Augen- und Ohrenzeuge eines unvergesslichen französisch-deutschen Humorwettstreits. Nach einem Leichtathletik-Länderkampf in Vittel gibt es ein gemeinsames Abendessen, danach ziehen sich die Franzosen mit geheimnisvollem Getue zurück, um kurz darauf kreischend vor Vergnügen wieder aufzutauchen. Einige sind total nackt, haben sich in Mehl gewälzt, aufgeblasene Präservative an den Ohren hängen. Sie schütten Mehl über die deutschen Sportler, klatschen ihnen auf die Schultern, blasen neue Präservative auf, verschenken sie, und in diesem Tohuwabohu ertönen immer wieder schrille Schreie und schallendes Gelächter. Einige deutsche Sportler lachen verschämt, andere wirken leicht konsterniert, aber eine Gruppe deutscher Athleten rettet die teutonische Ehre und antwortet mit Humor-Gegenoffensive. Sie stehen auf, brüllen, grölen, springen auf den Tisch, schwingen die Hüften, greifen sich Teller und Tassen und schleudern sie gegen die Wand. Sie gewinnen diesen Humor-Länderkampf, denn die Franzosen ziehen sich stumm und geschlagen, mit großen, furchtsam aufgerissenen Augen von der Scherben-Orgie zurück.
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Meinungsfreiheit = Karikaturfreiheit = Humorfreiheit? Manchmal wird das hohe Gut der Meinungsfreiheit leider nur benutzt, um mit Karikaturen und Witzen andere gezielt zu verletzen und deren verletzte Reaktionen als Humorlosigkeit verunglimpfen zu können. Dass die Humorfreiheit, die sie sich nehmen, nur das eigene Humor-Freisein beweist, darauf kommen sie erst gar nicht, denn dafür mangelt es ihnen an … genau!
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Er ist ja auch eine schwierige Angelegenheit, dieser Humor. Jeder hat einen anderen, und wenn dann noch Ironie oder gar Selbstironie dazu kommt, öffnen sich oft tiefe Gräben der Verständnislosigkeit. Ein Musterbeispiel dafür ist die Selbstironie, die für viele – auch intelligente, gebildete, manchmal sogar sehr sympathische – Menschen eine nie zu verstehende Fremdsprache bleibt. Einig sollten sich aber alle sein: »Humor«, der nur das Ziel kennt, den anderen zu verletzen, ist kein Humor.
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Interview mit Gerhard Polt im »Spiegel«. Anlass: Sein neues Stück »Ekzem Homo«. Untergrund des Interviews: Warum Polt in diesen politisch und religiös bewegten Zeiten sich nicht um die Weltgeschichte, sondern um den Nachbarn kümmert. Erkennbar keimt im Verlauf des Interviews Unsicherheit auf. Natürlich nicht bei Polt, sondern bei den Interviewern. Polt: »Der Mensch ist dem Mensch ein Nachbar. Das ist schlimm genug. In unserem Stück sagt der Nachbar: ›Ich brauche keine Religion, um jemanden umzubringen.‹ Da hat er recht.«
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Man spürt, wie die Fragesteller ins Schwitzen kommen. Wie meint der Polt das bloß? Etwa im Ernst? Sollen wir lachen? Protestieren? Scharfe Zwischenfragen stellen? Oder blamieren wir uns damit?
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Polt setzt noch einen drauf: »Ich hatte einen Nachbarn, der hatte mich beim Hildebrandt im ›Scheibenwischer‹ gesehen, als ich dort einen gespielt habe, der die ›Nationalzeitung‹ verkauft und dazu sagt: ›Man muss doch die Sachen einmal aus der Sicht der SS sehen und nicht immer aus der der Juden. Die waren doch auch dabei.‹ Nach der Sendung komme ich heim, und mein Nachbar steht da: ›Großartig, Polt, dass du das sagen darfst. Und noch dazu bei dieser roten Sau Hildebrandt. Das rechne ich dir hoch an.‹« – »Spiegel«: Sie haben ihn nicht auf die Ironie hingewiesen?« – Polt: »Im Gegenteil. Ich habe gesagt. ›Dann möchte ich jetzt ein Bier.‹ Und dann hat er ein Bier geholt.«
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Empörter Tenor eines folgenden Leserbriefes: Mit so einem trinkt man doch kein Bier! Was würde Polt antworten? Vielleicht: Prost, Herr Nachbar?
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Humor ist aber auch manchmal, wenn man trotzdem nicht lacht. Zum Beispiel bei Comedians wie … ach, keine Namen. Sie zu nennen, das wäre Humor-Arroganz, zwei Eigenschaften, die sich ausschließen.
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Wussten Sie, dass die beiden wichtigsten und weitverbreitetsten Freizeitbeschäftigungen eine merkwürdige Gemeinsamkeit haben? Sex und Fußball sind absolut humorfreie Zonen. Jedenfalls während der hingebungsvollen Beschäftigung. Danach gibt es teils humorfrei böse, teils (seltener) ironisch-witzige Manöverkritik, aber mittendrin versteht niemand Spaß, allenfalls werden Versager aggressiv-verächtlich ausgelacht. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle