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Sport-Stammtisch (vom 14. März)

Schalke geht im Derby jämmerlich unter und sorgt ein paar Tage später in Madrid für eine Sternstunde, bei der selbst Verächtlichmacher aus »Lüdenscheid« den Mund vor Staunen nicht mehr zu kriegen. Wie geht das? Wer kann das erklären? Strategiewechsel des Trainers? Neue Offensivlust? Meyer statt Boateng? Vermutung: Wer den Grund mit Gewissheit zu kennen glaubt, kennt ihn am allerwenigsten. Einst sang Connie Francis: »Die Liebe ist ein seltsames Spiel.« Sie kannte den Fußball nicht.
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Auch um und mit Doping wird ein seltsames Spiel gespielt. Alle drei, vier Jahre feiert der investigative Journalismus eine Enthüllungs-Orgie, bei der es nichts zu enthüllen gibt, das aber mit Kawumm und höchster Empörungslust. Jetzt also Klümper und der Fußball, Armstrong und der Weltverband – im Detail zwar ein paar neue Aktenvermerke, in der Sache aber gibt es nichts zu enthüllen, was unsere Leser nicht schon längst wüssten. Einschränkung: Wenn sie schon seit Jahrzehnten den »Anstoß« lesen.
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Wenn Deutschland Jan Ullrich so behandelt hätte, wie der Weltverband Lance Armstrong behandelt hat, und der Weltverband Lance Armstrong wie Deutschland Jan Ullrich, wäre Ullrich heute zehnfacher Tour-Sieger, und Armstrong hätte nie starten dürfen. Und wenn beide (und alle anderen) die Tour ungedopt gefahren wären? Da bleibt wieder nur eine Vermutung: Ullrich klar vorn.
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Keine Vermutung, sondern Gewissheit, was vorige Woche im »Klümper«-Anstoß zu lesen war. Behaupte natürlich ich als Autor, aber eine besonders kompetente Zeugenaussage bestätigt kurz und knapp: »Artikel ist stimmig, ALLES authentisch.« Das schreibt Dr. Erich Reifschneider aus Florstadt-Stammheim, früher mehrfacher deutscher Eiskunstlaufmeister … und »von 1986 bis 90 Assistenzarzt bei Klümper«.
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Diese kurze Mail und viele ausführliche sind in der Online-»Mailbox« nachzulesen, u.a. von Wolfram Jäger (Thema: »Piraten«), Karl Nickerl (Klümper) oder Matthias Weidner (Motsi Mabuse). Zur Kontroverse Reif/Klopp schreibt Jürgen Wegner (Friedberg): »Ihren Kommentar über Herrn Reif, dass er ein Fass aufmacht und von hanebüchen zu sprechen, finde ich doch sehr unangebracht. Auch ein Herr Klopp hat gewisse Regeln einzuhalten und nicht alles mit flapsigen Kommentaren herunterzuspielen!« – Dagegen Wolfgang Acker (Linden): »Klopp hat wieder einmal fast alles richtig gemacht. Ich finde, für authentische Kommentare und Antworten, die zwar persönlich, aber nicht verletzend sind, sollte man sich nicht entschuldigen (müssen).« – Wolfgang Acker ergänzt, wie mancher andere Leserbriefschreiber: »Machen Sie bitte noch lange weiter so.« Danke. I will do my very best.
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Den einen oder anderen meiner flapsig hingeschriebenen Sätze möchte ich manchmal allerdings wieder einfangen. Da bin ich ganz Pferd. Erst wirft es seine Reiterin ab, dann will es seinen Fehler wieder gutmachen: »Das Pferd konnte die Reiterin anschließend wieder einfangen.« So stand es kürzlich in unserem Kreisteil. In seiner launigen Berichtigung fordert mich der Kollege (no) auf: »Bitte diese Subjekt-Objekt-Missverständlichkeit aus der Provinz in die werte Sammlung aufnehmen!« – Gerne! Sogar in die Top Ten. Humor ist, über sich selbst lachen zu können. Yes, (no)!
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Humor ist aber auch oft Glücksache. Pflegehinweis an einem Trikot: »Gib dieses Hemd deiner Frau. Es ist schließlich ihre Aufgabe.« Schon jagt ein Shitstorm durchs Internet, und die Firma verspricht reumütig, den Aufdruck zu ändern. Einknickende Weicheier! Ich hätte gerne ein Hemd mit dem alten Aufdruck. Und ich wette, meine liebste Zielgruppe lacht mit mir.
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Nicht ganz so sicher bin ich mir beim Gleichgewichts-Theorem, für das der Mathematiker John Nash den Nobelpreis gewonnen hat. VWL-Studenten lernen das ökonomische Nash-Gleichgewicht mit dieser Aufgabe kennen: Welchen Preis sollten Verleiher von Sitzkissen im Fußballstadion verlangen, wenn sie ihn gleichzeitig bekanntgeben müssen und danach nicht mehr verändern dürfen?
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Statt Lösung ein neues Beispiel: Welche Strategie wählt Nash selbst (als Film-Figur in »A Beautiful Mind«), wenn er als Student mit Kommilitonen in einer Bar sitzt und eine Gruppe hübscher junger und flirtbereiter Frauen hereinkommt? Er kämpft nicht um die Schönste, sondern nimmt mit einer der anderen vorlieb, weil das weniger Aufwand macht und mehr Erfolg verspricht.
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Shitstorm über ihn! Dieser üble Chauvi! Ich würde ihm, da bin ich ganz Feminist, sogar den Nobelpreis aberkennen. Denn Nash hat offenbar guttenbergischdreist abgekupfert – bei Jesse Owens, einem der größten Sportler aller Zeiten. Als Freunde den notorischen Aufreißer einmal fragten, warum er auf Partys immer nur die weniger hübschen Mädchen abschleppe, erhielten sie die umwerfende Antwort: »Ihr geht mit euren aus, ich geh mit meinen ins Bett.«
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Pfui, pfui, pfui, Jesse! John Nash dagegen verdient mildernde Umstände, denn er litt auch an anderen Wahnzuständen. Er galt ein Vierteljahrhundert lang als unheilbar schizophrener Geisteskranker, da er überzeugt war, er habe als einziger Kontaktmann von Außerirdischen den Auftrag bekommen, die Welt zu retten.
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Einziger Kontaktmann? Eingebildet ist er also auch noch. Aber ich mach jetzt Schluss. Habe noch zu tun.
Muss nur noch kurz die Welt retten.  (gw)
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(www.anstoss-gw  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle