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Sport-Stammtisch (vom 7. März)

Es ist ja so einfach: Im Fußball  wurde und wird nicht gedopt, und falls doch, war’s Klümper. Hat der nicht den gesamten bundesdeutschen Sport mit Doping verseucht und sogar damals die Siebenkämpferin  Dressel totgespritzt? Siehste! Ohne Klümper als Sündenbock wäre unser Sport ein reinweißes Unschuldslamm.
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Die Welt als Wille und Vorstellung bzw. als Wille zur Verstellung. Beispiel Klümper/Dressel: Die  Doping-Geschichtsschreibung gibt dem  Sportmediziner die alleinige Schuld am Tod der Siebenkämpferin, verschweigt aber, dass der allergisch-toxische Schock, der zum Tod führte, nicht durch die von Klümper verordnete (allerdings generell sehr bedenkliche, siehe  »Anstoß« vom Donnerstag) Medikamenten-Vielfalt, sondern durch das in der Klinik als Bestandteil eines Kombinationsschmerzmittels in Überdosierung gespritzte Metamizol verursacht wurde.
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Mit einem ähnlich unbeugsamen Willen zur Verstellung bastelt sich der Fußball seine dopingfreie Welt zurecht. Falls Doping, dann nur in grauer Vorzeit, und nur durch diesen Klümper. Wie der Fußball damit umgeht, beweist auch der Fall Messi. Der Junge kam als klein gewachsener Bub aus einem einzigen Grund nach Barcelona: Weil die Spanier ihm eine Wachstumshormon-Kur bezahlten, eine Manipulation mit dem Ziel, die sportliche Leistung des mickrig-schwächlichen Lionel zu steigern, indem man ihn ein paar Zentimeter größer und ein paar Pfund durchsetzungskräftiger machte. Wachstumshormone! In anderen Sportarten fast ein Synonym für schlimmstmögliche Manipulation – der Fußball macht daraus eine Rühr- und keine Dopinggeschichte.
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Sind wir nicht alle ein bisschen … Fußball? Ich doch auch. Wenn ich Messi spielen sehe, geht mir das Herz auf und spricht zum Kopf: Das hat mit Doping nichts zu tun, du alter Miesmacher! Da schweigt der Kopf und behelligt das Herz auch nicht mehr mit dem großen Pep Guardiola, der als Fußballer in Spanien gleich zweimal positiv auf Nandrolon getestet worden ist.
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Ach, wie viel schöner ist es doch, statt olle Dopinggeschichten auszugraben, fröhlich in den Frühling zu radeln. Zur Einstimmung schaue ich mir in diesen Tagen auf Arte eine zehnteilige Dokumentation (täglich um 19.30 Uhr) über den Nordseeküstenradweg an, den mit 6000 Kilometern längsten ausgeschilderten Radweg der Welt. Ein munteres Trio radelt vorneweg: Joey Kelly (früher »Kelly Family«, heute Extremsportler) sowie die Rad-Legenden Jeannie Longo (»Die beschmutzte Sauberfrau«/FAZ) und Rudi Altig, knapp 78 und quietschfidel. Ist ja auch praktisch, wenn man bei diesem Erkältungswetter eine »rollende Apotheke« (Altigs Spitzname) dabei hat.
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Sorry, lieber Herr Altig, ist nicht witzig. Was ist denn auch schon witzig? Die kindische Maskerade von Aubameyang und Reus? Marcel Reif sagt: »Dafür bin ich zu alt.« Ich schließe mich an. Aber nicht bei dem Fass, das Reif aufmacht, weil BVB-Papi Klopp seine beiden Buben zwar leicht ermahnt (wegen der Gelb-Regel), sich aber flapsig vor sie stellt: »Der Reif findet in seinem Leben sowieso nichts mehr witzig.« Dass Reif das als Aufruf zur Gewalt gegen ihn interpretiert, ist hanebüchen (um eines seiner Lieblingswörter zu übernehmen).
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Reif mag Klopp nicht, über den er schon 2008 gesagt haben soll, es sei »wohl das Beste gewesen«, wenn er wieder »in der 2. Liga verschwunden« wäre. Sollen sie sich ruhig weiter beharken, aber das Gewaltproblem ist zu groß, um es für eine läppische Privatfehde zu instrumentalisieren. Der kluge Reif weiß natürlich, dass die idiotischen Angriffe auf ihn nichts mit Klopp zu tun haben, sondern Symptom einer kranken Zeit sind und in Zukunft Schlimmeres befürchten lassen. Er weiß auch, dass diese Verrohung der Sitten viel mit dem Internet zu tun hat: »Jetzt spucken und pöbeln die Leute und machen dabei noch Fotos für Facebook. Im Internet (…) werden Menschen zu Unmenschen, weil es keine Hemmschwellen gibt« (Quelle: »Welt«).
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Dazu passen auch die brummsdummen Sprüche jenes Fußballers, dessen Name der Erwähnung nicht wert ist. Er säbelt Reus um, macht ihn als Memme verächtlich und findet im asozialen Netzwerk viel hämische Zustimmung. Auch Immobile grätscht er noch ab, indem er fabuliert, der Italiener habe ihm beim »Trash-Talk« unter die Nase gerieben, wieviel er beim BVB verdiene. Damit bedient er den allzeit bereiten Neid-Faktor, obwohl Immobile des Deutschen so schmächtig ist wie die geistige Statur von Shitstürmern und Bierbecherwerfern.
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Es geht ja nicht nur um Fußball. Als ich erfuhr, dass ein Krimi-Autor eine Krimi-Autorin (beide mischten schon im »Anstoß« mit) als »unrasierten Stricher« beschimpft habe, weil der Linke der Ex-Linken deren Wahlwerbung für Angela Merkel übelstgenommen hatte, gab ich bei Google den Suchbegriff »unrasierter Stricher« ein und stieß auf ekligsten Unrat in Wort und Bild. Alles jugend- und kinderfrei. »Dazu noch die Killerspiele, die Gewalt- und Mordvideos – wer da reinklickt und immer noch glaubt, Kinder nehmen im Internet nicht Schaden an ihrer Seele, dem ist nicht mehr zu helfen. Ein Kind, das sich aggressiven Porno-Sex in Großaufnahme der beteiligten Organe anschaut, schlimmste Perversionen sieht und durch Ströme von Blut watet, dem wächst schon aus Selbstschutz Hornhaut auf der Seele. Mit all den individuellen und gesellschaftlichen Konsequenzen, die immer unübersehbarer werden.« Geschrieben 2008. Nachtrag 2015: Auch im Fußballstadion.
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Oh. Beim Nachlesen stelle ich fest, dass diese Kolumne so gar nicht witzig ist. Obwohl ich sie im Batman-Kostüm geschrieben habe.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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