Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Klümper (Anstoß vom 5. März)

Als im »Fall Krabbe« Anfang der 90er Jahre bekannt wird, dass Clenbuterol im Spiel war, wundert sich der damalige Stuttgarter VfB-Trainer Christoph Daum treuherzig, seine Meister-Kicker hätten doch ebenfalls Clenbuterol genommen. Daums Blackout wird unter den Teppich gefegt. Der Fußball will keinen Skandal und ist stark genug, ihn nicht zu bekommen.
*
Auch jetzt funktioniert das Schweige-Kartell. Doping?  Niemals! Und immer wieder dieser Name, der dabei auftaucht: Klümper, Prof. Armin Klümper – für die einen ein Heil(kund)iger im strahlend weißen Gewand, für die anderen ein schwarzes, böses Schaf der Sportmedizin.
*
Was Klümper nicht war, nie war: die Spinne im Netz eines mafiösen deutschen Dopingsystems. Klümper war bekennender Einzelgänger. Ich kannte ihn. Bin ihm dankbar. War aber immer auch skeptisch. Mein Bild von ihm ist nicht weiß, nicht schwarz, sondern … hellgrau mit dunklen Flecken. – Versuch einer Annäherung:
*
1974. Erste Begegnung. Klümper gibt mir die Hand. Ein liebenswürdiger, immer ein wenig abwesend, fast zerstreut wirkender Herr, der aussieht wie ein Sechzigjähriger. Alles falsch, außer der Liebenswürdigkeit: Der Doc ist erst um die 40 und nicht zerstreut, sondern verblüffend präsent. Er merkt sich alles, vergisst nichts. Er liebt seine Patienten wie sie ihn, er hasst seine Feinde wie sie ihn. Von beiden hat er mehr als jeder andere Sportarzt in Deutschland.
*
Ich schildere ihm, wie es zu meiner Verletzung kam. Ich muss die Bewegung vormachen. Den Schmerz kann ich nur vage benennen, aber nicht auf den Punkt lokalisieren. Klümper tastet die Lendenwirbelsäule ab, seine Hände flattern wie eine Wünschelrute, plötzlich bohrt er einen Finger in meinen Rücken. Ich schreie auf. Er hat den Punkt haargenau getroffen. Eine Spritze, Trainingsanweisungen, Verhaltensregeln – schon einen Tag später bin ich fit. Seit diesem Zeitpunkt gehöre ich zu seinen Anhängern und Bewunderern. Ich lerne, dass es auch unter den Ärzten, wie im Sport, Kreismeister und Weltmeister gibt. Klümper ist ein Weltmeister. Aber auch Weltmeister haben ihre dunklen Seiten.
*
Einmal komme ich als letzter Patient an die Reihe und sitze danach allein mit Klümper im Behandlungszimmer. Er klagt über seinen endlosen Kampf mit Universität und Krankenkassen. Überall Nichtskönner und Bürokraten. Er deutet auf ein Aktenregal: »Wenn die Kassen an diese Ordner rankommen, machen sie mich fertig.« Er kümmert sich nicht um universitäre Winkelzüge, nicht um Krankenkassen. Er macht, was er will, und er will in jedem Fall seinen Patienten helfen. Solange diese zu ihm halten und ihm blind vertrauen, nimmt er allen Ärger mit Universitätsverwaltung, Kassenrevisoren, missgünstigen Ärzten und inkompetenten Journalisten nicht nur gerne in Kauf, sondern sucht ihn sogar. Ich sage ihm: »Manchmal kommen Sie mir vor, als reißen Sie Ihr Hemd auf, stellen sich den Dolchen Ihrer Feinde entgegen und schreien: ›Bitte, stoßt nur zu!‹« Das Bild gefällt ihm ausnehmend gut.
*
Manchmal läuft Klümper an solchen Abenden zu großer Form auf. Er schießt verbale Breitseiten gegen Prof. Keul ab, den anderen prominenten Freiburger Sportmediziner, der seinen Kollegen ebenso innig »liebt«, aber mit dem Florett zurückzustechen pflegt. Keul berichtet mir später süffisant von einem Freiburger Bundesliga-Fußballtorwart, der wegen einer Anabolika-Spritze Klümpers eine längere »Verletzungspause« einlegen musste.
*

Ein Brief  als  Dokument der Fürsorglichkeit und irritierenden Medikationsfülle: »Obwohl ich seit Juli von Ihnen nichts mehr gehört habe, lässt mir die Situation Ihrer unteren LWS keine Ruhe. Wie das derzeitige subjektive Empfinden ist, weiß ich nicht; die objektive morphologische Veränderung bedarf jedoch mit Wiederaufnahme des Trainings sicher einer gezielten vorbeugenden Maßnahme, damit Sie nicht wieder in die gleiche Situation wie im Juli 1979 hineinkommen. Ich schicke Ihnen  Rezepte über verschiedene Medikamente. Irgendwelche Nebenwirkungen sind sicher nicht zu erwarten. Ich möchte Sie bitten, folgenden Plan einzuhalten: Morgens und abends 1 Dragee DH 112-Holzinger, täglich 3×1 Kapsel Spondylonal, täglich 2×1 Kapsel Xobaline, täglich 3×1 Dragee Dona 200 S Retard und täglich 3×15 Tropfen Lymphdiaral; bei auftretenden Beschwerden bis zu 3×1 Tablette Arlef 200 zu den Mahlzeiten. Als begleitende Maßnahmen sollten jetzt durchgeführt werden: Täglich 3×1 Kapsel Inzelloval, täglich 2×1 Trinkampulle Frubiase calc. 100, 1 Stunde vor dem Training 1 Dragee Inosin comp., morgens 2 Dragees Phoselit, mittags 1 Dragee Phoselit, täglich 2×1/2 Meßbecher Ferlixir triplex, täglich 3×1 Dragee B 15 Kattwiga und nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen 1 Dragee Inosin cardiacum. Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen Ihr Prof. Dr. med. A. Klümper.« – Obwohl nichts davon auf der Dopingliste steht, verzichte ich auf das  Pillen-Bombardement und entsorge die Rezepte im Papierkorb.
*
Zu diesem Zeitpunkt weiß ich schon aus eigener Erfahrung, dass Klümper manchmal zu weit geht. Natürlich bin ich kein anaboles Unschuldslamm, diese Spezies ist damals unbekannt. Aber eines Tages entdecke ich zufällig, dass eines der nach akuten Rückenbeschwerden rezeptierten Medikamente einen zwar schwachen, aber immerhin anabolen Wirkstoff beinhaltet. Klümper hat mir nichts davon gesagt. Es seien harmlose Substitutionsmittel. Möglicherweise sind sie wirklich harmlos, aber wenn ich das Mittel genommen hätte und zu einem Wettkampf mit Dopingkontrolle angetreten wäre … undenkbar.
*
Später breche ich den Kontakt gänzlich ab. Bei meinem letzten Besuch weiht er mich unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein, dass er Multiple Sklerose heilen könne. Es müsse aber unter uns bleiben, da ihm sonst die ganze Welt die Bude einrennen würde. Rund um seine Privatambulanz – mittlerweile hat er die Uniklinik verlassen und seine eigene Heilstatt mit dem bombastischen Namen »Sporttraumatologische Spezialambulanz« aufgebaut – würde eine riesige Zeltstadt Heilsuchender entstehen, das wolle er sich nicht zumuten. Fühlt er sich jetzt endgültig als der gottgleiche Guru, als den ihn seine engsten Umschwärmer verehren?
*
Zu Klümpers Schülern gehörten einige der bekanntesten Namen der deutschen Sportmedizin, der Prominenteste ist immer noch auf einer illustren Spielerbank zu besichtigen. Zu Klümpers Patienten, die ihm unverbrüchlich die Treue halten, zählten Weltmeister und Olympiasieger.
*
Prof. Armin Klümper, der in diesem Jahr 80 wird, lebt seit vielen Jahren in Südafrika, dem Vernehmen nach mangelt es ihm nicht an Besuchern aus früheren Zeiten. Klümper nimmt öffentlich keine Stellung mehr. Er widme sich jetzt, hört man, vor allem der Naturheilkunde.
(gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle