Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 28. Februar)

Liebe Mädels,  ihr müsst jetzt ganz tapfer sein: Die WM in Katar ist keine Public-Viewing-Weltmeisterschaft, sondern eine Sportveranstaltung, bei der die besten Fußball-Nationalmannschaften der Welt die allerbeste auskicken. Es geht also nicht um das Gucken selbst, sondern um das, was geguckt wird, und Weltmeister wird nicht, wer am attraktivsten auf den Schultern eines Jungen sitzt und bei den Stimmungs-Features der Fernsehsender am längsten im schwarzrotgoldenen Bild bleibt, sondern wer im Endspiel mindestens ein Tor mehr schießt als der Gegner. – Oooooch!
*
Um alle Interessen zu bedienen, auch die ökonomischen, müsste im Sommer 2022 dennoch rudelgeguckt werden. Was, ist ja egal. Da auch die Fußball-WM eine Art Castingshow ist, böte sich eine der beliebten Sado-Maso-Zurschaustellungen an, von denen ich noch nie – nie! – eine angeschaut habe. Jetzt bin ich aber beim Zappen an einer hängen geblieben. Gottachgottachgott, die armen Dinger! Sogar der Zapping-Finger erstarrte, vom Grauen gelähmt, als sich rappeldürre Gespenster ein Loch in den nicht vorhandenen Bauch freuten, weil eine eiskalte Domina sie nicht wegpeitschte, sondern eine Runde weiter quälen durfte. Erst als mir mein Lieblings-Graffito aus Pompeji (»Was nützt es, eine Venus zu besitzen, wenn sie aus Marmor ist?«) einfiel, löste sich die Erstarrung, und ich konnte wegzappen. Zum »Bergdok…« – NEIN! Das gebe ich niemals zu!
*
Schnell von Opas Serie ablenken: Wenn schon Katar, dann im Winter. Vorteil auch: Die Stars stehen dann noch in vollem Saft, das wird eine WM der Besten und nicht eine der am wenigsten Abgekämpften. Und was die notwendigen Spielplanänderungen angeht: Die werden nicht absurder wirken als ein Champions-League-Achtelfinale, das nach einer eh schon breitgewalzten Vorrunde über ichweißnichtwieviele Wochen langgezogen wird. Wann hat Schalke gegen Real hingespielt? Wann rückspielt Dortmund gegen Turin? Als das erste Achtelfinale angepfiffen wurde, reckten frühe Schneeglöckchen ihre weißen Köpfchen empor, beim Abpfiff des letzten Spiels werden sie verwelkt sein.
*
Nach diesem lyrischen Intermezzo wieder Hand- und Fußfestes. BVB gegen Schalke, das Bunbury aller Bunburys … nein, der hat ja verloren. Denn der Earl of Derby veranstaltete 1780 ein Pferderennen und gewann per Münzwurf gegen  Sir Charles Bunbury das Recht, dem Wettreiten seinen Namen zu geben. Daher also heute BVB – Schalke, das Derby aller Derbys.
*
Weltweit gilt allerdings Panathinaikos Athen gegen Olympiakos Piraeus als heißestes Derby. Weil es jetzt wieder zu chaotischer Gewalt kam, ist die Ligasaison in Griechenland unterbrochen worden und soll erst weitergehen, wenn die Klubs für Sicherheit sorgen. Die Erfüllung dieser Forderung wird in etwa so lange dauern wie jene der EU, und unterdessen geht es nach kurzem Innehalten typisch hessisch … als weidder!
*
Ach ja. »Meine« Griechen. Natürlich wollen sie weiterhin, wie auch schon lange vor dem Euro, von »Europa« (in Griechenland sinnigerweise ein Synonym für »Ausland«, »Fremde«) viel Geld für wenig bis gar keine Gegenleistung (aber wer will das nicht?). Ich habe auf meinen Reisen viele Beispiele buchstäblich verbuddelter EU-Millionen gesehen. Aber die deutsche Gegenreaktion der öffentlichen Maßregelung, der einfühlsams- und respektlosen Art, dass an deutschem Wesen Griechenland gefälligst zu genesen habe, ist das Kontraproduktivste, was man im Umgang mit Griechenland tun kann. Stolze Griechen kriechen nicht vor Herrenmenschen. Sie sind stur wie wir Hessen und sagen irgendwann: Gradnedd!
*
Wer die Griechen besser kennenlernen will, sollte die Kostas-Charitos-Krimis von Petros Markaris lesen, mit all ihren Widerborstigkeiten und lustvollen Verstößen gegen die politische Korrektheit. Markaris lesen, heißt Griechenland verstehen. Aber Vorsicht, Markaris und sein Kommissar Charitos haben einen ganz speziellen Humor: »Gegen zwei Dinge im Leben habe ich eine unüberwindliche Abneigung: Gegen Rassismus und gegen Schwarze.«
*
Auch der Sport spielt bei Markaris oft eine »mordsmäßige« Rolle. Szene aus »Balkan-Blues«: Als die siegreiche Mannschaft von Otto Rehhagel, des »verrückten Deutschen«, nach dem EM-Sieg 2004 in der Heimat empfangen wird, fotografiert der Überwachungs-Zeppelin einen Mann, der nackt und tot auf einer Bank sitzt, die Hand zur Moutsa erhoben. Das ist eine typisch griechische Geste, dabei streckt man der Person, der man seine herablassende Verachtung zeigen will, die offene Handfläche entgegen. Es gibt auch die Mini-Moutsa, und da kann es fatale europäische Missverständnisse geben: Die Mini-Moutsa, mit der Handfläche nach vorne, aber nur mit gerecktem Mittel- und Zeigefinger, bedeutet »Verpiss dich«, sieht aber aus wie das englische Victory-Zeichen. Wenn die Griechen dagegen das V-Zeichen machen wollen, dann mit dem Handrücken nach vorn – und das wiederum ist für Englischsprachige eine moutsawüste Beleidigung.
Vielleicht hätte man vor dem Euro eine einheitliche Beleidigungswährung einführen sollen.
(gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle