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Eine Kugel für das Leben

Den vorliegenden Text habe ich vor mehr als 15 Jahren in einigen wenigen Schüben geschrieben und seither nie verändert. Er ist eine Teil-Biografie, die nur mein sportliches Leben beinhaltet. Dadurch sind vielleicht einige Entschlüsse und Verhaltensweisen schwieriger nachzuvollziehen, doch über den Sport hinaus wollte und will ich mein Leben nicht öffentlich ausbreiten – es ist so interessant oder uninteressant wie das jedes anderen Menschen.

Nicht so das, was ich im und mit dem Sport erlebt habe. Da erlaube ich mir sogar die Behauptung, dass diesen Text gelesen haben sollte, wer gründlich über Ursprung und Entwicklung von Problemen, speziell des Dopings, informiert sein will, die uns heute mehr denn  je beschäftigen.

Dieser Text wird nicht jedem gefallen, auch mein Tun und Nicht-Lassen nicht (mir ja auch nicht), aber wer ihn vorurteilslos liest, wird den Sport mit etwas anderen Augen sehen.

Teile des Textes sind in Serienform vor vielen Jahren in den Blättern des Verlages erschienen, für den ich auch im Ruhestand noch als Kolumnist tätig bin (Stand 2015). Die Komplett-Fassung, die seit mehr als zehn Jahren im Rahmen meines Blogs “Sport, Gott & die Welt” online zu lesen ist, findet immer noch interessierte Leser, vornehmlich solche, die dem Leistungssport verbunden waren oder sind. Mit der Überarbeitung will ich den Text typographisch leichter lesbar machen, Rechtschreibfehler eliminieren und in kursiv kenntlich gemachten Einschüben aus der Warte der Gegenwart manches nachtragen und erläutern. Der Ursprungstext bleibt aber unverändert – mit Ausnahme des Namens meines Freundes Ralf Reichenbach, den ich damals “Jan” geschrieben habe, aus nahe liegenden Gründen. Die dürften aber verjährt sein, und mit Ralf statt Jan ist ”Eine Kugel für das Leben” (Ursprungs-Titel:  ”Sport-Leben”)endgültig eine absolut authentische Geschichte.

 

 

 

 

Eine Kugel für das Leben

 

Manche steigen aus, indem sie nach Nepal trampen, sich in Indien einer Sekte anschließen oder in Deutschland eine anarchistische Wohngemeinschaft gründen. Auch ich steige aus. Ich werde Kugelstoßer.

Den Entschluss fasse ich im Sommer 1968. Ich bin 21 Jahre alt, fast zwei Meter groß, 82 Kilogramm schwer, schlank und breitschultrig. Das Studium von Sport und Germanistik fällt mir leicht, obwohl mich die Germanistik anödet. 1968 aber stehe ich vor dem fünften Semester und damit vor der Entscheidung, nun doch noch drei oder vier Semester lang zu pauken, mit dem drohenden Lebensziel, als Oberstudienrat an einem Gymnasium zu enden, oder aber von der Uni Gießen nach Mainz zu wechseln und dort den bequemeren Weg zum Diplomsportlehrer zu gehen. Ich tue weder das eine noch das andere. Ich entscheide mich für das Lebensziel, eine 7,257 Kilogramm schwere Kugel so weit wie möglich zu stoßen. Dieser Beschluss revolutioniert mein Leben. Dreizehn Jahre lang werde ich außerhalb gängiger Normen leben, auf Selbsterfahrungstrip in einem konspirativen Untergrund, der allerdings staatlich sanktioniert und gefördert wird. Doch davon ahne ich in jenem Sommer noch nichts. Und in meiner Umgebung ahnt niemand, dass ich ausgestiegen bin.

Ich fühle mich befreit. Zuvor habe ich in eine rabenschwarze Zukunft gesehen, weil ich mich dem Erwachsenen-Leben nicht gewachsen glaube. Nun schließe ich die Augen und sehe rosarot. Andere flüchten in eine der aufkommenden Sekten zwischen Baghwan und RAF oder suchen Selbstverwirklichung im Alkohol-, LSD- oder sonst einem Rauschzustand. Ich flüchte ins Kugelstoßen und finde dort Rausch und Selbstverwirklichung. Glaube ich. Hoffe ich.

Obwohl ich in der höchsten deutschen Liga Handball spiele, vom Zehnkampf-Bundestrainer zum Nachwuchslehrgang eingeladen und von Ruder-Trainern, die Olympiasieger, wie sie es ausdrücken, “gemacht” haben, massiv umworben werde, mangelt es mir an sportlichem Selbstvertrauen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ein Handball-, Zehnkampf- oder Ruder-Ass werden zu können. Ich bewundere die großen Stars dieser Sportarten, wie ich überhaupt ein großer Bewunderer bin, was für mich gleichzeitig ausschließt, jemals in die Rolle eines Bewunderten hineinwachsen zu können. Auch bei dem befreienden Entschluß, Kugelstoßer zu werden, spielt Hoffnung auf Gold oder gar Ruhm keine Rolle. Ich denke nicht an 20 oder 21 Meter – das wäre mir wie eine Blasphemie gegenüber Weltrekordlern und Olympiasiegern wie Dallas Long und Randy Matson erschienen -, sondern nur an meine persönliche Bestleistung. Ich will über mich hinauswachsen.

Ohne das Training aufgenommen, ohne eine Hantel angefasst zu haben, nur mit der Euphorie des Aussteigers, melde ich meine Teilnahme an einem Sportfest an. Ich bin ungeschickt, knochig und erbärmlich dürr gegenüber den kräftigen, selbstbewussten Konkurrenten, die fast so aussehen, wie ich einmal aussehen will, eingebettet in Muskelmassen. Bereits bei diesem ersten Wettkampf kämpfe ich nicht gegen die anderen Teilnehmer, sondern nur mit mir selbst. Tatsächlich steigere ich meine Bestleistung um fast einen halben Meter auf 14,75 Meter, was mich mit tiefem, stillem Stolz und Befriedigung erfüllt. In mich versunken, an die unerhörte Weite von 15 Meter denkend, die ich im nächsten Jahr zu stoßen hoffe, insgeheim Blicke auf die Muskelpakete der anderen Kugelstoßer werfend und ihr selbstsicheres Auftreten, das dröhnende Lachen und ihre joviale Art bestaunend, registriere ich nur am Rande, dass diese Männer mir gratulieren, mit festem, kernigem Händedruck, denn ich habe gewonnen. Na ja, ich fühle mich auch als Sieger, mehr als je zuvor und leider auch mehr als nach den meisten Wettkämpfen späterer Jahre, denn Sieg bedeutet für mich, den zu besiegen, der ich zuvor gewesen bin, und das kann nur gelingen, wenn man seine eigene Bestleistung verbessert. Ich weiß, dass ich nun lange und hart arbeiten muss, bevor ich diesen 14,75-m-Stoßer besiegen kann. Meinen Trainingsbeginn lege ich auf den 1. September 1968 fest.

Während andere zu den ersten Go-, Teach- oder Sit-Ins gehen, gehe ich in Wetzlar täglich in den Keller der Turnhalle am Goldfischteich, wo in einem als Schwimmbecken geplanten, im Rohbau steckengebliebenen Vier-mal-drei-Meter-Betonbecken ein Mini-Kraftraum eingerichtet ist, in dem mich zwei Ständer, eine Hantelstange, einige Gewichtscheiben, nasse, rissige Betonwände und klamme Kälte erwarten – wenn ich der Hausmeisterin den Kellerschlüssel abgebettelt habe. Was nicht einfach ist und immer schwieriger wird, je öfter ich außerhalb der Turnverein-Trainingsstunden in das Betonbecken will. Da ich in der Regel täglich zweimal in den Keller gehe, der Turnverein aber wöchentlich nur zwei Übungsstunden-Termine hat, muss ich mindestens zehnmal in der Woche bei der herrischen Hausmeisterin um den Schlüssel bitten. Die entnervte Frau, die mich trotz ihrer Barschheit eigentlich recht gerne mag, empfängt mich im besten Fall griesgrämig, im schlechtesten Fall mit einem kernigen Fluch – “Was willst denn du schon wieder hier, du Idiot!” – , rückt das Objekt meiner Begierde aber schließlich doch heraus. Dafür darf sie mich gerne beschimpfen.

 

Vor ein paar Jahren auf Spurensuche: Die Turnhalle am Goldfischteich, sie gibt es schon lange nicht mehr. An ihrer Stelle steht ein Komplex mit Eigentumswohnungen.

 

Da niemand weiß, was ich vorhabe, fragt auch niemand: Warum ausgerechnet Kugelstoßen? In einem Text von Dürrenmatt lese ich über einen Reisenden, dessen Zug in einen Tunnel einfährt. Ein noch junger Mann, ziemlich dicklich, der sich mit seinen Fettschichten vor der Welt schützen zu können glaubt, wozu auch eine dickrandige Hornbrille und Wattebäusche in beiden Ohren beitragen sollen. Dieser junge Mann sitzt allein in seinem Abteil, wird sich während der scheinbar endlosen Fahrt durch den Tunnel immer deutlicher seiner selbst bewusst – und merkt schließlich, dass der Zug immer schneller wird, mit rasender Geschwindigkeit abwärts durch den Tunnel rast, und er erkennt, dass die Fahrt kein Ende haben, dass der Zug den Tunnel nie mehr verlassen wird. Mein Kugelstoßen als Dürrenmattscher Tunnel? Dieser Gedanke ist mir zu hochtrabend und außerdem unbehaglich.

Meinen Gewichtszuwachs kontrolliere ich regelmäßig am Bahnhof. Ich stecke einen Groschen in den Schlitz der Personenwaage und stelle mich im schweren Kleppermantel und mit der Aktentasche in der Hand auf die Plattform. Ich will unbedingt zunehmen. Die 14,75 Meter habe ich mit 82 Kilogramm Körpergewicht gestoßen, aber die Weltbesten wiegen weit über 120 Kilogramm, also muss ich so schnell wie möglich mindestens 100 Kilogramm wiegen. Als die Waage im Frühjahr endlich ein Billett mit dem Aufdruck “100,5 kg” ausspuckt, starre ich glücklich auf diese Zahl und stelle fest, dass ich auf meinem Lebensweg als Kugelstoßer den ersten wichtigen Meilenstein erreicht habe. In weiter Ferne lockt die Utopie, irgendwann einmal auch ohne mitgeführten Kleppermantel- und Aktentaschen-Ballast über 100 Kilogramm zu wiegen. Um dieses Ziel zu erreichen, trinke ich, der Milch nicht mag und zuvor nie getrunken hat, täglich zwei Liter Vorzugsmilch. Ich kenne zwar den Unterschied zwischen dieser und normaler Milch nicht, aber interpretiere den “Vorzug” meiner Milch als vorzügliches Mittel der Gewichtszunahme. Zwei Liter Milch zu trinken, das ist kein großes Problem – ganz im Gegensatz zum Essen, mit dem ich mich schwertue. Aber ich weiß, ich muss essen, viel mehr, als bloß den Hunger zu stillen, denn Hunger habe ich kaum noch, da die Milch mich mehr als satt macht.

 

Die Personenwaage gehörte früher zur Standardeinrichtung in Bahnhöfen: Einen Groschen einwerfen, und man bekam den schriftlichen Beleg.

“Vorzugsmilch” hatte statt eines silbernen ein rotes Verschlusskäppchen (aus Stanniolpapier?) auf der Ein-Liter-Flasche. Gibt es wohl auch nicht mehr. 

 

In einer Apotheke lasse ich mich beraten. Gibt es appetitanregende Mittel? Es gibt sie, rezeptfrei. Der Apotheker empfiehlt Ce-Ferro, ein Vitamin-Eisen-Präparat. Zwar warte ich vergeblich auf den erhofften Hunger-Schub, aber ich nehme das für meine Zwecke ebenso harmlose wie unwirksame Mittel noch jahrelang ein. Einziger sichtbarer Effekt: tiefschwarzer Stuhlgang.

In diesen ersten Monaten läuft alles so, wie ich mir das vorgestellt und aus heißem Herzen gewünscht habe. Die Erkenntnis, dass stetiges, hartnäckiges Training, pausenlos und unverdrossen, im Lauf der Zeit zwangsläufig, wie “von selbst”, eine steile Leistungsentwicklung mit sich bringt, versetzt mich in Euphorie. Dass ich alles aus eigener Kraft schaffe, macht mich stolz. Ich weiß, dass ich nicht ganz richtig ticke. Ich habe es immer gewußt. Zumindest, dass ich nicht in dem Takt ticke, um reibungslos über Schule, Studium und Beruf einen ordentlichen Platz in einem ordentlichen Leben zu finden. Manchmal wäre ich gerne ein anständiger Spießer in einem heimeligen, spießigen Leben. Aber schon früh weiß ich, dass mir ein solcherart normales Leben verwehrt bleiben wird. Die Anforderungen des Alltags haben mich seit meiner Kindheit in panischen Schrecken versetzt. Später hasse ich die Schule, aber sie bleibt ein Halt. Sie drangsaliert, macht Vorschriften, hält mich aber auf Kurs, da ihr nicht zu entkommen ist. Mit Grauen sehe ich dem Abitur entgegen, das mich ins feindliche Leben entläßt, in dem ich untergehen muß.

 

Spießer? Bin ich geworden. In einem heimeligen, spießigen Leben. Untergegangen bin ich auch nicht. Im Endeffekt habe ich das dem Sport-Leben auf der anderen Spur zu verdanken. Immerhin das!

 

Noch habe ich meine Mutter, die für mich sorgt. Seit ich ein Kleinkind war, kümmert sie sich um mich wie um ein Kleinkind, auch jetzt noch. Morgens liegen neben dem Bett die gewaschenen und gebügelten Kleider, die ich anziehen soll, abends lege ich mich in ein gemachtes Bett, neben das ich einen unordentlichen Kleiderhaufen lege. Sie kocht mein Essen, kauft meine Kleidung, putzt mein Zimmer und hält die Wohnung in Ordnung, die ich in Unordnung bringe. Ich lehne mich gegen die überwältigende Fürsorge auf und nutze sie gleichzeitig aus. Meine Mutter lechzt nach einem lieben Wort, einer netten Geste, aber ich verweigere mich, kapsele mich ab. Gerne wäre ich der Sohn, den sie sich wünscht. Es ist mir nicht möglich. Meine Mutter glaubt, ich studiere weiterhin fleißig. Die Wahrheit will ich ihr nicht sagen. Auch meinem Vater nicht, der sich der Familie ähnlich entzieht wie sein jüngster Sohn.

Acht Monate nach Trainingsbeginn wiege ich auch ohne Ballast 100 Kilogramm und breche schon in einem der ersten Wettkämpfe des Jahres 1969 mit 15,63 Metern den Bezirksrekord, der 30 Jahre bestanden hatte. Mein erster Rekord. Sieger einer Konkurrenz im Fernvergleich. Kein primitiver Mann-gegen-Mann-Wettkampf mit bösen Blicken und direkten Duellen wie im Wilden Westen, sondern einsamer Wettkampf in fernen Räumen und Zeiten. Ich habe einen Rekord gebrochen, der vor meiner Geburt aufgestellt worden ist, von einem Menschen, den ich nicht kenne, der aber Deutscher Meister gewesen ist. Und im Vergleich mit der Masse der Weltbevölkerung habe ich, obwohl Hunderte von Kugelstoßern in aller Welt noch besser sind, mit diesem Leistungssprung Tausende von namenlosen Amerikanern, Russen und Deutschen überholt. Da fühle ich mich, als habe ich einen Zipfel des Kleppermantels der Geschichte in der Hand.

Ich spüre an jedem Tag, dass ich stärker und besser werde. Kaum ein Training ohne Bestleistung, kein Wettkampf ohne neuen persönlichen Rekord. Mit Kreide schreibe ich alle Bestleistungen an die Betonwand in meinem Schwimmbecken. Staunend blicke ich auf die Zahlen zurück, mit denen ich angefangen habe. Von 82 auf 105 Kilogramm Körpergewicht gesteigert, im Kugelstoß-Wettkampf von knapp über 14 auf deutlich über 16 Meter, im Hantelstoßen von 60 auf 95 Kilogramm, und als ich mit dem Bankdrücken anfange, also die Hantel im Liegen von der Brust nach oben drücke, gibt es kein Halten mehr mit den Bestleistungen. Bankdrücken liebe ich. Das ist die wichtigste Trainingsdisziplin der stärksten Kugelstoßer, hat mein Schulfreund Günter berichtet, der einer der besten deutschen Speerwerfer ist und in Heidelberg studiert. Dort trifft sich die deutsche Kugel-Elite regelmäßig zu Lehrgängen, und ich mache große Augen und Ohren, wenn Günter in den Semesterferien von den “Tieren” berichtet, die dort unglaubliche Lasten heben. Mit Feuereifer mache ich mich ans Bankdrücken. Mit 70 Kilogramm stelle ich meine erste Bestleistung auf, Woche für Woche kommen fünf oder gar zehn Kilogramm dazu. Schnell habe ich die Zwei-Zentner-Marke übertroffen, hebe mehr, als ich wiege, und immer noch verlangsamt sich die verblüffende Geschwindigkeit nicht, mit der ich mich in allen Bereichen steigere.

Meine Trainingsprogramme stelle ich aus der Lehrbeilage der Fachzeitschrift “Leichtathletik” zusammen. An die Zusammenarbeit mit einem Trainer denke ich nicht. Ich will die tiefe Befriedigung über meine Leistungsentwicklung nicht mit anderen teilen. Alles auf eigene Faust! Niemandem für Tipps dankbar sein! Und schon gar nicht das Gefühl haben müssen, die Verbesserungen nicht ausschließlich mir selbst, sondern teilweise einem anderen zu verdanken!

Ich verzichte daher auch auf die Hilfe von Sepp Christmann. Der alte Mann lebt in Wetzlar, gilt als Guru der Wurfdisziplinen und hatte 1936 die Grundlage für einige Goldmedaillen deutscher Athleten gelegt. Christmann ist in früheren Jahren einmal von einem fünfzehn Pfund schweren Wurfhammer am Hals getroffen worden, hat die lebensgefährlichen Verletzungen aber gut überstanden. Nur ein leicht schief gehaltener Kopf und die stets heisere, fast tonlose Stimme erinnern noch an den Trainingsunfall. Nur einmal und nie wieder trainiere ich mit Christmann, der sich nicht im geringsten für das interessiert, was ich im Keller der Goldfischteichhalle anstelle. Krafttraining existiert für ihn nicht, ausschließlich Theorie und Praxis von Stoß und Wurf faszinieren ihn. Bei mir ist es umgekehrt: Mir sind nur Körpermasse und -kraft wichtig, dann kommt die Kugelstoßweite von alleine, glaube ich und beweise es Woche für Woche. Christmann dagegen ist höchst zufrieden, als ich bei einem Trainingsstoß widerwillig alle seine Anweisungen befolge und einen nach Meinung des Trainers optimalen Stoß hinlege. Jetzt kann man, meint Christmann, täglich die “Etüden” üben, die Stoßbewegungen isoliert und konzentriert trainieren, dann würde ich die Weite oft wiederholen und vielleicht sogar um ein paar Zentimeter steigern können. Bei dieser Perspektive werde ich wütend. Aus Respekt vor dem alten Mann sage ich nichts, verabschiede mich höflich und komme nie mehr zu ihm. Ein paar Zentimeter, und das auch nur vielleicht – die Zentimeter würde ich schon morgen oder spätestens übermorgen erreichen, im Lauf der Zeit würden es viele, viele Zentimeter sein, immer mehr, immer weiter, ohne Stillstand, ich muss nur immer noch ein bißchen schwerer und noch ein bißchen stärker werden, mich äußerlich immer mehr den “Tieren” angleichen, von denen Günter berichtet hat.

Obwohl mit jedem Trainingstag die Möglichkeit schwindet, doch noch irgendwie auf den Weg in die Realität einzuschwenken, fühle ich mich großartig. Wenn mich einmal eine innere Stimme bange fragen will, wie das denn alles enden solle, trickse ich mich selbst aus und bringe die Stimme zur Ruhe, indem ich ihr vorwerfe, dass negative Gedanken schädlich für die sportliche Leistung sind.

Das Leben ist schön und aufregend. Nur einmal ärgere ich mich in diesen Sommermonaten des Jahres 1969, als mein Freund Christian, ein ehemaliger Klassenkamerad, eine Geburtstagskarte schickt, auf der Christians Freund Jörg anmerkt: “Die Geburtstagspackung Dianabol kommt später.” Was soll das bedeuten? In letzter Zeit höre ich des öfteren merkwürdige Anspielungen, die sich auf etwas namens Dianabol beziehen. Jörgs Postscriptum ist offensichtlich ein geheimes Kennwort für Eingeweihte, das irgendwie irgendetwas mit meinem Sport zu tun hat. Mich packt die Wut, als ich nicht nur erfahre, was Dianabol ist, sondern auch, was die Erwähnung des Wortes im Zusammenhang mit meiner sportlichen Leistungsentwicklung bedeuten soll: Missachtung, Verächtlichmachung monatelangen Trainings. Jörg zieht die einzige echte Leistung in meinem Leben in den Schmutz, indem er sie nicht als ureigene Leistung anerkennt, sondern den für ihn unerklärlichen Leistungssprung einfach und boshaft mit der Einnahme von Medikamenten erklärt. Ich will Jörg gründlich die Meinung sagen, aber ich treffe ihn nie mehr wieder. Jörg macht eine schnelle, steile Karriere als Journalist im Springer-Verlag, später verliert sich für mich Jörgs Spur irgendwo in Amerika.

 

Von beiden nie mehr etwas gehört. Jörg soll nach Deutschland zurückgekehrt sein und für ein – nicht mehr existierendes – regionales PR-Blatt gearbeitet haben.  

 

In diesem Jahr begegnet mir während des Trainings in der Gießener Universitätssporthalle ein Mainzer Sprinter, der kürzlich, ebenso wie einige seiner Sprint- und Staffelkollegen, die Fachwelt mit hervorragenden Zeiten verblüfft hat. Er gibt mir den gutgemeinten Rat, Dianabol zu nehmen. Er selbst und seine Kameraden hätten sich durch das Hormonpräparat um mindestens zwei Zehntelsekunden verbessert, über 200 Meter sogar um eine halbe Sekunde. “Alle nehmen es.” Ein Kugelstoßer würde mit Hilfe von Dianabol einen bis zwei Meter an Weite zulegen können. Oder nehme ich es vielleicht doch schon, wie der Sprinter mit einem skeptischen Blick fragend hinzufügt; denn der spätere Professor der Sportwissenschaft, derzeit auf seinem akademischen Höhenflug in Gießen zwischengelandet, kann meine bisherige sportliche Entwicklung nicht mit meiner Naivität des Dianabol-Verzichts auf einen Nenner bringen.

Aber ich verzichte nicht. Verzicht würde bedeuten, dem eigenen Drang nach Dianabol zu widerstehen. Ich spüre keinen Drang. Meine Logik: Nur die guten Sportler nehmen Dianabol, ich bin noch kein guter Sportler, also darf ich kein Dianabol nehmen. Außerdem beunruhigt mich die Erkenntnis, dass es neben der bekannten, üblichen Abhängigkeit – Trainer, Betreuer, Funktionäre, Mediziner – eine weitere gibt, die chemische Abhängigkeit. Doch da die Unabhängigkeit bis zu diesem Zeitpunkt meine entscheidende Motivationshilfe ist, steht für mich fest: kein Dianabol.

Das neue Selbstbewusstsein veranlasst mich, einen letzten Versuch mit der Germanistik zu wagen. Ist es auch hier möglich, aus eigener Kraft, nur mit Energie und Begeisterung, zum Erfolg zu kommen? Ich versuche mein Glück im Hölderlin-Oberseminar, in dem ich bisher die Zeit zwischen Morgen- und Abendtraining verdöst habe. In Wetzlar, wo ich wohne, durchforste ich die heimelige Stadtbücherei, in der ich vor Jahren viele schöne Schmöker-Stunden verbracht habe, nach Spezialliteratur über Hölderlin. Im Germanistischen Seminar an meinem Studienort Gießen arbeite ich mich durch die gängigen Werke für das Oberseminar. In der Pathologie befrage ich den Professor, bei dem ich Sportmedizin höre, über Hölderlins Krankheit. Diese Arbeit macht mir einige Wochen lang fast genauso viel Freude wie das Kugelstoßtraining.

Eines Tages will ich das Wissen umsetzen. Professor Heselhaus, ein angesehener Germanist, wirft die Frage auf, warum Hölderlin seinen Hyperion als Briefroman geschrieben habe. Ich zucke zusammen. Das ist meine Stunde! In der Literatur, die für dieses Oberseminar bearbeitet werden soll, hatte ich nur wenig überzeugende Interpretationen gefunden, aber in meiner Wetzlarer Stadtbücherei bin ich auf einen Brief Hölderlins an einen Freund gestoßen, in dem der Dichter geschrieben hat, dass der Geschmack der Zeit zum Briefroman tendiere, und da vor allem Frauen Briefromane vorzögen, schreibe er seinen Hyperion nun entsprechend um. Ich platze fast vor Stolz, als ich mich erstmals zu Wort melde und meine Forschungsergebnisse verkünde. Die Runde schweigt und geht zur Tagesordnung über.

Hat meine Stimme versagt? Heselhaus und seine beiden Star-Studenten diskutieren wieder über die Hölderlin-Interpretationen von Pierre Berteux und Georg Lukacz, so als hätte ich kein Wort gesagt. Die anderen Studenten, Banausen wie ich es gewesen bin, dämmern sowieso nur vor sich hin, genauso wie ich bisher. Aber warum reagieren der Professor und seine beiden Talente nicht? Warum staunen sie nicht? Warum loben sie mich nicht? Warum machen sie mich nicht wenigstens fertig?

Jetzt diskutieren sie die Frage, wann Hölderlin wahnsinnig geworden sei. Man ist sich einig, dass es aus dem Werk heraus zu erklären ist. Eines ganz bestimmten, germanistisch abgesicherten Tages, geht Hölderlin spazieren, er überquert eine Brücke, kommt zurück und ist verrückt. Nur – wird er verrückt, als er auf dem Hinweg über die Brücke geht, oder erlebt er auf dem Rückweg etwas Traumatisches, das ihn beim zweiten Gang über die Brücke, auf dem Heimweg, in den Wahnsinn stürzt?

Herr Professor, ich weiß was! Aus mir bricht die Frucht meiner zweiten intensiven Hölderlinforschung hervor. In der Wetzlarer Stadtbücherei hatte ich in einer – von der Germanistik offensichtlich vernachlässigten – Hölderlin-Biographie den Obduktionsbefund des Dichterhirns gefunden. Mit den medizinischen Fachausdrücken konnte ich nichts anfangen, daher legte ich sie meinem Anatomie-Professor vor. Dieser erklärte den Befund: Hölderlin litt laut Obduktionsbericht an einer Krankheit, die man gemeinhin Wasserkopf nennt, aber an einer selteneren Variation, einer Art inneren Wasserkopfes. Diese Krankheit zerstöre im Lauf der Zeit durch Wasserdruck im Schädel die Gehirnzellen. Ich fragte den Pathologen, ob diese Krankheit spontan, von heute auf morgen, ausbrechen könne. Natürlich nicht, antwortete er, das sei eine ganz langwierige Geschichte, beginne meist schon im Mutterleib, rufe schon sehr früh erkennbare und immer deutlicher werdende geistige Störungen hervor und ende nach schleichender, jahre- und jahrzehntelanger Krankheit unweigerlich im totalen Wahnsinn.

Stellen Sie sich vor, Herr Professor Heselhaus, diese Diskussionen über den Brücken-Wahnsinn sind völlig überflüssig, ja absurd, Hölderlin war schon immer verrückt, erst ein wenig, dann immer mehr, die Hölderlin-Geschichte muss neu geschrieben werden! Ich sprudele meine Erkenntnisse heraus.

Die große Masse döst weiter. Das kann ich verstehen. Der Professor schaut mich abwesend an. Die beiden Musterschüler schauen den Professor an. Und palavern wieder über die Brückentheorie. Als hätte ich keinen Ton gesagt, als sei nur die Ahnung eines üblen Windes durch den Seminarraum geweht. Sie sind nicht böse, nicht empört, sie haben mich überhaupt nicht gehört, nicht registriert.

Man soll einem Naturvolk im brasilianischen Dschungel einmal einen Fernsehapparat auf den Dorfplatz gestellt haben. Die Eingeborenen haben nicht bemerkt, dass auf der Mattscheibe Bilder flimmerten. Sie schauten sich den schönen Kasten an, strichen über das feingemaserte Holz, klopften auf die Mattscheibe – aber dass ein Film lief, bemerkten sie nicht. So etwas kann es nicht geben, also gibt es das nicht.

Ist Heselhaus mein Eingeborener? Oder bin ich der größte Depp unter der Gießener Uni-Sonne? Noch ist mein Kugelstoßer-Selbstbewußtsein nicht groß genug für die Eingeborenen-Theorie, aber groß genug, um vor aller Augen meine Konsequenzen zu ziehen. Ich stehe auf, sage “Danke, das war’s dann wohl”, verbeuge mich vor dem Professor, winke seinen beiden Knaben zu und verlasse den Raum.

Ich blicke mich nicht um, vermute aber, dass auch diese Aktion unbeachtet bleibt. Mit der Germanistik bin ich fertig. Endlich nur noch Kugelstoßen!

 

Im März 2007, einige Jahre nach der Veröffentlichung in Blatt und Netz, erhalte ich diese Mail von Rolf Fieguth: »Auf der Suche nach dem Obduktionsbericht Friedrich Hölderlins stoße ich auf Ihre Internetseite, auf der Sie von einer Hölderlin-Biographie in der Stadtbibliothek Wetzlar berichten. Erinnern Sie sich an den Namen des Autors der Biographie, oder an das ungefähre Erscheinungsjahr?« – Wie bitte? Wann habe ich über Hölderlins Hirn geschrieben? Dann dämmert’s: Im »Sport-Leben”. Ich beantworte die Mail, frage aber nach dem Grund. Antwort: »Mein Konstanzer Freund, ein pensionierter Hirnchirurg und Internist und großer Literaturliebhaber, interessierte sich für die organischen Ursachen von Hölderlins Geistesstörung.«

“Hölderlin” ist seitdem das Stichwort für mich als Journalist, bei allen meinen Beiträgen zu bedenken, dass es immer irgendwo einen Leser gibt, der über das, was ich schreibe, besser Bescheid weiß als ich.  Bei “Hölderlin” auch belegt durch einen langjährigen Leser meiner Kolumnen. Als ich, ebenfalls vor Jahren, wieder einmal Hölderlins “Wo Gefahr ist …” zitiert hatte (viel mehr als das Zitat wusste ich nicht mehr), schrieb mir Dr. Hans-Jürgen Hauschild Tiefergehendes dazu. Er hat seine Doktorarbeit über Hölderlin geschrieben … 

 

Der Abschied von Gießen fällt leicht. Ich freue mich auf Heidelberg. Der USC Heidelberg freut sich auf mich, denn ich gelte als hoffnungsvoller Nachwuchs-Kugelstoßer, der in den damals noch ernster genommenen Mannschaftswettkämpfen wichtige Punkte sammeln kann. Günter hat den Kontakt zum Universitäts-Sport-Club geknüpft. Ich bekomme eines der begehrten Zimmer in einem der Studenten-Hochhäuser im Neuenheimer Feld. Ich muss keine Miete zahlen. Außerdem stellt mich das Sportinstitut, in dem der USC das Sagen hat, als wissenschaftlichen Hilfsassistenten ein. 250 Mark im Monat, dafür soll ich zweimal in der Woche mit einem Lieferwagen die Post für das Sportinstitut abholen. Später ändere ich mein wissenschaftliches Aufgabengebiet und leite zweimal pro Woche praktische Leichtathletik-Übungen für Sportstudentinnen. Bei Sprint und Sprung ergeben sich interessante Berührungspunkte, und bei Prüfungen bevorzuge ich bei meinen Favoritinnen, die oft beklagenswert kurz springen und langsam laufen, die notenstützende semiobjektive Meßmethode. Die angenehmen Nebeneffekte meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskraft halten mich aber nicht von meiner Hauptaufgabe ab: immer besser, immer weiter stoßen, und zu diesem Zweck immer schwerer, immer stärker werden.

Im Sommer 1970 wiege ich 108 Kilogramm, drücke auf der Bank 150 Kilogramm und stoße im Training 16,50 Meter weit. Ich berste vor Zuversicht und mache mir keine Gedanken über die Zukunft. Als Kugelstoßer werde ich meinen Weg machen, alles andere ist ferner denn je. Im Sportstudium beende ich das letzte Seminar mit der Note “Sehr gut”, jetzt müsste nur noch das Staatsexamen folgen, aber dazu benötige ich auch den Germanistik-Abschluss. Halbherzig entschließe ich mich, das in Gießen abgebrochene Oberseminar nachzuholen. Im Vorlesungsverzeichnis entdecke ich ein mir zusagendes Angebot: Statt Hölderlins Wahnsinn wird die Leidenschaft des jungen Goethe behandelt. Der junge Goethe! Fast ein Spezialgebiet von mir, denn seit den durchschmökerten Wetzlarer Stadtbücherei-Stunden als literarisch ambitionierter Schüler bin ich mit der Zeit des stürmenden und drängenden Goethe am Wetzlarer Reichskammergericht, mit Werther und Jerusalem, Lotte und Kestner bestens vertraut. Schon im ersten Proseminar in Gießen hatte ich mich in das Thema verrannt. Allerdings mit geringem Erfolg. Meine Hausarbeit wurde nur mit einem “Befriedigend” benotet, obwohl ich intensiv gearbeitet und rund 50 Werke der Sekundär- und Tertiärliteratur studiert hatte. Rund 50 mehr als viele meiner Kommilitonen, die sich vorwiegend mit Scripten und Protokollen älterer Semester durchschlugen. Der Dozent begründete die angesichts des Arbeitsaufwandes schlechte Note schriftlich in höchster Empörung: “Ihnen fehlt die poetische Ader!” Ich hatte gewagt, die in der germanistischen Literatur fast im Stil von Lore-Romanen überhöhte Liebe Goethes zu Charlotte Buff eher prosaischer und biologisch mitmotiviert zu sehen, wozu es nach meinem Literaturstudium auch einigen Anlass gab. Dennoch mache ich mir vor, es noch einmal versuchen zu wollen. Dank der wissenschaftlichen Lieferwagenfahrten sowie abendlicher Altstadtexkursionen rund um unsere USC-Stammkneipen kenne ich mich in Heidelberg gut aus, doch kann ich, als seit Monaten eingetragener Heidelberger Germanistik-Student, im Gewirr der kleinen Gassen das Germanistische Seminar nicht finden. Ich akzeptiere gerne diesen Wink des Schicksals. Zwar werde ich ohne Germanistik kein Staatsexamen ablegen können, aber was soll’s, als kugelstoßender Aussteiger brauche ich kein derartiges Diplom. Dennoch schließe ich das Studium ein Jahr später erfolgreich mit einem akademischen Zeugnis ab. Dazu benötige ich keine weiteren Anstrengungen im Studium, sondern nur hartes Kugelstoß-Training und die Unterstützung des USC Heidelberg.

 

Meine Hausarbeit über den jungen Goethe hege und pflege ich immer noch. Auch habe ich noch eine polemisch zugespitzte Zusammenfassung, veröffentlicht in meiner damaligen Heimatzeitung “Wetzlarer Neue Zeitung”. Jahre später erschien eine Ausgabe des “Stern” über den jungen Goethe mit haargenau meiner Argumentation und sogar exakt meinen Formulierungen. Brüder im Geiste oder freches Plagiat? An ein Plagiat dachte ich damals aber nicht. Ein Weltblatt schreibt von einem gescheiterten Germanistik-Studenten ab? Unmöglich. Oder?

Kurzfassung meiner unpoetischen Arbeit:

Goethe war in Wetzlar 22 Jahre alt, gesund und durch die würzige Landluft gestärkt. Er war im Besitz aller seiner männlichen Kräfte, sah aber vorerst keine Möglichkeit, sie wirken zu lassen. Die Bekanntschaft mit Lotte schien die Lage zu ändern. Doch die Beziehung wurde schnell problematisch. Während Lotte keine Veranlassung hatte, diese enger zu gestalten, musste Goethe, um sein Ziel zu erreichen, immer zudringlicher werden. Lotte bemerkte das mit Schrecken. Sie hatte einen harmlosen Verehrer gewollt, doch der wurde immer stürmischer. Sie versuchte, die Entwicklung zu bremsen, unternahm stundenlange Wanderungen mit Goethe, dessen Nöte aber durch die körperliche Anstrengung keineswegs gelindert wurden. Die Lage wurde bedrohlich, denn Goethe konnte mit einem Kuss einen bescheidenen Teilerfolg erzielen. Danach aber wußte Lotte, was zu tun war. Sie erzählte ihrem Verlobten Kestner, der ihr eine solide bürgerliche Existenz verschaffen konnte, von dem Kuss des Verehrers. Doch der biedere Kestner wurde wankelmütig und schrieb an einen Freund: »Es entstanden bei mir innerliche Kämpfe, da ich dachte, ich möchte nicht imstande sein, Lottchen so glücklich zu machen als er.« Goethe erschrak: Statt kurzem Liebesglück lange, langweilige Ehe in der Provinz? Als die Gefahr drohte, Kestner könnte ihm Lotte freiwillig überlassen, beschloss Goethe, so schnell wie möglich abzureisen, um der festen Bindung zu entfliehen. Am 11. September verließ er Wetzlar in einem durch die viermonatige erfolglose Werbung aufs äußerste erregten Zustand. Er floh zurück nach Koblenz, legte die gesamte Strecke zu Fuß an der Lahn zurück und badete in der Nähe von Bad Ems in den herbstlich kühlen Fluten des Flusses. Diese Kur verfehlte ihre Wirkung nicht, Goethe kam ruhig und ausgeglichen in Koblenz an.

 

Ich genieße die letzten Wochen des ungebremsten sportlichen Aufschwungs, denn ich weiß nicht, dass es die letzten Wochen sein werden. Die Begegnung mit den besten deutschen Kugelstoßern und die Aufnahme in den Nachwuchskader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes lassen mich auf Wolke sieben schweben. Ich gehöre dazu! Wir USCler sind wie eine große Familie. Leichtathleten und Basketballer des Vereins, damals deutscher Rekordmeister, sind befreundet, wir spornen uns im Training an, unternehmen viel gemeinsam. Finanzielle Sorgen habe ich keine. Zusätzlich zur freien Wohnung und den 250 Mark Honorar für Forschung und Lehre im Lieferwagen und für wissenschaftliche Sportstudentinnen-Betreuung bekomme ich Studienförderung nach dem Honnefer Modell und Überweisungen von meinen Eltern. Mittags und abends esse ich im Würzburger Hof in Handschuhsheim, wo Graupner, der bärbeißige, stets grummelnde Wirt, anschreibt und mir alle sechs oder sieben Wochen die Rechnung präsentiert. Mittags schaffe ich nur zwei Portionen und trinke literweise Cola und Limo. Abends verschlinge ich mindestens drei Portionen, erst Schnitzel, dann Rumpsteak, Leberkäse, oft gelingt mir abschließend noch ein halbes Hähnchen, und ich spüle alles mit viel Bier hinunter, denn Bier gehört zu den besten Helfern im Kampf um mehr Gewicht. Wenn Graupner die Rechnung für diese vielwöchige Völlerei auf den Tisch legt (“Bezahl”, wenn Du mal genug Geld hast”), beträgt sie nur zwei- oder dreihundert Mark. Der gute Graupner, ich danke meinem Sponsor. Bezahlen kann ich ihn aber erst, wenn meine Eltern in Wetzlar meinen schriftlichen Wunsch erhören und ihre monatliche Überweisung mit einem zusätzlichen Essens-Bonus aufstocken. Meine Eltern erfüllen den Wunsch immer, obwohl sie außer diesem Schrei nach Geld nie viel von mir hören. Sie sind nicht gerade reich, müssen sich das Geld für mich mit Mühe zusammensparen, tun es aber gerne für ihren jüngsten Sohn, der so fleißig studiert und bald sein Examen machen wird.

Wenn ich Wettkämpfe bestreite, steigert sich meine Euphorie noch. Meistens stoße ich einen Meter weiter als im Training, so dass es mich nicht überrascht, als ich bei den Süddeutschen Meisterschaften in Weinheim 17,82 Meter erreiche. Persönliche Bestleistung. 18 Meter rücken näher. Ich kann es kaum fassen, dass ich mich in knapp zwei Jahren um fast vier Meter verbessert habe, und obwohl ich es kaum fassen kann, träume ich schon von 19, 20, 21 Metern. Alles scheint möglich nach diesem Leistungssprung. Ich bin stolz auf mich. Bei den Wettkämpfen drücken mir Freunde vom USC Heidelberg die Daumen, feuern an. Der Bundestrainer kümmert sich um mich, was mir schmeichelt, und gibt Ratschläge, die ich ignoriere, denn immer noch und mein ganzes Kugelstoßerleben lang verschließe ich die Ohren für gutgemeinte und konstruktive Anweisungen, da mich stets die panische Angst begleitet, nach einem hilfreichen Tipp anderen Menschen für einen Leistungssprung danken zu müssen. Ich will weiterhin alles alleine machen, aber auf chancengleichem Niveau.

Dazu gehört leider, dass ich im Bankdrücken nur noch 130 Kilogramm schaffe. Bislang hatte ich mich im Liegen mit den Füßen an einem kleinen Turnerkasten abgestemmt, mit viel Hüftschwung und Bogenspannung im Körper gearbeitet, so dass der Rücken zwischen Gesäß und Schulterblättern eine Brücke bildete. Nun sehe ich bei den Lehrgängen, dass die anderen Kugelstoßer ohne Abstemmen, Hüftschwung und Bogenspannung drücken. Ich kann meine 150 Kilogramm nicht mit den Leistungen der anderen vergleichen, also drücke ich wie alle und schaffe gerade mal 130 Kilogramm.

Zur Chancengleichheit gehört aber auch, dass ich mit den gleichen Mitteln arbeite wie die anderen. Ich beschließe, dass ich nach der Steigerung von gut 14 auf knapp 18 Meter jetzt in der Leistungsklasse bin, in der man Anabolika zu nehmen hat.

Im Studentenhochhaus wohne ich in einem Zimmer mit Abdullah, einem Jordanier, der mir stolz zu verstehen gibt, dass er Al-Fatah-Mitglied ist. Ich interessiere mich im Sommer 1970 nicht für den israelisch-arabischen Konflikt und weiß kaum etwas über Al Fatah. Abdullah will mich über den Kampf seines Volkes aufklären, doch da er dies regelmäßig erst ab drei Uhr morgens tut, stößt er bei mir auf wenig Gegenliebe. Abdullah stellt mittags den Wecker, schläft bis in die Nacht und reißt sich und mich um Punkt drei aus dem Schlaf. Er schaltet das Licht ein, öffnet das Fenster, setzt sich an seinen Schreibtisch und sucht in seinem Weltempfänger den Al-Fatah-Sender. In Minutenschnelle ist die Zimmerdecke schwarz von Fliegen und Faltern. Ich grunze Abdullah grimmig an, wenn er seinen Al-Fatah-Vortrag halten will, drehe mich auf die andere Seite und gleite, von aufgeregten arabischen Stimmen und orientalischer Musik sowie Knarz-, Piep- und sonstigen Kurzwellen-Störungen geleitet, zurück in den unsanft unterbrochenen Schlaf. Ich mache im Dienste der Völkerverständigung zunächst gute Miene zum nächtlichen Spiel, doch als ich erstmals Stagnation auf der Waage feststelle, ist meine Toleranzgrenze überschritten. Schlafmangel zehrt am Gewicht und damit an der Leistung, Schluss mit Völkerverständigung. Als in der nächsten Nacht der Wecker rappelt, schreie ich Abdullah wütend an: “Noch einmal, und ich schmeiße ihn aus dem Fenster!” Abdullah reagiert nicht, fummelt am Radio. Ich schlafe ein. Plötzlich kniet Abdullah auf meinem Bett, rüttelt mich, brüllt mir begeistert ins Ohr: “Hör zu, das ist beste jordanische Sängerin.” Aus Nahost schallt eine klagende Stimme an mein Ohr, angereichert mit dissonantem Wellensalat. Unwillig schüttele ich den Schlager-Fan ab, das Leichtgewicht Abdullah kullert auf den Boden. Ich schlummere endlich wieder ein. Plötzlich tobt der Wecker erneut los. Ich springe auf, schnappe ihn mir und werfe ihn im hohen Bogen aus dem neunten Stock. Abdullah schaut entgeistert zu, funkelt mich furchtsam-böse an und stürzt zur Tür hinaus. Am nächsten Morgen ist Abdullah verschwunden. Er kommt nicht wieder, jedenfalls nicht, wenn ich im Zimmer bin. Manchmal treffe ich ihn noch im Flur, Abdullah scheint bei einem Landsmann Asyl gefunden zu haben. Ich kann wieder schlafen, nehme zu und bleibe guten Mutes.

Mit einem anderen Mitbewohner teile ich meine erste Dianabol-Pille. M., der später zur Bundestrainer-Riege des Deutschen Leichtathletik-Verbandes gehören wird, schneidet die Fünf-Milligramm-Tablette mit einem Küchenmesser in der Mitte durch. Ich lege meine Hälfte auf die Zunge, er hat seine auch schon im Mund. Wir schauen uns bedeutungsvoll an, schlucken den Stoff hinunter, spülen mit Milch nach und bleiben schweigend am Tisch sitzen. Nun gehören auch wir zum Geheimbund. Ich spüre, wie die Pille machtvoll wirkt. Ich weiß nicht, ob mir schon damals klar ist, dass dies nur ein Placebo-Effekt sein kann. Hauptsache, es wirkt, egal wie. Eine Stunde später gehe ich in den Kraftraum und verbessere meine erst gestern aufgestellte Bankdrück-Bestleistung von 140 auf 145 Kilogramm. Das ist der Beweis: Dianabol funktioniert!

Unter allen Kugelstoßern treffe ich nur einen, der die Einnahme von Anabolika ablehnt. Rolf B., ebenfalls Mitbewohner im Studentenhochhaus, stößt ungefähr genauso weit wie ich und hat wie ich nie Anabolika genommen. Behauptet er, und ich glaube ihm. Auch, dass er nie etwas nehmen wird. Mir glaubt er nicht, dass ich noch nie etwas genommen habe. Vielleicht wirke ich wegen der halben Pille zu schuldbewußt. Ich mag Rolf. Ein komischer Typ. Auch die anderen aus seiner Clique, in die ich freundlich-herablassend aufgenommen werde, mag ich. Wir spielen jeden Abend Skat, nur unterbrochen von Rolfs schrillem Schrei, wenn draußen ein Schmetterling um die blaue Lampe herumtanzt, mit der der Biologie-Student seine Opfer anlockt, und von den Begeisterungsschreien aller, wenn Drei-Bock-drei-Ramsch angesagt ist, denn dann steht mit mir der zahlende Verlierer schon fest. Rolf wird schon bald seine Kugelstoßer-Karriere beenden. Er sattelt um auf Basketball, wird sogar Nationalspieler.

 

Hier streiche ich ausnahmsweise eine Passage aus dem Ur-Text (“er geht aber auch als Basketballer eigenwillige Wege. Zum letzten Mal höre ich von ihm, als er sich während der Universiade vor einem Spiel gegen Israel weigert einzumarschieren. Vielleicht sind Rolf und Abdullah Freunde fürs Leben geworden.” – Jahre später erfahre ich von Prof. Hannes Neumann, dem damaligen Trainer des Uni-Teams, dass diese Affäre etwas anders ablief, aber immer noch skurril. Den genauen Ablauf habe ich vergessen.)

 

Am Tag nach meinem Sündenfall sieht mir ein junger Sportarzt beim Training zu. Zwanzig Jahre später gehört er zu den bekanntesten deutschen Sportmedizinern und gilt als Vertrauensarzt einer Tennis-Heroine. Mir wird zugetragen, dass er meine Figur begutachtet und festgestellt hat: “Der sieht aus wie ein typischer Anaboliker.”  Die sachlich völlig abwegige Folgerung ist zwar ein hirnrissiger Vorwurf, der mich ärgert – aber er ärgert mich längst nicht so maßlos wie damals der Anabolika-Gruß von Jörg; denn diesmal habe ich kein reines Gewissen mehr, schließlich entfesselt in mir die halbe Dianabol-Tablette völlig neue Kräfte.

Die Kraft der Einbildung stelle ich auch bei anderen fest. Eines Tages schenkt mir ein Arzt, Trainer von Heidelberger Bundesliga-Basketballerinnen, eine Riesen-Vorratspackung Fortabol. 800 Pillen, ganz umsonst, ohne Gegenleistung, nur als freundschaftliche Geste unter Gleichgesinnten. Das Anabolikum Fortabol ist das Konkurrenz-Präparat von Dianabol. Manche schwören drauf. Ich nehme zwei Pillen, gehe ins Training und habe einen ziemlich schwachen Tag. Anschließend wiege ich mich: ein Kilo abgenommen! Dieses Teufelszeug Fortabol! Nichts wie weg damit! Niemals mehr werde ich auch nur eine Pille davon anrühren. Von Fortabol nimmt man ab, bilde ich mir ein, genauso wie die Kraft der Einbildung nach einer halben Pille Dianabol zur Bankdrück-Bestleistung verholfen hatte. Helmut, Mitkugelstoßer aus dem Nachwuchskader, nimmt mir die restlichen 788 Pillen gerne ab. Ich schenke sie ihm, warne ihn aber vor der unerwünschten Wirkung. Ein paar Tage später gibt er zu, das Zeug die Toilette runtergespült zu haben, denn auch er hat sich, inspiriert von meinen schreckeneinflößenden Erzählungen, eine akute Gewichtsabnahme eingebildet.

Einige Jahre später sehe ich kurz vor den Olympischen Spielen in Montreal samstags das Aktuelle Sport-Studio des ZDF. Studiogäste sind eine berühmte Diskuswerferin und ein ebenso berühmter Hammerwerfer. Der Hammerwerfer erzählt eine Moritat, an die er offensichtlich so fest glaubt wie ich an die muskelverschlingende Wirkung von Fortabol. Er habe ein einziges Mal in seinem Leben Anabolika genommen, direkt nach der Einnahme hätten sich aber seine Sinne verwirrt und er sei in ein Delirium gefallen, das tagelang angehalten habe. Die Diskuswerferin steht dem Hammerwerfer nicht nach. Nachdem dieser den Anabolika die Weihen eines überdosierten LSD-Trips verliehen hat, hält sie eine Predigt gegen die drogensüchtigen Anabolika-Schlucker. Der Moderator hört gebannt zu, ich ducke mich im Fernsehsessel gequält zusammen. Die Diskuswerferin beendet ihre Philippika gegen den Anabolika-Missbrauch mit der persönlichen Beteuerung, aus ethischen, moralischen und allen möglichen anderen ehrenwerten Gründen niemals im Leben Anabolika einzunehmen oder gar schon einmal eingenommen zu haben. Gleichzeitig wettert sie, völlig berechtigt, gegen die gegenüber den offiziellen IOC-Normen intern erhöhten Olympianormen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, die nur bei Einnahme von Anabolika zu erreichen seien, daher habe sie sich nicht für Montreal qualifizieren können. Der Moderator drückt ihr beindruckt die Hand – und ich frage mich, ebenfalls als ein Montreal nicht erreichendes Normen-Opfer, auf welch wundersame Weise die Dame ihre besten Weiten früherer Jahre erzielt hat, die deutlich über der Anabolika-Norm von 1976 lagen. Heute ist die Werferin eine geachtete Politikerin, die immer noch mit der Überzeugungskraft ihrer aktiven Leichtathletik-Jahre gegen das Doping-Unwesen zu Felde zieht.

Dass nicht der Verstand den Willen, sondern der Wille den Verstand beherrscht, weiß ich nicht nur durch die Welt um mich herum, sondern vor allem durch die Welt in mir. Daher nehme ich es auch niemandem übel, wenn er sein tatsächlich gelebtes Leben dem Leben anpasst, das er gerne geführt hätte. Schade nur, dass dadurch die zur Ehrlichkeit gegen sich selbst notwendigen Be- und Erkenntnisse zu Anklagen gegen andere umfunktioniert werden. Bei mir dauert es zwanzig Jahre, bis ich ohne einen vom Willen vergewaltigten Verstand auf meine Kugelstoßer-Jahre zurückblicken kann.

Meine Heidelberger Vereinskollegin Brigitte ist seit vielen Jahren die nur zweitbeste deutsche Diskuswerferin, hat also das sportliche Los schon fast hinter sich, das ich noch vor mir habe. Nicht nur deshalb spüre ich ein kameradschaftliches Band der Sympathie zu dieser großgewachsenen, starkknochigen, aber schlanken Frau. An guten Tagen wirft Brigitte den Diskus 60 Meter weit. Sie glaubt nicht, dass die zum Teil viele Meter weiter werfende Weltelite auf Anabolika verzichtet – so wie sie. Womit sie natürlich recht hat. Männliche Hormone machen einen männlichen, gesunden, austrainierten und ausgewachsenen Mann kaum zu einem besseren Sportler (was ich leider erst zwanzig Jahre zu spät erkenne), aber sie machen jede Frau männlicher, was allen feministischen Bestrebungen zum Trotz bedeutet: Sie werden körperlich leistungsfähiger, und zwar um so frappierender, je mehr Anabolika eingenommen werden. Brigitte wird diese anscheinend traumatischen Erfahrungen zusammen mit ihrem späteren Ehemann auf ihre eigene Weise verarbeiten. Das Paar wird zur Galionsfigur der Anti-Doping-Kämpfer, die mit viel gutem Willen unwillentlich dazu beitragen, dass Deutschland im Ausland als das Land der selbstgerechten Doping-Heuchler gelten wird.

Die Versorgung mit dem “Stoff” ist kein Problem. Humanmediziner, Zahnmediziner und Studenten aus dem Umfeld des USC Heidelberg besorgen mir viel mehr, als ich benötige, kostenlos, aus solidarischer Sportkameradschaft. Rezepte brauche ich nicht. Man will mir etwas Gutes tun, und ich nehme die unterstützenden Geschenke gerne an, auch wenn ich schon längst gut genug versorgt bin. Ablehnung wäre ein unfreundlicher Akt. Später werden medizinische Fachleute über meinen geringen Anabolika-Verbrauch lachen und versichern, dass diese Dosierungen in keinem Fall die Leistung steigern oder der Gesundheit schaden könnten. Dennoch habe ich ein beklommenes Gefühl, als ich drei Wochen lang zwei Pillen täglich schlucke.

Was bei der späteren Durchsicht der Trainingsbücher sofort auffällt, bleibt mir Zeit meines Kugelstoßer-Lebens verborgen. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass die nach dem Sommer 1970 folgenden Stagnationen, Enttäuschungen und Rückschläge zeitlich durchweg mit Anabolika-Einnahme zusammenfallen. Solange ich “sauber” bleibe, von Herbst bis in den Frühsommer, läuft alles so, wie ich es anstrebe. Aber sobald ich Anabolika einnehme, nimmt das Chaos von mir Besitz und zerschlägt in unschöner Regelmäßigkeit nicht nur meine übersteigerten Träume, sondern auch alle realistischen Erwartungen.

Im Lauf der Jahre kehrt sich das Verhältnis Training/Wettkampf völlig um. Kann ich bis zur Frühsaison 1970 in wichtigen Wettkämpfen regelmäßig einen Meter, manchmal mehr, auf meine beste Trainingsweite draufpacken, so werde ich zehn Jahre später im Wettkampf mit ebensolcher Regelmäßigkeit einen Meter und mehr unter meinen Trainingsweiten liegen. Erstmals macht sich dieser Effekt bei den Deutschen Meisterschaften 1970 in Berlin bemerkbar. Wenige Wochen nach den 17,82 m von Weinheim verbessere ich mich in der Qualifikation mit großer Leichtigkeit auf 17,85 m, so dass der zuschauende Weltklasse-Hammerwerfer Uwe, den ich bewundere, Wetten annimmt, dass ich im Endkampf über 19 Meter stoßen werde. Es schmeichelt mir, dass er überhaupt auf mich aufmerksam geworden ist. Aber da ich nach der halben Einstands-Pille meine erste echte Anabolika-”Kur” hinter mir habe, bin auch ich sicher, dass ich deutlich über 19 Meter stoßen werde. Doch dann spüre ich im Endkampf erstmals keine energische Freude, sondern verzagte Hektik. Ich stoße noch einmal 17,85 m, diesmal aber mit verkrampfter voller Kraft. Meine erste Wettkampf-Enttäuschung hält sich aber noch in Grenzen, denn Bestleistung bleibt Bestleistung.

 

Der Weltklasse-Hammerwerfer hieß natürlich Uwe Beyer. Er war es auch, der im Aktuellen Sport-Studio von seinem “Delirium” fabulierte. Ich sah ihn erstmals als Jugendlicher im Gießener Schwimmbad: Beyer, der sensationell in Tokio 1964 Bronze gewonnen hatte, war offenbar zu Besuch bei Verwandten. Durch das Schwimmbad ging es von Mund zu Mund: “Da hinten liegt Uwe Beyer!” Betont unauffällig schlenderten wir an dem Handtuch vorbei, auf dem ein kräftiger junger Mann lag. Uwe Beyer! Für uns eine Weltsensation. – Beyer starb früh, mit 50, an einem Herzinfarkt, angeblich familiär vorbelastet. Andere Echtnamen von noch lebenden Sportlern nenne ich nicht.

 

Im nächsten Jahr konzentriere ich mich total auf die Deutschen Meisterschaften in Stuttgart. Dort will ich erstmals 19 Meter übertreffen, mich für die Europameisterschaften qualifizieren und dort über 19,50 Meter stoßen. Ich halte dies angesichts meiner bisherigen Entwicklung für eine äußerst bescheidene Zielsetzung und notiere sie in meinem Trainingsbuch. Werner, Freund und Kugelstoß-Bundestrainer, schreibt darunter: “Ich würde mich sehr freuen, halte aber die beiden letzten Weiten” – er meint die DM- und EM-Ziele – “für nicht möglich. Falls Dich Deine schriftlich fixierten Leistungen stimulieren, so ist dies in Ordnung, wenn sie aber Dein Bewusstsein derart beeinflussen, dass Du unumstößlich daran glaubst, wirst Du von Misserfolgserlebnissen nicht verschont bleiben. Darin sehe ich die Gefahr. Ich zweifle nicht, dass Du 19,30 im nächsten Jahr bringen kannst, halte aber für dieses Jahr 18,70 für real.”

Ich nehme Werner diese Einschätzung sehr übel. Innerlich kündige ich ihm die Freundschaft. Selbst meine Minimalziele traut er mir nicht dazu, dabei müsste er doch wissen, wie hart ich trainiere, wie gut im Winter und Frühjahr alles läuft, und dass mit Beginn der Anabolika-Einnahme Anfang Juli meine Leistung im Wettkampf explodieren wird.

Ich lasse ihn meinen Unmut nicht spüren. Ich habe ihn ja auch nie merken lassen, dass ich im gemeinsamen Kugelstoß-Training viel von meiner Konzentration benötige, um aus seinen technischen Anweisungen das herauszufiltern, was zu meinen eigenen Vorstellungen passt und daher befolgt werden kann, und alles zu eliminieren, was ich als Fremdeinfluß einschätze. Obwohl Werner ein ausgezeichneter Trainer und Vermittler der nicht unkomplizierten Angleittechnik ist, bleibe ich bis zum Ende meiner Karriere technisch auf dem Stand von 1970 stehen. Da ich mir mindestens jeden Monat einmal eine neue Technik-Variante ausdenke, meist kaum zu erkennende Modifikationen von Impulsen und Krafteinsätzen, bleibt meine Technik sehr anfällig, da sie wegen meiner ständig neuen Ideen nicht automatisiert werden kann. Außerdem hindert mich fast immer ein Sekunden-Blackout daran, an der Technik zu feilen. Jedesmal, wenn ich zum Auftakt der Angleitbewegung ansetze, ist das, was ich mir technisch vornehme, wie weggewischt. Bis zum Ausstoß bleibt es rot vor meinen Augen und leer im Kopf, mit Ausnahme des dröhnenden Befehls, so weit wie möglich zu stoßen. Im selben Moment, in dem die Kugel die Hand verläßt, beginnt mein Hirn wieder zu arbeiten. Meistens mit einem strengen Verweis wegen Nichtbefolgung der eigenen Anweisungen.

Als ich im Herbst 1997 das Trainingsbuch von 1970/71 erstmals wieder in die Hand nehme, bin ich gerührt von Werners Anmerkungen. Er hat mich absolut realistisch eingeschätzt, dies auf eine fast liebevolle Art niedergeschrieben, konnte aber nicht wissen, dass meine eigenen Ziele noch viel höher waren als die schriftlich angegebenen, und dass ich an diesen selbstgesetzten, Anabolika-inspirierten Zielen scheitern werde.

Bis zu den Deutschen Meisterschaften in Stuttgart läuft alles planmäßig. Im Abschlusstraining stoße ich 18,50 Meter, was nach meinen bisherigen Erfahrungen 19,50 Meter bei den “Deutschen” und klar über 20 Meter bei den Europameisterschaften bedeuten wird, denn schließlich habe ich gerade erst mit der Anabolika-Einnahme begonnen. Ich wiege 116 Kilogramm, so viel wie noch nie. Auch im Bankdrücken schaffe ich Rekord: 175 Kilogramm. Ich kann den Wettkampf kaum erwarten.

In Stuttgart stoße ich 17,30 Meter. Dies ist so unbegreiflich, dass ich zunächst kaum enttäuscht bin. Erst allmählich erfasse ich, was geschehen ist. Dann packt mich die Enttäuschung mit voller Wucht. Ich bin entsetzt, am Boden zerstört, weiß nicht mehr weiter. Zum Glück setzt schon nach wenigen Stunden ein Selbstrettungsmechanismus ein, der mir in Stuttgart und später noch viele weitere Male über die abgrundtiefe Verzweiflung hinweghelfen wird. Ich nehme mir vor, das Krafttraining völlig neu zu gestalten, die gerade erst begonnene Anabolika-Kur abzubrechen, neu aufzubauen und erst im Herbst wieder Anabolika zu nehmen. Dann würde ich zuschlagen! Ob ich in Helsinki oder Heidelberg über 20 Meter stoße, soll mir egal sein. Als ich nach Hause fahre, bin ich schon wieder frohen Mutes und pfeife laut vor mich hin. Ich freue mich auf das Training am Montag.

Mit neuer Motivation, müde vom einwöchigen harten Training, aber gutgelaunt, stoße ich in einem kleineren Wettkampf 18,67 Meter weit. Bestleistung. Fast soweit, wie Werner für diese Saison erwartet hat. Aber Werner wird staunen, dass dies nur der Auftakt ist. Ich trainiere hart wie nie, bis Mitte September. Ich platze vor Kraft, stoße im Training über 18,50 Meter Jetzt beginnt die dreiwöchige Anabolika-Kur, mit gesteigerter Dosis, 15 Milligramm täglich. Ende September beginne ich bei lokalen Sportfesten die herbeigefieberte Wettkampfserie. Ich mache mir Sorgen, ob meine zu erwartenden Rekordstöße in der Provinz auch offiziell anerkannt werden können. Ich beginne am 1. September in Haiger mit 17,12 Metern und gebe erst am 26. Oktober in Schwetzingen auf, wo ich mit 17,09 Metern gewinne, mich aber als Verlierer des Jahres fühle. Ich habe nicht einmal Werners Prognose erfüllt. 1972 werde ich sogar noch weiter davon entfernt bleiben.

1971 lerne ich Ralf kennen. Ralf ist Diskuswerfer, kann aus dem Stand über 58 Meter werfen, was ansonsten nur absolute Weltklassewerfer schaffen. Mit der Drehung kommt er aber nicht zurecht, bleibt meist deutlich unter seinen Standwurf-Weiten. Nun wechselt er zum Kugelstoßen, weil er glaubt, die lineare Angleitbewegung besser erlernen zu können als die Diskus-Drehung. Obwohl Ralf nicht, wie ich, aus heißem Herzen Kugelstoßer wird, sonder aus nüchternen Aufwand-Ertrag-Überlegungen, verstehen wir uns auf Anhieb. Eine Freundschaft entwickelt sich, die noch nach Jahrzehnten hält, obwohl wir später völlig unterschiedliche Lebenswege gehen. Diese Freundschaft basiert zunächst aber vor allem auf einem für Außenstehende kleinsten gemeinsamen Nenner, der Solidarisierung zweier schwacher Esser.

Die anderen Kugelstoßer haben keine Gewichtsprobleme. Dass manche von ihnen abnehmen wollen, ist für uns kein Gewichtsproblem, sondern eine exotische Perversion. Einer wog schon als 15jähriger über 130 Kilogramm und hat kürzlich zwanzig Kilogramm abgenommen. Er wiegt nur noch 135 Kilogramm, sagt er, und flunkert dabei wahrscheinlich ebenso viele Kilogramm weg, wie ich bei mir hinzumanipuliere, indem ich mich nur abends wiege, weit nach vorne beuge, der Nadel dadurch noch ein bisschen nachhelfe und erst im letzten Moment das angezeigte Gewicht ablese, kurz bevor ich nach vorne über die Waage abkippe.

Auch für Ralf resultiert die Kugelstoßweite aus der Kraft, die Kraft aus der Masse, und die Masse muß schwer erarbeitet werden. Da die Zeit der Eiweißkonzentrate noch nicht gekommen ist, würgt er massenhaft Weizenkleie hinunter. Eine heroische Tat, die mich maßlos beeindruckt. Ich kaufe im Reformhaus ebenfalls Weizenkleie. Auch ich bin ein Held und kaue tapfer. Es ist harte Arbeit, die schlecht schmeckt und Muskelkater im Unterkiefer verursacht. Aber immer noch besser, als zum Frühstück zehn Rühreier mit Speck zu verspeisen, wie es manche kugelstoßenden Naturburschen bei Lehrgängen mit größtem Appetit tun. Kann sich jemand vorstellen, wie die fettigen Dünste des gebratenen Specks frühmorgens in unsere Nasen steigen, wenn Ralf und ich die Weizenkleie in unsere zu dieser Tageszeit noch zusammengeschrumpften und hartnäckigen Widerstand leistenden Mägen zwingen? So werden wir Freunde fürs Leben und die Naturburschen dieser Kugelstoßerwelt zu feindlichen Symbolfiguren.

Zu den Lehrgängen kommen und gehen die merkwürdigsten Ess-Typen. Alle freudvollen Esser sind uns ein Dorn im Auge. Ein Neuzugang schmatzt vor Behagen wie ein Schwein, ein anderer isst drei halbe Hähnchen hintereinander, erzeugt unglaubliche, zermalmende Geräusche – und hinterläßt nicht das kleinste Knöchelchen auf dem Teller. Ich bleibe einigermaßen tolerant, höre und schaue weg, aber Ralf kann, fasziniert-angeekelt, den Blick nicht abwenden. Er leidet geistig und körperlich, bekommt Schweißausbrüche, seine Lippen ziehen sich zu einem messerscharfen Wutstrich zusammen. Nur bei einem besonders deftigen Schmatzen oder beim krachenden Zermalmen der größten Knochen kann er ein scharfes “Was war DAS denn!” oder ein ungläubiges “Das ist doch nicht mehr MENSCHLICH!” unterdrücken. Dann lachen alle dröhnend und amüsieren sich köstlich über uns komische Typen.

Nach ein paar Jahren sind Ralf und ich leistungsmäßig so weit, dass wir ganz alleine die A-Gruppe der deutschen Kugelstoßer bilden. Meistens treffen wir uns mit dem Bundestrainer in Berlin. Aber bis dahin muss noch einiges ausgehalten werden. Eines Tages wird ein neuer Kugelstoßer in die Lehrgangsgruppe aufgenommen. Es ist ein wortkarger Mann, der nur mit zum Boden gerichteten Blick spricht, aber beim Essen laut wird und die geräuschvolle Runde mit noch nie gehörten Klack- und Knarr-Tönen seiner Zähne erfreut. Zum dreitägigen Lehrgang kommt er nur mit einer kleinen Plastiktüte nach Heidelberg angereist. Inhalt: ein Paar Sportschuhe und ein Stapel Pornohefte, die er uns vor dem Abendessen freudig-erregt zeigt. Nun taut er auf. Begeistert deutet er mit dem Finger auf nackte Männer und Frauen, die die Geschlechtsorgane von Schweinen, Hunden, Hühnern und weiteren unidentifizierbaren Tieren traktieren. Auch am dritten Lehrgangstag hat er noch die Kleider vom ersten Tag an, sowohl beim Training als auch beim Essen oder dem abendlichen Kneipengang. Zum Glück hält er als Kugelstoßer den Anschluß nicht, er wird nicht mehr zum Lehrgang kommen. Wahrscheinlich sein Glück, denn Ralf sieht bei Lehrgangsende wie ein Mörder aus.

Diese Episode schenkt mir immerhin zwei Aha-Effekte: Erstens weiß ich nun, dass Schweine zwei Ringelschwänzchen haben, und zweitens festigt sich mein Vorurteil gegen einen Berufsstand, der in diesen Jahren in Mode kommt. Jener Kugelstoßer studiert Psychologie und wird bald Diplom-Psychologe sein.

Mein erster Länderkampf wird ein Reinfall. Deutschland tritt gegen Frankreich an. Wer gewonnen hat, weiß ich nicht. Ich habe jedenfalls verloren. Länderkampf-Ergebnisse interessieren mich auch später nie, die meisten Mitsportler aus der deutschen Nationalmannschaft denken ebenso. Leichtathleten sind Individualisten. Wenn ich schlecht abschneide, was interessiert mich der Mannschaftssieg? Wenn ich gut abschneide, was interessiert mich die Mannschafts-Niederlage? Alle, die ich kenne, denken so. Das kann man nicht einmal als grenzenlosen Egoismus bezeichnen, denn die Leistungen der anderen Sportler interessieren schon. Wer schwach ist, wird getröstet, wer gut ist, beglückwünscht, aber niemand setzt diese Einzelleistungen mit dem Mannschafts-Endresultat in Verbindung. Das tun nur die Funktionäre, die in der “Blauen Stunde” nach dem Länderkampf an uns vorbeireden.

Nach der “Blauen Stunde” gibt es ein gemeinsames Abendessen, dann teilen sich die nationalen Kämpfer in viele Grüppchen auf. Heute aber haben die Franzosen nach dem Abendessen zunächst noch eine ganz besondere Darbietung auf dem Programm. Mit geheimnisvollem Getue ziehen sie sich zurück, um kurz darauf kreischend vor Vergnügen wieder aufzutauchen. Einige sind total nackt, haben sich in Mehl gewälzt, aufgeblasene Präservative an den Ohren hängen. Sie schütten Mehl über die deutschen Sportler, klatschen ihnen auf die Schultern, blasen neue Präservative auf, verschenken sie, und in diesem Tohuwabohu ertönen immer wieder schrille Schreie und schallendes Gelächter. Ich sitze abseits und bleibe von diesem Ausbruch französischen Humors verschont. Einige deutsche Sportler lachen verschämt, andere wirken leicht konsterniert, aber eine Gruppe deutscher Werfer rettet die teutonische Ehre und antwortet nach kurzem Bedenken mit deutscher Humor-Gegenoffensive. Sie stehen auf, brüllen, grölen, springen auf den Tisch, schwingen die Hüften, greifen sich Teller und Tassen und schleudern sie gegen die Wand. Sie gewinnen diesen Humor-Länderkampf, denn die Franzosen ziehen sich stumm und geschlagen mit großen, furchtsam aufgerissenen Augen von der Scherben-Orgie zurück. Schade, dass Ralf bei diesem Länderkampf nicht dabei ist. Er wird nicht glauben, was ich ihm erzählen werde.

Im. Januar 1972 kehre ich nach Gießen zurück und beginne ein Zeitungs-Volontariat. In Heidelberg hatten mich Gerüchte alarmiert, man müsse das Studium nach dem zehnten Semester mit dem Staatsexamen abgeschlossen haben, ansonsten werde man von der Universität verwiesen. Das will ich mir und meinen Eltern nicht antun, deswegen bewerbe ich mich in Gießen und werde sofort angenommen. Wieder einmal rutsche ich ohne äußeren Leidensdruck in neue Lebensumstände. Meine Mutter, der Verein, der Verband, die Sportartikel-Firma – alle nehmen mir seit der Kindheit die kleinen und großen Probleme des Alltags ab, denen ich auch als 25jähriger nicht gewachsen bin, weil ich ihnen nicht gewachsen sein will und auch nicht sein muss. Wenn mich einmal die eisige Ahnung packt, dass ich, auf mich allein gestellt, untergehen würde, rette ich mich in die überschaubare Leidenswelt des Kugelstoßens und plane Leistungskurven, bastle Trainingspläne, hebe schwere Lasten und fühle mich sicher, obwohl meine Kugelstoßziele immer unsicherer werden.

Dass man nach dem zehnten Semester von der Universität verwiesen würde, muss ich mir damals eingebildet haben. Ich erkundige mich nicht weiter. Ich nutze vielmehr die Gelegenheit, um wenigstens mein Sportstudium erfolgreich abzuschließen. Dank der Symbiose von USC und Sportinstitut erhalte ich ein Akademisches Abschlusszeugnis, das mir bescheinigt, alle für das Studium der Sportwissenschaft notwendigen praktischen Übungen, Vorlesungen, Seminare und Prüfungen mit der Gesamtnote “Gut” abgeschlossen zu haben. Dieses Abschlusszeugnis garantiert mir, sagt der Sportinstituts-Chef, die Qualifikation zum Diplomsportlehrer. Das reicht, denke ich, zur Beruhigung meiner Eltern. Ich selbst benötige das Zeugnis nicht, denn zu den wenigen Grundsicherheiten meines Lebens gehört, auf keinen Fall Lehrer zu werden.

Meinen Universitätsabschluss verdanke ich ausschließlich der Fürsorge, die mir als Kugelstoßer zuteil wird. Alles in diesem Zeugnis ist korrekt, die Noten habe ich mir redlich verdient – aber diese Form des Abschlusses ist in der Universitätsordnung nicht vorgesehen. Dennoch sind meine Eltern nicht in dem Maße beruhigt, das ich erhofft hatte. Beamter soll ich werden, Studienrat, da hätte ich meine Sicherheit. Journalist sein gehört für sie eher in die Rubrik gescheiterte Existenz, stellt mich auf eine Stufe mit Schaustellern und sonstigen “Nichtsnutzen”. Später werde ich herausfinden, dass sie so sehr unrecht nicht hatte.

Die kleinen Turbulenzen sind schnell geglättet, das Leben läuft weiter in den bisherigen geordneten Bahnen, also im Kugelstoßer-Untergrund, abgeschieden vom normalen Alltagsleben der Erwachsenen, zu denen ich nur biologisch gehöre. Als Volontär verdiene ich 400 Mark brutto im Monat, aber ich werde von meinen Fürsorgern moralisch und finanziell unterstützt, so dass ich alle Energien auf das Kugelstoßen richten kann. Ich verbringe mein Volontariat in der Sportredaktion, deren Ressortleiter indirekt auch zu meinen selbstlosen Sponsoren zählt: Er duldet und fördert sogar, dass ich die Arbeitszeit zunächst als Erholungsphase zwischen zwei Trainingseinheiten gestalte.

Nach den Enttäuschungen des Jahres 1971 starte ich optimistisch und mit überschäumendem Tatendrang in das Olympiajahr 1972. Strukturen beginnen sich zu festigen, deren Gefangener ich in den nächsten knapp zehn Jahren sein werde: Nach mehrwöchiger totaler Pause, verbunden mit starker Gewichtsabnahme, da ich in dieser Zeit nur nach Appetit esse, beginne ich im Herbst übergangslos mit härtestem Aufbautraining. Vier Wochen lang absolviere ich zweimal täglich ausschließlich und ausgiebig Hantelkrafttraining. Die lange Pause und die folgende Überstrapazierung führen dazu, dass ich in den ersten Tagen vor Schmerzen kaum laufen kann und dass ich nach drei Wochen, wenn ich die Kugel erstmals wieder in die Hand nehme, fast auf das Leistungsniveau meines Trainingsbeginns im Sommer 1968 zurückfalle. In jedem Jahr beginne ich von neuem am gleichen Ausgangspunkt. Ich weiß, dass dies unvernünftig ist, doch ich tue es immer wieder, Jahr für Jahr.

Warum trainiere ich nicht vernünftig? Vernünftig wäre: Statt totaler Pause ein leichtes Erhaltungstraining, nach dem ich sachte und mit einem Basis-Leistungsvermögen zwischen 17 und 18 Metern behutsam ins Wintertraining einsteige. Warum missachte ich die simpelsten Grundregeln der Trainingslehre, die ich doch so gut kenne?

Langsam klettern meine Leistungen in den vier Haupt-Kontrolldisziplinen Bankdrücken, Kniebeugen, Körpergewicht und Kugelstoßen wieder höher. Nach knapp einem Jahr erreiche ich im Sommer fast immer exakt die Werte, die im Herbst zuvor als Ziel im von mir in vielen Stunden ausgetüftelten Jahrestrainingsplan vorgesehen sind. Ungefähr drei Wochen Wochen vor dem ersten Saisonhöhepunkt, es sind meist die Deutschen Meisterschaften als Qualifikation für den zweiten, absoluten internationalen Höhepunkt, nehme ich zwei Wochen lang Anabolika. Genau acht Tage vor dem Wettkampf setze ich sie ab. Bis dahin habe ich zehn Monate lang völlig “sauber” trainiert, obwohl die Anabolika gerade im Aufbautraining ihre besonderen Wirkungen entfalten sollen. Doch ich verzichte auf sie und glaube, dass sie erst nach dem Übergang zum weniger belastenden Wettkampftraining bei mir für den Leistungssprung sorgen werden, den die anderen sich schon vorher gönnen.

Doch pünktlich mit Einnahme der Anabolika stagnieren meine Kugelstoßleistungen. Zwar werde ich zunächst noch etwas schwerer und stärker, doch dieser Effekt müsste sich wegen der Trainingsumstellung automatisch ergeben, auch ohne Anabolika. In den Jahren meiner größten Leistungsfähigkeit nehme ich pro Saisonvorbereitung in den anabolikafreien Monaten rund 20 Kilogramm zu, steigere mich im Bankdrücken von 150 auf 230 Kilogramm und im Kugelstoßen von vierzehneinhalb auf zwanzig Meter. Dann schlucke ich Anabolika, nehme schnell noch zwei, drei Kilo Körpergewicht und maximal zehn Kilo an Bankdrückleistung zu, stoße aber beim Saisonhöhepunkt für gewöhnlich nur knapp 19 Meter, was mich kurzfristig in totale Verzweiflung stürzt und mir durch Nichterreichen des Qualifikationszieles den zweiten Saisonhöhepunkt nimmt. Wenn dieser ansteht, sei es Europameisterschaft, Europacup-Endkampf oder Olympia, plane ich schon voll neuer Begeisterung und höchster Ziele das Training für den Wettkampfhöhepunkt im folgenden Jahr.

Meine Vermutung klingt wie aus einer Erstsemester-Vorlesung im Fachbereich meines Ringelschwänzchen-Sportkameraden: Ich mache meinen Körper im Herbst mit Bedacht nieder, damit ich monatelang das Gefühl auskosten kann, aus eigener Kraft eine erstaunliche Leistungsfähigkeit aufzubauen, ähnlich wie in der rauschhaft erlebten Zeit des ersten Wintertrainings 1968/69. Wenn ich aber im Sommer mit der Anabolika-Einnahme beginne, straft mich mein Über-Ich für die frevelhaft empfundene Tat ab, indem es mich versagen läßt. Frevelhaft, glaube ich, empfindet mein Über-Ich nicht den Verstoß gegen die Dopingregeln. Da alle Kugelstoßer meiner und höherer Leistungsklasse gegen die Dopingregeln verstoßen, sorgt dieser Verstoß nur für die wünschenswerte sportliche Chancengleichheit. Nein, mein Über-Ich straft mich ab, weil ich mein eigenes Ideal verletze: das des von fremder Hilfe unabhängigen Einzelkämpfers, der ganz alleine für seine sportliche Leistung verantwortlich ist und daher ohne Abstriche stolz auf sich sein kann.

Aber vielleicht mache ich mir nur etwas vor. Wenn ich auf Anabolika verzichtet hätte, hätte ich auch auf die Träume von 22 und 23 Metern verzichten müssen. Mir wäre klar geworden, dass es bei mir allenfalls für eine Bestleistung von 21 Metern reicht. Dies wäre aber nach den ersten, gewaltigen Verbesserungssprüngen eine nicht zu akzeptierende Perspektive gewesen. Anabolika sind meine mentale Hilfskonstruktion, um die Lücke zwischen Möglichkeiten und Zielen schließen zu können. Ich brauche die Illusion. Mit realistischen Zielen hätte ich die langen, mühseligen Aufbau-Monate nicht durchgestanden. Ich hätte das Kugelstoßen aufgeben müssen. Auch heute überkommt mich noch ein banges Gefühl, wenn ich daran denke. Was hätte ich bloß ohne Kugelstoßen tun sollen ?

Ostern 1972 schaffe ich während eines zweiwöchigen Trainingslagers in Barcelona erstmals 200 Kilogramm im Bankdrücken. Eine magische Zahl, ähnlich wie 100 Kilogramm Körpergewicht oder 20 Meter Kugelstoßen. Nachts feiere ich das historische Ereignis auf der Ramblas. Da eine glückliche Fügung des Schicksals mein Erinnerungsvermögen schon bei mittelschwerem Alkoholgenuss ausknipst, wundere ich mich nicht allzu sehr, dass ich in den nächsten Nächten in einigen sehr obskuren Kneipen von den spanischen Stammgästen begeistert empfangen werde. Alkohol macht mich zu einem geselligen, unterhaltsamen Menschen, sagt man, freundlich und angenehm, rundweg sympathisch. Schade, dass ich so wenig davon weiß. Ein wenig peinlich nur, dass in einer besonders zwielichtigen Kneipe eine taubstumme Prostituierte mit Wespentaille, knappem Pulli und überdimensioniertem Busen Nacht für Nacht mit markerschütternden, spitzen Schreien begeistert auf mich zuläuft, herzt und küßt. Sie spricht zärtlich mit mir, indem sie schrille, unartikulierte Töne herauspresst. Wie mag ich bloß den 200-Kilo-Rekord gefeiert haben?

Tagsüber werde ich von deutschen Kugelstoßern, die ich noch vor drei Jahren im Fernsehen bewundert habe, als gefährlicher neuer Konkurrent im Kampf um einen Olympiaplatz beachtet. Nachts verschwistern sich spanische Helden und Heldinnen der Nacht mit mir. Ich fühle mich großartig. Wir trainieren zweimal täglich, was für mich normal, für andere aber ein Härtetest ist. Manchmal lege ich tagsüber heimlich noch eine dritte Trainingseinheit ein, um den anderen, die Mittagsschlaf halten, voraus zu sein. Schlaf finde ich kaum. Abends bin ich von den aufregenden Trainingsstunden noch zu aufgewühlt, außerdem liegt eine auch für Spanien ungewöhnliche Oster-Hitzeglocke über Barcelona. Daher verbringe ich zwei Wochen lang die Nächte bei meinen neuen Freunden in der Ramblas, komme selten vor vier Uhr in der Frühe nach Hause. Um neun Uhr beginnt das erste gemeinsame Training. Ich bin immer pünktlich, frisch und fit zur Stelle. In mir herrscht Ausnahmezustand

Einige Wochen später sitze ich im Bus nach Brüssel. Erste Olympia-Sichtung für die Nominierung der München-Mannschaft. Die vier bis dahin besten deutschen Kugelstoßer starten in Deutschland bei einem Länderkampf gegen Rußland, Traugott und ich müssen im B-Länderkampf gegen Belgien unser Können zeigen. Für den Routinier Traugott ein Affront, für mich Nachwuchsstoßer eine gute Sache, immerhin bin ich dabei. Der weichgefederte Komfortbus schaukelt durch die Ardennen. Oder sind es die Vogesen? Bei Wettkampfreisen interessiere ich mich nie für die Landschaft, sondern frage nur bang: Wie ist das Bett? Wie ist das Essen? Wie ist der Kugelstoßkreis? Und jetzt frage ich mich: Wieso ist mir so schlecht? In den engen Serpentinen schiebt sich das Vorderteil des Busses geradeaus über Abgründe, während die Räder schon durch die Kurve fahren. Mit Verzögerungseffekt schwankt das Vorderteil den Rädern hinterher, um auf der anderen Seite wieder langsam auszuscheren und schnell den Rädern nachzuschwenken.

Neben mir sitzt Thomas, Hochspringer und Sohn eines berühmten Geigers. Ich kenne ihn noch nicht, aber er scheint ein netter Kerl zu sein. Aber warum redet er so viel? Mir ist schlecht. Thomas redet und redet und redet auf mich ein, über Gott und die Welt, Sport und Philosophie, immer eindringlicher, aber ich kann ihm nicht antworten, ihn kaum anschauen, denn sobald ich meinen Blick vom Busvorderteil löse, wird mir noch schlechter. Ich muß mit den Augen jede Bewegung des schwankenden Busses mitvollziehen, sonst ist es vorbei.

Jetzt ist es vorbei. Thomas stößt mich an, verlangt eine Antwort, ich schaue ihn an, und mir kommt es hoch. Unter dem Johlen der Sportkameraden stehe ich am Straßenrand und übergebe mich. Eine komplette Eiweiß-Trainingseinheit liegt auf der Straße. Das kann ja was werden!

Der schlechte Auftakt versetzt mich in eine unbegreifliche Stimmung. Was ist nur los mit mir? Mir ist nicht mehr schlecht, im Gegenteil, ich vibriere vor positiver Aufregung. Ich freue mich auf das Kugelstoßen und fahre schon drei Stunden vor dem Wettkampf mit dem Taxi ins alte, baufällige Heyselstadion, das Jahrzehnte später durch eine Europacup-Katastrophe traurige Berühmtheit erlangen wird. Ich inspiziere den Kugelstoß-Kreis. Sehr schön. Die letzte Linie zieht sich bei der 19-Meter-Marke durch den Sektor auf dem Ascheplatz, ein halber Meter dahinter beginnt der Rasen. Optisch optimal. Jetzt müßte ich mit dem Taxi zurück ins Mannschaftsquartier fahren, mich noch ein Stündchen hinlegen, danach mit leichter Gymnastik ganz allmählich auf den Wettkampf vorbereiten. Frühestens zwanzig Minuten vor dem ersten Wettkampfstoß dürfte ich die Kugel erstmals in die Hand nehmen, zwei, drei leichte Stöße ausführen, einmal etwas fester “drücken”, und dann mit aller Energie, ausgeruht und mit voller Kraft in den Wettkampf einsteigen.

Ich fahre nicht ins Quartier zurück. Ich spiele mir leichtes Erstaunen vor, dass ich zufälligerweise schon meine Kugelstoßschuhe dabei und unter dem Trainingsanzug das Nationaltrikot angezogen habe. In den Katakomben des Heysel-Stadions beginnt anscheinend ein Lautsprecher-Check. Eine hohe, klagende Frauenstimme, nicht “beste jordanische Sängerin”, sondern unverkennbar Joan Baez, singt ein zu meiner aufgerüttelten Stimmung passendes, suggestives Lied. “Here’s to you”, höre ich, und immer wieder den gleichen Refrain.

Noch zweieinhalb Stunden bis zum Wettkampf, das Heysel-Stadion ist menschenleer, die sauber hergerichtete Kugelstoßanlage mit der 19-Meter-Linie und dem Rasen dahinter lockt, die Kugeln liegen neben dem Stoßkreis bereit. “Here’s to you”, endlos, ist das Lied zu Ende, beginnt es nach wenigen Sekunden von neuem. Ich halte es nicht mehr aus. Here’s to you. Ich nehme bedächtig eine Kugel in die Hand. Nur mal fühlen, wie sie sich anfühlt. Ganz leicht! Sie fliegt fast von alleine. Tatsächlich. Ich stoße locker aus dem Stand, und die Kugel fliegt und fliegt. Geht’s mit Angleiten genauso leicht? Ja, noch leichter. Wie von selbst weit über 18 Meter. Here’s to you, Joan Baez bleibt bei mir. Noch einmal. Über 19 Meter, ohne jede Anstrengung. Meine Nase blutet. Ich reibe über mein Gesicht, verschmiere das Blut auf dem T-Shirt, das ich über dem Nationaltrikot trage. An dem T-Shirt putze ich nach jedem Stoß die Kugel ab.

Erde und Blut, ich habe keine Zeit, den Kopf in den Nacken zu legen, die Blutung zu stoppen. Here’s to you. Ich bin nicht mehr zu bremsen. Den Wettkampf, der in zweieinviertel Stunden beginnt, vergesse ich. Es ist einfach zu schön, zu aufwühlend, zu unvergleichlich, was ich hier erlebe. Das längst verloren geglaubte Gefühl kehrt zurück: Nach langem, harten Training nun im Wettkampf die Früchte aller Anstrengungen zu ernten, durch die gelungene Trainingsperiodisierung zum richtigen Zeitpunkt topfit zu sein, die Kugel nicht als lästig schweres Eisengewicht zu empfinden, sondern ein fast schwereloses Fluggerät auf die Reise zu schicken. Und wie es fliegt! Schon habe ich den Rasen erreicht, die blutverschmierte Kugel bohrt ihre Löcher einen Meter hinter der Linie ins Gras, ich stoße fast 20 Meter weit, immer wieder, von Here’s to you angefeuert, zehnmal, zwanzigmal.

Ich bin immer noch allein an der Kugelstoßanlage. Niemand hat gesehen, dass ich blute. Nun blute ich nicht mehr. Runter mit dem verräterischen T-Shirt, das wie rotgebatikt aussieht. Im Nationaltrikot mache ich weiter. Allmählich verlagern sich die Einschläge vom Rasen auf die Asche. Nur noch knapp 19,50 Meter. Traugott, der eine Stunde vor Wettkampfbeginn kommt, staunt dennoch. Er ist beeindruckt. Am liebsten hätte ich ihm zugerufen: Mach dir nichts draus, das geht nicht gegen dich, es macht ganz einfach Spaß, so leicht so weit zu stoßen. Here’s to you!

Noch zwanzig Minuten. Traugott stößt sich ein. Ich interessiere mich nicht dafür. Ich bin bei 19,20 Metern angelangt und noch immer nicht alarmiert. Zehn Minuten vor meinem ersten Wettkampfstoß muss ich aufhören. Ich treffe nur noch die 19-Meter-Linie, muss jetzt die Anlage räumen, die noch einmal gesäubert wird. Diejenigen deutschen Sportler, die sich für die lästige Eröffnungspflicht zur Verfügung gestellt haben, marschieren ein. Die Hymnen ertönen. Kein Here’s to you mehr.

Der Länderkampf beginnt mit dem Kugelstoßen. Ich fühle mich immer noch wie in Trance, koste in Gedanken die 20-Meter-Stöße aus und stoße nicht einmal 19 Meter weit. Ich werde Zweiter, einen Zentimeter hinter Traugott, der alle Kraft in seine Wettkampfstöße legt, deren bester mit 18,90 Meter gemessen wird.

Ich bin nicht enttäuscht. Ich habe eine Stunde lang fast 20 Meter weit gestoßen, eine weitere Stunde lang, mit fallender Tendenz, zwischen 20 und 19 Metern. Was will ich mehr? Demnächst beginnt meine Anabolika-Kur, danach erst steht der entscheidende Wettkampf zur Olympia-Qualifikation auf dem Programm.

Nach derartigen – seltenen – Wettkämpfen, die enttäuschend enden, ohne dass ich sie als enttäuschend empfinde, verändere ich mich. Wer mich dann erlebt, meint: sehr zu meinen Gunsten. Mit einigen deutschen Mitsportlern im Schlepptau ziehe ich durch das Brüsseler Nachtleben. Trotz der Sprachbarrieren finde ich schnell Kontakt, meine ungewöhnliche Figur, die aufgeräumte Stimmung öffnen mir buchstäblich alle Türen. Am wohlsten fühle ich mich bei anderen Außenseitern der Gesellschaft, die mich ebenfalls sofort in ihr Herz schließen. Barbesitzer, Zuhälter, Prostituierte, Schöne der Nacht beiderlei Geschlechts umarmen mich, mögen mich, und ich mag sie.

Langsam lichtet sich mein Schlepptau. Mal knüpfe ich hier Kontakt für einen Mittelstreckler, mal dort für einen Speerwerfer. Am nächsten Tag werden sie mir dankbar berichten, dass ich ihnen den Weg zu ganz außergewöhnlichen Abenteuern geebnet habe. Erst dann werde ich denken: Warum hast du nicht selbst . . . ? Aber an so etwas denke ich in den frühen Morgenstunden nicht. Ich sitze mit Rolex- und Goldkettchen-beladenen Männern zusammen und philosophiere, englisch-französisch-deutsch kauderwelschend, über das Kugelstoßen, die pralle Lebenskraft, den Sinn des Lebens und über die “Weiber”, an denen alles scheitert, wie mir die Goldkettchen versichern, deren “Hühner” langsam ihre Schicht beenden und den Verdienst treu und brav abliefern. Wie schön und einfach ist das Leben, wenn man als Nachwuchs-Kugelstoßer in der Aufbau-Trainingsphase ohne Anabolika fast 20 Meter stößt. Auch wenn es niemand sieht.

Der Stimmung von Brüssel werde ich in Zukunft oft und immer vergeblich nachjagen. Noch einmal in diesen Zustand geraten, aber rechtzeitig zum Wettkampf, nicht schon Stunden vorher, dazu nach Anabolika-Kur in Bestform sein – das wäre die Erfüllung. Erste Voraussetzung: Das Joan-Baez-Lied muss gefunden werden. Ich überwinde meine Hemmungen und summe Verkäuferinnen in Plattengeschäften den Refrain vor. Nach mehreren vergeblichen Liedvorträgen erkennt eine Fachfrau in meinem Brummen Musik aus “Saccho und Vanzetti”, einem Film über die beiden Märtyrer der Gewerkschaftsbewegung. Trotz leichter Ernüchterung kaufe ich die LP. Erstes Problem gelöst.

Das zweite wird komplizierter: Wie arrangiere ich es, die anfeuernde Musik kurz vor dem Wettkampf und zwischen den Stößen zu hören? Nur an mein Wohl und Wehe im Kugelstoßen denkend, erfinde ich mal schnell den Walkman. Ich nerve den Besitzer eines Gießener Rundfunk- und Phonogeschäfts mit Spezialwünschen: Ich brauche den kleinsten auf dem Markt befindlichen Kassettenrekorder, dazu Stereo-Kopfhörer. Da die kleinen Rekorder nur Anschlüsse für sirrende, rauschende Ohrknöpfchen haben, deren blecherne Musikwiedergabe mich nicht in Stimmung bringen kann, legt der Phonofachmann einen neuen Anschluß für Stereo-Buchsen, und ich habe meinen Walkman. Leider hat die Technik noch nicht die heutigen Miniformate entwickelt. So ist mein Walkman kein Walk-man, da der Kassettenrekorder immer noch größer und schwerer als ein Brockhaus-Band ist. Im Wettkampf kann ich damit nicht herumwalken. Daher stecke ich das Gerät vorher in meine Sporttasche, lege mich während des Aufwärmens auf den Boden, mit dem Kopf auf der Tasche, fummele umständlich die Kopfhörer hervor, lege ein großes Handtuch um meinen Kopf, den ich nun in die Tasche stecke, und versuche, mich von “Here’s to you” anturnen zu lassen. Es gelingt nicht. Zu groß ist die Angst, entdeckt zu werden. Hätte jemand das Handtuch weggezogen und gesehen, dass ich mit großen Kopfhörern um die Ohren mit dem Gesicht in der Sporttasche liege, wäre ich zum Gespött geworden.

Noch ist die Zeit für den Walkman nicht gekommen, Sony wird ihn sich erst zehn Jahre später patentieren lassen. Der kugelstoßende Daniel Düsentrieb muss auf dieses legale Doping verzichten.

Deutsche Meisterschaften in München. Die besten drei Kugelstoßer qualifizieren sich für die Olympischen Spiele. Ein fairer, gerechter Modus. Drei Wochen vorher bin ich gut in Form, genau in der körperlichen Verfassung, die ich im Herbst zuvor geplant habe. Jetzt nehme ich Dianabol, zwei Wochen lang 15 Milligramm am Tag, dann kommt eine Woche Pause, damit ich beim Wettkampf dopingfrei bin. Bei oraler Einnahme genügt diese Woche Karenzzeit völlig, wir Bundesdeutsche spritzen nicht, da der Doping-Nachweis bei intramuskulärer Verabreichung der Anabolika in Ausnahmefällen unkalkulierbar lange möglich ist.

Jetzt müsste meine Leistung im Training hochschießen, ohne Dianabol erkennbar, mit Dianabol explosionsartig. Statt dessen stagniere ich. Ich bin verunsichert. Zu allem Überfluss fährt die Hausmeisterfamilie meiner Wetzlarer Trainingshalle in Urlaub. Mein Kraftraum ist verschlossen und bleibt es auch. Ich komme nicht auf die Idee, als – immerhin – Olympia-Kandidat der Kleinstadt Wetzlar dafür sorgen zu lassen, dass ich in mein Trockenbassin darf. Wahrscheinlich hätte man sich gefreut, mir diesen kleinen Gefallen tun zu dürfen. Warum bemühe ich mich nicht? Drei Wochen ohne Krafttraining. Eine Katastrophe. Jeden Tag stoße ich im Training ein paar Zentimeter weniger, bei jeder Gewichtskontrolle verliere ich ein halbes Pfund hart erarbeiteter Körpermasse.

Am Tag vor dem Wettkampf fahre ich nach München. Ich wohne im Olympischen Dorf. Näher werde ich Olympischen Spielen nie kommen. Um den Masse- und Kraftverlust auszugleichen, erfinde ich eine neue Abart des Kugelstoßens: Holzbeintechnik. Auf Lehrbildreihen von DDR-Stoßern habe ich gesehen, dass sie ihr linkes Bein optimal stützend einsetzen, während ich es nach dem Angleiten nur kurz am Balkenrand aufsetze und, gleichzeitig mit dem Einsetzen des Armstoßes, sofort zurückziehe. Um so lange “stützen” zu können wie die DDR-Athleten, gebe ich mir vor dem Stoß den selbsthypnotisierenden Befehl, mein linkes Bein möge sich in ein schweres Holzbein verwandeln, das ich an den Balkenrand schleudere, wo es fest und unbeweglich in den Boden gerammt wird. Über diesen nicht wegziehbaren Widerstand kann ich meine Stoßkraft voll entfalten, die ohne “Holzbein” durch das Wegziehen meistens verpufft. Glaube ich. Ganz fest.

So schnell wie in München habe ich mein linkes Bein noch nie weggezogen. Ich habe das beweglichste, schnellste Holzbein, ein Wunderwerk der Kugelstoßtechnik. Ich versage, werde mit 18,72 Metern Sechster, ohne jede Qualifikationschance. Wieder in einer Sackgasse gelandet, diesmal auf dem Holzweg. Ralf gewinnt, wird Deutscher Meister und stößt erstmals über 20 Meter. Bei den Olympischen Spielen wird auch er kläglich versagen.

Die Spiele beginnen heiter and must go on. Allen Ernstes glaube ich, Abdullah unter den Terroristen zu entdecken. Aber viel mehr als das Olympia-Attentat beschäftigt mich die Trainingsplanung für 1973. Ich sitze nicht wehmütig vor dem Fernsehgerät, sondern stelle diffizile Trainings-Periodisierungspläne auf und zeichne meine zu erwartende Leistungskurve. Ich nehme großformatige Zeichenblätter, damit ich mit der steilen Kurve nicht über den oberen Blattrand komme. Als der Pole Wladislaw Komar Olympiasieger wird, steige ich frühzeitig im Spätsommer ins Wintertraining ein.

Knapp ein Jahr später kehre ich nach München zurück: Länderkampf gegen die USA. Beim Abschlusstraining nach einem Lehrgang in Heidelberg gerate ich beinahe in Brüssel-Stimmung. Die Kugel fliegt fast von alleine. Ich stoße schnell und ohne Anstrengung knapp über 20 Meter, so weit wie nie zuvor und nie danach im Training.Ich bin jetzt 119 Kilogramm schwer und habe am Tag zuvor mit 212,5 Kilogramm Bestleistung im Bankdrücken geschafft. In den verbleibenden acht Jahren werde ich knapp 135 Kilogramm schwer und drücke 240 Kilogramm auf der Bank. Aber so weit und so gut wie an diesem Tag in Heidelberg werde ich nicht mehr stoßen. Nachdem ich die 20 Meter ohne Mühe übertroffen habe, versuche ich, diese Weite mit immer weniger Anstrengung zu halten. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, als ich schließlich den Krafteinsatz so sehr drossele, dass ich gerade noch die Angleit- und Stoßbewegung einigermaßen flüssig durchführen kann. Und dennoch immer noch fast 20 Meter! Ich komme nicht in Versuchung, mich anzustrengen und weiter zu stoßen. Was interessiert mich, ob ich im Training 20 oder 21 Meter weit stoße, wenn im Wettkampf eher 22 Meter angesagt sind . . . Das wäre nebenbei die Krone aller persönlichen Bestleistungen: Weltrekord. Mein höchstes Ziel.

Al Feuerbach hat es schon erreicht, er hält mit 21,82 Metern den Weltrekord. In München gewinnt Al vor Ralf, der eine stößt um 21, der andere knapp über 20 Meter. Mein Weltrekord-Vorhaben beginnt mit einem Stoß auf 18,12 Meter. Ich verstehe es nicht. Ich verstehe auch nicht, warum ich im fünften Versuch plötzlich fast eineinhalb Meter weiter stoße und mich im sechsten und letzten sogar auf 19,88 Meter steigere. Ich verbessere meine Bestleistung um über einen halben Meter, ich werde – für alle anderen überraschend – Dritter, man gratuliert mir. Die allgemeine Aufmerksamkeit schmeichelt mir, obwohl ich mich für dieses als primitiv empfundene Gefühl schäme. Ich bin nicht Kugelstoßer geworden, um von anderen Menschen anerkannt zu werden, sondern um meine ganz persönlichen Ziele anzustreben. Oder etwa doch nicht?

Mein Ziel habe ich weit verfehlt. Wieso stoße ich im Wettkampf gerade mal so weit wie bei meinem zwanzigbesten der locker-leichten Trainingsstöße von Heidelberg? Warum stoße ich nur im Winter einen Meter weiter als im Training? Warum werde ich in Zukunft im Sommer nicht einmal meine Trainingsweiten erreichen, sondern im Katastrophenfall mehr als einen Meter darunter bleiben? Warum tritt der Katastrophenfall immer nur dann ein, wenn der Saisonhöhepunkt ansteht, für den ich mich doch mit Dianabol zusätzlich fit mache?

Das tue ich auch jetzt, denn die Deutschen Meisterschaften stehen vor der Tür. In Berlin, Ralfs Heimatstadt. Ich fühle mich in glänzender Verfassung. In solchen Momenten denke ich ein wenig bang an das Aufsehen, das ich erregen werde. Bin ich dem zu erwartenden Medienansturm gewachsen? Am liebsten wäre mir, ich würde in Berlin mit Weltrekord gewinnen, man würde es mit Hochachtung zur Kenntnis nehmen, mich ansonsten aber völlig in Ruhe lassen.

Man lässt mich in Ruhe, was mir dann aber auch nicht recht ist. Bereits der erste Aufwärmstoß vor dem Wettkampf landet genau auf der 20-Meter-Linie. Genauso locker gestoßen wie in Heidelberg – aber jetzt werde ich mich anstrengen! Es klappt nicht, je mehr ich mich anstrenge, desto kürzer werden die Stöße. Im Wettkampf rette ich schließlich mit 19,54 Meter ganz knapp den zweiten Platz. Ralf wird Deutscher Meister und stößt deutschen Rekord. Er ist zwar mein Freund, doch gerecht finde ich das nicht.

Aber in diesen Wochen registriere ich die sommerliche Wettkämpfschwäche nur mit Selbstbefremden, noch nicht mit der Verzweiflung späterer Jahre. Ich bin noch jung für einen Kugelstoßer, trainiere erst im fünften Jahr, und obwohl sich die Wettkampf-Blackouts häufen, bin ich schon fast bei 20 Metern angelangt. In Berlin habe ich, der große Bewunderer, sogar – außer Ralf – alle von mir früher heftig bewunderten deutschen Kugelstoß-Größen geschlagen. Das ist zwar neben meinem Bestleistungs-Oberziel Weltrekord nur eine Sekundärtugend, aber ich bin dennoch ein bißchen stolz.

Da kommt mir eine glorreiche Idee: Ich befinde mich zwar im Moment in Hochform und würde in einem der nächsten Wettkämpfe zwangsläufig 20 Meter stoßen, egal welche Selbstbefremdlichkeiten ich noch auf Lager haben sollte – aber warum kleckern, wenn man ein Klotz ist? Ich beschließe, die Saison vorerst zu beenden, eine Woche Erholungspause einzulegen und dann in einem Crashkurs ein superhartes Aufbautraining hinzulegen. Sechs Wochen später, kurz vor Ende der Wettkampfsaison, würde ich wieder auftauchen. Und wie. Ich denke nicht an popelige 20 Meter. Ich strenge mich sogar an, nicht an 22 Meter zu denken. Doch 21 Meter, nebenbei deutscher Rekord, sind ja wohl ein vernünftiges, fast bescheidenes Ziel. Es gelingt mir, dieses Ziel mit solch einer Wucht anzustreben, dass ich nach sechs Wochen völlig fertig bin. Zwar nehme ich seit zwei Wochen Dianabol, doch stoße ich kaum noch 17 Meter. Ich nehme es mir nicht krumm. Dann halt nächstes Jahr!

Dieses Jahr 1974 läßt sich gut an. Nach der üblichen langen Pause, in der ich das Nicht-Essenmüssen genieße, nach den langen, schönen, befriedigenden Herbst- und Wintermonaten, in denen ich mich ohne jede fremde Hilfe und ohne leistungsfördernde Medikamente, seien sie erlaubt oder nicht, im Training von knapp 15 auf achtzehneinhalb Meter hocharbeite, stoße ich deutschen Hallenrekord und gewinne bei den deutschen Hallenmeisterschaften überlegen mit 19,69 Meter. Angeblich werden in einem geheimen Test sechs von acht Endkampfteilnehmer der Meisterschaften positiv dopinggetestet. Ich sei auch darunter. So ein Quatsch! Ich bin seit sechs Monaten total “sauber”. Ein anderer, der zugibt, gerade erst “Stoff” genommen zu haben, soll dagegen dopingfrei sein. Mein Vertrauen in die Doping-Analytik wird nicht gerade gestärkt.

Da in Kürze Hallen-Europameisterschaften stattfinden, nehme ich mir vor, dort schon einmal anzudeuten, was im Sommer Sache sein wird. Zu diesem edlen Zweck lege ich, entgegen meiner winterlichen Gepflogenheit, mal schnell eine Dianabol-Kurzkur ein.

Wieder einmal Abschlusstraining in Heidelberg beim Bundestrainer. Werner staunt, wie stark ich bin. Ich stoße um neunzehneinhalb Meter weit. Aber warum knicke ich beim Ausstoß in der Hüfte gefährlich stark ab? Er wundert sich, ich wundere mich auch, denn das Abknicken in der linken Hüfte wird immer besorgniserregender, da scheint sich ein völlig neuer Fehler einzuschleichen. Zwar stoße ich weiterhin über 19 Meter, doch nun schmerzt jeder Stoß. Letzter Versuch. Ich nehme mir vor, 20 Meter zu stoßen, um bei den Europameisterschaften meinen jahreszeitlichen Ein-Meter-Bonus zulegen zu können. Das wären immerhin 21 Meter, eine ordentliche Zwischenstation auf dem Weg in die Sommer-Hochzeit. Im Ausstoß legt sich mein Oberkörper fast waagrecht über die linke Hüfte. Schmerz zuckt durch den unteren Rückenbereich, die Kugel fällt ungestoßen auf den Boden. Zum erstenmal in meinem Leben ziehe ich mir eine echte Sportverletzung zu. Aus ist es mit der Europameisterschaft. Nicht so wichtig, bin ich überzeugt. Erst im Sommer gilt es. Ich bleibe unverdrossen.

Doch durch das elendige Abknicken habe ich mir eine Verletzung der Lendenwirbelsäule eingehandelt, die nicht heilen will. Ich kann zwar Krafttraining absolvieren, aber nicht Kugelstoßen. Da nun die Zeit des erneuten Kraft-Aufbautrainings gekommen ist, mache ich mir zunächst keine Sorgen. Als ich jedoch nach sechs Wochen immer noch nicht stoßen kann, gehe ich erstmals freiwillig zu einem Sportarzt.

Der richtige Arzt gehört zu den wichtigsten Statussymbolen der Spitzensportler. Den Nimbus hebt es am meisten, wenn man zu den Patienten vom “Doc” in Süddeutschland gehört. Ich habe keinen Sportarzt. Ich gehe nie zum Arzt. Ich weiß, dass ich zur Hypochondrie neige. Gerade deswegen meide ich Ärzte und Krankenhäuser. Als ich in der Klinik die Abteilung vom “Doc” suche, schlendere ich angestrengt pfeifend über die Krankenhausflure. Seht her, ich bin gesund, mir geht es gut.

 

Wie es der Zufall will: Während der Überarbeitung dieses Textes wird wieder einmal die Doping-/Freiburg-/Klümper-/Fußball-Sache hochgeköchelt. Ich vermute, mein alter Text kann für Leser, die sich dafür interessieren, immer noch hilfreich sein. Wer in den folgenden Absätzen der “Doc” ist, dürfte keine Frage sein. 

 

Den Termin hat mir Werner besorgt. Ich kenne den “Doc” nicht. Dass ich sein Patient werden soll, werte ich als endgültigen Beweis, dass ich zu den Besten und Hoffnungsvollsten zähle. Zum Ritual des “Doc” gehört, dass man stundenlang warten muss, egal wie bekannt man ist. Erst vom Super-VIP-Status aufwärts – Staatssekretäre und Ministerpräsidenten, vielleicht noch der eine oder andere Olympiasieger – darf man auf eine gewisse zeitliche Bevorzugung hoffen. Nach dreieinhalbstündiger Autofahrt sitze ich pünktlich morgens um halb acht im Wartezimmer, das ein Krankenhausgang ist, auf dem in regelmäßigen Abständen offensichtlich schwerkranke ältere Patienten zur Bestrahlung herbeigerollt werden. Abends um halb sieben bin ich an der Reihe. Der “Doc” gibt mir die Hand. Ein liebenswürdiger, immer ein wenig abwesend, fast zerstreut wirkender Mann, der aussieht wie ein Sechzigjähriger. Alles falsch, außer der Liebenswürdigkeit: Der “Doc” soll erst um die 40 sein, und er ist nicht zerstreut, sondern verblüffend präsent. Er merkt sich alles, vergisst nichts. Er liebt seine Patienten wie sie ihn, er hasst seine Feinde wie sie ihn. Von beiden hat er mehr als jeder andere Sportarzt in Deutschland.

Ich schildere ihm, wie es zu meiner Verletzung kam. Ich muss die Bewegung vormachen. Den Schmerz kann ich nur vage benennen, aber nicht auf den Punkt lokalisieren. Der “Doc” tastet die Lendenwirbelsäule ab, seine Hände flattern wie eine Wünschelrute, plötzlich bohrt er einen Finger in meinen Rücken. Ich schreie auf. Er hat den Punkt haargenau getroffen. Seit diesem Zeitpunkt gehöre ich zu den Anhängern und Bewunderern des “Doc”. Ich lerne, dass es auch unter den Ärzten, wie im Sport, Kreismeister und Weltmeister gibt. Der “Doc” ist ein Weltmeister.

Auch Weltmeister haben ihre dunklen Seiten, auch beim “Doc” wird mich in Zukunft manches irritieren. Aber ganz gewiss ist er in seiner Disziplin kein Kreis-, sondern ein Weltmeister.

Nach diversen Röntgenaufnahmen, Bestrahlungen und Spritzen erhalte ich den Auftrag, trotz der späten Stunde noch zum Kugelstoß-Training zu gehen und morgen Bericht zu erstatten. Morgen? Ich soll nicht nach Hause fahren, sondern mir ein Zimmer nehmen. Stolz und hektisch meldet der neue Patient des “Doc” die unvorhergesehene Komplikation nach Hause.

Beim abendlichen Kugelstoßtraining schmerzt die linke Hüfte zunächst wie gewohnt, auch die leidige Blockade ist nicht besser geworden. Nach einigen Stößen blubbert es in der Lendenwirbelsäule, der Schmerz ist weg, die Blockade verschiebt sich auf die rechte Seite. Beim nächsten Stoß rollt die Blockade nach links, beim nächsten löst sie sich in Wohlgefallen auf. Ich bin wieder fit, “Doc” sei Dank!

Auf den “Doc” lasse ich nichts kommen, obwohl sich im Lauf der Jahre Handlungen und Äußerungen häufen, die mich mehr und mehr stutzen lassen. Meine Anabolika-Dosierung werde ich erhöhen.

Zwar bleibe ich im Winter “sauber”, doch mit jeder enttäuschten Sommer-Hoffnung nehme ich ein paar Milligramm mehr. Schließlich hat der “Doc” versichert, dass 50 Milligramm pro Tag eine völlig unbedenkliche Dosierung seien, erst ab 100 Milligramm täglich müsse man aufpassen. Rezepte für Dianabol stellt er wie selbstverständlich aus. Ich nehme sie gerne, da sich mein früherer Heidelberger Freundeskreis langsam auflöst.

Ich nehme weder 100 noch 50, aber immerhin bisweilen bis zu 30 Milligramm, zwar nur wenige Tage lang, aber mit großen hypochondrischen Bedenken. Ich leide plötzlich unter den unterschiedlichsten Krankheiten, die angeblich durch Anabolika verursacht werden können. Man wird durch Anabolika impotent? Ich bin’s. Am nächsten Tag lese ich: Anabolika verursachen sexuelle Raserei. Ich rase. Das Herz wird schwer geschädigt? Ich kontrolliere alle fünf Minuten meinen Puls und stelle besorgniserregende Rhythmusstörungen fest. Leber? Niere? Darm? Mir bricht vor Angst der Schweiß aus, was ich ebenfalls als besorgniserregendes Zeichen werte: schwere Stoffwechselstörungen. Nur eine Nebenwirkung stelle ich leider nie fest: Wer Anabolika nimmt, wird bösartig aggressiv, sagt man. Ach wär´ das schön! Nur einmal im Wettkampf bösartig aggressiv sein, wilden Blickes herumstampfen, die Kugel als gehasstes Objekt betrachten, an dem man die Aggression ausläßt – der Weltrekord gehörte mir.

An manchen Abenden komme ich als letzter Patient an die Reihe und sitze danach allein mit dem “Doc” im Behandlungszimmer. Er klagt über seinen endlosen Kampf mit Universität und Krankenkassen. Überall Nichtskönner und Bürokraten. Der “Doc” deutet auf ein Aktenregal: “Wenn die Kassen an diese Ordner rankommen, machen sie mich fertig.” Er kümmert sich nicht um universitäre Winkelzüge, nicht um pflegliche Behandlung von Kassenvertretern. Der “Doc” macht, was er will, und er will in jedem Fall seinen Patienten helfen. Solange diese zu ihm halten und ihm blind vertrauen, nimmt er allen Ärger mit Universitätsverwaltung, Kassenrevisoren, missgünstigen Ärzten und inkompetenten Journalisten nicht nur gerne in Kauf, sondern sucht ihn sogar.

Ich sage ihm: “Manchmal kommen Sie mir vor, als reißen Sie Ihr Hemd auf, stellen sich den Dolchen Ihrer Feinde entgegen und schreien: ‘Bitte, stoßt nur zu!’” Das Bild gefällt dem “Doc”.

Manchmal läuft der “Doc” an solchen Abenden bei viel Kaffee, Zigaretten und etwas Cognac (ich mag nichts davon) zu großer Form auf. Er schießt verbale Breitseiten gegen den anderen prominenten Sportmediziner seiner Klinik ab, der seinen Kollegen ebenso innig liebt, aber bei passender Gelegenheit mit dem Florett zurückzustechen pflegt, während der “Doc” den Vorschlaghammer schwingt. Dieser Kollege des “Doc” berichtet mir später süffisant von einem Bundesliga-Fußballtorwart, der wegen einer Anabolika-Spritze des “Doc” eine längere “Verletzungspause” einlegen musste. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich aber schon aus eigener Erfahrung, dass der “Doc” manchmal zu weit geht. Eines Tages entdecke ich zufällig, dass eines der rezeptierten Medikamente einen zwar schwachen, aber immerhin anabolen Wirkstoff beinhaltet. Der “Doc” hat mir nichts davon gesagt. Es seien harmlose Substitutionsmittel. Möglicherweise sind sie wirklich harmlos, aber wenn ich das Mittel genommen und zu einem Wettkampf mit Dopingkontrolle angetreten wäre . . .

Der “Doc” kümmert sich. Für seine Patienten tut er alles. Je enttäuschender meine Leistungsentwicklung verläuft, desto intensiver suche ich seine Hilfe, da ich die Gründe für die Stagnation überwiegend in kleineren Verletzungen und Zipperlein suche. Aber ich lasse mich nur akut behandeln. Wenn es mir wieder gut zu gehen scheint, vermeide ich Besuche beim “Doc”. Auch die Multi-Medikamentierung mache ich nicht mit, um vor mir selbst den Schein der Unabhängigkeit zu wahren, des Einzelkämpfers, der keine fremde Hilfe nötig hat.

Anabolika klammert mein Ich dabei aus, aber mein Über-Ich bleibt wachsam und straft mich immer wieder ab. Das Ritual des Hilfesuchens beim “Doc” mit anschließender Betonung der Eigenständigkeit veranlasst ihn zu rührend besorgten, aber gleichzeitig auch besorgniserregenden Briefen wie diesem: “Obwohl ich seit Juli von Ihnen nichts mehr gehört habe, lässt mir die Situation Ihrer unteren LWS keine Ruhe. Wie das derzeitige subjektive Empfinden ist, weiß ich nicht; die objektive morphologische Veränderung bedarf jedoch mit Wiederaufnahme des Trainings sicher einer gezielten vorbeugenden Maßnahme, damit Sie nicht wieder in die gleiche Situation wie im Juli hineinkommen. Ich schicke Ihnen mit gleicher Post Rezepte über verschiedene Medikamente. Irgendwelche Nebenwirkungen sind sicher nicht zu erwarten. Ich möchte Sie bitten, folgenden Plan einzuhalten: Morgens und abends 1 Dragee DH 112-Holzinger, täglich 3×1 Kapsel Spondylonal, täglich 2×1 Kapsel Xobaline, täglich 3×1 Dragee Dona 200 S Retard und täglich 3×15 Tropfen Lymphdiaral; bei auftretenden Beschwerden bis zu 3×1 Tablette Arlef 200 zu den Mahlzeiten. Als begleitende Maßnahmen sollten jetzt durchgeführt werden: Täglich 3×1 Kapsel Inzelloval, täglich 2×1 Trinkampulle Frubiase calc. 100, 1 Stunde vor dem Training 1 Dragee Inosin comp., morgens 2 Dragees Phoselit, mittags 1 Dragee Phoselit, täglich 2×1/2 Meßbecher Ferlixir triplex, täglich 3×1 Dragee B 15 Kattwiga und nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen 1 Dragee Inosin cardiacum. Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen Ihr . . .”

Auf das Pillen-Bombardement verzichte ich. Von anderen weiß ich, dass sie diese und andere Medikamente regelmäßig und in größerer Quantität einnehmen. Nachdenklich stimmt mich auch, dass der “Doc” bei mir nach mehrjähriger Behandlung plötzlich einen angeborenen Becken-Schiefstand diagnostiziert. Wenn dieser ausgeglichen werde, würde meine Leistung wieder steil ansteigen. Ich bin begeistert und tue, was der “Doc” empfiehlt: Ich lasse die linke Sohle an allen meinen Schuhen um einen halben Zentimeter erhöhen. Das geht nicht auf Rezept, ich muss selbst bezahlen. Da ich alle meine Schuhe kostenlos von einer Sportartikelfirma bekomme, halten sich die Kosten in Grenzen.

Nach kurzer Zeit sind alle Schuhe umgerüstet. Ich komme mit den ungleichen Höhen nicht gut zurecht. Von Leistungsverbesserung keine Spur. Als ich langsam feststelle, dass immer mehr Patienten vom “Doc” links oder rechts erhöhte Schuhe tragen, werfe ich meine ungleichen Paare in den Müll und decke mich bei meinem Ausrüster völlig neu ein, mit ganz normalen Schuhen. Trotz aller Verklärung meines verehrten Arztes fühle ich mich als Opfer einer Marotte.

Für manch einen Sportler bleibt es eine Art Statussymbol, vom “Doc” verschieden hohe Sohlen verordnet zu bekommen. Zu einem anderen Zeitpunkt verschreibt mir der “Doc” nach einem “Hexenschuß” ein sündhaft teures Medikament, das die Krankenkasse bezahlen soll. Eine kleine Schachtel kostet 300 Mark. Die Pillen bestehen aus dem Extrakt einer exotischen Pfahlmuschel. Auch darauf verzichte ich und bin zudem unangenehm berührt.

Später, aber erst nach meiner Sport-Laufbahn, breche ich den Kontakt zum “Doc” gänzlich ab. Bei meinem letzten Besuch weiht er mich unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein, dass er Multiple Sklerose heilen könne. Es müsse aber unter uns bleiben, da ihm sonst die ganze Welt die Bude einrennen würde. Rund um seine Privatalambulanz – mittlerweile hat der “Doc” die Uniklinik verlassen und seine eigene Heilstatt gebaut – würde eine riesige Zeltstadt entstehen, das wolle er sich nicht zumuten.

Der “Doc” baut eine Wagenburg und kämpft mit seinen Getreuen als der Beste von allen gegen die Inkompetenz der heuchlerischen Welt, gegen Neid und Missgunst. Manchmal scheint es mir, als erschaffe er sich eine ebenso irrationale Welt wie ich mit meinem Kugelstoßen. Manchmal, wenn ich von neuen “Skandalen” höre, die auch mir unbegreiflich bleiben, denke ich auch: Jetzt knallt er durch.

Trotz aller Irritationen bleibe ich als Kugelstoßer treu und fest an der Seite des “Doc”. Ein Mann wie er ist mir tausendmal lieber als alle mächtigen Moralapostel, die mit dem einen Beschluss Doping ächten, mit dem anderen fordern und fördern. 1976 werden sich diese Heuchler austoben, mit mir als einem von vielen Opfern.

Obwohl ich immer stärker und schwerer werde, verbessere ich im Jahr 1974 erstmals nicht meine Kugelstoß-Bestleistung. Dass ich mich im Wettkampf enttäusche, seit ich Anabolika nehme, ist mir bis dahin nicht aufgefallen. Für die Experten gelte ich wenigstens noch als hoffnungsvolles Talent. Dass ich seit Inanspruchnahme sportmedizinischer Betreuung, mit der eine Erhöhung der Anabolika-Dosierungen einhergeht, auch aus Sicht der Fachleute immer krasser versage und bald als hoffnungsloser Fall gelte – der Zusammenhang wird mir künftig ebenfalls nicht bewusst.

Angefangen habe ich als Einzelkämpfer. Unabhängig, ehrlich, ohne Trainer, ohne Betreuer, ohne Pillen und ohne Ärzte katapultierten Ehrgeiz und Begeisterung die Leistung in die Höhe. Aber seit ich meine sportliche Unschuld verliere, treibt mich das unbewusste Schuldbewusstsein in immer groteskere Versagenssituationen. Nun habe ich die Unschuld endgültig verloren, und je mehr ich strample, desto tiefer sinke ich. Bei der Nominierung für die Europameisterschaften in Rom steht mein Name nicht einmal auf der Kandidatenliste. Ralf wird Vizeeuropameister. Wir bleiben Freunde, aber als Kugelstoßer trennen sich unsere Wege. Er gilt bis zum Schluss als hoffnungsvolles Talent, von dem sich die deutsche Leichtathletik Rekorde und Medaillen verspricht. Mich nimmt man nicht mehr wahr.

Nicht, dass es mich gestört hätte. Da ich die Realität nicht anerkenne, glaube ich weiterhin an eine Wiederholung der Leistungsexplosion von 1969/70. Die scheinbar logische Konsequenz: Ich kündige trotz sportfreundlicher Fürsorge des Ressortleiters meine Stelle als Sportredakteur und werde Kugelstoß-Profi, allerdings mit sehr amateurhaften Leistungen und ohne Verdienst. Ich bekomme ein paar Mark Sporthilfe. Dass dies ein recht ungewöhnlicher Schritt ist, wird mir nicht bewusst. Ich solle wenigstens freiwillig “kleben”, wird mir empfohlen. Ich erkundige mich, was das bedeutet, und verzichte, da ich mir freiwillige Rentenbeiträge nicht leisten könnte. Außerdem: Ich denke an Weltrekord, nicht an Rente. Der Weltrekord liegt nah, die Rente fern.

Ich melde mich nicht arbeitslos. Dass ich als Arbeitsloser Geld vom Staat bekäme, weiß ich nicht; auch nicht, dass es segensreiche Erfindungen wie Sozialhilfe gibt. Ich bin schließlich nicht arbeitslos, bin kein Sozialfall, sondern ein Kugelstoßer, für den als Pionier der menschlichen Leistungsfähigkeit andere Gesetze gelten, auch andere Sozialgesetze.

 

Kann man wirklich so weltfremd sein? Den Beruf und alle materielle Sicherheit aufgeben, auf Arbeitslosengeld verzichten, nur um eine Kugel so weit wie möglich zu stoßen? Heute kann ich es kaum glauben. Ein Blick auf meinen  Rentenbescheid mit den zwei fehlenden Jahren beweist mir aber das kaum Glaubliche.

 

Ich steigere noch einmal den Trainingsaufwand. In den Aufbaumonaten trainiere ich bis zu sechs Stunden täglich im Kraftraum, den ich in einem Schuppen neben dem Haus in einem Dorf zwischen Gießen und Wetzlar eingerichtet habe, in dem ich seit meiner Rückkehr aus Heidelberg lebe. Ich brauche nur eine Hantel, zwei Ständer, eine Bank und viele Gewichtscheiben. Das reicht für das Krafttraining. Alles andere ist für mich Fitnessstudio-Firlefanz für Friseusen.

Die Hälfte der Trainingszeit, oft sogar noch mehr, brauche ich für das Bankdrücken. Die anderen Übungen – Reißen, Umsetzen, Kniebeugen, Sit-Ups – gehören zum ungeliebten Pflichtprogramm. Da mein Brustkorb von Natur aus zwar breit, aber flach ist, ich zudem relativ lange Arme habe und die Hantel mit engem Griff – der Kugelstoß-Bewegung folgend – nach oben drücke, sind meine Bankdrückleistungen nicht mit denen von Bodybuildern zu vergleichen, die die Hantel auf ihren gewaltigen Brustkorb legen, mit weitem Griff drücken und daher mit der Hantel einen deutlich kürzeren Weg zurücklegen. Als ich auf meine Art 240 Kilogramm hebe, weiß ich, dass dies auf der ganzen Welt nur wenige Athleten schaffen, seien es Kugelstoßer, Diskuswerfer, Bodybuilder oder Gewichtheber.

Ich bin stolz darauf, obwohl kaum jemand weiß, wie stark ich bin. Ich denke an die 70 Kilogramm im Beton-Bassin der Goldfischteichhalle. Ich bin weit über mich hinausgewachsen. Wie schön.

Um von 150 Kilogramm im Herbst auf 240 Kilogramm im Sommer hochzukommen, muss jede Trainingseinheit genauestens geplant und strikt eingehalten werden. In der ersten Phase, zwei, drei Monate lang, hebe ich täglich in zwei Trainingseinheiten je zehn mal fünfmal hintereinander ein Gewicht, das so schwer sein muss, dass ich die fünfte Wiederholung mit letzter Kraft schaffe. Wenn ich 2 x 10 x 5 x 175 Kilogramm schaffe, ist das Aufbautraining beendet. Ich wechsle zum Pyramidensystem über, mache weniger Wiederholungen, aber mit höheren Gewichten, und dies nicht mehr zweimal, sondern nur noch einmal täglich. In den Wettkampfwochen hebe ich nur noch vier- bis fünfmal in der Woche, stets mit den höchstmöglichen Gewichten, wenigen Wiederholungen und häufigen Rekordversuchen.

Dabei kommt es in der Einsamkeit meines Kraftschuppens zu dramatischen Szenen. Häufig misslingt ein Rekordversuch, ich liege unter der 242,5 Kilogramm schweren Hantel auf der Drückerbank, fast fünf Zentner lasten schwer auf meiner Brust, und ich rolle die Last zentimeterweise, vergeblich nach Luft schnappend, unter hektischen Zappelbewegungen der Beine über Brust, Bauch und Becken auf die Oberschenkel ab. Erst dann kann ich mich aufsetzen und mich mit einer letzten Kraftanstrengung von der Hantel befreien.

Ich will nicht wahrhaben, dass dies lebensgefährliche Situationen sind. Ich genieße sie fast wie einen gelungenen Rekordversuch. Tags darauf bilden sich auf meinem Körper großflächige, tiefblaue Blutergüsse, die sich über die Brust, rund um den Bauchnabel, die Leiste und die Oberschenkel ziehen. Ich trage die Blutmale wie Kriegsauszeichnungen.

Einmal lasse ich die Hantel auf die Brust herunter, und in dem Moment, in dem ich zum Drücken ansetze, schießt ein dünner Blutstrahl aus meiner Nase bis an die Decke des Schuppens. Es tut nicht weh und ist sofort vorbei. Kein Nasenbluten, nur ein dünner, schneller, hoher Blutstrahl. Wenn ich den Blutfleck an der Decke sehe, fühle ich das Gefühl, das ich ganz am Anfang meiner Kugelstoßer-Laufbahn herbeigesehnt hatte: Ich bin ein Pionier, bewege mich jenseits bekannter Grenzen, ich erobere weiße Flecken auf der Landkarte des Lebens, die andere nie erreichen werden.

Außerhalb des Schuppens gibt es gottlob keine weißen Flecken.Man sorgt und kümmert sich um mich. Der tollkühne Abenteurer hat viele bequeme Basislager. Sie heißen Familie, Verein oder Verband. Nur im Kraftschuppen und im Kugelstoßring bin ich alleine. Dort will ich es sein. Nur dort fühle ich mich als der Pionier, der seine Grenzen und die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit überhaupt immer weiter in immer unbekanntere Gebiete hinausschiebt.

Beinahe sterbe ich den Pionier-Tod. Bei einem Bankdrück-Rekordversuch gebe ich nicht rechtzeitig auf. Ich drücke und drücke verbissen, die Hantel zittert fünf, zehn, vielleicht mehr Sekunden lang kurz vor Vollendung der Hochstrecke. Ich will es schaffen, ich muß es schaffen. Mir wird rot vor Augen, dann schwarz, ein dumpfer Ton hallt in meinem Schädel, mir schwinden die Sinne, ich werde ohnmächtig.

Als ich die Augen aufschlage, liege ich auf dem Boden, links neben mir steht die Drückerbank. Über mir hängt die 242,5-Kilogramm-Hantel, das rechte Ende am Boden, das linke liegt auf der Bank. Ich muss in der beginnenden Ohnmacht heruntergerutscht sein, dabei aber weiter gedrückt haben und die Hantel in einem günstigen Winkel auf Boden und Bank sinken lassen, so dass die Bank nicht umstürzte und das Gewicht der Hantel mich daher nicht zermalmen konnte.

Ich denke nicht daran, dass ich dem Tod von der Bank gesprungen bin. Ich genieße das Grenz-Erlebnis und nehme mir vor: Morgen schaffe ich die 242,5 Kilogramm! Und heute hänge ich noch fünf Fünferserien mit 200 Kilogramm dran.

 

Ich erlebe die Extreme wie in einem Film. Dreidimensionales Kino, mit mir als Hauptdarsteller. Wie in Träumen, in denen man weiß, dass man träumt, schaue ich mir interessiert zu.

Der Blutfleck an der Decke, die Ohnmacht unter fünf Zentnern Eisen: spannende Unterhaltung, aber nicht bedrohlich. Alles nur mein ganz privater, eigener Kinofilm. Manche Rahmenhandlung fasziniert mich. Immer öfter treffen Ralf und ich uns in Berlin, seiner Heimat, und trainieren gemeinsam. Zu dieser Zeit werden wir als die beiden einzigen bundesdeutschen Kader-Kugelstoßer geführt. Es gibt einen Jahres-Lehrgangsetat für das bundesdeutsche Kugelstoßen, aus dem wir unsere Trainings-Treffen in Berlin finanzieren. Der Bundestrainer ist selten dabei. Wir sind autark. Das förderungswürdige deutsche Kugelstoßen besteht nur aus Ralf und mir. Wir organisieren alles selbst, planen unser Training unbeeinflusst von Sportfunktionären. Wir sind mündige Athleten und fühlen uns anderen Sportlern hoch überlegen, die sich von Trainern und Funktionären gängeln lassen.

Wir machen, was wir wollen. Niemand kontrolliert uns. Nach dem Abend-Training ziehen wir “um die Häuser” . Vor allem die kleinen und großen Gangster lieben uns. Wir haben die Figur und das körperliche Gewaltpotenzial, die sie gerne hätten, aber weder mit Geld kaufen noch sich aus eigener Kraft erarbeiten wollen oder können. Zudem sind wir völlig harmlos, keine Kiez-Konkurrenz. Nur große, starke Teddybärchen. Pitbulls der siebziger Jahre, allerdings garantiert nicht bissig.

Es vergeht kaum eine Nacht, ohne dass mich einer zur Seite nimmt und meine künftige Karriere plant: “Ein paar Aufbaukämpfe, dann gehen wir in die USA. Schau dich doch bloß mal an, du bist größer, stärker und schneller als Ali. Den haust du doch aus dem Ring.” Selbst Größen der Berliner Szene kriegen leuchtende Augen, wenn sie meine und ihre Zukunft vor Augen sehen. Ich fühle mich geschmeichelt. Im Gegensatz zu meinen Managern in spe verstehe ich zuviel vom Sport, um diese Schwadroniererei auch nur ansatzweise ernst zu nehmen, aber ich lehne mich amüsiert in meinem Kinosessel zurück und schaue und höre mir diesen Film gerne an. Und nebenan redet ein anderer das gleiche Zeug auf Ralf ein. Irgendwann müssen wir beiden frühen Klitschkos, trotz (Bluts-)Brüderschaft, wohl gegeneinander um die Schwergewichts-Weltmeisterschaft boxen.

Andere begnügen sich vorerst mit ideeller und materieller Förderung des Kugelstoßens. Die materielle wird leider nur angekündigt, nie sehe ich einen Pfennig der versprochenen privaten Sporthilfe. Einmal hoffe ich auf einen Großsponsor. H., der aussieht wie ein farbloser, leicht schmieriger kleiner Beamter, verspricht mir ab sofort monatlich ein paar Tausender. Wir sitzen in geselliger Runde in H.’s Bar. Hinter dem Tresen schaltet und waltet eine betonhart hochtoupierte Blondine, assistiert von einem Wirtschafter. H. redet auf mich ein. Ich höre aufmerksam zu, was jener Mann zu meinem sportlichen Fortkommen zu sagen hat, der in den fünfziger Jahren mit seiner “Pension C.” an einer der aufsehenerregendsten Polit- und Spionageaffären der jungen Bundesrepublik beteiligt war.

Hanne stößt mir in die Seite, winkt verächtlich ab. “Hör nicht auf ihn. Der hat Probleme.” Hanne, Bruder der legendären Unterwelt-Größe K., ist eifersüchtig auf H., der ihm die Aufmerksamkeit seines Teddybärchens abspenstig macht. “Nichts gibt’s mehr von dem”, flüstert Hanne mir ins Ohr. Warum? “Kiek mal da”, Hanne deutet verstohlen zum Tresen, und ich sehe mörderisches Funkeln in den Augen der Beton-Blonden und des Wirtschafters, die H. nicht aus ihren bitterbösen Blicken lassen.

Die Blonde ruft nach H., der verärgert aufsteht und nach hinten geht. Ich achte nicht mehr auf den entgangenen Sponsor, denn um mich herum geschehen amüsante Dinge. Ich lehne mich im Kino-Sessel zurück und versuche, mir nichts entgehen zu lassen. Was schwierig ist, da Hanne seine Liebe zu mir entdeckt hat und mich in ein stundenlanges Gespräch verwickelt, das erst morgens kurz vor sechs enden wird. Zum Glück besteht das Gespräch darin, dass Hanne pausenlos auf mich einredet und ich nach jedem dritten Satz verständnisvoll nicke. Hannes Standard-Satz: “Verstehst du, was ich meine?”

Bei dieser Art Konversation kann ich meine Aufmerksamkeit anderen Szenen zuwenden. Der bullige Otto, auch ein bunter Berliner Hund, später in Bau-Skandale verwickelt, lacht dröhnend, greift einem kleinen Mann, der ihn hingebungsvoll anschaut, mit zwei Fingern zärtlich an die Nase – und dreht sie mit einem laut knirschenden Geräusch kräftig um 180 Grad. Alles wiehert, das Männchen schreit heulend auf, stürzt hinaus, kommt aber schon Sekunden später leise mitwiehernd zurück. Otto drückt ihm einen Schmatz auf die Stirn. Ich verstehe, dass es auch noch eine andere Art von Teddybärchen gibt. Hanne hat sich vor Lachen verschluckt, geht auf die Toilette, versichert mir aber, dass er gleich wieder zu mir zurückkomme. Mit mir könne er sich viel besser unterhalten als mit den anderen Typen hier.

Ein persischer Zuhälter nutzt die Chance, nimmt mich in Beschlag und drängt mich, seine neueste Errungenschaft kostenlos zu testen. Die Dame steht daneben und lächelt still vor sich hin. Ich lehne überschwenglich dankend ab, weiß aber nicht, wie ich es begründen soll, ohne den Herrn zu beleidigen. Hier ist es so spannend und unterhaltsam, da will ich mich nicht in ein Hinterzimmer abschieben lassen. Hanne enthebt mich aller Sorgen, als er zurückkommt, funkelt er den Perser böse an. “Dann halt morgen”, droht dieser, ich stimme dankbar zu, die Dame lächelt immer noch still vor sich hin.

Am Nebentisch wehrt sich Ralf mit Händen und Füßen gegen ein ähnliches Angebot. Eine großbusige Klassefrau bedrängt ihn, will, dass er mit ihr nach Hause geht. Ralf will nicht, ich verstehe ihn. Warum die Party verlassen, wenn es so richtig gemütlich wird? Aber etwas freundlicher könnte er seine Ablehnung ausdrücken, meine ich, Ralf ekelt sich ja fast. Und warum haben alle ihren Spaß dabei? Sie feuern die Dame an, ergötzen sich an Ralfs Abwehr. Hanne sieht meinen fragenden Blick und klärt mich auf. Frauen mit großem Busen haben nicht immer die primären weiblichen Geschlechtsmerkmale, die man sich vorstellt. Jedenfalls nicht hier.

Gegen drei Uhr löst sich die Runde auf. Ralf, Hanne und ich verlassen H.’s Bar. Ich sehe H. nur einmal wieder – vierzehn Tage später, als halbverbrannte Leiche auf dem Titelblatt der Bild-Zeitung. Ich denke an Hannes Voraussage: “Nichts gibt’s mehr von dem.” Der Mord wird nie aufgeklärt. Und ich denke an die mörderischen Blicke der Betonblonden und des Wirtschafters. Angeblich wurden beide verhaftet, aber schnell wieder freigelassen. Keine Beweise. “Verstehst du, was ich meine?”

Wir gehen in den Spiel-Klub vom Roten Paul. So ähnlich heißen hier alle. Der Rote Paul ist ein Freund von Kutte Bauch, Kutte ist ein Freund von Ralf, Ralf heißt hier Ralf die Gießkanne, weil er beim Seven-Eleven den Würfelbecher wie eine Gießkanne handhabt, und an der Tür hält Pistolen-Manne eiserne Wacht. Er sieht aus wie die Karikatur eines Kriminellen in Filmen der schwarzen Hollywood-Serie: weißer Anzug, schwarzes Hemd, weißer Schlips, schwarzer, breitkrempiger Hut, Halfter mit Inhalt unter dem geöffneten Jackett. Pistolen-Manne wird wegen Mordes gesucht, aber nicht sehr intensiv, denn die Polizei weiß angeblich, dass er hier arbeitet, lässt jedoch heute nacht mit einer gewaltigen Razzia einen anderen Spielklub auffliegen. Dieser Klub hier ist sicher, denn im Berlin jener Jahre weiß man so etwas sehr genau.

Nichts los beim Roten Paul. Auf in den nächsten Klub. Immer die gleiche Szenerie: unauffälliges Geschäftshaus, nächtliche Fahrstuhlfahrten in einsam-hallende obere Stockwerke, Klingeln an einer Tür ohne Namensschild, irgendein Pistolen-Manne öffnet vorsichtig, lächelt breit, begrüßt die Jungs mit ihren menschlich-harmlosen Pitbulls, führt uns formvollendet wie ein britischer Butler ins Paradies, in dem willige Damen, jede Menge Champagner und dicke Davidoffs auf die Spieler warten, die zunächst nur Augen für den Roulette-Kessel haben.

Ralf blickt schon sorgenvoll auf die Uhr, er denkt ans Morgen-Training, ich nicht. Aber er ist kein Spielverderber. Ich häufe Berge von Chips vor mir auf. Wie fast immer habe ich in geduldigem, überlegtem Spiel, langsam steigernd auf einfache Chancen setzend, einen bemerkenswerten Gewinn angehäuft, den ich mit dem Ellbogen vor neugierigen Blicken zu schützen versuche. Ich bin zweitausend Mark vorne! Eine für mich enorme Summe, mit der ich mich aber nicht zufrieden gebe. In einem scheinbar unbeobachteten Moment schiebe ich mein ganzes Chips-Gebirge auf Rot, versuche krampfhaft, mit dem Ellbogen diese spektakuläre Aktion zu tarnen. Aber alle haben schon darauf gewartet, und wer mich noch nicht kennt, den macht Ralf mit quiekenden Schreien und ausgestrecktem Arm aufmerksam. Ein wahrer Freund.

In diesem Moment, der sich im Lauf der Jahre dutzende Male wiederholt, weiß ich mit aller Bestimmtheit, dass die Kugel auf einer schwarzen Zahl landen wird. Alles ist verloren, alle juchzen, denn ich habe wieder einmal alle Erwartungen erfüllt.

Erst danach erfüllt Ralf echte Freundespflichten. Er wehrt, gegen meine erbitterten Proteste, alle gut oder schlecht gemeinten Versuche ab, mir Kredit zu gewähren, indem er jede Verantwortung für meine spätere Zahlungsfähigkeit und vor allem Zahlungswilligkeit ablehnt. Manchmal schenkt mir der Spielveranstalter, Kutte Bauch, der Rote Paul oder wer auch immer, ein paar Chips, die ich wieder zu einem kleinen Berg anhäufe und erneut komplett verliere. Ich weiß, dass ich nie gewinnen kann, denn wenn ich einmal meinen Chips-Haufen verdoppele, lasse ich ihn auf dem Feld stehen und verliere alles in der nächsten Runde. Parallelen zum Kugelstoßen fallen mir nicht auf.

 

Anfang 2014 kam eine Mail:
“Ich bin Christian aus Berlin und war mit Ralf befreundet. Wir sind uns beide auch schon dreimal über den Weg gelaufen: in einem Kommerz von Kutte B. in der Konstanzer Straße in Berlin, bei der Eröffnung des RET und auf der Beerdigung. Gestern bin ich zufällig in der Bergstraße in Berlin-Steglitz gelandet und war seit langer Zeit mal wieder am Grab von Ralf. Ein Wahnsinn, wie die Zeit vergeht… Noch heute stelle ich mir in mancher Situation Ralfs  Reaktion vor. Wir konnten gut zusammen lachen, aber uns auch gegenseitig in den Wahnsinn treiben. Ich zog ihn gerne mit seinem Umfeld auf, die “Glatten”, wie ich sie nannte, die solarium-gebräunt, blond-gesträhnt und  aufgepumpt jeden Tag im CAFÉ NEW YORCK in der Lietzenburger Straße in der Sonne saßen. B-Promis und Halbwelt garniert mit Barbies und Selikon-Tussen. Ralf war immer pünktlich und gut organisiert, ich in allem  ein wenig lässiger. Er konnte aus seiner etwas verkrampften Haut nicht raus und ich nahm manche Dinge etwas zu locker. Ich glaube, jeder von uns hatte Momente, in denen er gerne ein  bisschen wie der andere gewesen wäre. Jedenfalls waren wir mehr, als nur verlässliche Geschäftspartner. Sein Tod hat mich damals ganz schön aus der Bahn geworfen und ich habe Jahre gebraucht darüber hinweg zu kommen. Irgendwann bin ich im Internet zufällig auf den Anstoss und  ‘Sport-Leben’ gestoßen. Obwohl du dort ja in erster Linie deine Sportkarriere beschreibst, hat mir der Text damals Ralf wieder sehr nahe gebracht, dafür war und bin ich dir dankbar. “

 Nach meiner Antwort (ich konnte mich nur sehr vage erinnern) mailte Christian S.:

Ich glaube nicht, dass du mich jemals wirklich wahrgenommen hast, aber ich kenne dich natürlich von Ralfs             Erzählungen und weiß, dass du neben R. der wichtigste Mensch in seinem Leben warst. Bei Kutte B. warst du am Glühen, bei der Eröffnung vom RET saßt du am Tresen und hast nur kurz über die Schulter geschaut, als wir uns vorgestellt wurden. In Ralfs Sportlerkreisen war ich mit meinen 182 cm und meinem  undisziplinierten Lebenswandel eine eher unbedeutende Größe…Ein Gedanke lässt mich nicht los. Einen Tag vor seinem Tod war ich mit Ralf wie so oft mittags zum Essen beim Chinesen am Bundesplatz. Das Gespräch nahm einen etwas merkwürdigen Verlauf. Unsere Verabschiedung verlief auch anders als sonst. Auf halbem Weg zu seinem Wagen drehte er sich, sehr ungewöhnlich, nochmal  zu mir um und hob zum Gruß seinen Arm. Ich weiß natürlich, dass uns unser Gehirn gerne mal einen Streich spielt und dass Erinnerungen verwischen können. Aber ich habe im Nachhinein den Eindruck, als sei dies ein geplantes Abschiedsessen gewesen. Irgendwie lässt mich dieser Gedanke nicht los, obwohl es eigentlich bedeutungslos ist und auch nichts ändert. Er fehlt mir immer noch.”

Aufgewühlt von den Erinnerungen schrieb Christian S. ein drittes Mal:

“Ralf war für mich wie ein großer Bruder, allein das Wissen um seine Existenz hat mir Kraft und Sicherheit gegeben. Was die moralischen Ansprüche an uns selbst und unserem Umfeld gegenüber betrafen, waren wir deckungsgleich. Wir brauchten keine schriftlichen Verträge. Was wir absprachen galt, unabhängig, welche Konsequenzen sich daraus ergaben. Und wir waren immer im gleichen Maße überrascht und irritiert, wenn andere Menschen diesem Zwang offensichtlich nicht unterlagen. Mein Leben hat sich nach seinem Tod dramatisch verändert, ich war jahrelang wie gelähmt. Aber ich kann nicht nur diesem Ereignis meine weitere Vita anlasten. Es liefen zeitgleich einige Dinge aus dem Ruder und so sind die Dinge heute, wie sie sind… Ich habe ihn unfreiwillig beerbt. Als ihm die Polizei zu sehr auf den Fersen war, hat er die “Medikamente” und das “Metall” bei mir deponiert. Die Ampullen hat er irgendwann wieder abgeholt, das Eisen liegt heute noch in meinem Schrank. Den Besitz habe ich jahrelang als sehr tröstlich empfunden, für den Fall, dass ich den Schmerz nicht mehr aushalten kann oder will. Das hat mir in den ersten Jahren wirklich Kraft gegeben. Es sind übrigens nicht so sehr die Passagen über Ralf in dem Text, die ihn mir näher gebracht haben, denn vieles davon habe ich ja aus erster Hand erfahren. Es sind viel mehr die Passagen, die euren Sport betreffen, denn das war zwischen Ralf und mir nie ein Thema. Was hätten wir auch in diesem Zusammenhang besprechen sollen, was hätte er mir darüber erzählen können, was ich als Nichtschwerathlet und Nichtleistungssportler auch nur ansatzweise hätte nachvollziehen und begreifen können. Das war dein Part und ich denke, ihr konntet euch beide glücklich schätzen, euch in dieser intensiven Zeit so nah begleitet zu haben, was unter Konkurrenten sicher nicht die Norm ist. Anrührend finde ich die Beschreibungen deiner Selbstboykottierungen, das sehenden Auges auf Abgründe zulaufen, unfähig die Richtung zu ändern (das kenne ich in anderen Zusammenhängen von mir selber). Die Übungen direkt vor den Wettkämpfen, die du so plastisch und nachfühlbar beschreibst, dass man mitleidet, dazwischen gehen, dich anschreien möchte. Ich leitete damals für einen Freund einen Autoplatz in Mitte, direkt neben dem Friedrichstadtpalast. Es waren Verkäufer angestellt, eine Sekretärin und ein Wagenpfleger. Ich hatte lediglich die Aufsicht und verwaltete die Gelder. Als Büro hatte ich einen eigenen Container. Das waren für Ralf natürlich die idealen Voraussetzungen. Ich hatte nichts Großes zu tun, konnte mich nicht entziehen, war für ihn bei Bedarf quasi ständig verfügbar und er konnte mich, wann immer er Zeit hatte, aufsuchen, musste keine Termine planen. Und so kam mehrmals die Woche das schwarze Coupé auf die Einfahrt gerollte, Ralf quälte sich aus dem Wagen, in der einen Hand das Back Gammon Spiel, in der anderen ein riesiges Tuppergefäß randvoll mit trockenem, gekochtem Reis, auf den er später einen kleinen Becher Magermilchjoghurt leeren würde, um dann in unglaublichen Löffelportionen und einer unglaublichen Geschwindigkeit dieses trockene Zeug in sich hinein zu stopfen. An einem dieser Tage, als der Rücklauf für ihn besonders hoch war, wir den Verdopplungswürfel mit Biebern und Rückbiebern vollständig ausgereizt hatten, es allein in diesem Spiel um mehrere Tausend Mark ging und ich das eigentlich bereits verlorene Spiel nur mit einer bestimmten, unwahrscheinlichen Wurfkombination gewinnen konnte und ich diese noch lachend reinunkte, gingen ihm die Nerven durch und er schlug mit beiden Händen auf den Tisch, dass das Brett 20 cm abhob und Würfel und Steine durch den Raum sprangen. Ich könnte noch unzählige kleine Episoden berichten, an die ich mich gerne zurück erinnere.”

Christian S. war einverstanden, seine Mails zu veröffentlichen, was ich im Januar 2014 im Rahmen meines Blogs “Sport, Gott & die Welt” auch getan habe
“Da ist noch ein Licht!”, wird zum geflügelten Wort. Ich stoße es triumphierend aus, wenn wir am frühen Morgen eines der Etablissements verlassen, Ralf aufatmend den Heimweg anpeilt, ich aber noch nicht genug habe. So auch diesmal. Selbst Nachtmensch Hanne ist müde. Aber er erfüllt meinen Wunsch. Ralf fügt sich murrend.

Das letzte Licht fällt aus einer Morgenkneipe, in der sich die Könige der Nacht und einige ihrer Vasallen zum Frühstück treffen. Ralf und ich nutzen die Gelegenheit, um Eiweiß nachzufüllen, was in der kräftezehrenden Nacht zu kurz gekommen ist. Jägerschnitzel mit Pommes, extragroße Portion für mich. Hanne kontrolliert in der Küche, ob das Essen für seinen Schützling auch ordentlich zubereitet wird.

Wir essen. Hanne schaut zufrieden zu. Draußen ist es hell. Ein schmächtiges Kerlchen wieselt herein, schaut sich um, entdeckt Hanne, kommt zu uns, zieht Hanne am Ärmel. Das Wiesel zieht einen Ring aus der Tasche, hält ihn hoch. “2000 Mark”, flüstert Wiesel. Hanne lässt sich nur ungern in seinen Fürsorgepflichten stören. Unwirsch blickt er Wiesel an, nimmt den Ring, grinst, steckt ihn ein und beachtet Wiesel nicht mehr. Tags darauf fleht uns Wiesel an, buchstäblich händeringend, bei Hanne um das Geld oder den Ring zu bitten.

Am Tresen sitzt Ali, der Perser. Mit Persern hat es Hanne irgendwie, aber mit diesem herrscht Waffenruhe. Sie haben es vor Jahren bei einem legendären Showdown zwischen Deutschen und Persern ausgeschossen. “Ali hatte zwölf Kugeln im Leib”, lobt Hanne seinen ehemaligen Widersacher, “er war so gut wie tot. Zeig’s meinem Freund mal, Ali.” Ali zieht das Hemd hoch und präsentiert stolz seine Einschussnarben in Bauch und Brust.

Ich bin beeindruckt. Hanne registriert es mit einem stolzen Lächeln. Erst gegen sechs Uhr schafft es Ralf, mich zum Nachhausegehen zu überreden. Wir verschieben das Vormittagstraining auf 13 Uhr, um noch genügend Schlaf zu bekommen. Schnell noch einen Liter Eiweißkonzentrat auf das Jägerschnitzel im Magen geschüttet, dann wird geschlafen.

Ich sehe Hanne nie wieder. Er wird Opfer seines Berufes. Eines Tages wird er erstochen aufgefunden. Ich denke noch oft an Hanne, diesen merkwürdigen, verrückten Kerl. Sein “Verstehst du, was ich meine” habe ich noch heute im Ohr.

Am liebsten gehen wir in die Rosita-Bar. Als Haupterwerbsquelle werden hier zwar betrunkene Touristen von splitternackten Gesellschafterinnen abgezockt, aber “die Rosita” ist auch beliebter Treff der Szene-Typen sowie ihrer prominenten auswärtigen Gäste, von denen ich einige in sehr menschlichen Situationen erlebe und kennenlerne. Am Abend vor dem ISTAF, dem Leichtathletik-Meeting im Olympiastadion, planen wir hier eine spektakuläre Reise durch die Berliner Nacht für einige Weltrekordler und Olympiasieger. Sie sollen nach dem ISTAF etwas erleben, was sie nie vergessen werden! Ströme von Kuba libre fließen. Meine Freunde gießen mir auch Cola in den Bacardi, aber sparsam. Dennoch schmeckt es wie Cola, und ich trinke es wie Cola. Wir ziehen los und begutachten alle Etappenorte, die wir morgen unseren Gästen vorführen wollen. Es sind schließlich einige hochverehrte Idole von mir dabei. Wenn ich denen schon nicht mit meinem Kugelstoßen imponieren kann, sollen sie wenigstens wegen anderer Dinge staunen!

Ralf und ich nehmen zu Testzwecken einige Programmpunkte vorweg. Meine zuverlässige Alkohol-Amnesie wird darüber gnädig einen Schleier breiten, aber andere erinnern mich ungnädig feixend oft genug an Höhepunkte der Generalprobe, mit denen die Premiere nicht mithalten kann.

Meinen ISTAF-Auftritt muss ich absagen. Das heißt, Ralf sagt für mich ab, ich bin zur Absage nicht in der Lage. Zwar versuche ich kurz vor Wettkampfbeginn, mit dem Sprung in das Abkühlbecken einer Sauna fit zu werden, doch zwingt mich der Kälteschock endgültig in die Knie. Ich kann nicht mehr reden, mich nicht mehr bewegen, ich will sterben.

Beim ISTAF wird 45 000 Zuschauern bedauernd mitgeteilt, dass ich wegen einer plötzlichen Erkrankung nicht antreten kann. Man nimmt es gefasst hin. Von den 45 000 kennt kaum jemand meinen Namen. Schmerzlicher werde ich danach vermisst. Die Weltrekordler und Olympiasieger haben zwar ihren Spaß, aber unsere Berliner Freunde versichern uns, dass der Vorabend sehr viel unterhaltsamer gewesen sei.

Als ich wieder in der Lage bin aufzustehen, führt der erste Weg auf die Waage. Ein heilsamer Schock. In den vergangenen 30 Stunden habe ich exakt zwanzig Pfund abgenommen. Zwar hatte ich das ISTAF sowieso nur als Saison-Abschluss ohne Leistungsanspruch eingeplant, doch wirft mich dieser Substanzverlust fast um. Zwanzig Pfund in 30 Stunden. Unfassbar.

In den Wochen danach geht es mir schlecht. Ich kann die trainingsfreie Zeit nicht genießen, fühle keine Vorfreude auf das Wintertraining. Bange lasse ich eine Untersuchung beim Vereinsarzt über mich ergehen. Meine Leberwerte grenzen an Gelbsucht. Ich habe es geahnt. Die Rache der Anabolika. Mein letztes Stündchen hat geschlagen.

Zum Vergleich lasse ich mich auch vom Kollegen des “Doc” untersuchen. Die Werte sind besser, aber immer noch besorgniserregend. Erst der “Doc” selbst  kann mich beruhigen. Er weiß vom ISTAF, von der Bacardi-fast-ohne-Cola-Nacht, und diagnostiziert Alkoholvergiftung.

Ich nehme mir vor, ein Jahr lang keinen Tropfen Alkohol zu trinken. Wenn ich meine sportlichen Vorsätze ebenso gut in die Tat umsetzen könnte, wäre ich Weltrekordler.

Nach einem Jahr ohne Alkohol lasse ich mich in Gießen von einem Sportmediziner untersuchen, von dem ich annehme, dass er von Kugelstoßern und anderen Extremsportlern wenig Ahnung hat. Ich absolviere den üblichen Test, der Sportmediziner ist von meiner Leistungsfähigkeit begeistert, ich bin auch begeistert, denn bei diesem Test haben mich nur zwei Zahlen interessiert: die beiden Leberwerte. Gottseidank, völlig normal. Das Leben geht weiter. Ich trinke wieder Alkohol, aber vorsichtiger, und ausschließlich Bier. Ich muss akzeptieren, dass ich in keiner Beziehung so robust bin wie andere.

Wladislaw zum Beispiel, der Olympiasieger von München, trinkt Wodka wie Wasser, selbst kurz vor dem Wettkampf. Wenige Stunden vor dem berühmten Meeting im Züricher Letzigrund poltert er in mein Zimmer, im Schlepptau sein Landsmann, der Hochsprung-Weltrekordler, der genauso groß ist, aber kaum halb so schwer. Wladislaw sieht beeindruckend aus. Er ist erst heute aus Schottland zurückgekommen, wo er einen Wettkampf im Baumstammweitwerfen gewonnen hat. Er hat noch das verschwitzte schottische Wettkampf-T-Shirt an, darunter ziert ihn ein kurzer Schottenrock. Die dicken, weißen Beine stecken unbestrumpft in Sportschuhen. In der Hand schwenkt er eine Flasche Wodka, die er nun zusammen mit mir leeren wird – zum Zeichen unserer unverbrüchlichen Freundschaft.

Ich kenne ihn kaum. Erstmals sehe ich ihn am Abend vor einem Wettkampf in Nizza, als Ralf und ich frustriert im Speisesaal unseres Hotels sitzen, da uns die Bedienung hinter dem Selbstbedienungs-Tresen trotz höflicher Bitten keine Extraportion bewilligt hat. Missmutig sehen wir zu, wie die anderen Sportler, sogar hungerleidende Langstreckler, die gleichen Portionen auf die Teller geklatscht bekommen wie wir. Dann schiebt sich Wladislaw in der Schlange der Sportler voran. Er ist weder größer noch schwerer als ich, aber er füllt den Raum. Er steht vor der Bedienung, die uns den Zuschlag verweigert hat. Auch ihm gibt sie nur die Standardportion auf den Teller. Wladislaw rührt sich nicht. Er sagt nichts. Stille. Plötzlich scheppert sein Teller. Wladislaw klopft mit ihm wütend-fordernd auf den Tisch. Die Bedienung erschrickt fast zu Tode und beeilt sich, den Teller vollzuhäufen. Wladislaw grunzt und geht weiter. Neidisch sehen wir dem übervollen Teller nach, von dem ein Fleischbrocken herunterfällt. Wladislaw dreht sich um, beordert die Bedienung mit einem lässigen Fingerzeig herbei, sie stolpert heran, er deutet auf den Fleischbrocken am Boden und geht weiter. Ich schaue Ralf ins Gesicht. Er denkt das gleiche wie ich. Wladislaw hat etwas, was wir nicht haben – und was uns zur Weltklasse fehlt. Etwas Undefinierbares, Animalisches.

Auch Wilt Chamberlain hat es. Der 2,18-m-Basketballer, sein 100-Punkte-Rekord in einem NBA-Spiel wird immer unerreichbar bleiben, steht einmal, gekleidet wie Pistolen-Manne, als schwarzweißer Turm in einer Züricher Nobeldiskothek. Wir feiern den Wettkampf im Letzigrund, wobei ich natürlich wieder einmal keinen Grund zum Feiern habe, und plötzlich steht diese unerhörte Erscheinung in der Tür. Steht nur da. Am Rand der Tanzfläche, unbewegt, scheinbar uninteressiert. Eine spricht ihn an. Er mustert sie, schüttelt den Kopf. Eine andere. Wieder Kopfschütteln. Eine dritte löst sich auf der Tanzfläche von ihrem Partner, geht wie in Trance auf Chamberlain zu. Er begutachtet sie kritisch. Von oben bis unten. Dann nickt er, packt ihre Hand und schleppt die verzückt blickende Frau aus der Disko. Auch damals haben Ralf und ich uns resigniert angeschaut.

Das zweite Mal treffe ich Wladislaw in Berlin bei der Eröffnung einer Sauna, einem getarnten Bordell, das wiederum den Spielklub im Hinterzimmer tarnen soll. Wladislaw gehört zu den Eröffnungs-Stargästen, die wir unter den weltbesten Werfern rekrutiert haben. Getränke und Frauen frei. Während ich im Hinterzimmer bleibe, schreibt Wladislaw Berliner Nacht-Geschichte. Er beglückt sieben professionelle Schöne – die sehr anspruchvollen Damen waren in der Tat beglückt! – , und sich selbst verwöhnt er mit zweieinhalb Flaschen Wodka.

Die eine Flasche in Zürich muß Wladislaw alleine trinken. Nach einem kleinen Schluck spucke ich das lauwarme Zeug angeekelt auf den Boden. Wladislaw lacht dröhnend und verächtlich, küsst seinem schmalen Hochspringer schmatzend auf den Mund und schreibt mich als Freund ab. Nach seiner Karriere wird Wladislaw wegen Goldschmuggels verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Später wird er in einen mysteriösen Todesfall verwickelt. Die Polizei findet eine Leiche in seinem Badezimmer. Genaueres erfährt man nicht, bleibt hinter dem noch eisernen Vorhang verborgen. 1998 stirbt Wladislaw bei einem nächtlichen Autounfall, schlafend auf der Rückbank.

Der Entschluss, “Vollprofi” zu werden, scheint sich trotz finanzieller Probleme auszuzahlen. Die Herbst- und Wintermonate erlebe ich in einem einsamen Rausch – abgesehen von den Abstechern nach Berlin, die ich in drei- bis vierwöchigem Turnus einlege. Zu Hause pendelt sich mein Tagesablauf in anstrengende, aber befriedigende Routine ein. Essen, Morgen-Training, Essen, Trainingsplanung und -periodisierung, Essen, Abend-Training, Essen, Trainingsablauf für den nächsten Tag festlegen, Essen bzw. Trinken, Malzbier, “echtes” Bier, und, wenn mir der Zeiger auf der Waage nicht gefällt, als Betthupferl ein weiterer Eiweiß-Schock-Drink, mit dem ich meinen armen Magen auch morgens begrüße.

Das morgendliche Eiweiß-Ritual: Ich rühre “Prallo-K” in zwei Liter Milch ein, setze den Topf an den Mund und trinke in langsamen, großen Schlucken den übelriechenden Brei. Wenn ich diese erste Trainingseinheit des Tages komplikationslos bewältigt habe – ohne Brechreiz, ohne Verzagen vor den letzten, besonders abstoßenden Breiklümpchen auf dem Boden des Topfes – , lasse ich meinem Magen eine Stunde Zeit, die Eiweißmasse zu bewältigen. Erst dann trainiere ich. Im Lauf des Tages trinke ich weitere zwei Liter. Manchmal muss ich mich übergeben. Aber immer hole ich das Vergeudete nach.

“Prallo-K” bekomme ich von Ralf zu einem Sonderpreis. Er hat bei einer Tierfutterfirma überschüssige Mengen Eiweiß billig eingekauft, eine Firma gegründet und Anzeigen in Sportzeitschriften geschaltet. Seitdem verkauft er den Tierfutter-Überschuss teuer im bundesweiten Versandgeschäft als “Prallo-K” und wirbt in Inseraten: “Prallo-K in den Darm bringt Kraft in den Arm.”

Alles läuft gut. Ende September 1974 starte ich nach vierwöchiger Pause – die weniger schöne Kuba-Libre-Pause folgt erst ein Jahr später – mit 107 Kilogramm Körpergewicht, 14,32 m mit der Acht-Kilo-Kugel und 165 Kilogramm im Bankdrücken. Mitte Februar wiege ich – nach knapp fünf Monaten Training und ohne ein Milligramm Anabolika oder ähnliche fremde Hilfe – 127 Kilogramm, drücke 230 Kilogramm auf der Bank und verbessere meinen deutschen Hallenrekord auf 19,84 Meter.

Da langsam die öffentliche Anabolika-Diskussion beginnt und sich zunächst fast ausschließlich auf das Kugelstoßen konzentriert, habe ich eine Idee: Im Jahr 1975 stehen keine wichtigen Wettkämpfe auf dem Programm. Alle Aufmerksamkeit gilt schon jetzt den Olympischen Spielen in Montreal. Auch ich habe nur dieses Ziel. Daher wäre es ziemlich unerheblich, wenn ich 1975 nur 21 Meter weit stoße und mir den Weltrekord für Montreal aufhebe. Olympiasieger zu werden ist schön, mit persönlicher Bestleistung schöner, und mit der weltbesten aller persönlichen Bestleistungen am allerschönsten. Und zuvor, im Jahr 1975, könnte ich den unwissenden Kugelstoß-Kritikern das Maul stopfen. Überall lese ich, dass wir Kugel-Monster ohne Anabolika kaum 17 Meter weit stoßen könnten. Ein indischer Vegetarier, der 17 Meter stößt, wird uns als leuchtendes Vorbild dargestellt, er gilt als der wahre Weltrekordler. Der Schriftsteller Hagelstange, Freund und selbsternannter Kenner des Sports, schätzt die sportliche Leistung eines “gutgewachsenen Zwölf-Meter-Stoßers” höher ein als die eines “monströsen, gedopten 20-Meter-Kolosses”. Ich entwickele einen bohrenden, nagenden Hass auf Hagelstange und Co.. die vor allem im Journalismus ihr Unwesen treiben. Und ich bin doch auch Journalist, und zwar kein schlechter, wenn auch vorübergehend im Ruhestand. Was kann ich tun, um den Negativ-Trend  gegen meine Sportart zu stoppen?

Ich hatte jahrelang meine Außenseiter-Rolle kaschiert. Ich schere nicht wie andere Außenseiter aus der Gesellschaft aus, sondern flippe aus, indem ich in den Schoß der Gesellschaft einflippe. Bis zur Entdeckung der Annabolika als öffentlichkeitswirksamer Diskussionsstoff hat man mich, zwar ohne große Aufmerksamkeit wie bei den populäreren Disziplinen, aber ruhig  und mit Respekt meinen Sport machen lassen. Man ist interessiert an meiner Leistung, fördert sie finanziell und ideell, und wenn ich aufgefordert werde, unser Land und unsere Wirtschaft gut zu vertreten, finde ich dies zwar lächerlich, freue mich aber auch, eine Nische als “anständiger” Bürger gefunden zu haben. Die Anabolika-Diskussion aber stößt mich zurück in die Rolle eines verachteten Außenseiters dieser Gesellschaft.

Also, was tun? Ich beschließe, mich und das Kugelstoßen zu retten. Ich verzichte für 1975 schweren Herzens auf den Weltrekord, werde mich mit 21 Metern begnügen und daher diesmal auch im Sommer keine Anabolika nehmen. Ich rufe den Leichtathletik-Chef einer Nachrichtenagentur an und erläutere ihm mein Vorhaben: “Ich will beweisen, dass man ohne Anabolika über . . . ” – ich stocke, im letzten Moment rettet mich meine Rest-Vernunft, statt 21 sage ich: – “. . . 20 Meter weit stoßen kann. Ich bin bereit, mich jederzeit unangemeldeten Trainingskontrollen zu unterziehen.”

Der Agentur-Mann, von Haus aus Langstreckler, ist begeistert. Solch ein Narr kommt ihm gerade recht. Er schreibt einen groß aufgemachten Artikel, der in den meisten deutschen Zeitungen erscheint. Er organisiert die Kontrollen. Ein Apotheker aus Mainz, einer der frühesten und engagiertesten deutschen Dopingjäger, wird auf mich angesetzt. Sie sind sicher, dass sie mich packen werden.

Mir soll’s nur recht sein. Ich fühle mich herrlich. Endlich vom Anabolika-Joch befreit! Mehr als mir bewusst war, habe ich darunter gelitten, dass mein geplanter jährlicher Leistungshöhepunkt stets mit fremder Hilfe zustande kommen sollte. Dass ich ohne Anabolika 21 Meter weit stoßen müsste, steht für mich zweifelsfrei fest. Dass ich ohne Anabolika 20 Meter weit stoßen kann, habe ich schließlich schon bewiesen. Bisher allerdings nur mir selbst – andere, auch Fachleute, hatten es nicht geglaubt, dass ich in den Aufbaumonaten aus Prinzip keine Anabolika einnehme.

Ich trainiere. Alles läuft wie geplant, wie immer. Ich hoffe auf viele Kontrollen. Aber niemand kommt. Das ärgert mich, denn mittlerweile hat sich die öffentliche Meinung verfestigt: Jeder, der 20 Meter und mehr stößt, nimmt Anabolika. Auch die Fachleute vertreten diese Meinung, und vor allem Kugelstoßer, die mangels Talent und/oder mangels Trainingsfleiß bei 14, 15, 16 oder 17 Meter stehengeblieben sind, unterstützen diese These und stellen sich als lebende Beweismittel zur Verfügung. Manch einer redet sich zum verhinderten Weltrekordler hoch. Ich stehe allerdings direkt daneben im selbstillusionären Wolkenkuckucksheim, denn ich rede mich nicht zum verhinderten Weltrekordler hoch, sondern fühle mich sogar als verhinderter 22-Meter-Weltrekordler. Aber nur 1975 – danach geht die Anabolika-Post ab in Richtung 23 Meter!

Auch die Kugelstoßer nahe meiner Leistungsklasse, vor allem die deutschen Konkurrenten, die ich in den letzten Jahren überholt habe, bleiben misstrauisch. Sie glauben, ich trickse, oder argwöhnen, dass ich vom sozialen, chancengleichen Anabolika-Doping auf etwas anderes übergewechselt bin, auf ein wirksameres Mittel, das ich ganz für mich alleine habe. Wahrscheinlich hätte ich auch so gedacht. Es wäre Betrug, ein unverzeihlicher Verstoß gegen Fairness und Chancengleichheit, wenn man ein leistungssteigerndes Mittel nimmt, das andere nicht kennen. Schließlich war für mich die Grundvoraussetzung, mit dem Kugelstoßen zu beginnen, der weltweite Leistungsvergleich auf chancengleichem Niveau. Beim Sprint kann man die persönlichen Bestleistungen wegen der Unterschiede von Laufbahnbeschaffenheit und Windgeschwindigkeit nicht objektiv vergleichen, sogar beim Diskuswerfen kann die Scheibe bei günstigem Gegenwind im Extremfall fast zehn Meter weiter fliegen als bei ungünstigen Windbedingungen. Nur beim Kugelstoßen ist der weltweite Leistungsvergleich gegeben – wenn alle sich an alle Vorgaben halten. Und zu den Vorgaben gehören eben auch die Anabolika. Meinen Verzicht sehe ich als selbstgewähltes Handicap im Dienste einer guten Sache.

Auch ich bin nicht frei von Argwohn, dass andere Kugelstoßer unbekannte Mittel einnehmen, die der Leistung einen enormen Schub geben. Misstrauisch beobachte ich – einige Jahre nach meinem Anabolika-Verzicht-Test – den netten Jean-Pierre, einen liebenswürdigen, ausgeglichenen, aggressionslosen Menschen, der vor dem Züricher Meeting mit einem Unbekannten in einem Zimmer des Nova-Hotels verschwindet und eine Stunde später als ein anderer Mensch herauskommt. Das Weiße in seinen Augen leuchtet, er stampft an mir vorbei, ohne mich wahrzunehmen, er bewegt sich wie ein gerade erst eingefangenes wildes Tier im Käfig. Er wird Landesrekord stoßen.

In diesen Jahren glaube ich noch an die Anabolika und bringe mein regelmäßiges Wettkampfversagen nicht mit ihnen bzw. einem unbewussten Schuldkomplex in Verbindung. Mein Versagen begründe ich mehr mit einem psychischen Nachteil. Ich bin nicht wie Wladislaw, nicht wie Wilt Chamberlain, nicht wie Jean-Pierre nach der Rückkehr aus dem Zimmer. Mir fehlt die Aggressivität, das bedingungslose Gewinnenwollen, die Bedenkenlosigkeit, die totale Konzentration auf das Hier und Heute. Das glaube ich im Sommer, wenn ich meine Hallenstarts vergessen habe, bei denen ich mit aggressiver Konzentration vergleichsweise erfolgreich bin.

Als ich Jean-Pierre zum Tier werden sehe, vergesse ich meine guten Vorsätze. Seit Monaten trage ich eine Packung Captagon mit mir herum. Ich weiß, dass viele Sportler in vielen Sportarten sich damit aufputschen. Ich schrecke vor der Einnahme zurück. Zwar ist Captagon nicht nur im Sport verbreitet, zwar würden Dopingtests bei Staatsexamen zu akademischer Entvölkerung führen, zwar hat Jean-Paul Sartre in seinem Existentialisten-Leben keinen Satz von Belang formuliert, ohne hochgradig gedopt gewesen zu sein, zwar würden Hit-Aberkennungen bei Drogen-Missbrauch Musikprogrammgestalter in den Wahnsinn treiben, müssten von Beatles bis Techno fast alle Popmusiker lebenslang dopinggesperrt werden – doch man darf gedopt denken und singen, aber nicht laufen und springen. Später, in meinem zweiten journalistischen Leben, werde ich es zu erklären versuchen. Jetzt kann ich es nicht erklären, sondern nur als wahr empfinden. Daher fühle ich mich erstmals auch bewusst als Doping-Sünder, als ich die Captagon-Packung öffne und zwei Pillen schlucke.

Eine halbe Stunde später wächst in mir ziellose Aufgeregtheit. Mein Puls trommelt. Ich kann nicht mehr stillsitzen. Meine Nerven flattern, und ich flattere herum, renne die Laufbahn rauf und runter, verrenke meinen Körper in heftigen, ungewohnten Gymnastik-Übungen. Das Captagon treibt mich in hektischen Aktionismus, aber hinter dieser künstlichen Aufgeregtheit gähnt ein kraftloses Nichts. Mein bester Wettkampfstoß landet bei 17,70 Metern, Minus-Rekord. Nie wieder. Das Teufelszeug landet in einem Papierkorb im Stadion. Aber in mir wirkt es weiter, stundenlang. Nachts ist an Schlaf nicht zu denken, mein Pulsschlag treibt mich hinaus. Ich irre alleine durch die Straßen. Auf einer Parkbank zähle ich morgens um fünf die Herzschläge. Immer noch 150 in der Minute. Tocktocktocktocktock.

Doch im Frühjahr 1975 denke ich nicht an Captagon, sondern genieße die neue Rechtschaffenheit des kategorischen Anabolika-Verzichters. Als es am Ostersonntag abends gegen elf Uhr läutet und der Doping-Jäger vor der Tür steht, empfange ich ihn mit jubelnder Freude. Endlich! Seit acht Monaten habe ich keine einzige Pille geschluckt, und jetzt werde ich getestet. Wunderbar. Solch einen überzeugenden Test wird es nicht einmal in zwanzig Jahren geben: ohne jede Vorwarnzeit, mitten in der Aufbauphase, völlig unangekündigt. Der Dopingtester erscheint wie aus heiterem Himmel, drückt mir das Röhrchen in die Hand, das sofort gefüllt werden muss. Keinerlei Manipulationschance. Selbst kurz vor dem Ende unseres Jahrhunderts wird es bei den Dopingtests noch Schlupflöcher geben, Vorankündigungen und stundenlange Verzögerungsmöglichkeiten, obwohl man weiß, dass bei den neuen Doping- und Doping-Verschleierungsmitteln wenige Stunden genügen, um “Sauberkeit” vortäuschen zu können.

Ich habe Verschleierung nicht nötig. Ich bin sauber, und ich bin stolz darauf. Dieses befriedigende Gefühl lässt mich sogar daran denken, in Zukunft auch im Sommer immer auf Anabolika zu verzichten. Einundzwanzig Meter sind doch auch ganz schön, vor allem, wenn man weiß, dass man der einzige Ungedopte unter den Spitzenstoßern ist.

Der Dopingfahnder lässt sich von meiner guten Laune anstecken. Stolz und freudestrahlend erzählt er von seinem Hobby: Urinproben bekannter Sportler. Er sammelt sie zu Hause in einer Vitrine. Ein schönes Hobby. Ich befürchte aber, dass meine Urinprobe auch in die Vitrine wandert, und zwar ohne Labor-Untersuchung. Ich bedränge den Pipi-Fetischisten, meinen Urin auch ja untersuchen zu lassen. Er verspricht es, doch ich traue ihm nicht. Er kommt nie wieder. Als ich ihn später bei einem Wettkampf treffe, mahne ich weitere Kontrollen an. Er beruhigt mich: Dass ich unter Kontrolle stehe, sei die Hauptsache, wie viele Kontrollen gemacht würden, sei nebensächlich. Ich befürchte, dass kein Interesse an einem nachweisbar ungedopten Kugelstoßer besteht.

Der Agentur-Sportchef widmet dem groß angekündigten Test keine Zeile mehr, der Apotheker kommt nie mehr.

 

Die anabolikalose Freiluftsaison hat begonnen. Alles läuft in den gewohnten Bahnen. Doch langsam werde ich nervös. Auch in anderen Jahren stoße ich in den Aufbaumonaten nicht weiter als jetzt, im Gegenteil, im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr bin ich in fast allen Kontrolldisziplinen stärker. Zu größeren Wettkämpfen trete ich in dieser Phase nie gerne an. Es gibt nur zwei Pflichttermine: den Vor- und den Endkampf der deutschen Mannschaftsmeisterschaften. Mein Verein nimmt diesen Wettbewerb im Gegensatz zu mir sehr ernst, man ist stolz auf eine ganze Reihe von deutschen Meistertiteln. Selbstverständlich besteht Teilnahmepflicht. Ich stoße 18,70 Meter weit, morgens um neun Uhr und bei so vielen Teilnehmern, dass zwischen jedem der vier Versuche (mehr gab es bei diesen Wettkämpfen schon damals nicht) 40 Minuten nervtötende und leistungsmindernde Zwangspause liegen. Ich könnte zufrieden sein. Alles im Lot. Es läuft. Ich stecke noch voll im Aufbautraining, habe noch viele Wochen Zeit, im kommenden Wettkampftraining schneller, explosiver und sicherer zu werden. Doch ich werde nervös, weil ich nicht die Selbstsicherheit besitze, Einflüsterungen Gutgesinnter und hämische Kommentare vergrätzter Konkurrenten zu ignorieren. “Das schaffst du nie, du musst den Stoff nehmen, sofort, ehe alles zu spät ist!” “Wo bleiben denn die 20 Meter? Dein neues Mittelchen wirkt wohl nicht?”  Tenor: “Das hast du nun davon!”

Ich kapituliere. Mit einem hochrangigen Vertreter des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und dem Trainer meines Vereins spreche ich die Strategie ab. Wie kann ich in den Schoß der Anabolika-Gesellschaft zurückkehren? Unser Plan: Den nächsten freiwilligen Dopingtest werde ich ablehnen. Mit meiner Aktion habe ich, soll ich sagen, dem Verband, dem Verein und vor allem meinen Sportkameraden einen Bärendienst erwiesen. Es sei egoistisch und unsportlich, mich als weißes unter lauter schwarzen Schafen öffentlich erkennen zu geben. Das müsse ich aus Fairnessgründen revidieren. Ich sei und bleibe zwar ein anständiger, sauberer Leistungssportler, aber ab sofort würde ich nicht mehr mit einer eigensinnigen, mir nützlichen und anderen schadenden Einzelaktion vorpreschen. Kontrollen – ja bitte, ja gerne, aber nur nach dem Zufallsprinzip und bei Wettkämpfen, wie das 1975 üblich ist. Über diese Erklärung hinaus haben mir, so die Strategie, Verband und Verein Sprechverbot auferlegt, bei Zuwiderhandlung könnte ich gesperrt werden, es tue mir leid, das verstehe man ja wohl, wenn es noch Fragen und Forderungen gäbe, solle man sich schriftlich an Verein und Verband wenden.

Eine Zentnerlast fällt von mir ab. Ich gehöre wieder dazu. Alle sind wieder freundlich zu mir.

Aber ich nehme keine Anabolika. Noch nicht. Noch zu früh. Aber der Entschluss alleine genügt. Ich werde wieder Anabolika nehmen, alles wird gut.

Schnell, viel schneller als im Trainingsplan vorgesehen, nähere ich mich den 20 Metern. Ralf kommt in diesen Wochen nicht voran. Er hat keine Chance gegen mich. Er weiß es und tritt erst gar nicht an. Er meldet sich beim Verband als verletzt von einem Länderkampf gegen die USA in Durham ab. Man glaubt ihm nicht, zwingt ihn unter Androhung von Repressalien, die Reise in die USA mitzumachen. Ich werde als Ersatzmann nominiert. Ralf versichert mir, auf keinen Fall anzutreten. Mein Einsatz im Länderkampf ist daher sicher. Nur wir beide wissen es. Er will mich coachen, wünscht mir alles Gute. Aber nicht das Beste.

In Durham kommt zu den Wladislaws der Kugelstoß-Welt ein neuer Name, der seitdem ein weiteres Symbol für das ist, was mir fehlt: Terry. Terry hat kürzlich einen neuen Kugelstoß-Weltrekord aufgestellt, die Bestleistung von Al auf 21,85 Meter verbessert. Drei Stunden vor dem Wettkampf, ich tigere im Vorstartfieber unruhig in meinem Zimmer hin und her, sehe ich Terry zum erstenmal. Beim Blick aus dem Fenster – wir sind im College von Durham untergebracht – sehe ich ihn auf dem Campus. Er spielt Football. Wenige Stunden vor dem großen Länderkampf, erster Höhepunkt der vorolympischen Saison, wirft sich Terry mit drei anderen kräftigen Jungs den eiförmigen Ball über sechzig, siebzig Meter hinweg unentwegt zu. Fasziniert schaue ich zu. Die Footballspieler sind mit Feuereifer bei der Sache, sie schreien und rennen, und sie werfen den Ball mit voller Kraft. Das ist so ungefähr das Leistungsschädlichste, was man vor einem Kugelstoßwettkampf anstellen kann, denke ich, der in dieser Beziehung allerdings schon seinen eigenen Schädlichkeits-Weltrekord aufgestellt hat und diesen Jahr für Jahr verbessern wird. Eine Stunde später gehe ich über den Campus zum Stadion. Sie spielen immer noch. Terry beachtet mich nicht, er kennt mich nicht. Woher auch. Er ist nicht der Typ, der Fachzeitschriften liest oder sich über Konkurrenten informiert. Terry brüllt, schwitzt, lacht und wirft. Er muss doch schon einen total ermüdeten Stoßarm haben!

Der Wettkampf beginnt. Ohne Terry. Wo ist der Weltrekordler? Was bei uns hektische Aktivitäten und einen mittelschweren Skandal nach sich ziehen würde, interessiert die Amis anscheinend nicht. Ich stoße 19,76 Meter, weiter als der zweite Amerikaner, der eine Bestweite von mehr als 21 Metern hat, und natürlich auch klar weiter als der zweite Deutsche. Ich führe, was mich kaum, die Mannschaftsleitung aber sehr interessiert. Aufmunternde Worte und Schulterklopfen, auch von Funktionären, die ich nicht kenne. Mich beschäftigt nur meine Leistungsfähigkeit, und die ist okay, lässt hoffen auf große Weiten beim Saisonhöhepunkt, den vorolympischen Wettkämpfen in wenigen Wochen in Hannover.

Plötzlich taucht Terry auf. Verschwitzt keuchend, verschmitzt grinsend. Hat sich halt verspätet. Er nimmt die Kugel, geht in den Ring, stößt 20,40 Meter und verschwindet wieder. Ich nehme an, zum Footballspielen. Ich bin größer, schwerer, stärker, schneller und explosiver als Terry. Meine Technik ist nicht schlechter als seine. Warum ist Terry Weltrekordler und nicht etwa ich? Warum hat er etwas, das ich nicht habe, etwas, das mit Athletik und Sport nichts zu tun hat, aber im Sport entscheidend ist? In diesen Momenten spüre ich, dass ich die Antwort auf die Frage des Philosophen ahne: Warum ist etwas und nicht etwa nichts? Der kleine Unterschied zwischen dem Etwas und dem Nichts ist der große Unterschied zwischen Kugelstoß-Weltrekordler Terry und mir.

 

 

Vor einigen Jahren habe ich mich bei Facebook angemeldet, weil mich interessierte, was die alten Kämpen aus den USA treiben. Einige von ihnen, Olympiasieger und Weltrekordler,  sind sehr aktiv im Netz und posten regelmäßig Eigennostalgisches. Selbstbeweihräucherung mit alten Videos – würde ich das heute auch tun, wenn ich Rekorde und Medaillen zur Selbstbeweihräucherung vorzeigen könnte? Meine relative Erfolglosigkeit bewahrt mich davor. Manchmal überkommt mich Mitleid, wenn ich sehe, wie sich die alten Jungs auf Facebook abstrampeln.

Einige von ihnen sind Trainer geworden. Al Feuerbach, ungefähr so alt wie ich, scheint noch als eine Art Tontechniker bei NFL-Spielen zu arbeiten, er ist genauso dünn geworden wie ich (und wie auch Diskus-Olympiasieger Mac Wilkins). Brian Oldfield sieht man auf FB-Fotos an Krücken oder im Rollstuhl. An manche wird immer wieder mal erinnert, das Schlusszeichen sagt mir, warum: R.I.P. Einer wurde von seiner Frau erschossen.

Terry Albritton wurde nach seiner Kugelstoßer-Karriere Profi-Wrestler. Auch er lebt nicht mehr.

 

 

 

Nach der Rückkehr aus den USA nehme ich erstmals seit einem Jahr Anabolika. Zwei Tage vor den Vorolympischen Spielen in Hannover wandle ich mein Abschlusstraining in Wetzlar in einen offiziellen Wettkampf um. Zwei Kollegen aus dem Turnverein stellen sich als Staffage zur Verfügung, da zu einem Wettkampf mindestens drei Teilnehmer gehören müssen. Nach den ersten Stößen auf zehn und zwölf Meter verzichten sie. Ich bin alleine im Wettbewerb. Ich will erstmals in einem Wettkampf 20 Meter weit stoßen. Ich habe noch am Morgen und am Tag zuvor schweres Krafttraining absolviert, um ja nicht schon in Wetzlar deutschen Rekord zu stoßen. Nach zwei Tagen Pause, ausgeruht und topfit, will ich in Hannover mindestens 21 Meter stoßen, vielleicht sogar schon über 22 Meter, Weltrekord. Alle werden staunen.

Der erste Teil des Vorhabens funktioniert. Zwar muss ich an den ersten einen zweiten Wettkampf anhängen, zwar klappt es nach mehr als zehn Stößen über 19,90 m erst im dritten Wettkampf mit den 20 Metern, doch bin ich mit den erreichten 20,12 Metern sehr zufrieden, die ich meinem vom harten Training erschöpften Körper schließlich noch abringe. Dass diese Art des Wettkämpfens nicht ganz korrekt ist, macht mir nichts aus. Die 20,12 Meter sind nur eine Zwischenstation, eine Duftmarke, die ich setze, damit ich in Hannover mit leistungssteigernder Hochachtung empfangen werde.

Ich platze fast vor Kraft und Explosivität. Wieder beginne ich unvernünftigerweise mehr als zwei Stunden vor Wettkampfbeginn mit dem Kugelstoßen. Da der Ring noch gesperrt ist, stapfe ich mit meiner überschweren Acht-Kilo-Trainingskugel von einer Ecke des Innenraums in die andere und stoße vor mich hin, von Offiziellen und Kampfrichtern verfolgt. Es ist verboten, im Innenraum unkontrolliert kugelzustoßen. Ich nicke, packe meine Kugel und gehe in die nächste Ecke, in der der nächste erboste Kampfrichter mich des Feldes verweist. So vergeht die Zeit, und als der Kugelstoßring endlich freigegeben wird, platze ich nicht mehr vor Kraft und Explosivität.

Doch ich bin an diesem Tag einfach zu stark, um völlig zu versagen. Ich gewinne, besiege einige der besten Kugelstoßer der Welt. Ich stoße in den ersten fünf Versuchen jeweils knapp an 20 Meter heran, meine beste Weite wird mit 19,99 gemessen. Dabei mache ich selbst für meine Verhältnisse anfängerhafte technische Fehler, denn mein Über-Ich bleibt wachsam und verordnet 19,99 Meter als gerechte Strafe.

Im sechsten und letzten Versuch will ich auch mein Über-Ich besiegen, doch da verkündet der Stadionsprecher, dass ich bereits als Sieger feststehe und nun zum letzten Stoß des gesamten Wettkampfs antrete. Zum ersten- und letztenmal in meinem Kugelstoßerleben schenken mir Zehntausende im Stadion – und Millionen vor dem Bildschirm? – ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Eine Schar von Fotografen, durch die Lautsprecheransage aufgeschreckt, sprintet von den anderen Wettkampfstätten herbei. Als ich am hinteren Rand des Kugelstoßkreises zum Stoß ansetze und mich weit über mein rechtes Anschubbein kauere, blicke ich in zwanzig oder dreißig aus nächster Nähe auf mich gerichtete Kameraobjektive. Die Fotografen hocken, liegen und stehen über- und aufeinander. In diesem Moment fällt jegliche Wettkampfspannung von mir ab. Ich empfinde die Situation plötzlich als völlig absurd. Warum stehe ich auf einmal im Mittelpunkt? Warum ist es für die Fotografen eine berufliche Notwendigkeit, mich beim Kugelstoßen abzulichten? Warum hat mein Sieg bei diesem Wettkampf eine solche Bedeutung? Das ist doch albern! Ich muss lachen, verkneife es mir aber. Die Fotografen sollen bloß nicht denken, ich fühle mich geschmeichelt und grinse deshalb blöde vor mich hin!

Halbherzig gleite ich an, auf Lachverhinderung konzentriert, und lasse die Kugel ungestoßen nach vorne aus dem Kreis fallen. Die Fotografen bekommen trotzdem ihr Bild. Ich habe den Halleneuropameister besiegt, vor allem aber auch Al, den Exweltrekordler und immer noch bekanntesten Kugelstoßer der Welt. Al muß sich süßsauer lächelnd neben mich stellen. Auf den Bilder sieht Al gegen mich wie ein kleiner Junge aus. Ich bin 10 Zentimeter größer und zu diesem Zeitpunkt über 25 Kilogramm schwerer als er. Selbst der skeptische Bundestrainer gibt zu: “Jeder andere außer dir hätte heute mindestens 20,50 Meter gestoßen.” Ich nehme es nicht als Anerkennung, sondern als Beleidigung. Wenn alles richtig geklappt hätte, wäre ich jetzt Weltrekordler, lieber Werner!

Als letzter wichtiger Wettkampf der Saison steht der Europapokal auf dem Programm. Pro Nation und Disziplin darf nur ein Sportler teilnehmen. Da ich in Topform bin und Ralf immer noch nicht richtig fit ist, rechne ich mit meiner Nominierung. Doch Ralf wird nominiert. Der Bundestrainer rechtfertigt dies öffentlich mit dem Satz: “Die beiden sind so gute Freunde, da wird Ralf mit Sicherheit verzichten, wenn er fühlt, dass er schwächer ist.”

Ralf denkt nicht daran zu verzichten. Ich bin enttäuscht, verstehe ihn nicht. Wir beide sind Einzelkämpfer gegen das Establishment, und nun rechtfertigt er sich öffentlich und kläglich: “Was kann ich dafür, dass ich nominiert werde? Dann muss ich auch antreten. Mein Freund tut mir leid, aber es ist nicht meine Schuld. Die Verantwortung trägt der deutsche Verband, nicht ich.”

Das ist würdelos. Ralf weiß es nur zu genau. Er schämt sich, aber er kann ganz einfach nicht verzichten. Er muss der Beste sein, kann nicht freiwillig zurückstehen.

Was Ralf als Kugelstoßer beginnt, setzt er nach Ende der sportlichen Laufbahn konsequent und noch extremer fort. Er ist und bleibt mein Freund. Aber welch ein Leben!

Doping im Sport betrifft lediglich einen verschwindend geringen Promillesatz der Bevölkerung. Doch das Dopingproblem im Sport ist nur ein kleiner Aspekt einer allgemeinen Dopingmentalität, die über den Sport weit hinausgeht. Als Ralf mit dem Kugelstoßen aufhört, ist dies nicht sein freier Entschluss: “Am liebsten würde ich bis 50, 60 auf höchstem Niveau weitermachen und dann tot umfallen.”

Alt werden, krank werden, unbedeutend werden, das ist sein Alptraum. Ein besonders schrecklicher Alptraum, denn er muss wahr werden. Ralf weiß es, und er versucht, es zu verdrängen. Er muss mit 32 Jahren seine sportliche Laufbahn beenden, da er Probleme mit den Nieren bekommt und trotz härtesten Trainings und maximaler Eiweißzufuhr an Gewicht und Leistung verliert. Als er bei einem Trainingstest nur noch 16 Meter schafft, hört er endgültig auf.

Ich verabschiede mich schon ein Jahr zuvor vom Kugelstoßen. Ralfs Entschluss aufzuhören hängt wohl auch damit zusammen. Als wir noch gemeinsam kugelstoßen, telefonieren wir oft mehrmals täglich und halten uns auf dem laufenden. Trainingszustand, Gewichtskontrolle, Besprechung aller Zipperlein, von denen wir uns geplagt fühlen, Hoffnungen, Wünsche, Ängste, alles bezogen auf das Eine, das Wichtige, das Kugelstoßen. Mein Interesse an diesen Gesprächen schwindet schon wenige Wochen nach meinem Abschied vom Leistungssport. Hatten bis dahin nackte Zahlen – “237,5!”, “5x5x205!”, “154!” – auf dem Weg zwischen Berlin und Hessen am jeweils anderen Ende der Leitung für erstauntes, mitleidiges oder beeindrucktes Echo gesorgt, gefolgt von endlosen Analysen und Prognosen, so stößt dies auf der zur Einbahnstraße gewordenen Leitung bei mir nur noch auf bemühtes Eingehenwollen auf die sportlichen Existenzprobleme des Freundes.

Ralf fehlt der Resonanzboden. Niemandem außer mir kann er damit imponieren, dass er im Training 50 Mal die gewünschte Weite von 87,5 Prozent seiner derzeitigen Wettkampfbestleistung zielsicher erreicht. Nur 85 Prozent wären ebenso eine Katastrophe wie ein unkontrolliert weiter Stoß von 90 Prozent. Diese Fixierung auf Zahlen, das lustvolle Einpassen in ein selbstgewähltes, starres Korsett, die unerbittliche Konsequenz des Einhaltens eines selbst vorgegebenen Plans charakterisieren ihn ebenso wie mich der ständige, manchmal tägliche Wechsel von einer Trainingsmethode zur anderen.

Aus meinen Ideen, manchmal kreativ, manchmal wahnwitzig, fischt er zielsicher die wenigen heraus, die ihm nützlich erscheinen, und arbeitet sie langfristig in seine Programme ein. All’ das fehlt ihm nun. Er gibt auf.

“Was soll ich bloß tun?” Das Leben, das vor ihm liegt, macht Ralf Angst. Er fühlt Beklemmung, wenn er an sein Restleben denkt. Er bekommt nach seiner Kugelstoßkarriere die Existenzprobleme, die ich vor meiner hatte. Mir hilft das Kugelstoßen, trotz aller Erbärmlichkeiten und Enttäuschungen, mich später einigermaßen zurechtzufinden. Ich tauche gerne in die Normalität zurück, ihn packt eiskalter Schrecken, wenn er an ein “normales” Leben denkt. Und so tut er alles, um ein normales Leben zu vermeiden.

“Warum bin ich so?” Diese Frage, dazu die leidenschaftliche Erörterung unserer jeweiligen Beziehungsprobleme, ersetzt die Themen unserer früheren Telefonate. In den folgenden 15 Jahren treffen wir uns nur maximal ein-, zweimal im Jahr, aber wir telefonieren weiterhin fast täglich, in Krisenzeiten sogar mehrmals am Tag.

Die Krisenzeiten überwiegen erst später. Zunächst einmal findet Ralf eine neue Leidenschaft: Squash. Er ist über zwei Meter groß, immer noch 135 Kilogramm schwer und alles andere als ein Ballspieltalent, und dennoch gehört er schon nach einem Jahr zu den gutklassigen Berliner Squashern. Er spielt sechs und mehr Stunden täglich, fast immer um Geld, wobei die Einsätze immer höher werden. Ralf kann es sich leisten. Er verdient viel Geld als Roulette-Veranstalter. Unrechtsbewußtsein fehlt ihm. Warum ist es kriminell, wenn er doch nur das tut, was der Staat im großen Stil tut? Man darf sich nur nicht erwischen lassen.

Die notorischen Spieler der Berliner Szene kommen gerne zu Ralf, da sie wissen, dass sie hier absolut korrekt behandelt werden. Alle wissen zwar, dass beim regelmäßigen Spielen nur die Bank, also Ralf, gewinnt, aber jeder Zocker glaubt, dass er der einzige ist, auf den dieses Gesetz nicht zutrifft. Und so machen sie Ralf reich.

Er fährt teure Mercedes- und Porsche-Modelle, lässt sich die Luxusgefährte in Spezialwerkstätten kostspielig tiefer legen, legt sich eine Rolex für 80 000 Mark zu, lässt sie mit Diamantsplittern und ähnlichem Schnickschnack zu einer 120 000-Mark-Uhr aufmotzen, und er fragt mich dennoch: “Warum bin ich so? Warum mach’ ich das? Was soll ich bloß tun?”

Aber diese Momente des Selbstzweifels will er verdrängen. Er hetzt durch sein Leben und will nicht zur Besinnung kommen. Als er beim Squash an seine Grenzen stößt, wechselt er zum Tennis. Auch hier ist er ein Anti-Talent, doch er gewinnt schon nach einem halben Jahr täglichen Trainings klar gegen mich. Wir machen ein Drei-Satz-Match um Geld. Mir zuliebe spielt er nur um Peanuts: Wenn ich mehr als drei Spiele gewinne, bekomme ich für jedes gewonnene Spiel 20 Mark. Für jedes weniger gewonnene Spiel muß ich 20 Mark bezahlen. Ralf, der sich beim Aufschlag den Tennisball direkt vor die Nase hält und das Racket wie einen Teppichklopfer behandelt, spielt trotz aller tenniskulturellen Defizite mit einer beeindruckenden Schärfe und Präzision und gewinnt 6:0, 6:0, 6:0. Er ist glücklich.Er dampft vor Zufriedenheit und will auch von mir immer wieder wissen: “Das ist es doch, oder? Das ist es doch!? Mensch, Junge, komm nach Berlin, das wär’s. Wir beide!”

Ich freue mich, dass er sich freut. Noch mehr freue ich mich für ihn, als er kurz danach seine endgültige Lebensbestimmung zu finden glaubt: Bodybuilding. Das kann er auf höchstem Niveau machen, bis er 50 ist, mindestens, frohlockt er, und wirft sich mit voller Wucht ins Bodybuilding-Leben. Sein Langzeit-Ziel: Teilnahme an der Mister-Universum-Wahl innerhalb der nächsten zehn Jahre. Dieses Ziel füllt ihn einige Jahre lang völlig aus. Keine Selbstzweifel mehr. “Was soll ich bloß tun?” Jetzt weiß er es.

Körper-Tuning. Neben dem stundenlangen, eintönigen Krafttraining der Bodybuilder gehören dazu weitere körperbildende Maßnahmen wie Solarium, blendend weiße Zähne, Ganzkörperrasur, Spiegelbildkontrolle, Posingtraining zur Musik und vor allem eine mörderische Extrem-Diät: Nach monatelangem Muskelaufbautraining mehr als drei Zentner wiegen, danach mit fettloser Diät innerhalb von drei bis vier Wochen über 30 Kilogramm abnehmen, den Körper austrocknen, zur besseren “Definition” kommen – dem Zauberwort der Bodybuilder -, so dass alle Adern und Sehnen plastisch hervortreten. Am Tag X, dem imaginären Mister-Universum-Wahltag, führt Ralf vor einem einzigen, für diesen Termin verpflichteten Fotografen sein Wettkampf-Programm vor. Auf diesen Bildern sieht er älter aus, als er werden wird.

Noch zwei, drei Jahre, hofft er, und er wird die USA erobern – ein klein wenig wie Arnold Schwarzenegger. Ich mache mir Sorgen. Dieses Leben kann kein Mensch lange durchhalten. Während der Mastkur zum Muskelaufbau nimmt Ralf immer höhere Anabolika-Dosierungen. Zuletzt schluckt und spritzt er eine im Vergleich zu seinen Kugelstoßerjahren mehr als hundertfache Jahresdosis, dazu kommen weitere gefährliche Mittel, die er mir genau beschreibt, was aber an meinen Ohren vorbeirauscht. Dutzende von Medikamenten, das eine hierfür, das andere dafür. Ein Mittel merke ich mir: Ein Hormonpräparat wird aus dem Urin von Frauen gewonnen, die das Klimakterium hinter sich haben. Weltweit größter Lieferant ist der Vatikan – dort leben die meisten Frauen im richtigen Alter an einem Ort. Dieses Mittel erlaubt es den Bodybuildern, die Pausen zwischen den Anabolika-Kuren zu verkürzen, ohne dass die Anabolika ihre Wirkung verlieren. Andere Medikamente, mit denen er nach ärztlicher Anleitung experimentiert, dienen dazu, den Körper in der Definitionsphase zusätzlich zu entwässern. Da diese künstliche Entwässerung bei gleichzeitiger Anabolika-Einnahme und härtestem Training riskant ist, dienen weitere Medikamente zur Vorbeugung gegen drohendes Nierenversagen, Leber- und Magenschäden.

Als Ralf auch noch ankündigt, Wachstumshormone nehmen zu wollen, warne ich ihn eindringlich. Er hat auf dem Schwarzmarkt Ampullen aus dem ehemaligen Ostblock erworben und in einer konspirativen Aktion nachts auf einem Autobahnparkplatz übernommen. Er verspricht, die Ampullen, die er zu Hause im Eisfach des Kühlschranks aufbewahrt, vorerst nicht zu benutzen, auch weil er fürchtet, dass sie gepanscht sind und lebensgefährlich sein könnten. “Warum machst du das bloß?” Jetzt stelle ich die Frage. Ich mache ihm klar, dass ich sein Bodybuilding als Midlife-Crisis-Symptom ansehe.

Ich halte Bodybuilding für eine lächerliche Angelegenheit. Früher machten wir uns gemeinsam lustig über aufgeblähte, nutzlose Muskeln dieser, wie wir damals einig waren, Nichtsportler, und über das bizarre Verhalten beim Posing, und nun ist Bodybuilding für Ralf der einzige wahre Sport. Wenn er damit glücklich wird, na gut. Aber dass er sich ruiniert, darf ich als Freund nicht akzeptieren. Ralf akzeptiert, dass ich es nicht akzeptiere, aber er leugnet, dass der ständige Wechsel von Mast und Diät, begleitet von hochdosierter Multimedikamentierung, gesundheitsschädlich sei.

Wie verhält man sich als Freund? Ständig den Zeigefinger erhoben? Für Ralf scheint es fast lebensnotwendig, mich bis ins Detail über seine Fortschritte und Rückschläge zu informieren, und er erwartet mitfiebernde Anteilnahme. Ich tue ihm den Gefallen. Wir einigen uns darauf, dass ich sein Verhalten prinzipiell für gefährlichen Wahnsinn halte, dass ich aber diesen Wahnsinn mit der konstruktiver Anteilnahme verfolge, die man von seinem besten Freund erwarten kann.

Eines abends ruft Ralfs Frau R. an. Nach einer seiner regelmäßigen USA-Reisen ins Golden Gym in Los Angeles hat er urplötzlich hohes Fieber bekommen. Die Feuerwehr hat ihn ins Krankenhaus gebracht. Über 41 Fieber. Man packt seinen Körper in Eis, erst nach drei Tagen sinkt das Fieber. Die Ärzte rätseln, das Wort Myokarditis fällt. Herzmuskelentzündung durch ein Virus. Lebensgefährlich. Drei Tage später wird Ralf auf eigenen Wunsch entlassen. Tags darauf trainiert er wieder.

Ralf glaubt fest daran, dass ihn ein Virus erwischt hat, das nach ein paar Tagen Ausschwitzen verschwunden ist. Meine besorgten Gedanken, dass sein Bodybuilding-Wahn diese Krankheit zumindest gefördert hat, weist er als absurde Unterstellung zurück. So etwas kann jedem passieren. Und jetzt ist alles wieder gut.

Mit dem Begriff Doping ist sein Verhalten nicht zu erklären. Er will niemanden betrügen, er absolviert keine Wettkämpfe, er unterliegt keinem Doping-Reglement. Alles reine Privatsache. Er ist Überzeugungstäter und will auch andere überzeugen. Bei mir hat er keine Chance, er weiß, was ich vom Bodybuilding halte. Aber er versucht erfolgreich, junge Fitnessbegeisterte - Ralf betreibt seit Jahren auch Fitnessstudios – vom Bodybuilding zu überzeugen, mit allen medikamentösen Konsequenzen. Da Ralf vor allem für unbedarfte Möchtegern-Muskelmänner in Auftreten und Erscheinung ein bewundertes Vorbild ist, leistet er erfolgreiche Überzeugungsarbeit. Bald muss er nicht nur für sich, sondern auch für einige junge Bodybuilder den Stoff besorgen.

Dies bleibt nicht unerkannt. Bei einer Razzia in seiner Wohnung wird die Polizei nicht fündig. In das Eisfach schauen die Beamten nicht, und die Pistole in der Schrankwand entdecken sie auch nicht.

Immer noch entwickelt Ralf kein Unrechtsbewusstsein. Von der Razzia erzählt er wie von einem Spiel, das er gewonnen hat. Die Versorgung der jungen Bodybuilder mit Anabolika und dem ganzen weiteren Spektrum an Medikamenten ist für ihn nur väterlicher Freundschaftsdienst zum Selbstkostenpreis.

Er meißelt aus seinem Körper eine Statue heraus, mit der auch ein Schwarzenegger in Hochform nicht mithalten könnte. Meine ich als Laie. Ralf hat nur ein bitteres Lächeln dafür übrig. Die Definition! Da hapert es. Außerdem seien gewisse kleine Muskelgruppen in ihrem Verhältnis zu den größeren nicht gut genug herausgearbeitet. Und der Bauch! Trotz nun schon jahrelanger Fron bleiben Fettrestrückstände, wegen der Altlast des “idiotischen Kugelstoßens”, die nicht wegzutrainieren seien.

Ralf zieht die ihm einzig möglich erscheinende Konsequenz: Fettabsaugen. Er lässt sich operativ das Bauchfett entfernen und gleichzeitig ein paar harmlose Fettgeschwulste zertrümmern. 12 000 Mark kostet die Schönheitsoperation, Ralf findet, er habe sein Geld nie sinnvoller investiert.

Aber das soll nur der Anfang sein. Von einem bekannten Bodybuilder und Kraftsportler – Nimbus: größter Oberarmumfang der Welt – weiß er, dass der sich Paraffin in den Bizeps spritzt. Das kostet zwar rund 15 0000 Mark monatlich, da das Paraffin die perfide Angewohnheit hat, spurlos zu verschwinden und daher ständig nachgespritzt werden muss, aber Ralf kann und will sich auch diese Investition leisten. Nachdem sein Bauchproblem behoben ist, stört ihn die vergleichsweise schwach entwickelte Wadenmuskulatur. Da muss Paraffin rein! Doch dazu kommt es nicht mehr.

Von der Pistole erfahre ich schon einige Jahre zuvor. Ralf  hat Beziehungsprobleme. Er liebt seine Frau über alles, glaubt er, und lebt dennoch gleichzeitig auf unterschiedlich intensiven Beziehungsebenen. Ich bin der einzige, der über alle komplizierten Arrangements Bescheid weiß. Als er von seiner Geliebten Nummer zwei, die gerade erst um eine Position abgerutscht ist, erfährt, dass sie einen ihrer früheren Geliebten getroffen hat, wertet er dies als unverzeihlichen Racheakt. Obwohl er sich gerade in Nummer eins verliebt hat und wechselnde Liebschaften Nummer drei und vier pflegt, wirft ihn dieser “Vertrauensverrat” in eine tiefe Krise.

Von dem Verrat hat er auf einer Tournee durch Westdeutschland erfahren, wo er in Bodybuildingstudios gut bezahlte Vorträge über das ideale Training hält. Er ruft mich an und sagt, dass er die entsicherte Pistole an der Schläfe habe. Er wolle sich von seinem einzigen Freund verabschieden. Ich halte es nur für eine theatralische Inszenierung, mit der er vor allem sich selbst von seinem tiefen Gefühl überzeugen will. Dennoch gebe ich vor, ihn ernst zu nehmen. Ich beschwöre ihn, auf der Stelle nach Gießen zu kommen, um in Ruhe über alles zu reden. Ralf kommt sofort.

Stundenlang gehen wir schnellen Schrittes den Seltersweg, Gießens Einkaufsmeile, auf und ab. Ralf redet hektisch auf mich ein, ich nicke beschwichtigend alles ab. Bald sind wir uns einig: Die Weiber, die Weiber, die machen uns fertig. Hauptsache, wir haben uns, dann stehen wir alles durch. Echte Männerfreundschaft ist durch nichts zu ersetzen.

Schon beim nächsten Telefonat hat Ralf alles verdrängt. Er erinnert sich nur an einen schönen Nachmittag in Gießen, fast wie in alten Zeiten. Von Selbstmordankündigung will er nichts wissen.

Ralf fühlt sich schlapp, unendlich müde. Nachts kann er nicht schlafen, im Liegen plagt ihn Atemnot. Die Nächte verbringt er sitzend, tagsüber kann er keine drei Schritte laufen, ohne nach Luft zu japsen. Er schildert telefonisch seine Leiden, doch will ich sie zunächst als hypochondrische Übertreibungen werten. Dass er lebensgefährlich erkrankt ist, dass er dies auch weiß, wird mir erst nach und nach klar.

Da Ralf im Gegensatz zu mir nicht zu Übertreibungen neigt, muss ich gegen meinen Willen nun doch ernst nehmen, was er berichtet: Sein Herz ist irreparabel geschädigt, wahrscheinlich durch die Myokarditis. Seine Lebenserwartung ist um 20 bis 30 Jahre verkürzt. Irgendwann in naher Zukunft, spätestens in zehn Jahren, muss er mit einer Transplantation rechnen. Die Befunde sind eindeutig. Ralf hat die bekanntesten Berliner Herzspezialisten konsultiert.

Den niederschmetternden Befund trägt er mit Fassung. dass er Kandidat für eine Herztransplantation ist, beunruhigt oder ängstigt ihn nur wenig. Für sein mechanistisches Körperverständnis bedeutet eine Herztransplantation nicht viel mehr als ein Austausch des Motors in einem Formel-1-Rennwagen. Aber dass sein Körper die Formel-1-Leistungsfähigkeit verliert, das bringt Ralf völlig aus der Fassung. Kein Bodybuilding mehr. Absolutes Verbot.

Ralf will es nicht wahrhaben. Als sich sein subjektives Befinden bessert, nötigt er den Ärzten die Erlaubnis ab, ganz leichtes Fitnesstraining zu absolvieren. Wenn die Mediziner wüssten, was Ralf unter leichtem Training versteht! Zwei Stunden täglich Hantelarbeit, bald schon berichtet er stolz, dass er wieder Zehnerserien im Kniebeugen mit einer 150-Kilogramm-Hantel schafft.

Zwei Stunden Bodybuilding füllen Ralf natürlich nicht aus. Er findet einen neuen Wettkampf, in dem er sich beweisen kann: Kampf der Geschlechter. In dieser Disziplin gehörte er auch zuvor schon zu den Spitzenkräften, doch nun eskaliert es. In letzter Zeit hatte Ralf nur eine langjährige Geliebte, von der seine Frau nichts wissen durfte, und wechselnde, flüchtige Kurzbeziehungen, von denen weder Frau noch Geliebte wissen durften. Nun stellt er Monat für Monat neue persönliche Bestleistungen auf und konstruiert ein hochkompliziertes Beziehungsgeflecht. Ich diene ihm dabei als applaudierendes Publikum, Trainer und Betreuer, manchmal auch als letzter und einziger Trost, da ich zunächst der einzige bin, dem er alle seine Wettkampfleistungen anvertraut. Manchmal verliert er Wettkämpfe, und dann ist Lebenskrise angesagt.

Ein schwer herzkranker Mann macht täglich herzschädigendes Training und stürzt sich zusätzlich in einen männermordenden Beziehungsmehrkampf. Und was macht der Freund? Erst rate ich ihm dringend, Golf zu spielen, die Beziehungen zu beenden und sich nur noch R. zu widmen, die über alles zu lieben er immer noch steif und fest behauptet. Dolch solch einen Rat könnte und würde ihm jeder geben, dazu braucht man keinen Freund. Wir einigen uns wieder auf die Bodybuilding-Vereinbarung: Ich missbillige das, was er tut, aber wenn er es schon tun zu müssen glaubt, stehe ich ihm mit Rat und Tat zur Seite.

Als Ralf erfährt, dass Spezialisten in Italien bei der Behandlung von Herzinsuffizienzen mit Wachstumshormonen experimentieren und vielversprechende Erfolge vorzuweisen haben sollen, bekniet er seine Berliner Ärzte, ihn mit diesen Hormonen zu behandeln, die im Leistungssport der 80er und 90er Jahre die Anabolika der früheren Jahre verdrängen oder zumindest ergänzen.

Die Behandlung schlägt an. Ralfs dramatisch gesunkene Herzleistungswerte, die laut Schulmedizin auch bei bester Behandlung höchstens gehalten, keinesfalls aber gebessert werden können, steigern sich deutlich. Ich bleibe zwar skeptisch, aber biete Ralf an, einen Artikel über diese mögliche Revolution in der Herzmedizin zu verfassen.

Ralf stimmt zu. Sein Arzt sei sogar bereit, mir ein Protokoll der Behandlung zu überlassen.

Es kommt nicht mehr dazu.

Später gibt sich keiner seiner Ärzte zu erkennen.

Ralfs Leistungswille im Kampf der Geschlechter eskaliert. Alles das reicht ihm noch nicht. Obwohl seine Geschäfte fast von alleine laufen und er außer den zwei Stunden täglichen Bodybuildings nichts zu tun hat, hetzt er von früh morgens bis in die Nacht von Termin zu Termin, immer von der panischen, lustvollen Angst begleitet, dass er “auffliegt”. Als zusätzlichen Kick baut er seine Backgammon-Liebhaberei zu einer Erwerbsquelle aus, die ihn mindestens einmal pro Woche eine ganze Nacht kostet.

Ralf hat einen Partner gefunden, mit dem er um Beträge spielt, deren Höhe ich niemandem außer Ralf glauben würde. Sein Partner, der seinen Hauptwohnsitz in Norddeutschland hat, besitzt eine Fluglinie, deren Geschäfte er für gewöhnlich einmal in der Woche von Berlin aus führt. Der Mann habe wahrscheinlich dreihundert Millionen Mark, vermutet Ralf. Wenn der in Bezug auf Zahlen und Daten manisch akkurate Ralf solch eine Vermutung äußert, könnte ich sie getrost als Tatsache werten. Ich tue es nicht, bis ich den Namen des Backgammon-Partners als handelnde Figur in groß aufgemachten Zeitungsberichten lese: Er hat eine marode Reisegesellschaft aufgekauft, kurze Zeit später verkauft er sie an den deutschen Branchenführer.

Innerhalb von eineinhalb Jahren gewinnt Ralf beim Backgammon fast eine Million Mark. Er informiert mich akribisch genau über den jeweiligen Stand. Als er die Millionengrenze übertreffen will, erlebt er ein Desaster. Normalerweise gewinnt er pro Backgammon-Sitzung zwischen 20 000 und 50 000 Mark, selten weniger, selten mehr, nur manchmal verliert er, ebenfalls ungefähr in diesem Bereich. Gewinn und Verlust werden jeweils spätestens am nächsten Tag in bar ausbezahlt. Nach einer durchzockten Nacht ruft er mich aus dem Auto an.

“Rate mal, was ich jetzt mache.”

Er erzählt es mir. Es ist seine einzige Freude an diesem traurigen Tag, dass er mir von dieser negativen Sensation seines sensationellen Lebens berichten kann. “Ich habe verloren. Neben mir liegt ein brauner Briefumschlag. Er ist gar nicht so dick, wie man meinen könnte. Ich bringe ihm das Geld in sein Büro. 132 000 Mark. Stell dir das vor.”

Ich stelle es mir vor und rate ihm, das Geld wieder zurück in sein Bankschließfach zu bringen und die Backgammon-Partien zu beenden. Sein Partner scheint bockig zu werden, hat schon mehrmals den unter Zockern streng verpönten Wunsch geäußert, seinen Verlust nicht sofort zu bezahlen, sondern beim nächsten Mal bei diesem Stand weiter zu spielen. Ich kenne diese Mentalität, ich kann sie nachempfinden, um so eindringlicher rede ich auf Ralf ein. Doch ihm ist diese Mentalität wesensfremd: bei Verlust nicht zahlen, sondern darauf hoffen, beim nächsten Mal zu gewinnen? Und wenn beim nächsten Mal nicht gewonnen wird, beim übernächsten Mal alles verrechnen? Und wenn man nie gewinnt, irgendwann leise, still und heimlich zu verschwinden? Ralf kann nicht glauben, dass so etwas möglich ist. Seine Zocker-Ehre, gepaart mit Geradlinigkeit und völliger Phantasielosigkeit, lässt ihm keine Wahl. Er liefert die 132 000 Mark ab.

Wenigstens hat er mir davon erzählt und mich, wie er glaubt, in meiner provinziellen Spießer-Idylle mächtig beeindruckt. “Das ist ein Leben! Mensch, wär det geil, wenn du auch nach Berlin kommen würdest!”

In den nächsten Wochen fühlt Ralf sich bestätigt. Sein Partner zahlt wieder, allerdings pendeln sich die Gewinne und Verluste bei zehn-, zwanzigtausend Mark pro Spiel-Session ein. Ralf gewinnt mehr, als er verliert, aber deutlich weniger als zuvor. Wenn er einen höheren Betrag gewinnt, ziert sein Partner sich und tut beleidigt, wenn Ralf auf Bezahlung besteht. Ich rate ihm wieder, diesen nun auch finanziell nicht mehr interessanten Kick aufzugeben.

Doch Ralf kann nicht aufgeben, da er mittlerweile auf die Backgammon-Einkünfte angewiesen ist. Denn er hat seinen Todesengel kennengelernt: C.

Nun beginnt die Endphase der Selbstzerstörung. Ralf drängt in die physische und psychische Abhängigkeit von C. Sie küssen und sie schlagen sich, liefern sich zerstörerische Eifersuchtsgefechte, fallen manchmal schreiend, schlagend, spuckend und kratzend übereinander her, was fast immer im Sexuellen endet.

Aus seinen Erzählungen schließe ich, dass C. ihn belügt und betrügt. Da Ralf sein Leben lang davon überzeugt war, dass Menschen, mit denen er zu tun hat, ihm immer die Wahrheit sagen (“Warum sollten sie lügen?”), wird er selbst bei den dreistesten Lügen nicht misstrauisch.

Seine Eifersucht beschränkt sich darauf, C. zu beschuldigen, auf “geile Blicke” von anderen Männern nicht abweisend genug zu reagieren. Ganz offensichtlich schlecht und dumm konstruierte Lügengeschichten schluckt er aber.

Ich wittere die Chance, ihn von dieser zerstörerischen Beziehung zu befreien. Ich versuche, ihn misstrauischer zu machen, ihn auf die logischen Fehler in den Ausflüchten und Entschuldigungen von C. hinzuweisen, wenn sie wieder einmal zu spät oder gar nicht kommt oder nicht dort ist, wo sie hätte sein müssen. Widerwillig lässt Ralf sich überreden, Misstrauen zuzulassen.

Gründlich wie er ist, packt er das Übel an der Wurzel. Er engagiert zwei ehemalige Stasi-Leute, die in die Wohnung von C. einbrechen und unter dem Sessel eine Wanze anbringen. Doch schon vor der ersten Abhöraktion bricht Ralf in die Wohnung ein und entfernt die Wanzen wieder.

Langsam beginnen mich derartige Geschichten anzuöden. Es wirkt immer unglaubhafter, was ich höre, aber da ich Ralf kenne, weiß ich, dass alles wahr ist.

Mit A., seiner langjährigen Hauptgeliebten, macht er in aller Freundschaft Schluss. Er finanziert ihr ein Haus, in das sie mit ihren Eltern einzieht. Ralf begründet das Ende der Beziehung mit dem Entschluss, sich schweren Herzens für seine Frau entschieden zu haben. A. ist todunglücklich. Alle ihre Zukunftspläne sind zerstört. Sie wollte doch so gerne ein Kind von Ralf, obwohl sie weiß, dass ein Kind für Ralf die größtmögliche Katastrophe seines Lebens wäre. Doch jahrelang hatte sie gehofft, dass sich seine Einstellung ändert. Nun ist es vorbei. Den wahren Grund ahnt sie nicht.

Es gibt nur noch C. sowie Eine-Nacht-Quickies, mit denen er seine Abhängigkeit von C. zu bekämpfen vorgibt. Das Geld fließt Ralf durch die Hände, es ist ihm egal. Er nimmt C. mit auf seine jährliche USA-Tournee, obwohl diesmal auch R. mitfliegt. C. soll nachkommen, darf Mutter und Bruder mitnehmen.

Hektisch jettet Ralf zwischen New York, Las Vegas und Los Angeles hin und her, seine Frau wundert sich ein wenig, bleibt aber noch arglos. Die Reise kostet ihn 40 000 Mark, danach ist Ralf mit der Kraft und den Nerven am Ende, zumal er trotz hochdosierter Medikamentierung sein Herz spürt.

Schließlich fliegt er auf. C. schickt ihm nach einem weiteren heftigen Streit ein Abschiedspaket. Darin sind kleine Geschenke von Ralf und ein Abschiedsbrief. Das Paket ist mit rosa Schleifchen umwunden, groß prangt C.’s Adresse darauf. R. öffnet das Paket, was der Sinn der Sache ist. Nun ist geschehen, was geschehen musste, was Ralf immer verhindern wollte, weil für ihn an oberster Stelle steht, R. niemals weh zu tun.

Fast erleichtert erzählt er, dass R. ihn nicht verlassen wird. Sie sei zwar tief getroffen, er habe die Sache aber im Griff. Er habe R. versichert, die Beziehung schon zuvor abgebrochen zu haben, daher das Paket. Er werde C. nie mehr sehen.

Mir sagt er: Er komme gerade von C., es habe eine fürchterliche Auseinandersetzung gegeben, danach eine grandiose Versöhnung. Er komme einfach nicht von ihr los. R. müsse eben mit seiner Notlüge leben. Wenn sie fest daran glaube, werde es ihr bald wieder gut gehen. Notlügen sind keine Lügen.

Ich fühle mich in der Rolle des älteren, vernünftigen Bruders unwohl. Es ist mir auch zu banal, Ralf auf offensichtliche psychische Macken hinzuweisen. Trotz der Erfahrungen mit unserem Ringelschwänzchen-Kugelstoßer rate ich ihm, einen vertrauenerweckenden Psychologen zu suchen. Der würde ihm vielleicht überzeugender vermitteln können, was ich vermute, aber nicht richtig ausdrücken kann.

Vor Jahren schon hatte ich Ralf  ”Die Grundformen der Angst” geschickt, ein psychologisches Standardwerk. Ich sah in dem darin beschriebenen analen, zwanghaften Typ verblüffend viele Übereinstimmungen mit Ralf.

Damals las er den entsprechenden Abschnitt sogar, stellte auch erstaunt fest, dass fast alles auf ihn zutrifft – und dann vergaß er lieber ganz schnell, was er gelesen hatte.

Nun aber geht er in seiner Not tatsächlich zu einer Psychologin, später auch zu einem Psychologen, ausgerechnet einem ihm gut bekannten Bodybuilder. Warum bin ich so? Warum diese innere Leere? Warum die hektische Aktivität um diese Leere herum? Warum Rolex und Porsche, warum diese Körperfixiertheit, warum die zwanghafte Pünktlichkeit, die extreme Ordnungsliebe, der Waschzwang? Warum die Überbetonung materieller Werte? Warum die mechanistische Vorstellung vom eigenen Körper als Hochglanzobjekt, das man mit Pillen und Spritzen sowohl aufpolieren als auch reparieren kann? Warum gewisse sexuelle Vorlieben? Warum die wahllosen One-Night-Stands mit 18jährigen, über die er mir wenige Stunden später klagt: “Du kannst dir nicht vorstellen, wie saublöd die ist. Was für ein dummes Zeug ich quatschen musste! Bis ich die erst mal los war! Furchtbar!”

Mein Mitleid hierfür hält sich in Grenzen. Groß ist mein Mitgefühl aber, als Ralf erkennt, was mit ihm los ist. Zunächst einmal erstaunt er mich, als er mir empfiehlt, ein Buch mit dem Titel “Die Grundformen der Angst” zu lesen. Da stehe alles über ihn drin. Es sei gespenstisch. Als ob der Autor ihn und seine Geschichte gekannt habe. Es habe ihn umgehauen.

Dass er dieses Buch früher schon einmal gelesen hat, will er nicht glauben, obwohl er zugibt: “Irgendwie war da mal was, vielleicht hast du recht.”

Mein Vorurteil gegenüber psychoanalytischen Aufarbeitungen ist laienhaft und mag falsch sein, bei Ralf bewahrheitet sich aber meine Vermutung: Der Mensch verdrängt aus Selbsterhaltungstrieb. Wenn man das Verdrängte zurückholt, weiß man zwar, was man verdrängt hat, erkennt die daraus resultierenden Verhaltensformen, doch was nützt das, wenn das Grauen wiederaufersteht und man sich ihm erneut stellen muss?

Ralfs Mutter starb, als er ein Jahr alt war. Seine spätere Stiefmutter stellte Ralfs Vater vor die Wahl: Der Junge oder ich. Und so wuchs Ralf bei einer Tante in Berlin auf.

Immer wenn er den Vater in Wiesbaden besuchte, wurde er von dessen neuer Frau gedemütigt. Er mache alles falsch, sei dumm, unwürdig, so wie er aussehe, ungeschickt im Auftreten, unschicklich in der Kleidung, könne er dem Vater doch nicht unter die Augen treten. Ralf sei ein Nichts, der Vater aber ein großer, verehrenswürdiger Mann, dem er nicht würdig sei.

Ob es wirklich so war, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass Ralf es als Wirklichkeit empfand. Früher hatte er mir oft versichert, er würde seine Stiefmutter ermorden, wenn er absolut sicher sein könne, dass er nicht erwischt würde. Wenn ich Zweifel anmeldete, stellte er kategorisch fest: “Wenn du sie kennen würdest, würdest du mich verstehen. Du würdest sie auch umbringen.”

Ralfs Psychologen stellen übereinstimmende Diagnosen. Sie beantworten seine Frage, warum er so ist, wie er ist, mit der wenig hilfreichen Feststellung, dass er zeitlebens um die Anerkennung des Vaters gefleht habe. Da der Vater ihn nicht so geliebt habe, wie er ist – sonst hätte er nicht die Stiefmutter, sondern seinen Sohn gewählt – flehe Ralf mit seiner Rolex, seinem Porsche, seinen Muskeln, seinem Reichtum, seinem Erfolg um die Anerkennung und Liebe des verehrten, geliebten Vaters.

Auch die über alles geliebte und dennoch permanent betrogene Ehefrau, die wechselnden Beziehungen, die Angst, der Ekel vor einer eigenen Vater-Rolle, die deutlich empfundene innere Leere sowie die selbstzerstörerische Leidenschaft für eine Frau, die er verabscheut, passen ins psychoanalytische Raster.

Auch die Kugelstoßerjahre werden frühkindlich bestätigt. Auch dass er nicht für mich auf den Europacup-Start verzichten konnte, findet seine Erklärung. Was hätte sein Vater davon gehalten? Ich erinnere mich an einen Wettkampf in Mainz, bei dem sein Vater Zuschauer war. Ich führte anfangs, Ralf gewann aber. Danach offenbarte er mir, dass sein Vater ihm missbilligend gesagt habe, dass er doch wohl nicht “gegen den da” verlieren wolle.

So einfach und einleuchtend alles klingt, so wahr es gewesen sein mag, so kontraproduktiv wirkt es. Immer verzweifelter, immer hektischer stürzt er sich in ein Leben, das geprägt ist von dem Verlangen, mit äußeren Werten zu glänzen, da ihm die inneren Befindlichkeiten Angst machen.

Um zu beweisen, welch ein menschliches Monster C. ist, will er sie mir vorstellen. Wir treffen uns in Bad Homburg. Ich bin rechtzeitig am Eingang des Spielkasinos, Ralf sieht mich, aber erkennt mich nicht sofort. Zu diesem Zeitpunkt telefonieren wir täglich und ausgiebig, haben uns aber schon zwei Jahre nicht gesehen. In Ralfs Vorstellung bin ich wieder zu seinem dicken Kugelstoßer-Freund geworden, so dass er den fast schlanken, mittelalten Mann vor ihm zunächst nicht erkennt.

C. enttäuscht mich. Eine schlanke, große Blonde, durchtrainierte Figur, zu viel Make-up, Mini-Rock, Mini-Top, hochhackige Schuhe, aber dennoch keine Frau, die einen Mann in den Wahnsinn treiben könnte. Meine ich. Ohne ihre Aufmachung wäre sie sehr durchschnittlich, eine ganz normale junge Frau eben. Wir unterhalten uns zwei Stunden lang, das heißt, Ralf erzählt ihr Anekdoten aus unserem Kugelstoßerleben, ich gebe die Stichworte.

C. hält sich zurück. Sie wirkt völlig anders, als Ralf sie beschrieben hat. Ich kann sie beim besten Willen nicht unsympathisch oder gar zerstörerisch finden. Eher beliebig, uninteressant, eines der üblichen blonden Accessoires, wie ich sie aus der gehobenen Bodybuilding-Szene kenne.

Ich sehe Ralf zum letzten Mal: einen zwei Meter großen, gepflegten Sieger-Typ in feinstem Zwirn, Typ erfolgreicher Manager, der mir lässig, aber dennoch fast liebevoll aus seinem in der Nachmittagssonne blitzenden und blinkenden Mercedes-Kabrio zuwinkt, neben sich ein weiteres Insignium von Macht und Erfolg, das blonde Accessoire.

Dass Ralfs Augen müde wirken, seine Haut unter der braunen Solariums-Auflage fahl und grau zu sein scheint, dass sein scheinbar lässiges Winken wie ein optischer Hilferuf aussieht, könnte ich mir auch nur einbilden.

Schon zwei Stunden später klingelt das Telefon. Ralf ruft aus einem Wiesbadener Hotel an, nutzt die günstige Gelegenheit, denn C. ist soeben im Bad verschwunden. Flüsternd fragt er meine Eindrücke ab. Er ist enttäuscht, dass ich seine Einschätzung nicht bestätigen kann. “Die hat sich verstellt, die Schlampe. Die kann das. Die wusste, wie wichtig mir dein Urteil ist, deshalb hat sie die unscheinbare, nette Maus gespielt.”

Als mir als einziger negativer Eindruck das übertriebene Make-up einfällt, hakt Ralf sofort ein: “Ja, das muss sie machen. Ohne dicke Make-up-Schichten sieht man sonst, wie verwüstet ihr Gesicht schon ist.”

So redet er über eine Frau, mit der er zwei Stunden vorher in der Öffentlichkeit geturtelt und geschnäbelt hat wie ein verliebter Siebzehnjähriger.

Dass Ralf und ich nun schon seit 25 Jahren Freunde sind, obwohl wir sportliche Konkurrenten waren und gegensätzliche Lebenswünsche haben, versuche ich ihm und mir mit angelesenen Bruchstücken aus der Verhaltensforschung zu erklären: Er ist ein Alpha-Tier, ich ein Beta-Tier. Als Alpha-Tier kämpft er mit anderen Alpha-Tieren permanent um die Macht. In Wolfsrudeln gibt es stets nur ein Alpha-Tier, das alle anderen Beta-Tiere beherrscht. Erst wenn es Schwächen zeigt, wird es von den Beta-Tieren gnadenlos zerrissen, und das stärkste von ihnen nimmt die Alpha-Stellung ein. Von mir als Beta-Tierchen weiß Ralf, dass ich artfremd bin. Ich interessiere mich nicht für die Alpha-Rolle, würde auch nicht mit anderen Beta-Tieren um sie kämpfen.

Trotz des Rollen-Unterschieds bleibt unsere Freundschaft auf gleichberechtigter Ebene, denn er ist nur eines von vielen Alpha-Tieren, ich aber eine Ausnahme unter den Beta-Tierchen. Als solches muss ich einsehen, dass alle meine gut gemeinten Ratschläge fruchtlos sind. Meine Tips, meine Überlebensstrategien helfen einem Alpha-Tier nicht. Einem Alpha-Tier ist nicht zu helfen. Es kennt nur Sieg und Niederlage im Kräftemessen mit den anderen.

Auch Ralf ist als Alpha-Tier ein ganz besonderer Typ: Er weiß, dass menschliche Alpha-Tiere im Sieg über andere ihre Niederlage vor sich selbst vergessen wollen. Andere wissen es nicht, verdrängen es zumindest. Ralf ahnte es schon vorher, nach den Sitzungen mit seinen Psychologen weiß er es nur zu genau, kennt die tiefen, demütigenden Gründe für die Entwicklung seiner Persönlichkeit. Dagegen hilft kein Doping mehr, dagegen hilft nur besinnungsloses Hetzen durch Tag und Nacht. Dagegen hilft scheinbar auch das Verrennen in eine sexuelle Abhängigkeit.

Ich versuche ihm hilflos zu erklären, warum ich seine Abhängigkeit nicht als eine von C. verstehe, sondern dass ich ihn als abhängig von sich selbst, abhängig von der Panik über seine innere Leere sehe. Wenn er die spektakuläre, nervenzerfetzende Beziehung zu C. beendet, wenn er auf die ebenso gesundheitsschädlichen Backgammon-Marathons verzichtet, wenn er aufhört, junge Mädchen rumzukriegen, die ihn bewundern, die er aber verachtet – was bliebe ihm dann?

Darüber will er gar nicht erst nachdenken. Es wäre zu grauenhaft.

Ralf steigert sein Tempo. Ich sehe beziehungsweise höre zu, und ich kann und will ihm nicht mehr helfen. Alles ist gesagt, mir fällt nichts mehr ein. Er weiß, dass ich ihn für einen Selbstmörder halte. Er bläst sein Leben auf wie einen Luftballon, jeden Tag ein bißchen praller. Ich weiß nicht, wann der Ballon platzen wird, aber er wird platzen.

Ralf nimmt dieses Bild auf, akzeptiert es, fast freudig. Wenn er wieder einmal nach durchzockter Nacht einen Schreikrampf-Tag mit C. erlebt, nachts darauf um die Häuser zieht, ein Disco-Mädchen aufreißt, um anschließend angeekelt doch wieder zu C. zu fliehen, in Gnade aufgenommen zu werden, sich danach unter Schlägen und Tränen zu trennen, beim Training abzureagieren, mit Valium vollzupumpen (“sonst platze ich wirklich”), gleichzeitig mit jedem seiner wachsenden Zahl von Freunden über seine Abhängigkeit von C. zu diskutieren, um respektvolles Verständnis und neidvolle Anerkennung zu diesem reichen, turbulenten Leben zu ernten, treibt es ihn dennoch immer zu mir, er muss mir alles haarklein erzählen.

Ich gehe nicht mehr auf ihn ein, schäme mich aber dafür, wenn ich seine Anrufe, die mir im hektischen Redaktionsalltag lästig werden, nach ein paar Minuten genervt beende.

Ich erlebe ihn nur noch angefeuert von Champagner – in den Mister-Universum-Jahren trank er keinen Tropfen Alkohol – oder mit valiumbeschwerter Zunge, so dass ich ihn kaum verstehe.

Mittlerweile nimmt er keine Wachstumshormone mehr, die Ärzte sind gespannt, ob die Herzleistungswerte konstant bleiben. Aber er nimmt ein neues Mittel ein, dessen Wirkung er mir genau beschreibt. Er habe es aus Amerika. Es helfe ihm in seinem Vielfronten-Geschlechterkampf. Es wirke einfach frappierend. Keine Probleme mehr, im Gegenteil. Mit einer Aerobic-Lehrerin testet er die Wirkung am ausgiebigsten.

Ich kann es einfach nicht mehr hören. Ich beschließe, auf Ralfs Anrufe nicht mehr einzugehen, ihn damit zu veranlassen, immer seltener mit mir zu sprechen, um auf diese Weise unsere Freundschaft langsam, aber sicher zu beenden.

Am Tag nach diesem Entschluss werde ich krank. Erstmals seit zehn Jahren bekomme ich Fieber. Grippaler Infekt. Bevor ich am frühen Abend ins Bett wanke, höre ich den Anrufbeantworter ab. R.  schluchzt. Weinend bittet sie um Rückruf. Ich weiß sofort: Der Ballon ist geplatzt.

Ich wähle Ralfs Nummer, höre aber eine unbekannte Stimme. Verwählt. Noch zweimal wähle ich die Nummer, die ich seit Jahrzehnten auswendig kenne und daher nicht notiert habe. Immer falsch verbunden. Ich habe die Nummer vergessen. Bei der Auskunft kann ich nicht nachfragen, Ralf hat eine Geheimnummer. Ein Versuch mit Ralfs Handy-Nummer. Seine Stimme, vom Band. Es ist das letzte Mal, dass ich ihn sprechen höre. Ich gebe auf.

Morgens um halb sieben holt mich das Telefon aus Fieberträumen. R.: “Ralf ist tot.”  Langes Weinen. Ich stammele irgendetwas. Sie legt auf.

Meine Frau fragt, was los sei. Ich antworte: “Ralf ist tot.” Drehe mich auf die Seite, tauche wieder in Fieberträume ab.

Stunden später sinkt das Fieber. Von R. erfahre ich Näheres. Bei einer Besprechung mit Bodybuilding-Kollegen sei ihm schlecht geworden, er habe sich ans Herz gefasst, sei umgekippt. Der Notarzt sei schnell dagewesen, habe aber keine Chance gehabt. Kammerflimmern, bei solch einem kranken Herzen, nichts mehr zu machen. Wiederbelebungsversuche zwecklos.

Auch A. ruft an, völlig aufgelöst. Sie will Einzelheiten wissen. R. weiß nichts von A., A. weiß nichts von C., C. weiß nichts von A., alle wissen nichts von der Aerobic-Lehrerin – wie sage ich wem nur das Richtige?

An die Todesumstände glaube ich nicht. R. will ich nicht fragen, daher denke ich daran, mich mit Ralfs Bekannten in Verbindung zu setzen. “Besprechung mit Bodybuilding-Kollegen” – unwahrscheinlich.

Doch R. klärt mich tags darauf ungefragt auf. Ich weiß nicht, ob sie es von Anfang an wusste. Mir als seinem besten Freund wolle sie es sagen, ich müsse aber schweigen. Ich verspreche es. “Ralf ist im Bett einer Frau gestorben.”

Ich spiele ihr keine Überraschung vor, frage nur: “Wo?” Und gebe selbst die Antwort, indem ich den Berliner Stadtteil nenne, in dem die Aerobic-Lehrerin wohnt. Denn mittlerweile habe ich die zeitlichen Zusammenhänge rekonstruiert.

Ralfs letzter Anruf kam aus seinem Auto, auf dem Weg zur Aerobic-Lehrerin. Die Pille wirke schon. “Denk mal gleich an mich!” Kurz darauf starb er, und ich wurde gleichzeitig und plötzlich krank. Beinahe hätte ich schon wieder lachen können: Ralf ist der erste deutsche Viagra-Tote. Ein finaler Rekord. Ich bin sicher: Ralf würde seinen Spaß daran haben.

Meine Frau wundert sich zunächst über meine Teilnahmslosigkeit. Ich auch. Doch bald merken wir beide, dass dies nur meine Art ist, unter Schock zu stehen. Es dauert mehrere Wochen, bis ich den Schock überwunden habe. Genaugenommen bis zu Ralfs Beerdigung.

Da es in Berlin einen Urnengrab-Engpaß gibt, wird der im Februar Verstorbene erst im Frühjahr beigesetzt. Dass wir in Berlin einen Selbstmörder begraben, weiß ich nun sicher. Mich hatte Ralf auf meine besorgten Vorhaltungen stets beruhigt: Er könne keinen Herzinfarkt bekommen. Seine Herzkrankheit sei anders gelagert. Sein Herz würde nicht plötzlich aufhören zu schlagen, sondern nur allmählich immer schwächer werden. Und ob er in acht, zehn oder zwölf Jahren ein neues Herz bekomme, sei schließlich nicht so entscheidend.

Ich glaubte ihm und stellte mir das Platzen des Ballons auch ganz anders vor: Mord, Totschlag, tödlicher Unfall, weil Caro ihm ins Steuer greift, oder sie ersticht ihn, er erschlägt sie – alles hielt ich für durchaus möglich, irgendeine letzte, tödliche Auseinandersetzung sogar für wahrscheinlich, möglicherweise unter Drogeneinfluss, und wenn es das nicht wäre, dann banales Organversagen wegen Medikamentenmissbrauchs. Der finale Countdown lief schon lange, so oder so oder wie auch immer.

Aber kurz nach seinem Tod offenbart R., dass Ralf mich angelogen hat. Er muss gewusst haben, dass diese Lüge notwendig war, um sich meine Anteilnahme, mein Mitbangen und Miterleben seines wilden Lebensrausches zu erhalten. Ralf hat mir verschwiegen, dass in allen seinen Befunden auf die akute Gefahr von Herzkammerflimmern hingewiesen wurde. Herzkammerflimmern bei einem derart vorgeschädigten Herzen muss tödlich enden. Ralf wusste es, sagte mir aber nichts. Jede Aufregung, von der er leidend-stolz erzählte, jedes Training mit schweren Gewichten hätte tödlich enden können. Ralf wusste es. Er wusste, wie er den Ballon zum Platzen bringen würde.

R. hat den Termin von Trauerfeier und Urnenbeisetzung geheimgehalten. Nur wenige von ihr informierte Menschen begleiten Ralfs letzten Weg. A., B., C. und die Aerobic-Lehrerin fehlen natürlich. Doch auch sein Vater, seine Stiefmutter sind nicht da. Aber Werner. Grau geworden, kränkelnd. Udo B. und Ulf T. sind ebenfalls dabei, die beiden ehemaligen Weltrekordler. Einige junge Bodybuilder, die ich nicht kenne und für die Ralf fast eine Vaterfigur gewesen sein soll, geben der Zeremonie ein filmreifes Ambiente. Braungebrannte Muskelmänner mit Pferdeschwänzen und mit unbewegter Miene hinter verspiegelten Sonnenbrillen – beinahe hätte ich laut gelacht, zumal jetzt in der kleinen Kapelle Whitney Houston vom Band losröhrt: “One moment in time.”

Als die kleine Trauergemeinde hinter der winzigen Urne zum Grab geht, bleibt ein herrenloser Kranz in der Kapelle zurück. Da ich als letzter gehe, drückt ihn mir ein Friedhofsangestellter in die Hand. Als ich auf die Kranzschleife blicke, schießen mir Tränen in die Augen – vor Anstrengung, denn es gelingt mir heldenhaft, einen Lachkrampf zu vermeiden.

In den mehr als 25 Jahren unserer Freundschaft gehörte es zu Ralfs größten Freuden, wenn Fremde meinen Nachnamen falsch aussprachen oder schrieben, was oft genug der Fall war. Wenn ich an Hotelrezeptionen oder am Flughafen meinen Namen buchstabierte und dennoch ein Steins, Steiners, Stein, Steinmetz oder Steiner herauskam, amüsierte er sich jedesmal königlich. Und nun gehe ich mit einem Kranz hinter seiner Urne her, der wohl schon länger herumliegt, denn er stinkt penetrant nach Hundeurin, und auf ihm steht: “Ein letzter Gruß von Dr. Stein”

Die Trauergemeinde löst sich auf. Hintereinander gehen wir Richtung Ausgang. Da kommt eine blonde, schwarzgekleidete Frau den Weg hoch, stapft stöckelnd durch den Kies. Schwarzer Hut, Schleier. Ich glaube sie zu erkennen. C. Als sie an mir vorbeigeht, sehe ich Tränenspuren auf dicker Schminke und bilde mir dennoch ein, Triumph aus ihren Augen blitzen zu sehen.

Ich sage nichts, blicke mich unauffällig um. Niemand scheint sie zu bemerken. Kann es sein, dass nur ich C. kenne? R. ist schon unauffällig verschwunden, A. weint sich wohl irgendwo die Seele aus dem Leib, und C. hat irgendwie den Beerdigungstermin erfahren und nimmt jetzt ganz alleine am offenen Grab Abschied.

Ralf ist tot. Er wollte nicht alt werden, nicht dahinsiechen. Das Leben, das vor ihm lag, ängstigte ihn nicht nur, es widerte ihn schon an, nur daran zu denken. Lieber kurz und schmerzlos sterben. Auf dem Höhepunkt. Schon mit 47 Jahren. Es ist ihm gelungen.

Ralfs Geschichte mag manchen befremden. Er wusste es, störte sich aber nicht daran. Ihm war dieses Manuskript wichtig, in all seiner Schonungslosigkeit. “Das ist echt, das ist kein Gesülze. Wer mich verstehen will, wird mich verstehen. Die anderen können mich mal.”

Einen Freund wie Dich wird es nie mehr geben.

 

Udo B., den ich in späteren Jahren einige Male besuchte, bestätigte mir, dass es C. war, die ich bei der Beerdigung gesehen habe. Er wusste auch, dass C. eine manische Bodybuilderin geworden sei, mit unglaublichen körperlichen Ausmaßen. Dachte sie, damit eine Art Vermächtnis von Ralf zu erfüllen?

C. wollte einige Jahre nach Ralfs Tod Kontakt zu mir aufnehmen. Ein Freund von ihr rief an und fragte, ob ich damit einverstanden sei. Ich lehnte ab. Was ich ihr erzählen müsste, mochte ich nicht erzählen, es hätte zu schmerzhaft für sie sein müssen.

 

Dass Ralf sein Leben später konsequent zerstören wird, hätte ihm 1975 niemand zugetraut. Ich ihm schon gar nicht. Eher traut man mir Selbstzerstörung zu. Ich mir auch. Noch geht Ralf seinen Weg unbeirrt, erfolgsbesessen und mit hoher konventioneller Vernunft, während ich gegen meinen etwaigen Kugelstoß-Erfolg Amok laufe und scheinbar gleichzeitig alles dem erhofften Kugelstoß-Erfolg unterordne. Ich bin nun auch offiziell ein 20-Meter-Stoßer, habe den vorolympischen Wettkampf gewonnen und gehöre zum Olympiakader. Ich könnte frohen Mutes das Wintertraining aufnehmen. Das Olympiajahr müsste mein Jahr werden. Aber als die Olympianormen festgesetzt werden, melden sich lästige Zweifel. Olympische Spiele sind Einladungswettbewerbe des Veranstalters, des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Alle Länder, in denen das IOC eine nationale Filiale hat, ein Nationales Olympisches Komitee (NOK), können an den Olympischen Spielen teilnehmen.

 

Der heutige DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) ist entstanden aus dem NOK und dem DSB (Deutscher Sport-Bund). Der DSB war der Dachverband der Vereine. Der Fusion ging ein sportpolitisches Gezerre und Geschacher voraus.

 

Es gibt jedoch Teilnahmebeschränkungen, damit die Zahl der Wettkämpfer überschaubar bleibt. In der Leichtathletik darf allerdings jedes NOK zumindest einen Teilnehmer unabhängig von seiner sportlichen Qualifikation nominieren. Daher tauchen in den olympischen Vorkämpfen immer wieder »Exoten« auf. Es erfreut den Zuschauer, wenn der »Exot« im 3000-Meter-Hindernislauf im Wassergraben badet, beim Hammerwerfen vergeblich mit der Zentrifugalkraft kämpft oder sich beim Speerwerfen fast ersticht. Das ist Sport, das ist Olympia! Wenn ein NOK mehr als einen Teilnehmer – maximal drei sind möglich – nominieren will, müssen die potenziellen Olympioniken eine vom IOC festgelegte Qualifikationsnorm erfüllen. Diese muss wenigstens einmal in einem Zeitraum von zwölf Monaten vor den Olympischen Spielen übertroffen werden. Ich kenne diese offizielle IOC-Norm nicht, denn sie spielt in Deutschland West und Deutschland Ost keine Rolle. Die IOC-Normliegt irgendwo zwischen 19 und 19,50 Metern. Ich habe sie jedenfalls mehrfach übertroffen, und da es in Deutschland niemanden außer Ralf gibt, der weiter stößt als ich, stünde in jedem anderen Land der Welt meine Olympiateilnahme außer Zweifel. Aber während die DDR aus nahe liegenden Gründen finanzieller, kontrolltechnischer, zwang- und druckausübender Art nur echte Medaillenkandidaten nominiert, übernimmt die reiche, demokratische Bundesrepublik dieses dopingfordernde Zwangssystem eines diktatorischen Unrechtsregimes, weil die Sportstrategen der Bundesrepublik alles nachäffen, was die medaillenstarke DDR vormacht. Der kalte Krieg tobt auch im Sport, und die Funktionäre toben mit. Aber nur in Deutschland. In den USA oder bei deren anderen kapitalistischen Verbündeten geht es sportlicher zu. Der Nominierungsmodus der US-Amerikaner ist hart, aber fair und gerecht. Es gibt keine Mauscheleien. Funktionäre und Politiker können keinen Druck auf die Sportler ausüben, strategische Machtspielchen wie in Deutschland sind bei der Olympia-Nominierung nicht möglich. Wer bei den Trials, dem US-internen Ausscheidungs-Wettkampf, Platz eins, zwei oder drei belegt und die IOC-Norm erfüllt, hat das Recht auf seinen Olympiastart erkämpft. Es gibt keine internen US-Normen, keine geheimen Nominierungsgremien. Nur der Sportler entscheidet. Wer verletzt ist oder einen schlechten Tag erwischt, hat Pech gehabt. Aber wer sich bei den Trials durchsetzt, dem kann niemand den Olympiastart verwehren, selbst wenn die US-Funktionäre lieber den verletzten Favoriten oder den wegen vorübergehender Formschwäche bei den Trials schechtplazierten Weltrekordler nominieren würden. Da jedes Land pro Disziplin nur drei Teilnehmer zu den Olympischen Spielen schicken kann, müssen die USA in ihren starken Wettbewerben, vor allem dem Sprint und den Sprüngen, Weltklassesportler zu Hause lassen. In ihren schwächeren Disziplinen, zum Beispiel dem Kugelstoßen der Frauen, nehmen aber selbst die sportstarken USA Athletinnen und Athleten mit zu den Olympischen Spielen, die in Deutschland als Versager verachtet und geschmäht würden und deren Anspruch auf Olympiateilnahme man als unverschämte Anmaßung abschmettern würde. Das IOC stellt Normen auf, die hoch sind, aber zweifelsfrei ohne Doping erreicht werden können. Zudem garantiert der Olympia-Veranstalter jedem Land einen »sozialen« Startplatz ohne Normerfüllung. Die US-Amerikaner, wie der gesamte reiche Westen außer Deutschland, richten sich nach den IOC-Vorgaben. Ihnen allen kann man nicht den Vorwurf machen, durch Norm und Nominierungsmodus das Doping zu fordern und zu fördern. Aber genau dies geschieht in der Bundesrepublik. Bei einem Treffen in Frankfurt werden dem bundesdeutschen Olympiakader die internen deutschen Normen vorgestellt und erläutert. Ich rechne mit einer Richtweite von 20 Metern, die ich irgendwann im Juni einmal erreichen muss. Das kommt mir problemlos machbar vor. Bis dahin will ich wie immer ohne Anabolika auskommen. Nach der Nominierung werde ich im Trainingslager eine Dianabol-Kur einlegen, die Pillen rechtzeitig vor dem Olympiawettkampf absetzen und mit guten Chancen um die Goldmedaille und den Weltrekord kämpfen. Doch die vorgestellte Norm beendet meine Planspiele. Man zwingt mich zu einer neuen Strategie. Wer als Kugelstoßer für die Bundesrepublik in Montreal an den Start gehen will, muss mindestens 20,60 Meter weit stoßen. Nicht nur einmal, sondern mindestens zweimal, und das bei drei vorgegebenen internationalen Wettkämpfen drei bis sechs Wochen vor Olympia. Das ist ein Hammer! Zwar zweifle ich in meiner Realitätsferne nicht, dass ich diese Norm schaffen werde. Aber sie liegt derart hoch, dass ich mich den üblichen Gepflogenheiten anpassen und schon frühzeitig Anabolika nehmen muss. Wer zweimal hintereinander in großen internationalen Wettkämpfen über 20,60 Meter stoßen kann, muss mindestens das Potenzial eines 21-Meter-Stoßers haben. Ich glaube zwar, dass ich mir auch ohne Anabolika das 21-Meter-Potenzial antrainieren kann. Ich habe es schließlich schon beim Sieg im vorolympischen Wettkampf bewiesen. Aber Potenzial ist nicht gleich Leistung. Wäre es mir möglich, ohne Anabolika zweifelsfrei die 20,60-Meter-Doppelnorm zu schaffen? Ich traue mir die Weite zwar zu, aber nicht zweifelsfrei. Alle anderen mit dem Leistungssport Vertrauten trauen niemandem die Norm ohne Anabolika zu. Man kann noch streiten, ob diese Norm im Männer-Kugelstoßen dopingfrei erreichbar ist. Aber unsere armen bundesdeutschen Kugelstoßerinnen bekommen eine ähnlich hohe Richtschnur vorgelegt, die weit mehr als zwei Meter über der offiziellen IOC-Norm liegt. Niemand kann bestreiten, dass diese intern drastisch erhöhten Olympianormen nachdrückliche, offizielle und öffentliche Aufforderungen zum Doping sind, und zwar von allerhöchsten Stellen. Je höher das verantwortliche Gremium, desto größer die Macht und desto kompromissloser die Dopingforderung. In der Bundesrepublik entscheidet eine große Koalition über die Olympiateilnahme: Deutscher Leichtathletik-Verband (DLV), Deutscher Sport-Bund (DSB), Deutsche Sporthilfe, Nationales Olympisches Komitee (NOK) sowie der Bundesausschuss zur Förderung des Leistungssports (BA-L), die vom  Bundesinnenministerium gesteuerte  graue Eminenz des deutschen Sports. Vor dem BA-L haben alle Angst. Diese Theoretiker und Beamten des Sports wollen die Bundesrepublik auf DDR-Niveau bringen. Dazu studieren sie, auch unter konspirativen Bedingungen, den DDR-Spitzensport und ahmen alles nach, was sie in unserem Gesellschaftssystem nachahmen dürfen. Zu ihrem großen Leidwesen dürfen sie nicht alles übernehmen, was der DDR-Sport, gesellschaftlich bedingt, an Zwangsmaßnahmen auf Lager hat. Der BA-L behilft sich mit den bei uns praktikablen Zwangsmitteln. An erster Stelle steht das Geld. Der BA-L dreht den aus öffentlichen Mitteln gespeisten Geldhahn nach Gutdünken auf und zu. Verbände, die alle Vorgaben erfüllen, werden großzügig alimentiert. Verbände, die einen sporthumanen Sonderweg gehen, gibt es nicht – ihnen würde der Geldhahn zugedreht: Kürzung der Förderungsgelder, Streichung von hauptamtlichen Stellen, und zu allem Überfluss würden sie noch von den Wachhunden der großen Doping-Koalition, den Medien, verbellt und zuammengebissen, wenn sie einen 20-Meter-Kugelstoßer oder gar eine 19-Meter-Stoßerin für Olympia vorschlügen. Ich bin sicher, der Bundestrainer würde mich auch ohne Normerfüllung für Olympia nominieren, wäre er alleinverantwortlich. Selbst der DLV würde einen 20-Meter-Stoßer nach Montreal schicken, fürchtete er nicht den BA-L und die Medien. Aber gegen die wahren Mächtigen in der bundesrepublikanischen Demokratie, die mit Steuergeldern und Meinung manipulieren, haben sie nicht die geringste Chance. Für uns Sportler bedeutet das: Wer nicht für Olympia nominiert wird, fällt aus der Sporthilfe-Förderungsgruppe A. Dadurch sinkt die monatliche Zuwendung von rund 650 auf 150 Mark, außerdem besteht keine Möglichkeit mehr, Jahresleistungsprämien zu bekommen, denn diese gibt es nur bei Olympiateilnahme – gestaffelt von Endkampfteilnahme bis Olympiasieg Doch mich interessiert das Geld nicht. Nur die Olympiateilahme zählt. Ich klage auch unser System nicht an. Ich kenne es, ich bin in ihm aufgewachsen, es kommt mir selbstverständlich vor, und ich ziehe es damals wie heute allen direkten Zwangssystemen vor. In der DDR hätte ich so gut wie keine freie Entscheidung. Bei uns aber hindert mich niemand daran, öffentlich gegen die Anabolika-Norm zu protestieren, den Leistungssport aufzugeben und, wenn ich unbedingt nach Montreal will, ins Reisebüro zu gehen und einen Flug zu buchen. Natürlich tue ich all dies nicht, und da ich nur als Kugelstoßer nach Montreal will, unterwerfe ich mich unserem indirekten Zwangssystem und dem Doping-Gebot der großen Koalition. Wenn schon, denn schon. Wenn ich die olympischen Saisonplanungen schon nicht nach meinem Konzept gestalten kann, mache ich es diesmal halt wie alle anderen. Ich nehme schon im Aufbautraining Anabolika. Überhaupt mache ich alles anders als sonst, denn erstmals beteilige ich mich nicht an Hallenwettbewerben. Nur Training, Training, Training, und zwischendurch kurze Dianabol-Kuren. Inzwischen wird in Fach- und Allgemeinpresse beratschlagt, ob die Normen nicht zu niedrig seien. Nicht die IOC-Normen, sondern unsere intern erhöhten! Was hat ein 20,60-Meter-Kugelstoßer in Montreal zu suchen? Der blamiert doch nur sich und uns vor dem sozialistischen deutschen Feind! Genüsslich sieben meine Journalistenkollegen schon vorab aus, erfinden den Kampfbegriff »Olympiatourist«, von denen wir keine in unserer Mannschaft haben wollen. Und alle wissen, dass sie Doping fordern und fördern. Bundesrepublikanisches Staatsdoping: Ihr wisst, was ihr zu tun habt! Aber lasst euch nicht erwischen! Wenn ihr nicht dopt, werdet ihr aussortiert und mit Geldentzug und medialer Verachtung gestraft. Wenn ihr euch erwischen lasst, ebenfalls, aber noch heftiger – wir lassen uns von Doping-Dummköpfen nicht unsere weiße Weste beflecken! Ich akzeptiere diese Spielregeln. Bigotte Heuchelei gehört zum öffentlichen Spiel. So richtig zum Kotzen wird sie aber erst zwanzig Jahre später, wenn die gleiche große Doping-Koalition aus Sportverbänden, Politik und Medien in öffentlichen Entrüstungsorgien das DDR-Staatsdoping »bewältigt« und die eigene Vergangenheit des Staatsdopings der eleganteren Art unbewältigt lässt. Bevor sich der erste Sportler dopingschämt, haben sich die früheren Führungskräfte von DLV, DSB, Sporthilfe, NOK, BA-L und die ebenfalls wissentlich dopingfordernden Journalisten zu schämen. Die meisten leben ja und könnten sich noch schämen. Auch der heimliche Chef des BA-L, der damalige Bundesinnenminister. Zu befürchten ist allerdings, dass sie Unwissenheit beteuern. Wir Sportler nehmen ihnen diese Unwissenheit nicht ab. Die große Doping-Koalition log damals und lügt heute. Fast noch schlimmer wäre es allerdings, wenn sie nicht lügen. Denn dann wüssten wir, dass im bundesdeutschen Sport jahrzehntelang fachlich inkompetente, ahnungslose und dumm daherschwadronierende Schwachköpfe das Sagen hatten. Trotz mancher Zweifel vor allem an höheren Würden-, Mandats- und Machtträgern will und kann ich daran nicht glauben.

Von meinen freiwilligen Trainingskontrollen spricht niemand mehr. Keine Kontrollen, keine Berichte. Aber die Aktion wird nie beendet, so dass ich scheinheilig darauf pochen könnte, der erste und einzige rund um die Uhr dopinggetestete Sportler der Welt zu sein. Wenn ich ein bisschen cleverer und kaltschnäuziger wäre, könnte ich meinen Olympiastart wahrscheinlich sogar erzwingen. Schaffe ich die Norm nicht, müsste ich kurz vor der Nominierungsrunde mit Hinweis auf meine weltweit einzigartige Anti-Doping-Aktion öffentlich Empörung mimen und die deutschen Sportverantwortlichen anklagen, dass sie mich für meine vorbildliche Vorreiterrolle mit Olympiaverbannung bestrafen. Und wenn man mich dann immer noch nicht nominiert, hätte ich zwanzig Jahre später wenigstens meinen goldenen Platz im Geschichtsbuch des Sports sicher: als Märtyrer der Anti-Doping-Bewegung. Ich muss der Versuchung, eine solche erfolgversprechende Heuchel-Rolle zu spielen, nicht widerstehen, da ich erst gar nicht in Versuchung gerate. Ich komme nicht einmal auf die Idee, den Märtyrer zu mimen. Die Verhältnisse sind klar: Ich will zu Olympia, daher soll und muss ich dopen. Wenn ich die verlangte Doping-Norm nicht schaffe, wäre es unsportlich und unwürdig, meine Olympiateilnahme lügend und heuchelnd zu erdrohen oder zu erbetteln. Ich glaube, selbst wenn ich von Beginn der freiwilligen Testaktion bis zum letzten Qualifikationswettkampf dopingsauber geblieben wäre, hätte ich keine öffentliche moralische Empörung ausdrücken können. Ich fürchte allerdings, dass ich dennoch keine Goldmedaille in Moral und Ethik verdient habe. Meine Einstellung ist kein Beweis für sportliche Tugend, sondern Indiz für Hilflosigkeit eines Einzelgängers. Dass ich in späteren, konventionelleren Jahren glaube, durch den Verzicht auf Heuchelei eine Chance verpasst zu haben, spricht gegen den Angepassten von heute und für den Sonderling von früher, auf den ich verwundert und distanziert zurückblicke. Da ich zum Olympiakader gehöre, komme ich in den Genuss neuer Aufmerksamkeit. Die beiden großen deutschen Sportartikelfirmen, die den Weltmarkt unter sich aufteilen, kämpfen auch um die Vorherrschaft im Olympiakader. Das heißt, der größere der beiden Konzerne versucht, dem kleineren auch noch dessen Kaderangehörige abspenstig zu machen. Der kleinere wehrt sich und startet ebenfalls Abwerbungsversuche. Jeder Leichtathlet von mindestens nationaler Klasse, zu der auch ich seit einigen Jahren gehöre, wird von einer der beiden Sportartikelfirmen ausgerüstet. Kleidung, Schuhe, alles mögliche Sport- und Freizeitzubehör wird dem Sportler auf Anforderung kostenlos ins Haus geschickt. Die Zuwendungen werden streng nach Leistung und Popularität rationiert, wobei die kleinere Firma schon bei kleineren Leistungen großzügiger ist. Daher konnte ich bereits als 17-Meter-Stoßer Sportschuhe und Trainingsanzüge bei ihr kostenlos bekommen, während die andere erst bei 18-Metern-Stoßern ihre Gabenverteilung begann. Seitdem bin ich meinem Ausrüster treu geblieben. Was nicht schwierig war, da die größere Konkurrenz noch kein Interesse an mir gezeigt hatte. Mit meiner Firma bin ich sehr zufrieden. Ich kleide mich nicht nur im Sport vollständig mit dieser Marke ein. Das kleine Raubtier-Emblem schmückt meine gesamte Garderobe, die allerdings nicht sehr reichhaltig und zudem frei von Anzügen und Krawatten ist. Das bei der Kleidung gesparte Geld brauche ich, um die sportgerechte Ernährung, in meinem Fall die Muskel-Mast, finanzieren zu können. Als Olympiakader-Mitglied bin ich nun auch für den Marktführer interessant. Rein statistisch allerdings nur. Man will im Olympiakader prozentual noch stärker vertreten sein, daher wirbt man auch um einen wenig bekannten Athleten aus der zweiten oder dritten Reihe. Fast fühle ich mich wichtig, als der Repräsentant dieser Firma bei mir zu Hause auftaucht, die Brieftasche zückt und zweitausend Mark in drei Streifen nebeneinander auf den Tisch blättert. Das Argument gefällt mir. Ich kenne und mag den Geldboten. Er ist ein früherer Europameister, ein Mann der Tat, der keine unnötigen Worte verschwendet. Er hat mich ja auch schon überzeugt. Zweitausend Mark! Das sichert meine Eiweißzufuhr für zwei Monate. Mein Problem: Auch mit dem Repräsentanten meiner Firma verstehe ich mich gut. Den ehemaligen Mittelstreckler von internationalem Format, der später auf Landesebene als Politiker Karriere macht, würde meine Treulosigkeit sehr enttäuschen. Was soll ich ihm sagen? Am besten gar nichts. Im Pakt mit meinem neuen Ausrüster wird auch dem Wunsch Rechnung getragen, dass der eine Repräsentant den anderen über den Markenwechsel informiert. Ich Feigling halte das für die beste Lösung. Bis einige Tage später das Telefon klingelt und ein erzürntes Raubtier in meine Ohrmuschel faucht. Er kenne mich gut genug, um mir schaden zu können. Von nun an werde er sich bei jedem Wettkampf an den Kugelstoßring stellen und mich anklagend anschauen. Sonst nichts, nur anschauen. Er wisse schließlich, wie sensibel und anfällig ich im Wettkampf reagiere. Da ist was dran. Mehr noch aber überzeugt mich sein Vorschlag, ihm die Treue zu halten, dem Kollegen von der anderen Marke das Geld zurückzugeben, das er mir natürlich zur Verfügung stelle. Dann bliebe alles beim alten, aber ich sei zweitausend Mark reicher. Ich bekomme von dem einen zweitausend Mark und behalte die zweitausend von dem anderen. Irgendwann wechsle ich dann doch die Marke. Weder das Geld noch der Wechsel scheint die beiden Firmenrepräsentanten länger zu beschäftigen. Sie drehen jetzt größere Räder, Konkurrenz kommt auf, da kann man sich nicht mehr um kleine Rädchen kümmern. Mir soll’s recht sein. Bei keinem bleiben Missstimmungen zurück, bei mir aber viertausend Mark. Ob ich Skrupel habe? Nein. Skrupel bekomme ich aber, als ein Film-Team des deutschen Fernsehens meine Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in einer Langzeit-Reportage begleiten will. »Kraftproben« heißt die Sendereihe des WDR, die mit der ersten Folge über einen legendären Gewerkschaftsführer begonnen hatte. Und nun ich. Eine 45-Minuten-Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, im ersten Programm sogar. Noch gibt es keine privaten Programme, daher werden viele Millionen zuschauen. Mir wird schwummrig. Außerdem bin ich misstrauisch. Wollen die mich fertigmachen? Mir ist klar, dass ich mit meinem monströsen Aussehen, meinen Ernährungsgewohnheiten, dem extremen Training, meiner scheinbar sinnlosen Ausschließlichkeit ein gefundenes Fressen bin, das nur darauf wartet, in die Pfanne gehauen zu werden. Schließlich leben wir in den intellektuellen 70er Jahren, in denen Körperbezogenheit nahe an der Grenze zum Schwachsinn angesiedelt wird. Wenn öffentlich vorgeführt wird, wie meine Körperbezogenheit diese Grenze weit überschreitet und sogar nur Mittel zu einem obskuren Zweck ist, würde ich zum Gespött der Nation. Es gibt noch keine Fitnessbewegung. Die wenigen Jogger, die Dauerläufer heißen, werden gutmütig bespöttelt. Bodybuilding keimt noch in den verborgenen Winkeln verrufener Bahnhofsgegenden. Arnold Schwarzenegger, in der Szene schon eine Legende, ist in der Öffentlichkeit so gut wie unbekannt. Die wenigen, die ihn schon einmal gesehen haben, halten ihn für ein abartiges Kuriosum. Wie würden sie dann erst mich verlachen, der nicht für die Gesundheit läuft, nicht als Muskelplastik Geld verdienen will, sondern sich zur Unförmigkeit hochmästet und wie ein Verrückter Eisen stemmt und Kugeln stößt, was ungesund ist und selbst im Optimalfall weder Geld noch Ruhm verspricht. Die Filmer – ihr Chef heißt auch so und wird später wahre Größen porträtieren – wollen mich beruhigen. Sie versichern mir, ich könne ihnen vertrauen. Ich vertraue ihnen nicht, willige aber schließlich ein. Ich weiß nicht warum. Sind es die zweitausend Mark Aufwandsentschädigung? Ich kann sie gut brauchen, schließlich bin ich bis auf freie Mitarbeit bei meinem früheren Arbeitgeber erwerbslos. Aber ich fürchte eher, dass ich mich geschmeichelt fühle und es genieße, im Mittelpunkt des Interesses von Film- und Fernsehschaffenden zu stehen. An das Risiko der Bloßstellung will ich nicht denken – bis zum Sendetermin im nächsten Sommer. Sie filmen und interviewen mich in mehrwöchigen Abständen im Krafttraining, beim Kugelstoßen, beim Essen und Trinken, beim Anrühren und Austrinken von Eiweißkonzentraten, auch bei Terminen als freier Journalist und schließlich bei den entscheidenden Wettkämpfen der Olympiaqualifikation. Als der Sendetermin naht, wird mir immer mulmiger. Die zweite Folge der »Kraftproben« läuft vor der »Sportschau« an jenem Sonntag, an dem ich die letzte der drei Möglichkeiten habe, die Olympianorm zu erfüllen. Ich weiß, mich kann nur ein Wunder retten. Nach all diesen Anstrengungen schmählich versagen, als bedauernswertes, zu verachtendes oder zu belächelndes Unikum – oder alles zusammen – vorgeführt werden, womöglich in den Interview-Zusammenschnitten noch mit ungeschnittenen Denkpausen und Stammel-Statements bösartig bloßgestellt werden . . . mir wird immer mulmiger. In den Monaten zuvor beantworte ich ehrlich alle Fragen. Selbst auf die Gretchenfrage lüge ich nicht, mache mir und dem Interviewer sophistisch weis: Nein, ich nehme keine Anabolika. Brauche ich nicht. Sie sehen ja, wieviel ich esse, wieviel ich trainiere. Bei maximalem Training und maximaler Eiweißaufnahme gibt es maximalen Erfolg, der auch durch Anabolika nicht optimiert werden kann. Ist doch klar, oder? Sage ich und will ich meinen. Das sagte ich und wollte es auch meinen, als ich die Trainingskontrollaktion startete. Das werde ich auch später sagen und meinen wollen. Aber wehe, mein Optimismus wird beeinträchtigt und Zweifel kommen auf – schon will ich nicht mehr meinen, was ich weiterhin sagen muss. Und bei diesen wahnwitzigen Olympianormen kann ich Zweifel nicht mehr unterdrücken. Immerhin, die Filmer fragen mich nur einmal nach Anabolika, zu Beginn der Dreharbeiten, und zu diesem Zeitpunkt nehme ich kein Dianabol. Ich zögere es so weit wie möglich hinaus. Erst im Februar lege ich eine Zwei-Wochen-Kur ein. Sinnigerweise in der ersten Trainingspause nach fünfmonatigem Aufbautraining. Als ich mit dem zweiten Teil der Olympiavorbereitung beginne, spüre ich keine positive Wirkung. Im Gegenteil, denn nach der zweiwöchigen Pause habe ich Gewicht verloren, bin im Krafttraining zurückgefallen und stoße zunächst einen drittel Meter weniger als zuvor. Ich beschließe, von nun an bis zur Olympiaqualifikation mehrere einwöchige Anabolika-Phasen einzulegen. Das beruhigt. Beunruhigend wäre etwas anderes – wenn ich als Großmeister im Verdrängen nicht auch dies problemlos wegstecken würde: Die Eiweißkonzentrate, die ich seit einigen Jahren legal und legitim einnehme, haben neben hohem Eiweiß- auch hohen Milchzuckeranteil. Milchzucker wirkt bei Verstopfung stuhlgangfördernd. Ich habe keine Verstopfung, führe mir täglich große Mengen Milchzucker zu und leide zudem offensichtlich unter Milchzuckerunverträglichkeit. Mit dem Effekt, dass ich regelmäßig spätestens eine Stunde nach dem Hinunterwürgen der Eiweißpampe diese wieder in gleicher Konsistenz ausscheide. Nur die Farbe hat sich geändert. Wenn ich Anabolika schlucke, tue ich dies stets in Verbindung mit der Eiweißaufnahme. Werden die Hormone direkt mit dem Eiweiß aufgenommen, wirken sie am besten. Habe ich beschlossen. Aber können die Anabolika, können die Eiweißmengen überhaupt wirken, wenn schon eine Stunde später . . . ?

 

Als ich dies schrieb, kannte ich das Wort »Laktose« noch nicht. Nach meiner Kugelstoßer-Zeit trank ich keine Milch mehr, Eiweißkonzentrate nahm ich natürlich auch nicht. Vor einigen Jahren machte ich in einer Arztpraxis den Unverträglichkeitstest. Er ging, nun ja, voll in die Hose. Ich habe eine sehr deutliche Laktose-Intoleranz. Mit meiner Vermutung von damals, dass ich den anabolen Wirkstoff schon kurz nach der Aufnahme wieder ausscheide, dürfte ich also richtig gelegen haben.

 

Ist dies auch der Grund, warum ich in der nüchternen, einbildungs- und placebowirkungsfreien Rückschau weder negative Gesundheits- noch positive Leistungswirkungen feststellen kann? Habe ich wegen der jahrelangen Input-Output-Automatik die anderen Kugelstoßer unbekannten Gewichtszunahmeprobleme? Schließlich wiegt Ralf immer fast fünfzig Pfund mehr als ich, obwohl ich mich mäste wie kein anderer. Bin ich deswegen jenseits der 50 gesünder als in meinen Sportjahren, ohne feststellbaren Langzeitschaden? Des älteren Herren Freud ist des Kugelstoßers verdrängtes Leid. Soll ich es einmal mit Testosteron versuchen, dem neuen Modepräparat, das erst viel später auf der Dopingliste erscheint, noch nicht nachweisbar ist und als erlaubte Substitution betrachtet wird? Testosteron gibt es nur in Zäpfchenform. Ich versuche es. Mein Schließmuskel macht seinem Namen alle Ehre. Endlich lässt er sich erweichen, nimmt das geschossartige Gebilde gnädig auf. Aber nur, um es eine Sekunde später wie aus der Pistole geschossen im hohen Bogen herauszukatapultieren. Ich denke an meine Filmcrew. Das wären Aufnahmen! Obwohl ich in meiner Olympia-Torschlusspanik keine Skrupel mehr kenne, bleibt dieser Selbstschuss die einzige Erfahrung mit Testosteron. Selbst mir ist dieses Zäpfchenladen zu unappetitlich, zu würdelos. Testosteron und Captagon einmal und nie wieder. Ansonsten niemals irgendwelche verbotenen Substanzen oder Drogen. Nicht einmal Haschisch, das um mich herum die meisten in der Tasche und in der Blutbahn haben. Ich rauche nicht und trinke – bis auf die Berliner Ausnahme – nur mein Gewichtsmittel Bier. Bleibt Dianabol – wegen der kurzen Verweildauer womöglich wirkungslos. Gegenüber der Mehrzahl meiner nichtanabolen Altersgenossen ein fast vorbildlich drogenfreies Leben . . . In die Olympiavorbereitung fällt sogar auch die einjährige Alkohol-Totalabstinenz nach dem Berliner Istaf-Fiasko. Das kann in gewissen Situationen hinderlich werden. Ralf  und ich begutachten im Heidelberger Leistungszentrum deutsche Nationalspielerinnen. Sie werden von ihrem asiatischen Trainer getriezt. Werner würde nie wagen, uns so zu behandeln. Eine fällt uns wegen ihrer figürlichen Vorzüge besonders positiv auf. Wir laden sie ein, sich mit uns über Sport zu unterhalten. Abends in der Altstadt. Meinungsaustausch über Trainingsprobleme. Vielleicht können wir von ihr was lernen. Sie ist einverstanden. Darf aber nicht weg. Der Trainer gewährt keinen Ausgang. Wir glauben es nicht. Gibt es so etwas im deutschen Sport um unser Kugelstoßen herum? So etwas gibt es. Wir klopfen an die Tür des Trainers, gehen hinein und tragen unser Anliegen vor. Kategorische Ablehnung. Wir bitten und betteln. Der kleine Mann steht auf, kommt ganz nahe heran. Mir ist das leicht unangenehm. Dass Ralf Menschen sogar hasst, die nahe an ihn herankommen und ihn dabei gar noch berühren, weiß ich. Aber Ralf weiß, dass diese Empfindlichkeiten im Dienst der guten Sache zurückstehen müssen. Der Volleyballtrainer prüft Ralfs Oberschenkel, meine Oberarme, tastet unsere Rückenmuskulatur ab. Wir beißen die Zähne zusammen. Wir blicken uns an, sind uns ohne Worte einig: Erst wenn der Kleine sich in primäre Geschlechtsregionen verirrt, wird’s knallen. Es knallt nicht. Wir können gehen, dürfen die Nationalspielerin mitnehmen. Sie kann es kaum glauben. Wie habt ihr das denn gemacht? Na ja, halt so. Doch an erster Stelle steht das Kugelstoßen. Ihm wird alles untergeordnet. Ohne das Kugelstoßen würde ich hilflos auf dem stürmischen Meer des Lebens treiben, das Kugelstoßen ist mein Rettungsanker. Wer solche Sätze liest, dem könnte schlecht werden. Wenn ich solch einen Satz von einem anderen lesen müsste, würde mir auch schlecht. Aber ich meine diesen Schwulst nicht nur ernst, ich weiß genau, dass er noch wahrer ist, als er kitschig klingt. Ich lerne abseits vom Kugelstoßen Trennung, Trauer, Schock, Tod, Verlust kennen, und nur das Kugelstoßen hilft mir, existenzielle Katastrophen scheinbar unversehrt zu überstehen. Ich kann mir Trauerarbeit nicht leisten, da sie die Trainingsarbeit negativ beeinflussen würde. Auch wenn die Kehle wie zugeschnürt ist, auch wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß, weiß ich immer, was jetzt auf jeden Fall getan werden muss: Eiweiß anrühren, in langen, tiefen Schlucken die brennende Kehle hinunterlaufen lassen, Trainingsvorbereitungen treffen, drei Stunden intensiv Gewichte heben, jede Bewegung ist programmiert, muss getan werden. Nichts darf versäumt werden, alles muss seinen gewohnten Gang gehen, sonst ist alles vorbei. Nicht einmal Fernsehserien wie »Holocaust« darf ich sehen, und bei Hunger- und sonstigen Katastrophenszenen in der »Tagesschau schließe ich die Augen. Nichts darf ich an mich herankommen lassen, weil kugelstoßfremde Gefühle kugelstoßschädlich sind. Bis kurz vor dem ersten Qualifikationswettkampf laufen meine Vorbereitungen wie geplant. Ich bin gut in Form und zuversichtlich, schon bei diesem ersten Wettkampf, einem Länderkampf gegen die Sowjetunion in München, die Norm erreichen zu können. Ich bin mit 29 Jahren im besten Kugelstoßer-Alter, habe hervorragend trainiert, stoße im Training mit der Acht-Kilo-Kugel über 19 Meter. Die fünfzehnpfündige Wettkampfkugel, mit der ich über einen Meter weiter stoßen kann, werde ich erstmals wieder in München in die Hand nehmen. Für diesen Augenblick habe ich jahrelang trainiert, mein ganzes Leben auf den größtmöglichen Wettkampf ausgerichtet, auf die Olympischen Spiele. Nun muss und werde ich mich qualifizieren. Am Abend vor dem großen Tag beginnt meine akute Wettkampfvorbereitung, indem ich mit Bekannten Darts spiele. Wir spielen bis tief in die Nacht, das Werfen der leichten Pfeile macht meinen Stoßarm immer schwerer. Ungerührt schaue ich mir zu. Ich weiß, was ich anstelle, hindere mich aber nicht daran. Stundenlang stehen – die Rückenmuskulatur verkrampft. Stundenlang Pfeilewerfen – mein Wurfarm schmerzt, wird taub, die ungewohnte Bewegung stört die Blutzirkulation. Ich werfe unverdrossen weiter. Am Morgen fahre ich mit dem Auto nach München. Mir fallen die Augen zu. Kurze Schlafpausen an Raststätten. Dennoch erreiche ich schon Stunden vor dem Wettkampf das Olympiastadion. Um die Müdigkeit zu vertreiben, komme ich auf die glorreiche Idee, mich jetzt schon in der Olympiahalle mit der Acht-Kilo-Kugel einzustoßen. Na bitte, es läuft doch! 18 Meter aus dem Stand, so weit wie noch nie. Mit der Angleittechnik stoße ich normalerweise zwischen zwei und zweieinhalb Metern weiter. Einfache Hochrechnung: 18 Meter aus dem Stand mit der Achter = 19 Meter aus dem Stand mit der Siebener = 21,25 Meter mit Angleiten mit der Siebener plus einen Meter Bonus wegen der stimulierenden Wettkampfatmosphäre = Weltrekord. Ich mache weiter, zwei Stunden lang, weil ich immer schlechter werde, aber nicht schlechter werden will. Müde und matt lege ich ein kleines Nickerchen auf der Hochsprung-Matte ein. Danach will ich vor dem Wettkampf mein Selbstbewusstsein mit lockeren 20-Meter-Stößen stärken. Unsanft werde ich geweckt. Schnell, schnell, es geht gleich los. Im Stadion begrüßt mich das Film-Team, wünscht mir viel Glück. Der beste meiner sechs Wettkampfstöße landet bei 18,72 Meter. Es gewinnt der neue russische Weltrekordler, der kürzlich mit der Drehtechnik 22,00 Meter gestoßen hat und auch heute leicht über 21 Meter kommt. Es sieht so einfach aus. Ein emotionslos und fast unsportlich wirkender russischer Bär, der jede Bewegung nur auf Anweisung seines Trainers macht. Wieder ein Weltrekordler, der sich in seinem ganzen Kugelstoßer-Leben weniger Kugelstoß-Gedanken gemacht hat als ich in jeder Stunde des Tages. Mein Film-Team fragt mich etwas. Ich antworte irgendetwas. Ich fühle keine Enttäuschung, keine Wut, keine Trauer. 18,72 Meter. Jetzt interviewen sie den Bundestrainer. Werner sagt es unverblümt: Der Olympia-Traum ist ausgeträumt. Ich stehe reglos daneben. In meiner Apathie denke ich nur: gelungene Schlussszene für den Versager-Film. Bei den nächsten beiden Qualifikationen steigere ich mich unwesentlich auf 19,40 und 19,62 Meter. Von dem Film, der während der letzten Qualifikation läuft, will ich nichts wissen. Ich lasse ihn mir nicht aufnehmen, lehne auch spätere, nett gemeinte Aufforderungen des Teams ab, nach Köln zu kommen und dort den Film gemeinsam anzuschauen. Ich will nichts mehr damit zu tun haben. Ich werde nie in meinem Sportlerleben einen internationalen Preis gewinnen. Aber der »Kraftproben«-Film »Eine Kugel für Montreal« wird auf einem Film-Festival preisgekrönt. Ich soll mit sehr viel Anteilnahme und Sympathie porträtiert worden sein. Ich schäme mich für mein Misstrauen. Man sagt, das Nichterreichen des sportlichen Zieles habe dem Film einen anrührend tragischen und daher preisverdächtigen Touch gegeben. Der Oscar für den besten männlichen Versager-Hauptdarsteller wird mir aber nicht verliehen. Später sehe ich auch Gutes in meinem Versagen. Ich bin uninteressant geblieben, bin kein wehrloses Objekt der Doping-Diskussion, sondern diskutiere fleißig mit. Niemand kann mir eine Medaille aberkennen wollen, da ich keine Medaille gewonnen habe. Ich bedauere aber, dass mir das Erlebnis verwehrt wurde, an Olympischen Spielen teilzunehmen, zu erfahren, wie ich mich in einer solchen Extremsituation verhalten hätte. Wäre ich über mich hinausgewachsen? Hätte ich fürchterlich versagt? 1972 bin ich sportlich gescheitert, 1980 werden weltpolitische deutsche Erfüllungsgehilfen uns allen die Olympiateilnahme verbieten, und 1976, auf dem Höhepunkt meiner Leistungsfähigkeit, verwehren mir deutsche Doppelmoral, der in Deutschland heißeste kalte Krieg und die außer Rand und Band geratenen Sportfunktionäre, Sportpolitiker und Sportjournalisten das ersehnte Erlebnis Olympia. Wir Sportler liefern vielen Kritikern nur den willkommenen Anlass, Heuchelei, doppelte Moral und Profilneurose auszuleben. Auch als Zielscheiben für Hass und Neid eignen wir uns bestens. Davon spüre ich selbst nichts – Hass und Neid richten sich gegen die Großen des Sports, unbedeutende Athleten wie ich bleiben wenigstens davon verschont. Schon vor meiner Rückkehr in den Beruf des angestellten Sportjournalisten nach dem Scheitern 1976 versuche ich, Interesse und vor allem mehr Verständnis für meinen Sport zu wecken. Bin ich nicht in einer privilegierten Situation? Ich lebe einerseits in der Welt der Sportler, in der Journalisten allenfalls geduldet, manchmal für die eigenen Zwecke eingespannt, meist aber gleichzeitig gefürchtet, gehasst und verachtet werden, andererseits bin ich doch selbst ein Journalist und könnte auf beiden Seiten für mehr Verständnis werben. Dabei denke ich vor allem an mehr Verständnis für mich. Dazu müsste ich aber aus meinem mittelhessischen Zeitungs-Getto ausbrechen und für die großen überregionalen Zeitungen schreiben. Nur was? Habt mich lieb und seid beeindruckt, was ich für ein toller Kugelstoßer bin? Hört endlich auf, über Anabolika zu geifern? Mal sehen, ob ich das auch dezenter, scheinbar empfindsamer ausdrücken kann. Zwischen zwei Trainingseinheiten setze ich mich an den Schreibtisch und blicke sinnierend hinaus ins novembrige Novemberwetter. Ich schreibe:

»Der Feldstein, der seit Jahren die angestrebten 20 Meter markiert, ist im Nebel kaum zu erkennen.«

Klingt gut. Nebulös, aber irgendwie gedankenschwer. Klingt auch sympathisch bescheiden. Zwar markiert auf keiner meiner Kugelstoßanlagen irgendein Stein irgendeine Traumweite, doch ziehe ich manchmal Linien bei 22, 23 oder gar 24 Metern, schaue beeindruckt zum Kugelstoß-Kreis zurück und bewundere meine zukünftigen Leistungen. Aber der erste Satz passt, der Rest fließt fast von alleine:

»Das Ziel der ersten Trainingswoche heißt 16 Meter, um diese Marke wird gekämpft, sie wird selten erreicht. Fünf Wochen Trainingspause ließen die Muskeln schmelzen, die Kraft schwinden. Der erstaunte Ausruf eines Bekannten (›Du siehst ja fast aus wie ein normaler Mensch!‹) ist kein Kompliment für einen Kugelstoßer, der 25 Pfund hart erarbeitetem Körpergewicht nachtrauert. Wen die Leidenschaft für seinen Sport in Regionen gedrängt hat, die als abnorm gelten, den bewegen derartige Sprüche nur noch als Indikator der körperlichen Verfassung. Und die ist miserabel: Bis auf das i-Tüpfelchen ausgeklügelte Trainingsprogramme hieven die Leistungsfähigkeit in Höhen, die für Außenstehende nur noch durch das Reizwort Doping fassbar bleiben. Die zur Erholung des strapazierten Körpers unumgängliche Pause nach Saisonende aber bewirkt einen dramatischen Verfall des Erkämpften. Ängste und Zweifel keimen auf, wenn sich die Kugel nach mächtiger Anstrengung bei fünfzehneinhalb Metern in die aufgeweichte Erde bohrt, Hoffnungslosigkeit macht sich breit, wenn beim Bankdrücken 150 Kilogramm die Brust eines Athleten zu zermalmen drohen, der Wochen zuvor mit 200 Kilogramm zu spielen fähig war. Auf der durchnässten Anlage rollt die Kugel nach dem Aufschlag kaum zwei Meter weiter. Bei knapp 18 Metern bleibt sie liegen. 18 Meter: Im November die Weite eines Übermenschen. 20 Meter? Utopisch. Sich jetzt wieder an Spitzenleistungen heranzukämpfen, bedeutet sechsmonatige Fron. Fünf bis sechs Stunden täglich Gewichtheben und Kugelstoßen, ab und zu Lauf, Sprung, Gymnastik. Dazu Essen und Trinken, vom Grundbedürfnis zum Trainingsmittel pervertiert. An die Arbeit: 6000 Tonnen Eisen, 600 Liter Milch, 200 Pfund Fleisch und 50 Pfund Eiweißkonzentrat warten darauf, in den nächsten sechs Monaten bewältigt zu werden. Und wenn nicht Grippe oder Muskelriss ein Wörtchen mitreden, Knochen, Sehnen, Magen und Darm mitspielen, dann ist man vielleicht im nächsten Jahr wieder mit vorne dabei. Novembergedanken eines Kugelstoßers. Wäre es nicht besser, die Außenseiterrolle des Monstrums abzulegen und in den Schoß der schlankheitsgläubigen Gesellschaft zurückzukehren? Geld oder Popularität bleiben für einen Kugelstoßer ja doch unerreichbar. Aber wer einmal das Gefühl ausgekostet hat, die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit zu berühren, in manchen Bereichen das Drei- und Vierfache des Durchschnittsmenschen leisten zu können und, Krönung und schönster Lohn aller Anstrengungen, in einem glücklichen Augenblick eine durch hochentwickelte Körperkraft fast schwerelos scheinende Eisenkugel auf eine neue Bestweite zu stoßen, dem können auch ernste Selbstzweifel im November die Hoffnung und Freude auf neue Höchstleistungen nicht gänzlich rauben. Wer als Kugelstoßer den Herbst ohne Schaden an seinem Leistungswillen übersteht, kann im Sommer als fröhliches Monstrum intolerante, ewignovembrige Kritiker lächelnd tolerieren. Wäre doch nur der November schon vorüber.«

Ich bin von mir beeindruckt. Die »Novembergedanken eines Kugelstoßers« werden gedruckt. In der FAZ. Weitere Artikel folgen, werden in großen deutschen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Einige Sätze sind mir besonders wichtig, ich baue sie in viele Texte ein:

»Es ist ebenso einfach wie unredlich, im internationalen Vergleich Spitzenleistungen zu fördern und zu fordern, gleichzeitig aber mit dem moralischen Zeigefinger auf ›Doping-Sünder‹ zu zeigen und damit das Problem auf einige wenige Individuen zu verengen. Wenn schon moralischer Zeigefinger, dann auf den gesamtgesellschaftlichen Hintergrund und auf den von ihm geprägten Spitzensport. Solange Nationales Olympisches Komitee, Sporthilfe, Bundesausschuss Leistungssport und die Spitzenverbände – allesamt laut offiziellen Verlautbarungen schärfste Anabolika-Verurteiler – in der Bundesrepublik Förderungs- und Nominierungs-Kriterien erlassen, die sie ohne Einnahme von Anabolika gar nicht für erreichbar halten, bleibt die ethisch-moralisch begründete öffentliche Entrüstungs-Diskussion in Sachen Anabolika eine Spielwiese für selbstgerechte Heuchler.«

Nur etwas stört mich: Die Kollegen setzen meinen Namen nie kommentarlos unter meine Texte. Stets folgt der Zusatz, dass es sich »bei dem Autor um den zweitbesten deutschen Kugelstoßer handelt«. Ich höre geradezu den ungeschriebenen Ausruf: Der Dicke kann ja schreiben! Ich fühle mich vorgeführt wie ein rosa Elefant, der buchstabieren kann. Da mich außerdem mit Ausweitung der Doping-Problematik ein unheiliger Zorn auf meine Journalisten-Kollegen packt, beende ich die überregionale Darbietung der Elefantendressur. Ich konzentriere mich wieder auf meine eigene Zeitung, in der ich wie nirgendwo sonst heftige, wütende Artikel schreiben kann. In meinem mittelhessischen Zeitungs-Getto tobe ich gegen überregional tätige Kollegen. Einige von ihnen schätze ich hoch, respektiere sie, manche bewundert der alte Bewunderer sogar, auch erkenne ich an, dass zwei der vier großen deutschen Zeitungen einen hervorragenden Sportteil haben, aber wenn es um Doping geht, reagieren sie wie Pawlowsche Hunde, wittern geifernd ein gefundenes Fressen. Ich bin sicher, dass nicht das Doping der Spitzensportler, sondern die Art und Weise, wie über Doping gesprochen und geschrieben wird, das große Übel ist. Als eine große Illustrierte aus geringem Anlass – man hatte ein paar DDR-Dokumente aufgespürt – den »größten Doping-Skandal« aufdeckt, schreibe ich unter dem Titel »Milli Vanilli und das Drogen-Ventil«:

»Jeder, der sich dafür interessiert, muss gewusst haben, dass die beiden Milli-Vanilli-Tänzer nicht selbst singen. Produzent Frank Farian pflegt im Studio einen Sound zu mixen, den er von Tänzern optisch verpacken lässt und mit Phantasienamen wie Milli Vanilli oder Boney M. etikettiert. Schon als vor Jahren der Boney-M.-Tänzer Bobby F. Krach mit Farian bekam, wurde die Methode bekannt. Der Tänzer wollte selbst singen; was bis dahin Farian höchstpersönlich für ihn getan hatte. Obwohl auch Boney M. weltbekannt war, gab’s damals keine Schlagzeilen, sondern nur nachrichtliche Pflichtübungen unter »Vermischtes«. Wie bei Milli Vanilli gab es auch beim DDR-Staatsdoping genügend Veröffentlichungen mit detaillierten und belegten Informationen. Es wäre Selbstüberschätzung, eigene Artikel zum Beweis zu nehmen. Aber nicht nur in unseren Kolumnen wurde umfassend informiert, auch in den großen Presseerzeugnissen wie ›Bild‹ und ›Spiegel‹ gab es immer wieder Insider-Enthüllungen über das Staatsdoping. Und urplötzlich entsteht durch eine im Grunde völlig unsensationelle ›Stern‹-Story ›der größte Doping-Skandal der Sportgeschichte‹ (Sport-Informationsdienst). Die One-Issue-Gesellschaft, die sich immer nur mit einem Hauptthema gleichzeitig beschäftigt, stürzt sich unmotiviert auf Schlagzeilen, deren Informationsgehalt seit Jahren bekannt und nur für Kleingedrucktes gut war. Dieses Phänomen ist rational nur schwer fassbar, der Sozialneid dagegen leicht nachvollziehbar. Er muss als mitverantwortlich für das völlig unangemessene Hochschaukeln der Anabolika-Problematik angesehen werden. Im Grunde genommen ist Doping im Hochleistungssport eine vernachlässigbare Randerscheinung innerhalb des schwerwiegenden Drogen-Problems in unserer Gesellschaft. Dass sich die 99,99-Prozent-Gruppe der Nicht-Spitzensportler dennoch so unverhältnismäßig ›betroffen‹ über die Doping-Praktiken einer statistischen Randerscheinung erregt, dürfte auch mit sportlichem Sozialneid zusammenhängen, der die Existenz des Leistungssports bedroht. Es gilt in Fachkreisen als erwiesen, dass die physiologisch nachweisbare leistungssteigernde Wirkung von Anabolika-Doping bei gesunden, hochtrainierten, erwachsenen Männern weit geringer ist als angenommen. Dem sportlichen Sozialneider passt diese unspektakuläre Feststellung nicht ins Konzept. Für ihn ist klar, dass ein 60-Meter-Diskuswerfer mit 600 Milligramm im Monat dopt, ein 70-Meter-Werfer mit 700 Milligramm usw. Diese epidemieartig um sich greifende Einstellung zur sportlichen Höchstleistung ist eine der größten Gefahren für den Sport überhaupt. Wenn bei Weltrekordleistungen nicht mehr interessiert, mit welchen Mitteln (Training, Talent, Technik), sondern nur noch, mit welchen ›Mittelchen‹ sie erzielt wurden, wird es in einigen Disziplinen bald keinen spitzensportlichen Leistungsvergleich mehr geben können. Der Respekt vor der Leistung Besserer geht in die Binsen, wenn die Schlechteren – und das sind wir alle – geringschätzig glauben, ohne Doping wären die Asse auch nicht besser als wir. Winston Churchill hat über unsere Nation die vielzitierte Bosheit verkündet, man habe die Deutschen entweder an der Gurgel oder zu den Füßen. Wenigstens im Sport scheint dies zu stimmen, denn in keinem anderen Land der Welt verehrt man die Stars so inbrünstig und lässt sie so tief fallen wie in Deutschland. Heldenverehrung und Heldenvernichtung, hemmungslose Bewunderung und ans Pathologische grenzender Sozialneid bilden nur einen Hintergrund der übergroßen Doping-Schlagzeilen, der andere ist das ›Drogen-Ventil‹. Warum erregen sich 99,9 Prozent so unverhältnismäßig ›betroffen‹ über die Doping-Praktiken einer statistischen Randerscheinung? Etwa weil es sich auf gedopte Spitzensportler so gefahr- und konsequenzlos schimpfen lässt? Man kann damit nicht nur seinen Sozialneid abreagieren, sondern muss auch nicht befürchten, mit dem Zeigefinger auf andere zu deuten und gleichzeitig mit den anderen Fingern auf sich selbst zurückzuweisen. Wer nimmt schon Anabolika? Wer hat schon Familienangehörige, Freunde, Nachbarn oder Bekannte, die Anabolika nehmen? Welcher ›Spiegel‹- oder ›Stern‹-Redakteur nimmt Hormon-Pillen, um schneller laufen, weiter springen oder werfen zu können? Da man also selbst nicht betroffen ist, kann man um so betroffener sein von den bösen Buben und Mädchen im Hochleistungssport, kann sie beschimpfen und verachten, . . . eben als Drogen-Ventil missbrauchen. Motto: Keine Sympathie mit den ›Doping-Sündern‹, aber mit allen anderen; denn die anderen sind wir alle. Und zu uns allen gehören auch ›Spiegel‹- und ›Stern‹-Redakteure und -Anzeigenkunden. Wer das Doping erbarmungslos geißelt, muss keine Anzeigenverluste befürchten. Aber wie steht’s bei Alkohol- und Zigaretten-Reklame? Und warum zeigen diese Publikationen nur Sympathie und Verständnis für Trinker und Raucher, Drogenabhängige und Aids-Infizierte? Sympathie und Verständnis hätte auch die den Journalisten fernere Risiko-Gruppe der Sportler – vor allem die aus der Ex-DDR – verdient, denn diese steck(t)en in einem schlimmen Dilemma der Abhängigkeit von heuchlerischen Funktionären und Sportpolitikern, die jetzt scheinheilig Untersuchungskommissionen fordern. Sympathie und Verständnis für gedopte Sportler bedeutet nicht, Straffreiheit oder gar Freigabe von Anabolika zu fordern. Und damit sind wir zu guter Letzt auch noch bei Sartre und den Stones gelandet: Sartre konnte als Philosoph ohne massives Doping nicht existieren. Er schluckte die Dopingliste ’rauf und ’runter, vorher konnte er keinen Satz von Belang formulieren. Dennoch kommt kein Mensch auf die Idee, die Werke Sartres wegen Dopings für ungültig zu erklären. Auch die Musik der Stones bleibt gültige Pop-Klassik, obwohl sie zum Teil im Drogen-Rausch entstanden und somit nach den Richtlinien des Sports hinfällig ist. Aber Ben Johnsons 9,79 Sekunden wurden dennoch zu Recht für ungültig erklärt. Man darf gedopt denken und singen, aber nicht laufen und springen. Das ist scheinbar paradox, aber nur gerecht, denn im Sport gibt es einen direkten Transfer zwischen Spitzen- und Breitensport. Keine Mutter verbietet ihrer Tochter das Blockflötespielen, weil Jimmy Hendrix drogensüchtig war, aber viele Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr zum Sport, weil der Sport ins Gerede gekommen ist. So gesehen bietet der unheile Sport in einer noch viel unheileren Welt aber auch als Spitzensport mehr Chancen als Risiken. Immerhin.«

Manchmal versuche ich auch, mit Ablenkungsmanövern meinem Kugelstoßen zu helfen. Zum Beispiel, indem ich frage: »Kann frau im Spitzensport Frau bleiben?«:

»Vor einem Jahr schrieb Birgit P., ehemalige Junioren-Europameisterin im Kugelstoßen und deutsche Basketball-Nationalspielerin, eine Diplomarbeit über lesbische Frauen im Spitzensport. Vor wenigen Tagen klingelte das Redaktionstelefon. Am Apparat: Brigitte B., ehemalige deutsche Diskusmeisterin. Die Sportwissenschaftlerin beabsichtigt, einen deutschen Doping-Report der letzten 20 Jahre zu erarbeiten, und bat um Beweismaterial. Das Gespräch endete mit der resignierten Erkenntnis von Dr. B.: ›Dann kann eine normale Frau ja überhaupt keinen Leistungssport mehr treiben.‹ Vor Jahren beschäftigten wir uns mit dem ›bizarren Getto Frauensport‹. Wir fragten: Wann ist eine Frau eine Frau? Die Antwort von damals müsste auch heute noch gültig sein: Nur wer mehr als 20 Prozent weiblichen Chromosomenanteil aufweisen kann, ist eine Frau (›normal‹ sind 80 bis 90%). Und eine hundertprozentige Frau hat in der Regel nicht die geringste Chance, im sportlichen Vergleich mit Einundzwanzigprozentigen mitzuhalten. Die Abhängigkeit vieler Spitzensportlerinnen von Trainern oder sonstigen Bezugspersonen ist seit Jahren Biertisch- und Schlagzeilen-, aber auch Forschungsthema. Es gibt Trainer, die unter vier Augen offen zugeben, dass sie mit dem ›Trainingsmittel‹ Hörigkeit arbeiten. Bis zum Zerfall des Real-Sozialismus galt der Aufbau eines Hörigkeits-Drucksystems insgeheim als Alternative des West-Sports, den sozialismus-immanenten Wettbewerbsvorteil des materiellen Drucks auszugleichen. Wer nicht mit Entzug der Auslandsreise oder sonstiger Privilegien drohen konnte, drohte eben mit Streicheleinheits- und Liebesentzug. Für lesbische Frauen bietet der Leistungssport, wie Birgit P. empirisch nachgewiesen hat, die Möglichkeit, Anerkennung und neues Selbstwertgefühl zu finden, außerdem – und das ist nicht schlüpfrig, sondern realistisch gemeint – die eigene Veranlagung in einem idealen Umfeld auszuleben. Da lesbische Sportlerinnen aber auch durch ihre physische und/oder psychische Konstitution mit besonders ausgeprägtem Ehrgeiz und erhöhten Erfolgschancen an den Start gehen, trägt die nicht hörige und nicht lesbische Frau ein weiteres Handicap im spitzensportlichen Leistungsvergleich. Das dritte Handicap der ›normalen‹ Frau im Spitzensport: ihr geringer männlicher Chromosomenanteil. Öffentliches Interesse an dieser Variante des Frauensports wurde erstmals geweckt, als sich der Arzt und Hobby-Tennisspieler Dr. Richards in den 70er Jahren geschlechtsumwandeln ließ, sich als Renee Richards dem Navratilova-Clan anschloss und bei den Frauen-Profiturnieren mitspielen wollte. Die drei beschriebenen Handicaps könnte die ›normale‹ Frau ausgleichen. Wenn sie es – vernünftigerweise – nicht tut, trägt sie ein viertes: den Verzicht auf chemische Manipulation. Hormondoping bewirkt bei Frauen verblüffende Leistungssprünge, weil es – da männliche Sexualhormone – vermännlichend wirkt. Das spezifisch weibliche Muskel-Fett-Verhältnis verändert sich hin zum männlichen Habitus, die hormongedopte Frau wird sogar ohne zusätzliches Training schneller, stärker, ausdauernder. ›Wenn das so ist, kann eine normale Frau ja überhaupt keinen Leistungssport mehr treiben‹ – muss man sich damit zufriedengeben?«

Als nach der Wiedervereinigung die Sport-Bürokraten dem DDR-Sportsystem nachweinen, wüte ich auch in Erinnerung an die BA-L-Kopien von früher: »Bitte keine Wiederbelebungsversuche!« Ohne zu überlegen hämmere ich den Text in die (damals noch: Schreibmaschinen-) Tasten:

»Prominente Vertreter unserer staatstragenden Parteien plädieren, vom Glanz der Medaillen geblendet oder geistig erblindet, für ein Sportsystem, dessen Erfolg nur im Rahmen eines Unrechts-Systems möglich war. Haben die großdeutschen Medaillenjäger denn vergessen, dass die DDR nur ein Sportriese auf Stelzen war, konzentriert auf wenige Spitzensportler in ausgesuchten Sportarten? Haben sie vergessen, dass viele Sportarten in der DDR überhaupt nicht vorkamen oder verkümmerten? Schauen wir uns nur einmal die Sportarten an, zu denen man einen Schläger benötigt: Tennis, Tischtennis, Badminton, Squash, Golf, Hockey, Eishockey – was hatte die DDR hier zu bieten? Nachahmenswert? Wissen sie denn nicht, dass die DDR-Trainer und -Sportwissenschaftler nicht besser als andere waren, sondern nur die schlechteren Lebensbedingungen in der DDR zu ihrem Besten nutzen konnten? Wenn eine 18jährige Bundesdeutsche nach Mallorca wollte, musste sie ein paar Monate sparen, die Gleichaltrige aus der DDR aber jahrelang hart trainieren, denn nur der Erfolg im Sport konnte Auslandsreisen und einige – an bundesdeutschen Maßstäben gemessen bescheidene – Lebensstandard-Vorteile verschaffen. Nachahmenswert? Wissen sie denn nicht, dass die hochgelobte Talentförderung in Wahrheit eine Talent-Zwangsrekrutierung war? Wenn bei einem Zwölfjährigen die Handgelenksvermessung ergab, dass er im Diskuswerfen eine bessere Perspektive als im Handball hatte, dann musste er Diskuswerfer werden, und wenn er noch so gerne Handball spielte. Nachahmenswert? Wissen sie denn nicht, dass eine Kosten-Nutzen-Rechnung den DDR-Sport an das Ende einer Weltwertung stellen würde? Hinter einer DDR-Medaille stehen so viele Trainer, Funktionäre und Wissenschaftler wie in der Bundesrepublik hinter zehn und mehr Medaillengewinnern. Nachahmenswert? Wissen sie denn nicht, dass das DDR-Sportsystem kein Prachtstück, sondern ein Sargnagel des real existierenden Sozialismus auf deutschem Boden war? Und nicht nur ein Sargnagel, sondern der Henker des Sports in der DDR überhaupt! Denn im Sport kann ›Spitzen‹sport immer nur den kleinen, spektakulären oberen Bereich abdecken und muss auf dem ›Breiten‹sport basieren. Im DDR-Reagenzglas ließ die SED aber einen künstlichen Staatssport mixen und mit einer sportlichen Genmanipulation das Horrorgebilde DDR-Spitzensport entstehen, während der gesamte Breitensport wegrationalisiert wurde. Nachahmenswert? Die DDR ist zusammengebrochen, mit ihr der DDR-Spitzensport. Da ist nichts mehr zu retten, auch nichts ›hinüberzuretten‹. Der DDR-Sport kann nicht isoliert betrachtet werden, er war in seiner Summe genauso schlecht und unmenschlich wie das gesamte System.«

Nach solchen Ausbrüchen fühle ich mich ein wenig besser. Ich achte aber auf gerechte West-Ost-Verteilung meiner Aggressionen, denn »Auch bei uns gab es Staatsdoping«. Unter dieser Schlagzeile schreibe ich:

»Falsche Moral nimmt in der öffentlichen Doping-Entrüstung überhand. Ehemalige Funktionäre, Trainer und Sportler aus der DDR stehen, meist zu Recht, in der Schusslinie – aber jahrzehntelang hatten sie als Vorbilder gedient. Und zwar für uns alle, auch für unsere Funktionäre und unsere Medien. Was zu beweisen ist. Ohne Enthüllungen, Schuldzuweisungen, ›Enttarnungen‹ und voyeuristische Lustgewinne aus ›Doping-Dokumenten‹. Schwarz auf weiß war es jahrzehntelang zu lesen, öffentlich, jedermann zugänglich und heute in allen Zeitungsarchiven nachlesbar: In der Bundesrepublik gab es organisiertes, flächendeckendes Staatsdoping, angeordnet von höchsten Gremien des Staates, organisiert von deren Unterorganisationen, und überwacht von Presse, Funk und Fernsehen. Zum Beispiel das Kugelstoßen 1976: IOC-Olympianorm, wenn ein Land mehr als einen Teilnehmer stellen wollte: 19,40 m (ein Teilnehmer war frei, egal mit welcher Leistung). Intern erhöhte Olympianorm, in konzertierter Aktion von DLV, NOK, DSB und BAL beschlossen: 20,60 m, zu erbringen bei mindestens zwei Olympia-Ausscheidungswettbewerben (entspricht einem Spitzenwert über 21 m). Es ist nachweisbar, dass es Athleten gab, die ohne Anabolika deutlich über 19,40 m stoßen konnten und durch die erhöhte Norm und den durch sie gegebenen Anabolika-Zwang um die Teilnahme gebracht worden sind. Noch einmal: Jeder, wirklich jeder, der nominierte oder die Nominierungen als zu umfangreich kritisierte, musste wissen, dass seine Nominierungs-Kriterien nur mit Hilfe von Anabolika zu erreichen waren. Wer sich im nachhinein damit herausreden will, dass er es nicht wusste, sollte zurücktreten oder seinen Beruf aufgeben wegen erwiesener Inkompetenz. Perverse Schlussfolgerung: Wer die Doping-Dosierungen in der alten Bundesrepublik kannte und jene der DDR jetzt kennt, muss den DDR-Sportärzten und -Funktionären bessere Wahrung der Sorgfaltspflicht gegenüber den Athleten bescheinigen als den westlichen. Hier wusch man sich die Hände scheinbar in Unschuld, dabei steckten sie tiefer im Doping-Sumpf als anderswo. Die Geschichte wäre noch um einige Kapitel zu erweitern. Kolbe-Spritze, Luft-in-den-Darm-Posse, Anabolika-Testserien mit menschlichen Versuchskaninchen – allesamt bekannte, in Archiven nachprüfbar Vergehen wider die eigene Moral, begangen entweder von den falschen Moralisten von heute oder von den honorigen Gremien, denen sie angehörten. Und angehören. Nicht der Anaboliker war pervers, sondern die Situation, in der er lebte.«

Aber ich suche weiterhin auch nach Verständnis, bei allen, auch bei den von mir so heftig angegriffenen Journalisten und Funktionären. Doch weder mein Zorn noch die Bitte um Verständnis finden einen Weg aus dem Mittelhessen-Getto heraus, auch diese denkwürdige Geschichte nicht:

»Erinnern Sie sich noch an die ›Luft-im-Darm‹-Affäre? Nein? Vor Olympia 1976 wurde dem Bundesausschuss Leistungssport (BA-L) eine Methode zum Verkauf angeboten, mit der man Schwimmern eine bessere Wasserlage verschaffen konnte. Und zwar . . . indem man ihnen Luft in den Darm pumpte! Wer von der Geschichte tatsächlich noch nichts gehört hat: Das ist kein anrüchiger Scherz, sondern schon Sportgeschichte (wie 1976 auch die ›Kolbe-Spritze‹, die erlaubt war, aber bekanntlich kontraproduktiv wirkte). Nie ganz geklärt wurde, warum man die Luft-im-Darm-Methode nicht (wirklich nicht?) anwendete. Die einen sagen, man sei sich nicht über den Preis für das Aufpump-Patent einig geworden, die anderen, geeignete Räumlichkeiten, sprich Pump-Stationen, hätten in den Schwimmstadien gefehlt. Wir dagegen meinten witzelnd, das logistische Detonations-Problem der plötzlich-totalen Luftentweichung beim Startsprung sei nicht zufriedenstellend gelöst worden. Ungefähr zur gleichen Zeit bot uns ein pfälzischer Erfinder ein Knochenmehlpulver (›man kann auch Menschenknochen nehmen‹) an. Wer täglich ein paar Esslöffel davon runterwürge, spüre einen Doppel-Dopingeffekt, denn das Knochenmehlkonzentrat wirke leistungsfördernder als Anabolika und Amphetamine zusammen. Ein kleiner Nachteil sei allerdings die stark verstopfende Nebenwirkung, berichtete der Knochenmehl-Genius bedauernd, aber das nehme ein leistungswilliger Spitzensportler wohl auf sich. Dem war beizupflichten, und nicht nur das – damit war vielleicht auch der Stöpsel für die oben beschriebene Leckage gefunden. . . Warum wir noch einmal auf die alten Geschichten zurückkommen? Dieser Tage erreichte uns der Anruf einer älteren Dame, die um die Adresse des Pfälzers bat. Sie sei per Zufall auf den Artikel gestoßen und habe darin gelesen, dass dieses Knochenmehlkonzentrat nach Meinung seines Produzenten nicht nur bei Spitzensportlern, sondern auch bei Bandscheibengeschädigten Wunder wirke. Sie verspreche sich ein Ende ihrer Schmerzen, die noch kein Arzt habe lindern können. Der Wunsch war der Sportredaktion nicht neu. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung telefonierten und schrieben in gleicher Sache viele Bandscheibengeplagte. Ihnen sagten wir das Gleiche wie der letzten Anruferin – Blutarmut wird nicht durch den Verzehr von Blutwurst behoben, eine lädierte Bandscheibe nicht durch das Essen von Knochen- bzw. Knorpelmehlkonzentrat wieder aufgebaut. Die Dame ließ sich aber nicht beirren. Sie wollte die Adresse. Sie bekam sie. Letzte Mittel in Grenzbereichen. Wem kein Arzt hilft, der versucht sein Glück beim Wunderheiler. Wer schneller schwimmen will, lässt sich den Darm aufblasen. Und da wären wir wieder beim Spitzensport und seinen Manipulationen. Wir fragten die Dame nämlich noch, was sie von der Luft-im-Darm-Geschichte halten. ›Pfui Teufel‹,  empörte sie sich, ›wie ekelhaft, da hört der Sport doch wirklich auf!« Tja. Und was die Aufpump-Genies von der alten Dame und ihrer Bandscheiben-Therapie halten, dürfte nicht schwer zu erraten sein. Letzte Mittel in Grenzbereichen. Der Gesunde und der Nicht-Spitzensportler verurteilen sie gleichermaßen. Wer sich aber in Grenzsituationen hineinversetzen, kann, wird diese letzten Mittel zwar nicht billigen, könnte aber wenigstens mitleidiges Verständnis für ihre Anwender aufbringen.«

 

Ich stehe auf der Klobrille, auf Zehenspitzen, reiche bis zur Nasenspitze an das kleine Toilettenfenster und blicke auf die Straße. Ich bin sechs Jahre alt, habe Stubenarrest und schaue sehnsüchtig den Kindern beim Fußballspielen zu. Nicht nur wegen des Stubenarrestes kann ich nicht mitspielen. Dürfte ich auf die Straße, würde ich dem Fußballspielen nur räumlich näher kommen, denn die älteren Kinder dort draußen lassen keinen Sechsjährigen mitspielen, und wenn Sechsjährige mitspielen dürften, würden mich die Älteren dennoch nicht mitspielen lassen, weil ich noch nicht gut genug Fußball spiele. Ich weiß zwar, ich werde älter werden, besser Fußball spielen und die Zeit der Stubenarreste hinter mir lassen. Aber würde das Leben leichter, wenn ich sieben, acht oder gar neun Jahre alt bin? Nein. Der Sechsjährige auf der Klobrille, der auf Zehenspitzen mit sehnsüchtigen Augen aus dem Toilettenfenster schaut, lässt seine Gedanken wandern, während die älteren Kinder auf der Straße begeistert und verbissen-ernsthaft Fußball spielen. Wie oft hat er hören müssen, wie gut Kinder es doch haben. Erst als Erwachsener werde er den Ernst des Lebens kennenlernen, jetzt sei alles nur Spaß. Wenn die Erwachsenen ihm dies mit herablassender Freundlichkeit versichern, wird ihm angst und bange, und er würde ihnen am liebsten gegen das Schienbein treten. Die haben ja keine Ahnung, keine Ahnung mehr, denn als Kinder müssen sie doch selbst gewusst haben, wie schwer es ist, ein Kind zu sein. Oder wird das Erwachsensein tatsächlich noch schlimmer als das Kindsein? Ich, der Junge auf der Klobrille, nehme mir fest vor, diesen Augenblick und diese Gedanken nie im Leben zu vergessen: Klobrille, Toilettenfenster, Stubenarrest, die Kinder auf der Straße, das Wissen, wie schwer es ist, ein Kind zu sein. Und das Wissen, dass Erwachsene nicht die geringste Ahnung haben, welche Gedanken Kinder sich machen, und wieviel mehr sie vom Leben verstehen, als die Erwachsenen sich vorstellen können. Ein Jahr später bringe ich mein erstes Zeugnis nach Hause. Meine Mutter wundert sich, dass ich traurig bin. Steht der Junge unter Schock? Hat man ihn zu überschwenglich gelobt, wirkt er daher so verstört? Sie weiß, dass im Zeugnis die Gesamtnote »Sehr gut« steht, sie weiß sogar vom Direktor, dass ihr Sohn der beste Erstklässler dieser Schule ist. Aber sie weiß nicht, dass ich nach der Schule zuerst auf den Fußballplatz unseres Vorstadtviertels gelaufen bin. In späteren Jahren wird man solche Stadtteile »Problemzonen« oder »Brennpunkte« nennen. Mir ist nicht bewusst, dass wir zusammen mit anderen »Ausgebombten« sowie »Flüchtlingen« aus dem Osten in einer für ehrbare Gießener Bürger etwas anrüchigen Gegend im Norden der Stadt wohnen, die von einer »Schlammbeißer« geschimpften Unterschicht beherrscht wird. Ich will nur Fußball spielen. Mit den älteren Kindern. Bei gleichaltrigen oder gar jüngeren fühle ich mich fehl am Platz. Ich liebe schlechtes Wetter, denn dann kommen weniger Kinder auf den Bolzplatz. Bei schönem Wetter sind alle meine großen Freunde da, und beim peinigenden Auswählen der Mannschaften bleibe ich unweigerlich übrig und warte bange und lange, bis einer der Spieler nach Hause muss und ich gönnerhaft als einziger noch anwesender Ersatz akzeptiert werde. Aber bei schechtem Wetter, und wenn sich dann noch eine große Pfütze vor dem Tor ausbreitet, ist alles gut: Mein Mitspielen ist gesichert, denn außer mir stellt sich niemand mitten in die Pfütze. »Toni Turek hält, Toni unser Fußball-Gott« rufe ich begeistert, wenn ich links und rechts in die Torecken hechte, schlammverkrustet und klatschnass. Heute ist mein Wetter. Schon bei der Zeugnisausgabe kann ich es kaum erwarten, dass endlich Schulschluss ist und ich zum Fußballplatz laufen kann. Endlich! Achtlos stecke ich das Zeugnis in den Ranzen und renne los. Es regnet nicht mehr, aber vor dem Tor glitzert die wunderschöne Pfütze. Diejenigen der Freunde, die auch bei schlechtem Wetter Fußball spielen, sind schon da. Mehr werden wohl nicht kommen. Schnell zähle ich durch: Mit mir zehn Jungs, das geht auf. Ich bin bereit, mich in meiner guten Zeugniskluft in den Matsch zu werfen. Meine Mutter wird schimpfen, doch was juckt das Toni, den Fußball-Gott? Aber warum geht es nicht los? Die anderen wühlen in ihren Ranzen, stecken die Köpfe zusammen. Ach so, die Zeugnisse. Sie vergleichen ihre Noten. Vierer, Fünfer, sogar Sechser. Ich bin beeindruckt. Die ich am meisten bewundere, haben die schechtesten Noten. Also sind schlechte Noten nichts Schlechtes. »Zeig mal deins!« Arglos krame ich das Zeugnis hervor. Hoffentlich wird bald endlich Fußball gespielt. Mein Zeugnis wird nicht kommentiert. Einer lässt es achtlos fallen. Ich spüre die Verachtung. Heute ist nicht mein Tag. Jetzt spielen sie Fußball, ohne mich. Sie tun so, als sei ich nicht da. Mir ist klar, dass ich heute nicht mal als Ersatz eine Chance habe, wie lange ich auch warten würde. Ich gehe. Und zu Hause wundert sich meine Mutter, dass ich so traurig bin.

Dass ich in Montreal nicht mitmachen darf, ist schlimm für mich. Aber das Nichtmitmachendürfen als Kind war mindestens ebenso schlimm. Habe ich die Nichtnominierung vielleicht sogar unbewusst gewollt? Nicht dabei sein zu dürfen als Festhalten an der Kindheit? Will ich wieder Kind sein, mit allen Misserfolgserlebnissen der Kindheit, aber mich unbewusst nach kindlicher Geborgenheit sehnend? Bin ich ein Fall für die Psychoanalyse? Dabei halte ich die Psychoanalyse doch für die Scharlatanerie des 20. Jahrhunderts. Andererseits: Ich halte den motorisierten Individualverkehr auch für den Wahnsinn des 20. Jahrhunderts – doch fahre ich gerne wann immer ich will wohin auch immer ich will. Also, Schluss mit dem nabelbeschauenden Rumpsychologisieren. Außerdem spiele ich jetzt wieder mit. Ich kehre auf meine Gießener Redakteursstelle zurück. Aber diesmal richtig. Alles Positive aus dem Leistungssport nehme ich mit, alles Negative bleibt draußen. Ich werde im Beruf erreichen, was ich erreichen will. Der Sport hat mich geprägt, die Erfahrungen aus dem Sport verhelfen mir zu beruflichen Erfolgen, die mir vergleichsweise leichtfallen. In einem dreimonatigen Aufbautraining eigne ich mir autodidaktisch alles Handwerkliche an, was ich in meiner ersten beruflichen Phase versäumt habe. Auch später kümmere ich mich nicht um Arbeitszeiten, manteltariflich garantierte Rechte und Vergünstigungen, und am zeitraubenden journalistischen Imponiergehabe rund um meinen Beruf kümmere ich mich erst recht nicht. Den alten Fußballerspruch »Wichtig is aufm Platz« wandle ich für mich um in »Wichtig ist, was in der Zeitung steht.« Im Sport dagegen bleibe ich mir treu. Er ist immer noch das Wichtigste. Dass ich wieder arbeite, hat nicht nur materielle Gründe. Ich führe mein bisheriges Versagen vor allem auf die totale Sportbezogenheit zurück. Zuviel Zeit zum Überlegen. Dagegen setze ich nun Arbeit als sportliche Leistungs-Therapie. Statt komplizierte Trainingspläne zu basteln, entwerfe ich neuartige Layouts, entwickle Ganzseiten-Umbruchsysteme, konzipiere neue Ressorts, denke mir im eigenen Ressort immer neue Kolumnen und Serien aus, arbeite unermüdlich, um mich nicht wieder in kontraproduktive Grübeleien über den Weg zum Erfolg im Kugelstoßen zu verrennen. Doch die neue Ablenkungsstrategie hat nur den Nebeneffekt, dass ich beruflich vorankomme, als Erwachsener in einem erwachsenem Leben gelte und verwundert feststelle, dass ich im Alltagsleben nicht untergehe. Im Sport jedoch wüte ich um so mehr gegen die Möglichkeit, Erfolg zu haben. Je mehr ich im Beruf Wert darauf lege, dass Aufwand und Ertrag in einem vernünftigen Verhältnis stehen müssen, je mehr ich hier allen Aufwand erfolgreich eliminiere, der keinen Ertrag verspricht, desto mehr forciere ich im Sport den Aufwand, der keinen Ertrag verspricht. Erste Maßnahme: Ich stelle mich vom herkömmlichen Angleiten auf die neue Drehtechnik um. Ein einigermaßen sinnloses Unterfangen, denn während ich die lineare Angleittechnik wenigstens in den Grundzügen beherrsche, bin ich ein Drehtechnik-Antitalent. Ich weiß es auch. Eine meiner ersten kindlichen Erinnerungen ist die Karussellfahrt mit meinem Vater, nach der wir beide uns auf dem Gießener Messeplatz am Osswaldsgarten gemeinsam in einer Ecke übergeben mussten. Offensichtlich habe ich von meinem Vater nicht nur das sportliche Talent geerbt – er war einer der besten deutsche Stabhochspringer und auch Wehrmachtsmeister in einem Mehrkampf mit Turnen, Leichtathletik, 50-Kilometer-Gepäckmarsch, Handgranatenweitwurf und ähnlichen sportlichen Grundlagendisziplinen –, sondern auch Unpässlichkeiten im Gleichgewichtssinn, die jeden Drehstoß mit Orientierungsproblemen und brechreizfördernden Schwindelgefühlen bereichern. Dennoch stürze ich mich begeistert in die Drehtechnik. Ich kann zwar nur noch zwölfmal in der Woche jeweils knapp zwei Stunden lang trainieren – der Sonntag ist komplett trainingsfrei, da ich sonntags von früh morgens bis spät abends arbeite – , zwar muss ich die morgendlichen Trainingseinheiten schon sehr früh absolvieren, um rechtzeitig in die Redaktion zu kommen, zwar muss ich die zweite Trainingseinheit hektisch in die ruhigere Arbeitszeit zwischen Nachmittags-Routine und spätabendlichen Redaktionsschluß-Stress einpassen, doch erreiche ich schon bald auch mit der Drehtechnik meine Angleit-Trainingsweiten. Manchmal. Allerdings stelle ich schon bald fest, dass die Drehtechnik nicht meinen Vorstellungen von Kugelstoßen entspricht. War es bisher so, dass ich wenigstens im Training darauf bauen konnte, dass sich Trainingsfleiß in Kugelstoßweite umsetzen lässt, muss ich nun feststellen, dass Drehkugelstoßen ein reines Glücksspiel ist. Mal fühle ich mich schlecht und stoße weit, mal glaube ich, gut »drauf« zu sein und stoße unerklärlich schwach. Je mehr ich mich anstrenge, desto schlechter stoße ich, und je schlechter meine Krafttrainings-Werte sind, desto besser stoße ich. Das ist kein Kugelstoßen. Ich will nicht in der Kugel-Lotterie den Glückstreffer ziehen, ich will mir Erfolg oder Misserfolg erkämpfen. Bei den deutschen Meisterschaften, die 1976 erst nach den Olympischen Spielen stattfinden, ist Ralf klar favorisiert, obwohl er in Montreal bereits im Vorkampf mit einer schwachen Weite ausgeschieden ist. Ralf hatte bei den Olympia-Qualifikationen zwar auch die Norm verfehlt, allerdings nur knapp, war aber nach heftigen öffentlichen und internen Diskussionen großmütig als Härtefall nominiert worden. Er hatte sich furchtbar geärgert, von den verhassten BA-L-Funktionären gnadenhalber akzeptiert worden zu sein, die für ihre edle Geste auch noch Dankbarkeit und Botmäßigkeit verlangten. Nach seinem Versagen in Montreal begleiten ihn Hohn und Spott des BA-L und der Medien nach Frankfurt zu den deutschen Titelkämpfen. Ralf ist verunsichert. Seit dem Spätwinter nimmt er vorübergehend keine Anabolika mehr, weil er erstmals leistungsschädliche Nebenwirkungen festgestellt hatte. Auch einige ausländische Sportler, vor allem aus den USA, starteten in Montreal nach einer dreimonatigen Anabolika-Pause, die sie allerdings aus anderen Gründen eingelegt hatten: Angst vor einem neuen Kontrollsystem, das Anabolika noch nach fast einem Vierteljahr nach der letzten Einnahme nachweisen könne. Eine Latrinenparole. Wir Deutsche wissen es. Die dreimonatige Nachweisbarkeit ist nur nach intramuskulärer Verabreichung möglich, oral bleibt alles beim alten: maximale Nachweisbarkeit acht Tage. Auch einige US-Weltklasseathleten, die gute Verbindungen zur erstklassigen bundesdeutschen Sportmedizin pflegen, sind dopingwissensmäßig up to date. Andere erleben in Montreal scheinbar unerklärliche Einbrüche. Für mich sind das die zwangsläufigen Resultate der Anabolika-Hysterie Anabolika-Abhängiger. Parallelen zu mir? Das ist mir kein Gedanke wert. In manches kleine Ostblockland dringen weder Latrinenparolen noch Intramuskulär-Gefahr. Die Ergebnisse sind nachlesbar: Man schaue sich die Montreal-Statistik an mit ihren stolzen Siegern, unerklärlich Gescheiterten und balkanesischen Doping-Überführten. In seiner Verunsicherung lässt sich Ralf von mir weiter verunsichern. Am Tag vor den Meisterschaften in Frankfurt folgt er nicht seiner pedantisch genormten Routine, sondern macht alles mit, was ich mache. Ich will noch an der Drehtechnik feilen, setze mich daher ins Auto, fahre im Rhein-Main-Gebiet herum und suche betonierte Waldwege, auf denen ich unbeobachtet Kugelstoßen kann. Ralf fährt mit. Sobald wir eine geeignete Stelle gefunden haben, steigen wir aus und stoßen Kugel. Tauchen Spaziergänger auf, schnappen wir uns die Kugel, springen ins Auto und suchen noch einsamere Flecken. Ralf stöhnt, beschimpft sich und mich als die größten Idioten überhaupt, beschwört mich, dem Wahnsinn endlich ein Ende zu machen, denn wenn wir nicht endlich aufhörten, würde morgen unweigerlich keiner von uns gewinnen. Gewinnen! Jetzt weiß ich, warum Ralf die Rhein-Main-Kugeltournee mitmacht, von der auch ich ahne, dass sie der Wettkampfleistung schaden muss. Ralf will trotz seiner schwachen Form nur eines: gewinnen. Ich will trotz Normalform und unkalkulierbarer Drehstoßtechnik nur eines: persönliche Bestleistung, möglichst die allerbeste, den Weltrekord. Ralf ist seit 1972 ununterbrochen deutscher Meister geworden, er wird danach bis in die 80er Jahre ununterbrochen Meister werden, der Titel 1976 brächte ihn der sportlichen Unsterblichkeit näher – und (das weiß ich noch nicht) – vermeintlich der Liebe seines Vaters. Ich ahne nicht, dass Ralf verzweifelt kämpft und mich verflucht, während wir von Waldweg zu Waldweg flüchten. Auch am nächsten Tag noch, bis kurz vor dem Wettkampf, stoßen wir im Frankfurter Umland zwischen 19 und 20 Meter weit. In seiner Verunsicherung will Ralf mir keinen Vorteil gönnen. Wenn er allen meinen Wahnsinn mitmacht, wird er von etwaigen, höchst unwahrscheinlichen Vorteilen dieser Vorbereitung ebenfalls profitieren, die viel wahrscheinlicheren Nachteile aber werden sich auf uns beide gleich stark auswirken, so dass er in jedem Fall als der sowieso Bessere der Beste bleiben wird. Ralf verrechnet sich. Zunächst einmal komme ich beim Einstoßen mit der Drehung überhaupt nicht zurecht und stoße keine 16 Meter. Hektisch stelle ich mich auf die seit Wochen nicht trainierte Angleittechnik um und werde mit der schlechtesten Siegerweite seit vielen Jahren – 18,64 Meter – deutscher Meister, Ralf wird knapp geschlagen Zweiter, meine seinen rationalen Kopf vollends verwirrende Umstellung gibt ihm den Rest. Ich bin wieder einmal verzweifelt, weil ich weit hinter meiner persönlichen Bestleistung zurückbleibe und der Weltrekord ferner liegt als der ominöse Feldstein in meiner Novembergeschichte. Ralf ist untröstlich, weil die Niederlage ihn noch existenzieller getroffen hat. Wie zwei große Häufchen Unglück sitzen wir nach dem Wettkampf nebeneinander im Gras des Frankfurter Waldstadions. Ein Mann kommt auf mich zu, drückt mir die Hand und beteuert: »Dir gönne ich es von ganzem Herzen.« Kenne ich ihn? Mir dämmert es: Dieser Mann ist der Dopingkontrolleur, der mich Ostern 1975 besucht hat. Ich schäme mich. Denn 1976 habe ich mehr Anabolika genommen als je zuvor oder jemals später. ich werde deutscher Meister mit Meisterschafts-Negativrekord, und ich habe Ralf, der seit Monaten »sauber« ist, die Rekordserie verdorben. Man könnte es als Ironie des Schicksals bezeichnen. Aber für uns ist es keine Ironie. Für Ralf und mich ist es Tragik. Dennoch will ich bei den Hallen-Europameisterschaften in San Sebastian erstmals im Wettkampf die Drehtechnik vorführen. Es wird aller Roulette-Dreherei zum Trotz ein merkwürdig durchschnittlicher Wettkampf. Beim Einstoßen übertreffe ich die 20-Meter-Marke, im Wettkampf streue ich auch 16-Meter-Stöße ein, doch belege ich am Ende mit knapp 19 Metern immerhin einen Platz im Endkampf. Während die Fachpresse dies als hoffnungsvollen Einstieg in die Drehtechnik wertet, beschließe ich, wieder zum Angleiten zurückzukehren. Aber San Sebastian bleibt für mich trotz aller sportlichen Durchschnittlichkeit ein beeindruckendes Erlebnis. Am Wettkampfmorgen trotte ich vom Hotel zum Hafengelände, setze mich auf eine Mauer und schaue zu, wie mächtige Wellen den Lauf eines hier ins Meer mündenden Flusses entlang in Richtung Stadt rollen. Ein unvergesslicher Anblick. Draußen über dem Meer muss ein Sturm toben oder getobt haben, anders kann ich mir diese gigantischen, donnernden Wellen nicht erklären. Außer mir ist hier draußen kein Mensch zu sehen. Läden und Kneipen sind geschlossen, die Stadt hat Angst, trauert um tote baskische Separatisten. Es soll eine Demonstration vorbereitet werden, hat man uns gesagt und gewarnt, den engeren Umkreis des Hotels alleine zu verlassen. Gerade deswegen sitze ich jetzt hier am Kai, einsam, zufrieden und weit weg vom Hotel. Ich schlendere zurück. Als ich an einem schrottreifen Kleinwagen vorbeigehe, dessen Scheiben so dreckverschmiert sind, dass man nicht hineinsehen kann, fliegen die Türen auf, vier Uniformierte quellen heraus. Ich sehe Pistolen in ihren Händen, einer hat sogar ein größeres Gerät im Anschlag, wohl eine Maschinenpistole. Verdutzt schaue ich die Männer an, misstrauisch mustern sie mich. Ich habe keine Angst. Die müssen doch sehen, dass ich nur ein Sportler bin. Am liebsten würde ich »L’ETA cest moi« rufen, doch diesen Gag hebe ich mir lieber für spätere, gefahrlosere Erzählungen auf. Auch die vier Uniformierten schweigen. Offenbar von meiner Harmlosigkeit überzeugt, zwängen sie sich wortlos zurück in ihre Tarnstation. Alles hat sich in völliger Ruhe in einem trotz Kneipen und Wohnhäusern menschenleeren Teil von San Sebastian abgespielt. Kurz vor dem Wettkampf Verwirrung im Aufwärmraum unter der Tribüne. Von oben dringen Geräusche zu uns, die nichts mit Leichtathletik-Begeisterung zu tun haben können. Ist es zu dem befürchteten Zwischenfall gekommen? Bewaffnete Uniformierte dringen durch einen Nebeneingang herein, stürmen an uns vorbei nach oben. Einige Mutige von uns folgen ihnen. Ich gehe mit, bleibe aber vorsichtig hinter ihnen. Baskische Demonstranten haben die Halle besetzt, formieren sich zu einem Protestzug um die Tartanbahn. Sympathisanten unter den Zuschauern springen über die Barriere und schließen sich an. Auch uns Sportler, die wir mit den Gedanken beim Wettkampf sind, beeindruckt die Inbrunst, mit der ein paar tausend Demonstranten ihr Kampflied anstimmen, und die gebändigte Aggressivität ihrer Disziplin, mit der sie nach einer Runde um die Bahn die Halle verlassen, ohne dass es zu Auseinandersetzungen gekommen wäre. Doch draußen starren sie in die Mündungen von Maschinenpistolen. Militär hat die Halle abgeriegelt, die Demonstranten drängen zurück, eine Panik droht. Aufgeregte Verhandlungen. Ein hochrangiger holländischer Leichtathletik-Funktionär setzt sich an die Spitze des Demonstrationszuges, führt ihn aus der Halle heraus und an dem Militäraufgebot vorbei. Die Anführer des Zuges bedanken sich tief gerührt, mit Tränen in den Augen bei dem Holländer, der Zug löst sich auf. Die Wettkämpfe werden fortgesetzt. Gleich beginnt mein Kugelstoßen. Die Veranstaltung ist gerettet, das Baskenproblem der Leichtathleten gelöst. Ich beneide die Basken um ihre mühsam gebändigten Emotionen. In meiner bewundernwollenden Bewunderung stört mich auch die Vermutung nicht, dass unter diesen Emotionsbolzen einige Mörder mitmarschieren. Später, nach meinem durchschnittlichen, eher emotionslosen Wettkampf bewundere ich einen jungen russischen Hochpringer, der in einer Sternstunde der Leichtathletik unerhörte und noch nie aufgelegte Höhen überquert. Ich würde alles dafür geben, mit der aggressiven emotionalen Inbrunst der Basken kugelstoßen zu können und dann mit mir als Hauptdarsteller wie der junge Russe für eine Sternstunde der Leichtathletik zu sorgen. Aber ich bleibe nebendarstellender Bewunderer von Hauptdarstellern.

In dieser Rolle sorge ich weiterhin für eigene Verzweiflung und für anderer Menschen Belustigung. Deutsche Meisterschaften im Hamburger Volksparkstadion. Ralf befürchtet, dass es eng zwischen uns werden könnte. Wir sind gleich gut in Form, stoßen im Training mit gleicher Intensität gleich weit. Ich denke nicht an Titel, sondern nur an deutschen Rekord. Der ist mir aber sicher. Wenn ich dann noch den Weltrekord draufsetze, um so besser. Um ganz sicher zu gehen, fahre ich schon um halb zwölf ins Volksparkstadion. Das Kugelstoßen beginnt um drei Uhr. Der riesige Parkplatz hinter dem Stadion ist menschen- und autoleer. Wie es der Zufall will, liegt meine Kugel im Kofferraum. Wie immer. Wenn ich die Kugel anfasse, weiß ich, ob ich in Form bin. Wenn sie mir beim ersten Griff leicht und handlich wie ein Holzkügelchen erscheint, bin ich in Form. Ich bin in Form. Klasse. Also zurück mit dem Holzkügelchen in den Kofferraum. Jetzt eine Kleinigkeit essen, danach Entspannung auf einer Massageliege. Um zwei Uhr leichtes Traben mit Gymnastik, dann wieder Entspannung. Um zwanzig vor drei Beginnen mit dem Einstoßen. Punkt drei deutscher Rekord. Ich rekapituliere meinen Zeitplan. Es ist fünf nach halb zwölf. Der Countdown zum Rekord läuft. Ich öffne den Kofferraum, hole die Kugel noch einmal heraus. Eine noch bessere Methode der Formüberprüfung ist es, die Kugel nur leicht fliegen zu lassen. Da ich immer noch alleine auf dem großen Parkplatz bin, stoße ich einmal ganz entspannt, ganz locker. Wunderbar. Die Rekordform ist da. Reicht es vielleicht auch zum Weltrekord? Ich will ja nicht unbescheiden sein, aber noch ein leichter Stoß kann doch nicht schaden. Dann weiß ich hundertprozentig, woran ich bin. Das Gefühl beim zweiten Stoß ordne ich zwischen deutschem und Weltrekord ein. Nicht eindeutige Gefühle müssen eindeutisiert werden. Nach einer halben Stunde und Stoß Nummer zwanzig immer noch kein eindeutiges Weltrekordgefühl. Die ersten Kampfrichter und Ordner stellen ihre Autos auf dem Parkpatz ab. Jetzt wird es eng. Aber einfühlsam parken sie ihre Wagen weit von dem Mann entfernt, der auf dem Parkplatz mit Eisenkugeln um sich wirft. Ein Uhr. Stoß Nummer sechzig oder siebzig. Eindeutiges Gefühl jetzt: keine Weltrekordform. Aber wie sicher ist der deutsche Rekord? Gerät auch dieses Vorhaben in Gefahr? Das muss ausgetestet werden. Und jetzt wird es immer enger. Die ersten Zuschauer kommen angefahren, wollen und können auf mich keine Rücksicht nehmen, da der Parkplatz sich langsam füllt. Sie parken ganz in meiner Nähe, ich muss zielstoßen, um kein Auto zu beschädigen. Zwei Uhr. Mehr als hundert Stöße sind absolviert. Eindeutiges Gefühl: auch der deutsche Rekord scheint nicht mehr möglich. Warum bloß? Aber Wille und Energie können Berge versetzen und Kugeln auf Rekordweiten fliegen lassen. Man darf nur nicht aufgeben. Als ich endlich aufgeben muss, weil auf dem nun vollbesetzten Parkplatz Autos und Menschen in Gefahr geraten, gehe ich deprimiert und mit schwerem, taubem Stoßarm ins Stadion. Ralf ist schon da. Er hat sich vor einer halben Stunde ins Volksparkstadion fahren lassen, mich auf dem Parkplatz in Aktion gesehen und hat keine Angst mehr um seinen Sieg. Er musste aber schnell wieder wegschauen, das Gesehene in einer hinteren Gehirnwindung deponieren, um es später in geselliger Runde als weitere Anekdote meines galoppierenden Wahnsinns zum Besten zu geben. Jetzt aber darf er nicht an dieses Bild auf dem Parkplatz denken, als der Freund mit irrem Blick kugelstoßend zwischen den Autos hin und her hastete. Sowohl Mitleid als auch Belustigung könnten seine Leistung beeinträchtigen. Ralf wird immer dann, wenn ich besonders krass versage, besonders weit stoßen. Wenn ich nicht dabei bin, wie zum Beispiel in Montreal, versagt auch er. In Hamburg bin ich dabei, versage besonders krass, stoße weniger als 19 Meter und werde als Dritter sogar von einem Diskuswerfer geschlagen. Ralf gewinnt mit großem Vorsprung und stößt neuen deutschen Rekord.

Seltener trage ich freiwillig zur Belustigung bei, dann aber auch zu meiner eigenen, so wie bei einem Länderkampf gegen Frankreich in Straßburg. Dort muss ich nach einer wieder einmal schlechten Leistung auch noch zur Doping-Kontrolle. Wie überflüssig. Der französische Doping-Arzt übergibt mir mit großer Geste und viel Brimborium das akkurat markierte Röhrchen. Und wo bitte geht’s zum Urinlassen? Antwort: Ich soll mir draußen eine Toilette suchen. Ratlos irre ich umher. Endlich, dort ist das Klo. Ich schließe die Tür hinter mir, drehe den lockeren Fermez-Knopf und fülle mein Gefäß problemlos bis zum Rand. Plötzlich schlägt mir die Tür in den Rücken. Von wegen fermez! Der Eindringling entschuldigt sich, aber ich gucke mit trockenem Röhrchen aus der nun feuchten Wäsche. Mit höchster Konzentration ringe ich mir noch ein paar Tropfen ab, lasse Leitungswasser zulaufen und spucke wütend hinein. Die Brühe ist ja viel zu hell! Der Limonadenautomat draußen im Gang schafft Abhilfe. Zu gelb? Egal. Dem Doping-Doktor drücke ich das Röhrchen würdevoll in die Hand. Wieder beginnt ein Zeremoniell. Das Glas wird noch einmal beschriftet, versiegelt, ich signiere hier, unterschreibe da, und dann verschwindet meine Dopingprobe im Safe. Ich höre nichts mehr von der Angelegenheit. Vielleicht analysieren sie in Straßburg heute noch. Oder die Probe wurde ordnungsgemäß als negativ abgehakt. Anabolika waren schließlich wirklich nicht drin. Damals vermute ich, dass mit den meisten Dopingproben ähnlich umgegangen wird. Hauptsache Doping-Test, die Analyse danach ist viel zu teuer.

Unterdessen halte ich meinen Winter-Sommer-Fahrplan akkurat ein. Wieder einmal habe ich seit Ende der vergangenen Saison ohne Anabolika und auch ohne andere unerlaubte oder auch erlaubte medikamentöse Hilfen meine geplante Leistungsfähigkeit erreicht. Ein heftiger Wintereinbruch erschwert die letzte Trainingseinheit vor den Deutschen Hallenmeisterschaften im Februar 1978 in Sindelfingen. Tags zuvor hat sich die Kugel noch tief in den Matsch gebohrt, so dass ich sie mit der Spitzhacke aus dem aufgeweichten Boden hebeln musste, aber über Nacht ist es kälter geworden, es hat geschneit, und nun ist es sogar zum Schneien zu kalt. Vom Wetterbericht vorgewarnt, habe ich die Kugel über Nacht auf den Ofen gelegt. Ich reibe meine steifen Gelenke mit Sportupac ein, einem vom »Doc« entwickelten Öl, das die Durchblutung anregt, ohne auf der Haut zu brennen. Nachdem Knie-, Hüft-, Schulter-, Ellbogen- und Handgelenke versorgt sowie beide Knie und das rechte Handgelenk mit Binden fest umwickelt sind, mache ich mich winterfest. Das Thermometer vor dem Fenster zeigt elf Grad unter Null, das erfordert eine Kleiderlage mehr als gewöhnlich. Ich ziehe die Badehose an, darüber eine Strumpfhose, eine enge, eine normal passende und eine weite Trainingshose. Den Oberkörper packe ich in ein ärmelloses Trikot, ein T-Shirt, einen langärmeligen Pullover, ich ziehe einen kurzärmeligen Frotteepulli, einen weiteren Pullover und einen übergroßen Kapuzenpulli darüber und zwänge schließlich noch über alles mein größtes Trikot, an dem ich während des Trainings Hände und Kugel abwischen will. Dann die fingerlosen Stoßhandschuhe, darüber enganliegende Wollhandschuhe sowie die monströsen, dreifingrigen Soldatenhandschuhe meines Vaters mit ihrem fast bis zum Ellenbogen reichenden Schaft. Zum Abschluss Kapuze übergezogen, ein Schal um den Hals, ein Schal über den Kopf – ich bin bereit für das erste Training des Tages. Im Winter wundere ich mich oft, dass von Kugelstoßtraining zu Kugelstoßtraining neue ausgefranste Löcher in den Kapuzenpulli geraten, der nur zwei, drei Wochen lang hält, dann ist er völlig durchlöchert. Mäuse? Ich beschäftige mich aber nicht weiter mit diesem Problem, denn meine Sportartikelfirma schickt genügend Nachschub. Erst viele Jahre später wird mir klar, dass ich die Löcher eigenhändig einstanze; denn vor jedem Trainingsstoß werfe ich die Kugel noch einmal kräftig auf den Boden, atme tief durch und hebe sie wieder von dem Stück Stoff auf, auf das ich sie habe fallen lassen, damit sie sauber bleibt. Da der Kapuzenpulli stets zuerst auf den Boden fliegt, bekommt er die meisten Attacken ab. Ihre verheerende Wirkung entwickeln sie aber nicht an der Aufschlagfläche, das hätte ich sofort bemerkt, sondern auf der Rückseite, die von der Wucht des Aufpralls in den gefrorenen Boden getrieben wird. Dort friert der Stoff kugelförmig fest. Wenn ich nach dem Training den Kapuzenpulli aufhebe, kümmere ich mich nicht um den leichten Widerstand, reiße meine Kleider eilig und heftig zusammen, denke an nichts als an das zweite Training des Tages, vor dem erst stutze ich. Schon wieder neue Löcher! Das Geheimnis begleitet mich viele Winter lang. Zweite Trainingseinheit am Nachmittag: Im Auto kontrolliere ich die Winter-Ausrüstung – Salz, Spitzhacke, Schippe, Besen – und auf geht’s nach Wetzlar zum Schulsportplatz an der Goetheschule. Der Sportplatz liegt zwischen Schule und Hallenbad, der Kugelstoßring direkt vor der großen Frontscheibe des Schwimmbads. Ich sehe den tief verschneiten Kugelstoßring nicht, weiß aber natürlich, wo er ist. Ich fahre meinen Wagen so nahe wie möglich heran, steige aus und stelle mich der beißenden Kälte. Mit dem Besen fege ich die obere, lockere Schneemasse vom Ring. Darunter: Eis und gefrorener Schneematsch. Ich hacke die harte Masse auf, entferne mit der Schippe die lockeren Schollen und streue fingerdick Salz auf die verbliebene, festgefrorene Masse. Eine Runde Traben durch den Tiefschnee. Mich friert an den Füßen, denn ich habe nur ein Paar Socken und die Sportschuhe an, während der Rest meines Körpers unter den Kleiderschichten zu dampfen anfängt. Nach der ersten Runde beginnt das Salz zu wirken, ich hacke, schippe Schollen weg, kehre. Die Lage bessert sich, aber an Kugelstoßen ist noch nicht zu denken. Eine weitere Lage Salz, eine weitere Runde Traben. Die ungeliebte Lauferei bringt mich ins Schwitzen, auch die Füße werden wärmer. Hacken, Schippen, Kehren. An manchen Stellen ist der Beton schon freigelegt, bald kann es losgehen. Noch einmal Salz, aber keine Laufrunde mehr. Ich trampele und kehre einen schmalen Pfad vom Kugelstoßring hinaus auf die Anlage, bis zur Neunzehn-Meter-Marke. Zwischen sechzehn und neunzehn Meter verbreitere ich den Pfad, bis ich den Sektor für meine voraussichtlichen Stoßweiten und -richtungen geebnet habe. Gegenüber im Hallenbad stehen die ersten Badegäste an der Scheibe und starren zu mir hinaus. Unangenehm. Peinlich. Nicht daran denken, die Leute existieren nicht, ich bin allein. Kehrend kehre ich ihnen den Rücken zu, schaue nicht mehr hin. Die ersten Standstöße. Locker, leicht, es läuft ordentlich. Angleiten. 16 Meter, 17 Meter, 17,50, noch drei Stöße, und ich bin bei 18 Meter angelangt. Na prima. Mein Ziel sind 19 Meter im Abschlusstraining. Scheint machbar. Bei 18,40 Metern hakt es, ich stagniere, verkrampfe. Trainingshose aus, Kapuzenpulli weg. Ich werde nervös, denn es beginnt zu dämmern. Beeilung! Es hakt immer noch. Kugel-Handschuhe ausgezogen, zweite und dritte Trainingshose, Pullover und Frotteepulli, alles runter vom Körper und rauf auf den wachsenden Kleiderhaufen. Ich versuche, nicht an die fast nackten Menschen in der Wärme hinter der Scheibe zu denken, die zusehen, wie ich in der Kälte vor der Scheibe immer nackter werde. Ich hebe die Schultern an und ziehe den Kopf ein, wie um mich vor den Blicken zu schützen, die ich auf meinem Nacken spüre. Bald werde ich die Auto-Scheinwerfer einschalten müssen. Nur die helle Schneefläche und der Lichtschein von der Frontscheibe des Hallenbads sorgen noch für spärliche Helligkeit. Das Hallenbad! Hätte ich doch nicht hinübergeschaut! An der Scheibe drücken sich Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene die Nasen platt. Ich ziehe wieder den Kopf ein und die Schultern hoch. Da muss ich durch, heute noch einmal, dann lange nicht mehr. Nach den Stößen suche ich im Dunkeln verzweifelt nach der Kugel. Ich kann kaum die Einschlagstelle entdecken, von ihr aus schätze ich die Fortrollrichtung der Kugel, die wie ein Maulwurf nur eine leicht sich wölbende Spur unter dem Schnee hinterlässt. Ich gehe zum Auto, bei jedem fünften Schritt fünf Sprintschritte auf der Stelle einlegend, denn die eisige Kälte hat mich fest im Griff. Mehr als drei, vier erfolgversprechende Stöße sind nicht mehr drin, Eiszapfen können nicht kugelstoßen. Ich lasse den Motor an und schalte das Fernlicht ein. Ich habe vorsichtshalber das Auto schon bei der Ankunft in die richtige Position gestellt, so dass die Kugelstoßfläche im hellen Scheinwerferkegel erstrahlt. Im Sprint zurück. Hastig reiße ich die letzten Kleidungsstücke vom Körper. In Badehose und Trikot, wie im richtigen Wettkampf, stehe ich im hellen Scheinwerferlicht, gleite an, stoße . . . Scheiße! Abgerutscht, um die Kugel hat sich in der kurzen Pause ein dünner Eisfilm gelegt. Panik. Ich spüre, dass ich meinem einfrierenden Körper nur noch einen Stoß abringen kann. Ich ziehe hektisch das Trikot aus und hülle die Kugel in den Stoff, der noch Körperrestwärme ausstrahlt. Letzter Versuch. Gut, aber nicht gut genug, etwa 18,80 m. Zum Messen bleibt keine Zeit mehr. Allerletzter Versuch. Besser, aber immer noch nicht gut genug. Nur zehn Zentimeter weiter, zwar Saisontrainingsbestleistung, aber nicht weit genug. Allerallerletzter Versuch. Eisfilm um die Kugel, ausgerutscht. Die Uhr läuft ab. Die Oberschenkel schmerzen vor Kälte, ein Schmerz, als wären sie mit einem Vorschlaghammer bearbeitet worden. Die letzte Chance, der allerletzte der allerletzten Versuche. Nackt, nur mit Sportschuhen, Strümpfen und knappsitzender Badehose bekleidet, mit bandagierten Knien und Handgelenk, stehe ich im Ring und konzentriere mich. Die Kugel habe ich dorthin gesteckt, wo mein Körper das letzte Quentchen Wärme besitzt: in die Badehose. Mit beiden Händen umschließe ich dort die Kugel. Ich stehe am hinteren Kreisrand, bereit zum Stoß, in hellem Licht. Rund um mich herum ist alles dunkel, bis auf das zweite Licht, das aus tiefer Schwärze kommt: Eine kleine Menschentraube an der Frontscheibe des Hallenbades. Ich hole die Kugel aus der Badehose, hebe sie über den Kopf, senke sie zum Hals ab, verdränge Scham, Kälte und Peinlichkeit, gleite an, stoße die Kugel mit einem quietschenden Schrei ab, gut getroffen, wunderbar, herrlich, ich laufe ihr hinterher, um ja nicht die Aufschlagstelle zu verpassen, und während ich nackt, im einsetzenden Schneegestöber meiner Kugel nacheile, hallen mir dumpf Beifall und Bravorufe aus dem Hallenbad hinterher. Ich markiere die Einschlagstelle, stolpere blaugefroren zu meinem Kleiderhaufen zurück. Die Kälte nimmt mir den Atem, mit steifgefrorenen Fingern kann ich mich kaum anziehen. Mühevoll messe ich die Stoßweite. Ich lege das Maßband mit der Null-Zentimeter-Marke in das Einschlagloch, beschwere das Band mit der Kugel und ziehe es Richtung Abstoßbalken. 19,09 Meter. In einem seltenen Moment tiefer Glückseligkeit rechne ich hoch: 19 Meter im Winter im Training ohne Anabolika sind 20 Meter im Winter im Wettkampf ohne Anabolika sind 20 Meter im Sommer im Training ohne Anabolika sind 21 Meter im Sommer im Wettkampf ohne Anabolika sind 22 Meter im Sommer im Wettkampf mit Anabolika, wenn nicht gar 23 Meter. Mindestens. Das Leben ist schön. Ich finde die Kugel nicht mehr. Macht nichts. Froh und munter schleppe ich meine Gerätschaften zum Auto. Ein letzter Blick zum Hallenbad. Nur ein kleiner Junge steht dort am Fenster, sieht mich nachdenklich an. Ich winke ihm leicht verschämt zu. Der Junge winkt nicht zurück.

Bei den Meisterschaften ist Ralf nicht dabei. Er verzichtet fast immer auf die damals noch wenig bedeutsamen Hallenwettkämpfe. Ich werde daher mehrmals deutscher Hallenmeister und halte über zehn Jahre lang den deutschen Hallenrekord. Auch in Sindelfingen habe ich keine Konkurrenz und gewinne klar, verbessere mit 19,98 Meter meinen eigenen deutschen Rekord. Ich bejuble Sieg und Rekordstoß nicht, was Zuschauer und Journalisten verwundert. Doch warum soll ich jubeln? Ich nehme die Hallensaison genauso wenig ernst wie Ralf, sie dient lediglich in meinem zweispitzigen Saisonaufbau als Endkontrolle der ersten Phase, in der 20 Meter das kleine Ziel sind. Sowohl Abschlusstraining als auch Wettkampf dienen nur dem großen Ziel, das es in einem halben Jahr zu erreichen gilt. Doch, ein wenig stolz bin ich schon: Seit über einem halben Jahr habe ich keine Anabolika genommen, mich dennoch von den frühherbstlichen Tiefen zu dem geplanten Winter-Zwischenhoch durchgekämpft, habe bei den Landesmeisterschaften Landesrekord gestoßen und 20 Meter erreicht (um die fehlenden popeligen zwei Zentimeter scheren sich nur Korinthenkacker), und das auch noch bei einem Wettkampf mit Dopingkontrolle. Für mich ist das zwar selbstverständlich, aber nun müsste mein Weltrekord-Potenzial allen Fachleuten und den Journalisten bewusst sein. Hat schon einmal ein Kugelstoßer meiner Leistungsklasse bei einer Meisterschaft mit Dopingkontrollen Bestleistung gestoßen? Nein, noch nie. Also bitte, nun müsst ihr mir endlich zutrauen, was ich mir schon lange zutraue, und was ich um so eher erreiche, je mehr es mir auch andere zutrauen. Aber man erkennt die Dimensionen nicht. Ich bleibe nur für mich der kommende Weltrekordler. Das bin ich auch noch ein halbes Jahr später. Jetzt gilt es, das Potenzial umzusetzen. Ich stoße schon seit Wochen im Training einen Meter weiter als im Winter vor den Hallenmeisterschaften. Seit kurzem nehme ich Anabolika. Zwar bin ich seitdem nicht besser geworden, aber das muss Zufall sein oder mit meinem Heuschnupfen zusammenhängen. An meiner naturwisenschaftlich belegten, unverrückbaren Rechnung halte ich jedenfalls fest: Ich bin ohne Anabolika einen Meter besser als im Winter, stoße also im Sommer einen Meter weiter als 20 Meter plus Anabolika-Bonus von zwei Metern.

Ich fahre mit der Gewissheit zu den Deutschen Meisterschaften, dort für eine sportliche Sensation zu sorgen. Schon während der Autofahrt nach Köln laufen mir Schauer der Vorfreude über den Rücken, in meinem Magen kribbelt es, und immer wieder läuft vor meinem inneren Auge der große Stoß ab, mit dem ich die Kugelstoß-Welt revolutionieren werde. Diese Phantasiestöße unterstütze ich im Auto zwei Stunden lang mit jenen Urschreien, die schon manchen Zuschauer im Stadion irritiert haben – bei anderen Werfern, nicht bei mir. Im Wettkampf brülle ich nie, sondern meckere beim Ausstoß höchstens mal hell und kläglich wie eine beleidigte Ziege. Alleine und ungehört stoße ich auf der Autobahn aber derart weltrekordreife Schreie aus, dass ich heiser in Köln ankomme. Ich treffe spätnachmittags im Hotel ein, wo mich Ralf erwartet. »Bist du erkältet?«, fragt er, nicht sehr interessiert, da sein Wettkampf-Vorbereitungsritual bereits begonnen hat, in dem ihn nichts und niemand irritieren oder gar aus dem Konzept bringen kann. Ich winke nur unbestimmt ab. Ralf tut mir ein wenig leid, da er in seiner derzeitigen Verfassung allenfalls neunzehneinhalb Meter stoßen kann, während ich sogar in meinen Minimal-Visionen nicht damit rechne, unter einundzwanzig Metern zu bleiben. Ich hoffe auf zweiundzwanzig Meter und halte in aller Bescheidenheit auch den Weltrekord für erreichbar. Ralf und ich essen im Hotel zu abend, abgekapselt von den anderen, meist schweigend, Ralf konzentriert, ich aufgeregt und innerlich bebend. Ich zwinge mich zum zweiten Schnitzel, trinke noch ein Bier, danach gehen wir beide auf unsere Zimmer. Bis zum Wettkampfbeginn werden wir uns nicht mehr sehen, denn Ralf zieht sich wie immer zurück, versinkt in sein Konzentrations-Ritual. Ich aber weiß nicht, was ich tun soll. Erst 22 Uhr, ich werde nicht schlafen können und beschließe, einen Spaziergang zu machen. Meinen letzten Spaziergang habe ich mit siebzehn oder achtzehn gemacht, mit einem Mädchen, in der stillen Hoffnung, dass sie mir auf dem Spazierweg verfallen würde. Ich verlasse das Hotel und schleppe meine 265 Pfund in der lebhaft pulsierenden Kölner Innenstadt einmal ums Karree. Zurück im Hotel dusche ich, lege die Wettkampfkleidung zurecht und mich ins Bett. 23 Uhr. Mein Herzschlag pulsiert heftiger als die Kölner Innenstadt, und ich habe das Gefühl zu schweben. Transzendentale Meditation? Nein, in meinen Adern rauscht das Adrenalin und versetzt mich in eine Spannung, die an Schlaf nicht denken lässt. Ich kann nicht einmal die Lider schließen. Sobald ich es versuche, muss ich nach Luft schnappen und die Augen aufreißen. In den nächsten Stunden, zehn Zentimeter über der Bettdecke schwebend, schwitzend um den wettkampfwichtigen Schlaf ringend, wird dem kleinen realistischen Teil meines Verstandes von jeder schlaflosen Sekunde zur nächsten klarer, dass ich wieder einmal ein Desaster erleben werde, wahrscheinlich sogar das katastrophalste meiner Laufbahn. Diese Rest-Vernunft erlebt ohnmächtig mit, wie ich Amok laufe und mir dabei einrede, dass dies Wettkampfvorbereitung sei. Um halb vier Uhr morgens stehe ich auf, ziehe mein Sportzeug an und jogge einmal ums Karree. Zwar laufe ich nicht schnell, aber immerhin, ich laufe, und zwar eine so lange Strecke, wie ich sie nie zuvor in meinen lauffaulen Kugelstoßerjahren gelaufen bin. Die Runde, die ich um den Häuserblock in der Kölner City drehe, dürfte zwei bis drei Kilometer lang sein. Außer meinem Herzschlag pulsiert hier nichts mehr. Kein Auto auf der Straße, keine Menschen zu sehen. Ich wanke wie der letzte Überlebende einer Neutronenbomben-Katastrophe an der Häuserseite des Trottoirs entlang, nur einmal zurückschreckend, als sich eine Neutronen-Leiche in einem Hauseingang als schnarchender Penner erweist. Gegen vier komme ich zum Hotel zurück. Ausziehen, ins Bett, nein, aufs Bett legen. Eine halbe Stunde frei schwebend Adrenalin verdampfen. Ich halte es nicht mehr aus. Viertel vor fünf. Aufstehen, anziehen, joggen. Zweimal um den Block. Um halb sechs zwinge ich mich eine Stunde aufs Bett, bevor ich aufspringe und noch einmal jogge. Drei Runden. Die Stadt erwacht. Ich bin erschöpft, aber immer noch nicht müde. Das Adrenalin rauscht nicht mehr so gewaltig wie in der Nacht, aber es rauscht noch. Sonntagmorgen, viertel nach sieben. Ich gebe es auf, Schlaf zu suchen. Nun suche ich Ablenkung, um die Stunden bis Wettkampfbeginn überstehen zu können. Kalt duschen, anziehen, Sporttasche packen, frühstücken (ein halbes Brötchen, mehr schaffe ich nicht), auschecken. Ich verstaue die Tasche im Auto und gehe zum Dom. Halb neun. Ich irre auf dem Domplatz umher, lausche den Adrenalinströmen nach, die immer noch stärker sind als die aufkeimende Müdigkeit. Die untere Rückenmuskulatur versteift sich. Zu viel gegangen, zu viel gejoggt. Auch das noch! Locker bleiben, explosiv sein – unmöglich mit Muskel-Hartspann im LWS-Bereich. Ich setze mich vor dem Dom auf das Pflaster. Die Verspannung weicht nicht. Ich lege mich auf den Rücken, beginne mit leichter Wirbelsäulengymnastik. Einige der ersten Sonntagmorgenpassanten stutzen, andere tun so, als würden sie nichts sehen. Ich spüre peinvoll ihre Gedanken: Verrückte muss man in Ruhe lassen. Ich schäme mich, kann aber nicht aufhören. Auf dem Rücken, in der Körperhaltung des Gekreuzigten, zu dessen Ehren der gewaltige Bau hinter mir über Jahrhunderte errichtet worden war, schwinge ich das rechte Bein zum linken Arm, das linke Bein zum rechten Arm, rolle in die Vierfüßlerstellung, beuge den Rücken vom Katzenbuckel zum Hohlkreuz und zurück, langsam löst sich die Verspannung, ich atme auf, stehe auf, neun Uhr. Endlich. Um neun öffnet nebenan das Wallraff-Richartz-Museum. Mittlerweile ahnt auch das letzte Eckchen meines Geistes, in welche Katastrophe ich hineinschlittere. Aber ich kann die Notbremse nicht ziehen. Irgendetwas in mir will sie auch nicht ziehen. Ich hätte noch etwas retten können, wenn ich zurück zum Hotel gegangen wäre und mich bis mittags um eins hingelegt hätte, egal ob mit oder ohne Schlaf. Aber statt dessen gehe ich im Museum für moderne Kunst treppauf, treppab, zwei Stunden lang, kein Stuhl in der Nähe, außer einigen verfilzten von Beuys und einem einladenden, scheinbar altmodischen Sofa, auf dem aber schon Leute sitzen. Lebensgroße, lebensechte Puppen. Auch ein Kunstwerk. Das Adrenalin tröpfelt nur noch, der Rücken ist bretthart, ich fühle mich todmüde, aber zittrig und ziellos, hilflos aufgeregt. Dort drüben, eine geöffnete Flipperstube! Nichts wie hin. Meine Lebensgeister erwachen, mein Optimismus meldet sich wieder. Ich schließe einen Pakt mit dem Kugelstoßer-Gott: Wenn mir ein Freispiel gelingt, schaffe ich auch meine Traum-Weiten. Hektisch flippere ich knapp an Freispielen vorbei. Die Zeit rast. Ich flippere und flippere, kein Freispiel. Um 14 Uhr muss ich aufgeben, haste zum Hotelparkplatz, schwinge mich ins Auto und rase zum Müngersdorfer Stadion. Um halb drei muss man sich am Stellplatz melden, anderenfalls wird man von der Wettkampfliste gestrichen. Ich stecke im Stau der anfahrenden und anwandernden Zuschauer. Um keine Zeit zu verlieren, ziehe ich mich mühsam im Auto um, während ich mich im Stop-and-go-Verfahren dem Stadion nähere. Endlich, die Abzweigung für Teilnehmer und Offizielle, ich parke, springe aus dem Auto und eile zum Stellplatz. Ein paar Minuten zu spät, aber man drückt alle Augen zu. »Auf, Junge, beeil’ dich, die anderen werden schon ins Stadion geführt.« Ich laufe keuchend hinterher. Vor mir dreht Ralf leicht den Kopf, blickt mich aus den Augenwinkeln an, mit unbewegter Miene, voll konzentriert. Wir sprechen nicht miteinander. Im Stadion übermannt mich bleierne Müdigkeit. An normales Aufwärmen ist nicht zu denken. Mühsam, mit schweren Gliedern, bewege ich mich auf dem grünen Rasen vor dem Kugelstoßring hin und her, spüre, dass ich bei meinen lächerlichen Sprintversuchen ungefähr so langsam bleibe wie bei meinem nächtlichen Joggen. Alle Energie-Depots leer, alles Adrenalin verrauscht, zu jedem Schritt, jeder Bewegung muss ich mich zwingen. Ich fühle mich wie in manchen meiner Träume, in denen mir mein Körper nur verzögert und schleppend gehorcht, als sei die Luft um ihn herum ein schwerer, klebriger Brei. In diesen Minuten verschwinden auch die letzten Reste meines sonst so hilfreichen Optimismus und meiner depressionsdämmenden Selbstironie. Mein Name ertönt über Lautsprecher, mit dem Zusatz: »Erster Versuch des DLV-Jahresbesten.« Ich registriere es nur am Rande. Ich spüre auch nicht die Blicke der Zuschauer, falls sie denn auf mich gerichtet sind. Ich spüre überhaupt nichts, außer dem übermächtigen Wunsch, alles hinter mich zu bringen, die Augen zu schließen, einzuschlafen, weit, weit weg zu sein. Bei meinem ersten Versuch geschieht ein deprimierendes Wunder: Ich erwische einen technisch brillanten Versuch, wie er mir zuvor und danach in keinem Wettkampf gelungen ist und gelingen sollte. Eine perfekte Bewegung: Angleiten, linkes Bein landet leicht versetzt am vorderen Ring, das rechte Bein hebt und dreht den Oberkörper, der lange hinten geblieben war, von der Hüfte überholt wurde, in eine ideale Verwringung kam, aus der heraus der Stoßarm die Kugel in einer harmonischen, fast eleganten Bewegung auf die Reise schickt. Kein Laut begleitet die Kugel. Kein Urschrei, nicht einmal ein kurzes, klägliches Meckern. Kurz hinter einer weißen Linie bohrt sich die Kugel in den Boden. Ein Traumstoß. Aber ich weiß, dass es ein Alptraumstoß ist. In meiner bleiernen Müdigkeit, die auch jegliche Spannung aus der Muskulatur genommen hat, bin ich im Zeitlupentempo durch den Ring geglitten. Eine Bewegung wie aus dem Kugelstoß-Lehrbuch, aber ohne jegliche Aggressivität, ohne Explosivität. Der Stoß eines Zombies. Die Linie, über die meine Kugel fliegt, jene Linie, die in meinen Träumen zweiundzwanzig Meter, manchmal sogar dreiundzwanzig Meter markiert, kennzeichnet nicht die Einundzwanzig-Meter-Marke, auch nicht die Zwanzig-Meter-Marke, sondern ist bei neunzehn Metern über den Stoßsektor gezogen. 19,07 Meter im ersten Versuch. Das ist das endgültige Aus, denn in der saft- und kraftlosen Verfassung, in die ich mich in den letzten Stunden getrieben habe, muss es absolut unmöglich sein, diesen technischen Idealstoß zu übertreffen. Ralf stößt 19,92 Meter, drei Zentimeter unter meiner bundesdeutschen Jahresbestleistung, aber viel weiter, als seine Form es eigentlich zugelassen hätte. Ralf gewinnt klar, wird für die Europameisterschaften nominiert werden, es interessiert mich nicht. Völlig belanglos auch, dass ein weiterer Kugelstoßer knapp vor mir liegt. Wer vierundzwanzig Stunden zuvor im Auto mehrfach Weltrekord gestoßen hat, registriert solche Weiten nur mit verächtlicher Ignoranz. Dennoch, ich gebe nicht auf. Vom zweiten bis zum letzten, dem sechsten Versuch, hoffe ich auf ein Wunder und verspiele damit, wie ich später erfahre, alle Chancen, für die EM nominiert zu werden. Hätte ich fünf Versuche lang redlich versucht, das noch Mögliche zu tun – fünf gültige Stöße nahe an neunzehn Meter –, wäre ich vielleicht gnadenhalber nominiert worden. Aber was ich tue, verärgert den für die Nominierungsvorschläge im Wurfbereich verantwortlichen Block-Bundestrainer. »Du nimmst deinen Sport nicht ernst, alberst nur herum, so einen können wir nicht nach Prag schicken.« Selten wurde mir die unüberbrückbare Distanz, das totale Unverständnis zwischen Sportlern und Funktionären deutlicher bewusst. Ich nehme meinen Sport nicht ernst, albere nur herum . . . kann es jemanden geben, der seinen Sport ernster nimmt als ich? Gab es jemals einen Sportler, dessen nackte Verzweiflung so grundfalsch als Albernheit missinterpretiert wurde? Obwohl . . . auf den nichtsahnenden Zuschauer muss es schon sehr seltsam wirken, was ich dort unten im Kugelstoßring anstelle. Da völlig klar ist, dass ich die 19,07 Meter auf normalem Wege nicht mehr übertreffen kann, denke ich mir von Stoß zu Stoß neue Techniken aus. Zunächst versuche ich die Drehtechnik, die ich seit einem Jahr nicht geübt habe. Die Kugel fliegt knapp fünfzehn Meter weit, aber nicht in den Sektor, sondern als Querschläger fast im 90-Grad-Winkel zur gewollten Stoßrichtung auf die Kunststoffbahn. Anschließend probiere ich verschiedene Wahnideen durch, zum Beispiel eine Laufstoßtechnik, oder werfe vor dem Angleiten das linke Bein nach vorne oben, um mehr Schwung für das Angleiten zu bekommen, mal versuche ich dies, mal jenes, immer ungültig, immer zwischen fünfzehn und siebzehn Meter weit. Dann ist alles vorbei.

Ich werde wie erwartet nicht für die Europameisterschaften nominiert, obwohl die Leistungs-Theoretiker im BA-L ein neues Teilnahme-Kriterium ersonnen haben: Endkampfchance. Im Sportkrieg mit der DDR zählen jetzt nicht nur Medaillen, sondern auch Endkampfplätze. Als bundesdeutschem Jahresbesten billigen mir zwar auch Realisten eine theoretische Endkampfchance zu – ich gebe mich mit solchen Un-Zielen erst gar nicht ab –, aber meine Vorstellung in Köln lässt die Nominierer den Daumen senken. Wer in der Schlacht überschnappt, mit dem können wir keinen Krieg gewinnen. Statt der drei möglichen Kugelstoß-Krieger wird nur Ralf als deutscher Meister und Jahreszweitbester nominiert. Er spielt dann in Prag meine Rolle als Großversager glänzend. Diesmal bin ich nicht nur enttäuscht, sondern auch wütend. Ich will mich rächen, aber wie? Als erfolgloser Sportler hat man kaum eine Chance, Funktionären heimzuzahlen, was sie einem antun. Nur etwas kann sie treffen: Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Neben den großen Veranstaltungen Olympia, EM und Europacup (Weltmeisterschaften werden erst später eingeführt) gelten in meinen Kugelstoßerjahren auch die Länderkämpfe als wesentliche Ereignisse. Meistens starten pro Disziplin zwei Teilnehmer, in großen Länderkämpfen wie gegen die USA kommt dem zweiten Mann fast noch mehr Bedeutung zu als dem Landesbesten. In diesen Länderkämpfen stoße ich fast regelmäßig ordentliche Weiten zwischen 19,50 und 20 Metern. Ich nehme diese Wettkämpfe nicht so ernst, bin erst in Vorbereitungs-Form vor wichtigeren Anlässen, stehe daher noch nicht unter Anabolika-Einfluss und habe keinen Grund zu versagen. Daher bin ich ein wichtiger Punktelieferant, man braucht mich. Also trete ich zurück. Kaum habe ich den Entschluss gefasst, der die deutsche Leichtathletik in ihren Grundfesten erbeben lassen soll, da melden die Nachrichtenagenturen, dass ein Fußballer aus Verärgerung über seine Nichtnominierung den Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet hat. Dieser Fußballer gehört zur eher namenlosen Garde von Bundesligaspielern aus der zweiten Reihe. Der Bundestrainer hat ihn, wie viele andere auch, einmal getestet, aber nicht für nationalelfreif befunden. Die Rücktrittsmeldung wird von den Kollegen der überregionalen Tageszeitungen und vom Fußball-Fachblatt unter großen Schlagzeilen verbreitet. Solche Schlagzeilen waren dem Fußballer noch nie gewidmet worden, seine Leistungen in der Bundesliga rechtfertigen später gar keine Überschriften mehr. Mich hat man bisher ebenfalls selten als schlagzeilenwürdig eingestuft, und wenn doch, dann unter eher unsportlichen Begleitumständen. Einmal liefere ich »Bild« das Zitat des Tages, als ich eine wieder einmal schwache Wettkampfleistung zu erklären versuche: »Wenn die Schnelligkeit im Ausstoß nicht vorhanden ist, geht bei mir alles in die Hose.« Ein andermal titelt »Bild« in Anlehnung an einen Sex-Bestseller: »Kugelstoß-Riese hatte Angst vorm Fliegen« – mein Flugzeug zu einem Trainingswochenende nach Berlin erhielt auf der Rollbahn in Frankfurt eine Bombendrohung, der Pilot kurvte auf dem Flughafengelände herum und stellte die Maschine am äußersten Rand ab. Einfühlsamerweise hatte er die Passagiere während der wilden Fahrt über die Rollbahnen aufgeklärt: »Vielleicht haben wir eine Bombe an Bord.« An der ausbrechenden Panik beteiligte ich mich nicht, ich wollte mich nicht schämen müssen, wenn die statistisch übergroße Wahrscheinlichkeit eines blinden Alarms bestätigt würde. Daher stieg ich als letzter aus, obwohl ich lieber mit den anderen Passagieren schreiend und um mich schlagend um schnellstmöglichen Ausstieg vor der Explosion gekämpft hätte. »Bild am Sonntag« widmet mir in meiner einkommenslosen Vollprofizeit nach recht guter Leistung bei einem USA-Länderkampf eine Geschichte unter der mich aus sportlichen Gründen ebenfalls nicht völlig überzeugenden Hausmann-Überschrift: »Das Putzen macht ihn immer stärker.« Soll jetzt als Tüpfelchen auf dem Schlagzeilen-i die Meldung vom albernen Nationalmannschafts-Rücktritt eines Erfolglosen kommen, letzte der nur kuriosen Schlagzeilen  von einem, der ausgezogen ist, Olympiasieger und Weltrekordler zu werden? Ich trete zurück, teile es aber keinem mit. Ich sage in Zukunft alle Länderkämpfe aus beruflichen oder Verletzungsgründen ab. Nehme ich mir vor. Ich halte das Versprechen. Anfangs immer. Später nicht immer.

Doch langsam beginne ich zu erlahmen. Und kämpfe dagegen an. Ich will auf der außergewöhnlichen Spur bleiben, nicht akzeptieren, was mir eine lästige Stimme einflüstern will: Es hat keinen Zweck mehr, du hast dich verrannt. Wärest du konsequent auf deinem Ego-Trip der Autarkheit geblieben und hättest nie Anabolika genommen, könntest du ein sauberer, stolzer Kugelstoßer der Leistungsklasse um  20,50  Meter geworden sein. So aber spinnst du dir Olympiasiege und Weltrekorde zurecht, bleibst aber ein ewiger Versager von 19-Meter-Klasse, der bei seinen wichtigsten Wettkämpfen sogar diese Marke unterbietet. Gib endlich auf! Den Kampf gegen diese innere Stimme gewinne ich. Noch. Auf der Suche nach Außergewöhnlichem, das mich inspirieren und immun gegen die Erlahmung machen soll, spanne ich Ralf ein. Bei unseren Berliner Trainingseinheiten schaut ab und zu ein schwuler Rechtsanwalt vorbei, der ein Faible für den Kraftsport hat. Ich erfahre, dass er Manager eines Profiboxers ist, der nach einem schweren Knockout wochenlang im Koma lag und nun darum kämpft, wieder in den Ring steigen zu dürfen. Das ist das Richtige für mich! Existenzkampf pur, hart am Rande des Todes, ein Boxerschicksal, das ganz Deutschland bewegt, und ein Sportler, der seinem Sport so sehr verfallen ist, dass er ihm sogar sein Leben opfern würde. Von dieser Geschichte will ich als Kugelstoßer und als Journalist profitieren. Ralf verschafft mir einen Interviewtermin in Berlin mit dem Rechtsanwalt und seinem Boxer, der Clou soll ein Sparring des aus dem Koma Aufgewachten mit mir sein. Ralf fährt mich zu dem Termin im Haus des Anwalts, mit dem ich mich im Training schon durchaus vertraut und freundschaftlich unterhalten habe. Die hallenartige Wohnung ist spärlich, aber anscheinend edel möbliert. Ein Butler führt uns in einen riesigen Raum, in dem einige hochlehnige, gepolsterte, aber offensichtlich nicht zum Sitzen vorgesehene Stühle an der Wand stehen. Ansonsten ist der holzgetäfelte Raum bis auf einen Tisch im hinteren Teil leer. An dem Tisch sitzen der Anwalt, sein Boxer und dessen Trainer. Bevor ich mit irgendeiner Floskel das Gespräch beginnen kann, fixiert mich der Anwalt mit bitterbösem Blick und fragt mit eiskalter, gut trainierter Gerichtsstimme, was ich hier überhaupt zu suchen habe. Ich bin perplex und sprachlos. Nach diesem Eröffnungsschachzug faltet mich der Anwalt nach allen Regeln seiner Kunst zusammen. Angeblich habe ich einmal im Kraftraum eine despektierliche Bemerkung über sein Schwulsein fallen lassen, einer seiner Vertrauten habe ihm dies berichtet. Ich kann mich nicht erinnern, halte es aber für möglich. Nach einem viertelstündigen Plädoyer, in dem mir schneidend das stammelnde Wort abgeschnitten wird, verkündet der Anwalt das Urteil: Missachtung, moralische Ächtung und natürlich kein Interview. Guten Tag. Ralf sitzt schweigend neben mir. Er kennt den Mann gut, hat viel mit ihm zu tun. Aber Ralf steht mir nicht bei, blickt betreten unter sich. Ich versuche, mich zu rechtfertigen. Aber schon nach den ersten Worten unterbricht mich der Anwalt, diesmal betont freundlich. Er freue sich auf das Interview. Mit ihm selbst, wird mir klar, denn der kleine, leichtgewichtige Boxer sitzt demütig am Tisch und beteiligt sich kaum am Gespräch. Er hat nichts zu sagen, der Anwalt führt das Wort, auch der Trainer bleibt stumm. Alles, was ich in den einfachen, verschüchterten Boxer hineingeheimnist habe, war zuviel. Er ist nur die Kreatur des Anwalts. Der schwadroniert nun drauflos. Kenne ich alles aus vergangenen Alkoholnächten in der Berliner Szene. Eigentlich würde der Anwalt lieber mit echten Boxern arbeiten, also Schwergewichtlern. Der Junge hier ist nur der Anfang. Er selbst boxe auch gelegentlich, und es sei ein unvergleichliches Gefühl, wenn man dem Gegner mit einem perfekten Schlag das Nasenbein zertrümmere. Ralf und ich, wir sind die Richtigen. Das wär was. Und es folgt die Litanei, die ich oft genug gehört habe – nur diesmal nicht von einer betrunkenen Kiezgröße, sondern von einem nüchternen Rechtsanwalt, der als seriös gilt und darüberhinaus als Multimillionär. Als habe es die peinliche Szene zu Beginn nicht gegeben, scharwenzelt er um mich herum, macht mir Komplimente. Noch wochenlang wird er mich telefonisch verfolgen, schwärmen, wie toll und souverän ich mich in der »bewussten Angelegenheit« verhalten habe – als ich nur stammelte und keinen einzigen zusammenhängenden Satz formulierte. Das Zuckerbrot ist mir noch unangenehmer als die Peitsche zuvor, ich frage schüchtern nach dem Sparring. Wie gerufen kommt der Butler und führt uns zum Aufzug. Wir sinken hinab in den Keller, in dem der Anwalt ein komplettes Trainingscamp eingerichtet hat. Der Anwalt schnürt mir liebevoll die Handschuhe, und schon geht es los. Der schmächtige Boxer, halb so schwer wie ich, tänzelt, schlägt zu und trifft mich am Körper. Er schwirrt um mich herum wie eine Mücke, seine – sicher nur angedeuteten – Schläge schmerzen aber weniger als Mückenstiche. Ich wage nicht, zuzuschlagen. Das Männlein lag im Koma – auf eine weitere meiner kuriosen Schlagzeilen möchte ich gerne verzichten: »Kugel-Riese schlägt Box-Zwerg ins Koma zurück«. Dennoch gibt mir weder das Sparring mit der Koma-Berühmtheit noch die erstaunliche Begegnung mit dem schwulen Anwalt einen neuen Kugelstoß-Kick. Auch das wunderbare Gefühl, einem Gegner das Nasenbein zu zertrümmern, bleibt mir fremd wie eh und je. Wie damals, als meine Eltern von Gießen nach Wetzlar umzogen und ich als Zwölfjähriger in eine neue Schule kam. Gleich am ersten Tag gab es Schwierigkeiten. Ein großer, kräftiger Junge, dem ich überhaupt nichts getan hatte, warf während der Schulstunde mit Kastanien nach mir. Nach Schulschluss hielt er mich auf dem Pausenhof auf, schubste mir gegen die Brust. Schnell bildeten meine neuen Klassenkameraden einen Kreis um uns. Erst jetzt kapierte ich: Der Junge hatte nichts gegen mich persönlich. Er war der Größte und Stärkste der Klasse, ich war größer als er, also musste ausgekämpft werden, wer der Stärkste ist. Er schlug nach mir, traf mich am Jochbein, es tat weh. Ich schug lustlos zurück, er fiel um. Am Kinn getroffen. Ohnmächtig. Ein lucky punch. Ich bekam einen fürchterlichen Schrecken. Ist er tot? Erst nach ein paar Sekunden rappelte er sich taumelnd auf. Ich atmete auf. Seither habe ich niemals mehr einen Menschen geschlagen, und auf das Gefühl, ein Nasenbein zu zertrümmern, möchte ich auch weiterhin verzichten. Auch andere Bemühungen, die Außergewöhnlichkeit des Kugelstoßerlebens zurückzuzwingen, haben keinen Erfolg. Die lästige Stimme wird immer lauter, das Ignorieren immer schwieriger. Erschwerend kommt hinzu, dass ich bei einem der seltener werdenden Besuche beim »Doc«, eigentlich nur Ralf in Freundschaft zum »Abschmieren« begleitend, wie die Rund-um-Vorsorge-Spritzenkur genannt wird, auf die Frage, ob ich denn keine Beschwerden habe, arglos antworte: »Außer meinem Heuschnupfen keine.« Heuschnupfenbehandlung scheint unter der Würde vom »Doc« zu sein, er ordnet an, dass mir ein Assistent Gammaglobulin spritzen soll. Der Assistent nimmt die Ampulle aus dem Kühlfach, zieht sie auf und jagt sie mir intramuskulär in den glutäus maximus. Im selben Moment spüre ich in meinem Hintern ein vorher bei derartigen Spritzen nie gekanntes Druckgefühl, das bis zum Knie hinunter und zur Wirbelsäule hinauf zieht. Kein schlimmer Schmerz, aber ich ahne sofort: Jetzt ist es aus. Beim nächsten Training bestätigt sich meine Vermutung: Wenn ich zum Auftakt der Angeitbewegung das rechte Knie beuge, das Bein streckend zur Stoßrichtung katapultiere, wieder auf dem rechten Bein lande und nun aus den Oberschenkeln heraus mit dem Ausstoß beginne, scheint zwischen rechtem Knie und rechter Hinterbacke eine Bremse zu greifen. Es ist kein starker Schmerz, ich könnte ihn ignorieren, aber die Bremse greift dennoch. Später bestätigt mir der »Doc«, dass der Assistent, den er im übrigen wegen weiterer ähnlicher Anlässe schon längst hinausgeworfen habe, das Gammaglobulin nicht gekühlt und nicht so tief hätte spritzen dürfen. Die Umgebung meines Ischiasnerves sei dadurch irreparabel geschädigt worden. Es ist zwar eine für praktisch jedermann völlig harmlose Beeinträchtigung, aber ein Kugelstoßer kann mit ihr eben nicht den Körper vom gebeugten rechten Bein abstoßen, wieder auf dem rechten Bein landen und eine explosive Stoßbewegung einleiten. Ich will das endgültige Todesurteil für mein Kugelstoßerleben immer noch nicht kampflos hinnehmen. Das darf doch nicht schon alles gewesen sein! Ich erinnere mich an die Drehstoß-Experimente. Bei der Drehstoßtechnik gleitet man nicht vom rechten Bein wieder auf das rechte, sondern dreht über das linke auf das rechte Bein. Das kann ich noch einigermaßen. Noch fast zwei Jahre lang mühe ich mich mit dieser Technik ab. Aus ihr entwickele ich eine ganz neue Technik, die ich »Schleuder« nenne, eine Vorform der Drehtechnik, bei der ich mich mit dem linken Bein am hinteren Kreisrand abstoße, es über das in Kreismitte verharrende, aber eindrehende rechte Bein hinweg zum vorderen Kreisrand schleudere und aus einer starken Körperverwringung heraus die bei allen Techniken ähnliche Endphase des Ausstoßes einleite. Manchmal stoße ich mit dieser Technik im Training knapp 20 Meter weit und träume davon, als Revolutionär der Kugelstoßtechnik nicht nur Weltrekord zu stoßen, sondern auch Leichtathletik-Geschichte zu schreiben. Im Wettkampf stoße ich mal mit der »Scheuder«, mal mit der Drehtechnik, wenn beides nicht klappt und die Kugel aus unerfindlichen Gründen nur 14 oder 15 Meter weit fliegt, stoße ich mit der Backenbremse und schaffe dann wenigstens noch 17, 18, seltener 19 Meter. Mit der Drehtechnik stoße ich sogar in einem internationalen Wettkampf einmal aus ebenso unerfindlichen Gründen wie bei den 15-Meter-Stößen über 20 Meter, doch ein englischer Funktionär protestiert: Ich soll mit dem linken Fuß den hinteren Kreisrand berührt haben. Ich glaube es nicht, bin mir aber wegen meiner Orientierungslosigkeit in der Drehung nicht sicher. Ganz allmählich erlischt das Feuer. Endlich beende ich die Agonie, beschließe, dass die deutschen Meisterschaften 1981 mein letzter Wettkampf sein werden. Das letzte Krafttraining. Zu Hause im Keller. Allein. Zum letzten Mal lege ich im Bankdrücken 200 Kilogramm auf. Nie mehr in meinem Leben werde ich solch ein Gewicht zu heben versuchen. Beim Gedanken an dieses Bankdrückfinale will ich einen Kloß in der Kehle spüren. Sicher muss ich weinen in dieser schicksalsträchtigen Stunde. In mir werden Symphonien brausen, Beethovens Zehnte wird in mir machtvoll ihre Uraufführung erleben, dann werde ich schluchzend in meinem Kraftraum zusammenbrechen. Noch bin ich stark genug, um die 200 Kilogramm fünfmal schnell und leicht nach oben zu stoßen. Keine Tränen, keine Symphonien. In mir hat es ausgebraust. Zwei Tage später werde ich bei den Deutschen Meisterschaften in gleich guter Form antreten wie alle die Jahre zuvor und nur 17 Meter weit stoßen, sogar ganz ohne Versagensmechanismen. Ich bin leer. Ich würde gerne noch weiter wollen können, aber Wollen kann ich nicht mehr. Nach dem letzten Krafttraining bleibe ich noch eine Weile auf der Hantelbank sitzen. Ich schaue auf die Jahre auf der außergewöhnlichen Spur zurück und auf die Jahre auf der gewöhnlichen Spur voraus. Früher kam mir die Zukunft rabenschwarz vor. Ich stieg in eine scheinbar rosige Kugelstoßer-Zukunft aus und um. In all den Jahren häuften sich zunehmend die schwarzen Stunden. Enttäuschungen, Demütigungen, Selbstzerfleischung, tiefe Resignation, hoffnunglose Hoffnungen, das Anabolika-Dilemma. Es war alles ganz furchtbar, sagt mir die innere Stimme der Vernunft, auf die ich von nun an hören will. Die Zukunft liegt nicht mehr rabenschwarz und angsteinflößend vor mir. Ich komme aus dem Tunnel heraus und blicke angst- und emotionslos in eine graue Zukunft. Aber wenn ich zurückblicke, sehe ich hinten im Tunnel ein rosarotes Leuchten.

ENDE

 

Anhang im April 2005:

Sehr geehrter Herr St., lieber gw, nachdem ich seit vielen Jahren ›schweigend‹ Ihre Kolumne genieße, möchte ich Ihnen nun doch einmal schreiben und hoffe, dass Sie ein wenig Spaß daran haben, da Sie, wie ich zu wissen glaube, Geschichten mögen. Ich (Jahrgang 1961) bin in Wetzlar geboren und aufgewachsen, habe dann beruflich einige Jahre in Gießen gearbeitet und auch gewohnt und seit etlichen Jahren beruflich und wohnortmäßig meinen Lebensmittelpunkt wieder Richtung Wetzlar verlagert. Aus meiner »Gießener Zeit« habe ich jedoch die Angewohnheit beibehalten, zumindest samstags die Gießener Allgemeine zu lesen. Erst vor einiger Zeit stieß ich durch Zufall auf den Anstoß online. Ihre ›Sport-Leben‹-Geschichten haben mich dabei so gefesselt, wie selten ein anderer Lesestoff, und büchermäßig habe ich in meinem Leben wirklich schon einiges bewegt. Grund für mein fast schon atemloses Online-Lesen war sicherlich das Deja-vu-Erlebnis in Ihrem Bericht. Zur Erklärung: Ich bin in Wetzlar an der Landhege aufgewachsen, wo auch heute noch meine Eltern wohnen. Für ein Kind und einen Jugendlichen war natürlich die nähere und weitere Umgebung ein Freigehege, in dem auch der Sportplatz an der Goetheschule für jemand, der im Fußballverein und auch den Rest der Woche dem runden Leder hinterher rannte, eine zentrale Rolle spielte. Große Klasse war dabei das hinter dem Sportplatz in Richtung Hundeabrichtplatz gelegene, etwa 1972 errichtete Handballspielfeld mit rotem Kunststoffbelag und Handballtoren, das sich bei den Straßenfußballern der näheren Umgebung von Frühjahr bis Herbst großer Beliebtheit erfreute und ›große‹ Matches erlebte. Ich erinnere mich noch, wie ich zu den anderen Halbstarken im August 1974 sagte, ab sofort sollten sie mich nur noch mit ›Weltmeister‹ ansprechen. Im Zuge der Erweiterung des Schulzentrums um die beruflichen Schulen Ende der siebziger Jahre wurde der Platz dann leider zunächst mit einer Heißluft-Behelfssporthalle bebaut, bevor dann später der Neubau der Turnhalle für die Theodor-Heuss-Berufsschule errichtet wurde. Einen Bolzplatz von solcher Qualität habe ich seitdem nirgends mehr gesehen. Nun werden Sie schon ahnen, dass sich unsere Wege dort, ohne dass man sich nahe kam, natürlich auch gekreuzt haben. Für einen Jugendlichen war der hünenhafte Athlet, der regelmäßig dort auftauchte, mit einem Besen den Kugelstoßring traktierte, dann allerlei merkwürdige Bewegungen und Übungen absolvierte, gelegentlich wie ein Elefant mit Turbomotor über die Laufbahn rannte, schließlich mit Eisenkugeln um sich schmiss, natürlich etwas geheimnisvoll Exotisches. In einer sportinteressierten Familie wusste der Vater dem Buben natürlich zu berichten, dass es sich um den bekannten und erfolgreichen Kugelstoßer G. S. handelte, über den gelegentlich etwas in der Zeitung stand. Insofern wurde das Auftauchen des Hünen mit bewunderndem Respekt verfolgt, obwohl seine ganze Körpersprache und auch sein Gesichtsausdruck deutlich machten, dass er sein Training ungestört durchzuziehen wünschte und keinesfalls auf Smalltalk irgendwelcher Art Appetit hatte. Insofern wagte man es auch niemals, den Riesen in seiner Konzentration zu stören oder auch nur in Reichweite auslaufender Weitwurfkugeln zu gelangen. Der Vater wusste dann irgendwann von Rangplätzen bei Deutschen Meisterschaften oder von anstehenden oder vergangenen Olympiaqualifikationen zu berichten, was den großen Kugelstoßer in Kinderaugen noch größer machte. Später, so um 1979/80, als ich an der Goetheschule vor dem Abitur stand und mich in der Leichtathletik-AG mit den Sportskanonen auf Kreis- und Bezirksebene (zumeist TV Wetzlar unter Hilmar Schwesig) unterhielt, war da auch ein Kugelstoß-Talent darunter, der als 17-jähriger so um 16 m weit stieß und damit wohl in der hessischen Spitze stand. Mit ihm fachsimpelte ich natürlich auch über G. S. und seine Trainingsmethoden, und er wusste zu berichten (ob das so stimmt, wusste ich damals nicht und weiß es heute natürlich auch nicht), G. S. habe immer nur auf Kraft trainiert und erst jetzt, zum Ende seiner Karriere, habe er die Vorteile der Schnellkraft erkannt und trainiere nun verbissen Sprints, aber das sei nun zu spät. Den kugelstoßenden Mitschüler hatte ich im übrigen als körperlich schweren, aber im Wesen freundlichen und besonnenen Kerl kennen gelernt, was mir diesen Sport und seine Streiter durchaus sympathisch machte. Soweit ich weiß, war seine Laufbahn schon mit 20 wegen diverser Wehwehchen zu Ende, aber ich nehme an, dass er sich seine Freundlichkeit bewahrt hat. Als ich dann etliche Jahre später anfing, in der Gießener Allgemeinen zu lesen und im Impressum irgendwann den für mich lange verschollenen Kugelstoßer von einst wiederfand, war ich, Sie ahnen’s, zunächst doch erstaunt. Der Mensch steckt halt leider voller Vorurteile, und Kraftsport wird halt doch seltener mit feinem Sprachverständnis verbunden. Solcher Art tumbes Urteil war nach vielen ›Anstößen‹ natürlich längst geistiger Verbundenheit gewichen, als ich dann kürzlich die ›Sport Leben‹-Geschichten las, die für mich natürlich manches Detail von größerer Bedeutung enthielten, als dies vielleicht für einen Leser aus Grünberg oder Hungen zutreffend wäre, der Wetzlarer ›Originalschauplätze‹ der sechziger und siebziger Jahre natürlich nicht kennen kann. Die Freude, die Sie Ihren Lesern mit dem Versuch der Nachdenklichkeit über so vieles, was wir Menschen so treiben, geben, bekommt für meine Wahrnehmung eine besondere Bedeutung vor dem Hintergrund Ihrer Lebenserfahrungen im und neben dem Wurfring. Die Lebensgeschichte des Ralf R. ist insofern eine reale Parallel-Parabel, die zeigt, wie es auch hätte laufen können. So, was ich also als Bub auf dem Sportplatz am Wetzlarer Hallenbad nie geschafft habe, nämlich die persönliche Ansprache, ist nun nachgeholt. Ich habe Sie hoffentlich nicht gelangweilt. Der Sportplatz wird übrigens gerade für eine runde halbe Million generalsaniert. Allerdings auch mit einem hohen Zaun umgeben, so dass selbst ein Olympiasieger ohne Schlüssel zum Eingangstor dort keine Trainingseinheit mehr absolvieren könnte. (Manfred S./Schöffengrund)

 

Warum ist dieser Text nie in Buchform erschienen? In einer “Anstoß”-Kolumne habe ich es einmal  erklärt:

Den ersten Teil des Manuskripts hatte ich dem M&M-Verlag angeboten. Ich erhielt begeisterte Reaktionen, man wollte den Text unbedingt veröffentlichen. Eines Oster-Tages rief Helmut Digel, damals DLV-Präsident, an und quatschte mir den Kopf voll. Wie toll das MS sei, wie verdienstvoll von mir usw. usw. Ich solle es unbedingt fertigstellen, und Walter Jens wolle in seiner Jubiläumsrede (100 Jahre DLV) darauf eingehen und daraus zitieren. Nach einer Denkpause stellte ich das MS fertig, jetzt kam nach der Eigen- auch die Verantwortlichkeit von Politik und Verbänden (und, ja, auch  Journalisten) dran. Ich schickte das MS ab, erhielt monatelang keine Antwort, fragte dann nach und bekam ein Formblatt geschickt: “Passt inhaltlich nicht in das Verlagsprogramm” blablabla. Und das, nach dem ich mehrmals aufgefordert worden war, das tolle Manuskript abzuschließen. Ich fragte auch bei Digel in Darmstadt nach, hatte ihn endlich nach mehrmaligem Hinhalten an der Strippe, er tat so, als wüsste er von nichts, wolle sich mal drum kümmern, es klang aber nicht sehr engagiert, zumal nicht,  nachdem er mir langatmig Honig ums Maul geschmiert hatte. Und der Clou: Digel war Herausgeber der Reihe des M&M-Verlages, in dem mein Text erscheinen sollte, er muss ihn also selbst abgelehnt haben. Logik: Wenn Sportler sich bezichtigen, prima, das wird veröffentlicht – wenn Funktionäre und Politik angeklagt werden, wird es unterdrückt. Digel hätte also schon 1999 dafür sorgen können, in Kenntnis meines Textes, dass bekannt wird, dass, wie und in welchem Ausmaß Doping in der Bundesrepublik gefördert und gefordert wurde.

 

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle