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35 – 25 – 15 – 5 (Anstoß vom 26. Februar)

Vor 35, 25, 15 und vor fünf Jahren jeweils im Februar: Kleine Texte in »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides. 35 – 25 – 15 – 5 – Los geht’s.
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Sogar der Bundestag wird sich jetzt mit der »Pleite« von Lake Placid befassen. Wobei nicht viel herauskommen kann, da der Weisheit letzter Schluss hierzulande zu sein pflegt, noch mehr Geld in den Sport hineinzupumpen, den Sportlern noch mehr Alltagsprobleme abzunehmen, noch mehr nach der DDR zu schielen und deren Förderungskonzepte noch getreuer zu übernehmen. Dabei wäre es vielleicht am besten für den Sport, wenn »wir« überhaupt nichts tun würden, sondern die Sportler selbst alle Hindernisse aus dem Weg räumen ließen. Meine Idealvorstellung: Eine sportliche Infrastruktur zu schaffen, die jedem Interessierten die Möglichkeit bietet, ohne große Kosten eine Sportart seiner Wahl zu betreiben. Hallen, Sportplätze, Sportschulen müssten offen, gut ausgebildete Trainer bereit stehen, um demjenigen Anleitung zu geben, der von sich aus Anleitung wünscht. Und wer von dieser Basis aus Interesse, Ehrgeiz oder »Berufung« in sich spürt, seine Leistungsgrenzen im Spitzensport zu erkunden, der sollte dies tun. Aber immer aus eigenem Antrieb und ohne die Mentalität unserer Sporthilfe-Versorgungsempfänger, denen Politiker, Funktionäre, Trainer und Betreuer »Motivation« einhämmern wollen, die innere Einstellung also, die man niemandem einimpfen kann, die aus einem selbst kommen muss und immer noch am besten in freier Wildbahn gedeiht, wie das Beispiel Eric Heiden gezeigt hat. Der hatte in West Allis »die schlechtesten Trainingsbedingungen der Welt«. Aber er trainierte härter als alle anderen, und das machte ihm auch noch Spaß. Unsere Athleten dagegen haben unbestritten die besten Trainingsbedingungen der Welt, trainieren weniger als andere und haben überhaupt keinen Spaß dabei. Womit vieles erklärt ist. (Februar 1980 nach bundesdeutschem Winterolympia-»Debakel«. Heiden gewann alle fünf Goldmedaillen im Eisschnelllauf / der »gw«-Text klang schon damals weltfremd, wirkt heute noch skurriler – aber ist er wirklich nur absurd?)
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Christoph Daum hat zwar viel bewirkt, die Bundesliga interessanter gemacht und mit witzig-sympathischen Sprüchen und Ansichten bereichert, aber ihm rutschen immer wieder mal Sätze raus, für die man Ohrenschützer benötigt. Jüngstes Beispiel: »Ich gebe niemals Fehler zu.« (Februar 1990 / Witzig-sympathische Sprüche? Der ganz frühe Daum genoss noch Sympathien in den »Anstoß«-Kolumnen. / Blick in die Zeit: Auf derselben Zeitungsseite  zu lesen: »Behle Dritter in Reit im Winkl«, »Thoma Skiflug-Weltmeister«, »Gold für Hackl« und »Boris Becker deklassiert Lendl« – das waren Zeiten!)
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Als Mühlegg kürzlich in Garmisch Zipfel begegnete (von dem Bundestrainer fühlt sich der Skilangläufer verhext), sprang er entsetzt über einen Zaun und lief wie von Furien gehetzt davon. Dass Mühlegg zusammen mit seinem Bruder in Grainau das »Landhaus zum Jeremia« gehört, in dem auch »die Gnade« residieren soll, und dass die Mühleggs dort Ferienwohnungen vermieten, ist erstens kein Witz und von uns zweitens keine Förderung des Sektenwahns, denn wir wissen zwar wenig von den »Anstoß«-Lesern, aber wenigstens glauben wir zu wissen, dass niemand von ihnen bzw. Ihnen nun seinen Urlaub umbuchen wird. (Februar 2000, eine fast vergessene Affäre. Später startete Mühlegg für Spanien, gewann 2002 in Salt Lake City drei olympische Goldmedallen und verlor sie wegen Dopings)
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Einer kann derzeit nur von Urlaub träumen: der exschöne Exboxer Rene Weller, der wegen Drogenhandels und Hehlerei im Knast sitzt. Der »Woche« verdanken wir dieses Weller-Gedicht: »Wenn die Sonne scheint, kann man in der Zelle sonnen, aber das ist kein Grund zum Wiederkommen.« (Februar 2000 / Zugabe aus dem Box-Milieu: Im selben Monat begann auch unsere Zusammenarbeit mit Henni Nachtsheim; wir stellten unseren zukünftigen »Mitarbeiter« auf einer Sonderseite vor. Dort erzählte er von einer Begegnung mit dem Boxmanager Ebby Thust anlässlich der Premiere eines »Badesalz«-Films:) »Der war bei unserer Filmpremiere, kam später zu mir und fragte: ›Hey, erklär mir mal, wie du da im Fahrstuhl in de Koffer geschisse hast, wo habt ihr des hingetan?‹ Ich sage: ›Verrat’ ich dir net.‹ Und dann kam das schöne Zitat von Ebby Thust, weil ich ihm die Antwort verweigert hatte und auch keine Lust hatte, mich ihm zu widmen: ›Weißt du was: Du bist der schönste Arsch, der wo geleckt wer’n will.‹ Was immer er damit gemeint hat, es hat mich schwer beeindruckt.« (Februar 2000)
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Die Sache stinkt. Mindestens hundert Olf! Das Wort für die Einheit der Geruchsstärke kommt, wie mein alter Freund Brockhaus (Jahrgang 55) weiß, aus dem Lateinischen (»nervus olfactorius« – Riechnerv). Ein Olf, das ist der Geruch, der von einem Menschen ausgeht, der am Tag 0,7 Duschbäder nimmt (wie immer dieser Normmensch das auch anstellen mag). Ein zwölfjähriges Kind muffelt zwei Olf aus, ein starker Raucher eklige 25, und ein Fußballer bringt’s nach dem Spiel auf schweißtreibend ehrliche 30 Olf. Wenn die Eintracht morgen gewinnen will, muss sie gegen Klopps 30-Olf-BVB mindestens mit 40 Olf kontern. Vielleicht macht dann ja auch Caio den Unterschied – seinen Olf-Wert hat er dem Vernehmen nach bereits gesteigert, von 0,7 auf den Wert des Zwölfjährigen. Wenn er noch eine Schippe Schweiß draufpackt, schafft er 25 Olf und kann endlich die Tore schießen, die manche Toren ihm schon als Olf-Dreiviertelduscher zugetraut hatten. Na, dann riecht mal schön! (Februar 2010) (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle