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Sonntag, 22. Februar, 6.15 Uhr

Früh heute. Muss mich beeilen. Will rechtzeitig zum Faschingsumzug. In Patras. Das ist der größte in Griechenland. Morgen feiern sie dort Rosenmontag. Wirklich wahr. Hat was mit dem Gregorianischen Kalender zu tun, glaube ich.

Wirklich wahr aber ist nicht, dass ich dorthin will. Nein, ich will schon, komme aber seit Jahren nicht mehr dazu. Heute muss ich mich aus anderem Grund beeilen. Ist aber nicht so wichtig. Für Sie.

So. Habe zwischendurch mal schnell ins gw-Archiv geschaut, wg. Karneval in Griechenland. Mir ahnt es dumpf, schon mal über den Umzug geschrieben zu haben, der mit schrillen Bräuchen verbunden ist. Finde aber nichts. Bin aber auf eine meiner Kolumnen von 2010 gestoßen, damals im “Klappentext” der Bücherseite (ach ja, die war ja auch mal mein Baby!):

Bei einer der letzten Wahlen zum »Diagram Prize«, der dem seltsamsten Buchtitel des Jahres verliehen wird, hatten »Höhepunkte in der Geschichte des Betons«, »Oraler Sadismus und die vegetarische Persönlichkeit« und auch der wertvolle Ratgeber »Wie man riesigen Schiffen ausweicht« keine Chance, selbst die wichtige Studie »Menschen, die nicht wissen, dass sie tot sind« belegte nur Platz zwei hinter dem Siegertitel »Griechische Landpostboten und ihre Entwertungsnummern«.

Zu schön. Weil vor allem: wahr. Ach, dieser blöde Doppelpunkt! Mein größter Kritiker, der Bub, hat am Freitag den “Sport-Stammtisch”: korrekturgelesen, ihn gnädig abgenickt, sich aber nicht verkniffen, mich mit dem Doppelpunkt: zu veralbern. Weil: Vor einiger Zeit habe ich ihn als modischen Stilschnickschnack verhöhnt, jetzt aber selbst verschwenderisch in die Kolumne: gestreut.

Griechenland. Seit Wochen und Monaten schon reiße ich mich schwer am: Riemen … nee, schluss mit dem Quatsch … reiße ich mich schwer am Riemen, weil es mich einerseits drängt, über meine seelische Wahlheimat zu schreiben, andererseits das aber zu Missverständnissen führen könnte, da die unvermeidliche Selbstironie als bösartige deutsche Häme rüberkommen könnte. Denn wer weiß schon, dass ich über mich selbst herziehen würde? Schon als ich 1986 zum ersten Mal griechischen Boden betrat (auf dem Flughafen von Rhodos), fühlte ich: Hier bin ich richtig. Ein Jahr später, auf Naxos, das Schlüsselerlebnis dazu: Mitten in Naxos-Stadt hielt jemand Hühner im eingezäunten Hof. An einer Stelle war ein großes Loch im Zaun. Ein großer Fetzen Karton verschloss das Loch. Vielleicht nicht ganz die Lösung, die ein deutscher Heimwerker in Erwägung ziehen würde, aber ich dachte, siehste, so geht es auch, auf meine Art eben, zwar nicht kompatibel mit handwerklichem Können und Perfektionismus, aber seinen Zweck erfüllend. Auch ich habe in Haus und Garten schon oft solche eigenen Ideen verwirklichen wollen, auch kurzzeitig verwirklicht, meist sehr kurzzeitig, denn alsbald folgte der Einspruch von Seiten der allerallerliebsten Zielgruppe. Abrissverfügung!

Siehste! Selbst nach dem Hinweis auf folgende Selbstironie könnte man das jetzt als böswillige Verarschung auffassen, aber es stimmt wirklich, und wenn ich jemanden verarsche, dann mich selbst.

Apropos Verarschung: Natürlich wollen uns die Griechen auch ein bisschen beduppen mit ihrer Verhandlungsstrategie. Natürlich wollen sie weiterhin, wie ja schon vor dem Euro, von “Europa” (in Griechenland sinnigerweise ein Synonym für “Ausland”, “Fremde”) viel Geld für wenig bis gar keine Gegenleistung, ich habe auf meinen Reisen viele Beispiele buchstäblich verbuddelter EU-Millionen gesehen. Darauf darf man natürlich (in diesen Blog streue ich, merke ich gerade, ungefähr so viele “natürlich” ein wie Doppelpunkte in den “Sport-Stammtisch”) nicht hereinfallen. Aber die deutsche Gegenreaktion der öffentlichen Maßregelung, der hemmungs- und einfühlsams- und respektlosen Art, dass an deutschem Wesen Griechenland gefälligst zu genesen habe, ist so ziemlich genau das Schlimmste und auch Dümmste, was man im Umgang mit uns Griechen tun kann. Stolze Griechen kriechen nicht vor Herrenmenschen.

Noch etwas in eigener Sache: Erinnern Sie sich, liebe Ältere, an meine Serie “Von Olympia nach Athen”, die zwischen 2001 und 2004 im Blatt lief? Damals besuchte ich auch Lothar P. aus Gießen, der eine Griechin geheiratet und Karriere bei einer Bank in Athen gemacht hat. Ein deutscher Top-Bankmanager in Griechenland, aus unserem Mittelhessen! Ein Geschenk des Himmels für jeden fixen Journalisten in Zeiten der Griechen-Krise. Ich hätte Lothar, den ich aus frühen Sportlertagen kannte, schon längst wieder kontaktieren und tolle Geschichten mit Expertisen aus erster Hand schreiben sollen.  Aber bin ich ein fixer Journalist? Oder ein fauler … eben!

Gleich kommen Kaffee, Kuchen und Knicks. Von der allerallerliebsten Zielgruppe, die damals, auf Rhodos, auf dem Flughafen, lächelnd gesagt hatte: Hast du auch was ins Auge gekriegt? – Klar doch! Woher soll denn sonst das Tränchen kommen!?

 

Baumhausbeichte - Novelle