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Montagsthemen (vom 23. Februar)

»Trainerwechsel macht sich bezahlt« (»FAS«), heißt es jetzt wieder, weil Mainz gegen Frankfurt gewinnt. Gewänne Frankfurt, müsste die Schlagzeile nur um ein »nicht« ergänzt werden. Das übliche Spielchen, gespielt nur, weil’s so einfach ist. Ich halte jede Wette, dass die Schlagzeile »Zeugwartwechsel macht sich bezahlt« eine ähnliche statistische Relevanz hätte. Aber Zeugwarte sind viel langlebiger als Trainer, und das ist auch Wowi so.
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Wowi wer? So schnell vergeht der Ruhm der Berliner Welt. Aber zurück vom Bürger- zum Trainermeisterwechsel. Hat sich der Wechsel von Veh zu Stevens bezahlt gemacht? Wird sich der Wechsel von Stevens zu Wemauchimmer bezahlt machen? Fragen über Fragen, die Antwort lautet immer … Zeugwart.
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Das Stuttgarter Fiasko trägt nicht den Namen Stevens, sondern Stevens ist nur ein Symptom von vielen für das latente VfB-Fiasko, das immer wieder mal akut ausbricht. Mich schüttelt es stets, wenn bärbeißige Altvordere ihre Grasfresserphrasen dreschen, Fünf-Uhr-Morgens-Straftraining ansetzen und in Zeiten, in denen der Fußball gerade neu erfunden wird, knurren, dass der Fußball nicht neu erfunden werden könne. Vorletztes Symptom vor dem Aus ist der scheinbar demütige Hinweis, »ein Trainer« zu sein, »ein Mensch und nicht der Messias« (Stevens). Allmächtiger! Dabei fühlen sie sich so, bis der finale Spruch kommt: »Ich kann die Tore ja nicht selbst schießen.« Und dann ist Schluss.
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Näher an das Stuttgarter Elend kam jener Wahnsinnige, der auf den Platz stürmte, aber dann nicht mehr weiter wusste und Schwätzchen mit Spielern hielt, weil keine Ordner ihn jagten, schnappten und abführten, wie es der Brauch zu sein hat. Schließlich trollte er sich unbehelligt und schwer beleidigt. Wahrscheinlich hatten die Ordner sofort erkannt, dass der Typ auf dem Platz genauso harmlos war wie dort der VfB.
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Hat sich schon jemals eine Mannschaft derart oft und herrlich ins Abseits kombiniert wie der fast wieder in bester Spielfreude herumhetzende (und hinten ebenfalls altbekannt wacklige) BVB in Stuttgart? Das muss in Turin aber besser werden! Beides. Und zum Dritten auch der grundlegende Unterschied zu den Bayern, der sich in einem Wort ausdrücken lässt: Paderborn. Dort führten beide zur Halbzeit mit 2:0. Bayern gewann 6:0, Dortmund spielte 2:2.
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So, die Aussagekraft der Trainerwechsel-Statistik hätten wir abgehakt. Aber es gibt auch relevante Fußballstatistiken, nicht nur diese simplen à la Paß- und Zweikampfquote oder Laufleistungs-Kilometerzählerei. Zum Beispiel diese, die verblüfft, obwohl sie auf der Hand bzw. auf dem Platz liegt und wir sie Woche für Woche fortgesetzt sehen: Seit 275 Spielen in Serie sind die Bundesligaspiele der Münchner Bayern ausverkauft, zuletzt kamen vor acht Jahren »nur« 60 000 ins Olympiastadion, an einem Dienstagabend bei nasskaltem Sauwetter gegen den VfL Bochum. Dienstag, Sauwetter, Bochum, 60 000! Auswärts wäre die Hütte wieder rappelvoll gewesen. Die Bayern-Hasser müssten ihnen eigentlich auf Knien danken … aber so funktioniert der Mensch nicht. Weder der frankfurterische noch der athenische. Aber das ist ein anderes Thema.
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Und wieder rast die Zeit davon, die in Zeilen zu zählende. Streich-»Montagsthemen« daher: Die Sympathie für das Skispringen der Frauen und insbesondere für Carina Vogt, dieses rundum angenehme Sportmädel. Auch ein paar Zynismen zu einem eitlen, abgehalfterten Expräsidenten spare ich mir, der seinen Nachfolger abschießen will und dabei auch einem sinistren Oberpräsidenten als williger Wahlhelfer dient. Sogar für die Leichtathletik habe ich hier keinen Platz mehr, daher darf ich nicht einmal auf die ARD schimpfen, auf deren Videotext ich am Samstag lange vergeblich nach auch nur einem einzigen Wort zur Hallen-DM gesucht habe. Selbst die auf den ersten Blick gute Idee, zur Attraktivierung der Leichtathletik, speziell des Zehnkampfs, den 1500-m-Lauf als Verfolgungsrennen zu starten, kann ich nicht mehr gebührend würdigen (nur so viel: Verschieben sich dann Gewichtung und Aufmerksamkeit nicht zu sehr auf die ungeliebten 1500 Meter, diese für Zehnkämpfer mörderische Langstrecke?). Mir bleibt daher, das Zeilenende naht, nur noch die Klage: Es ist viel zu kalt in Deutschland!
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Mir geht es da wie Ciro Immobile. Der zielt aber nicht auf die Meteorologie ab, sondern auf die Mentalität. Auf unsere! Auf meine! Auf Ihre! Und schon schimpfen wir heißblütig auf diesen undankbaren Italiener, der … ja, was tut der eigentlich? Uns das warme, selbst gestrickte Mäntelchen runterreißen? Hallt unser empörter Aufschrei nicht dumpf in uns zurück, gesungen von »Rammstein«: “… und merke bald, ich bin schon lange kalt«? Aber das ist eventuell ebenfalls ein ganz anderes Thema und hat … Sie wissen schon. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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