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Sport-Stammtisch (vom 21. Februar)

Pep Guardiola und die Bayern, das ist immer noch ein fußballwissenschaftliches Experiment mit ungewissem Ausgang. Forschungsziel: Das Potenzial einer außergewöhnlich erfolgreichen Mannschaft, die soeben das Triple gewonnen hat, soll durch einen außergewöhnlich erfolgreichen Trainer noch erhöht werden. Verdoppelt gar, wenn man die überschwänglichen Lobeshymnen zum Amtsantritt des Spaniers nachliest. 1 + 1 = 2? Na ja, im Fußball genügte schon ein 1,5, und die Münchner Bayern wären vollends nicht mehr von dieser Welt.
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Der Weg ins Außerirdische ist das Ziel, das die Guardiola-Bayern schon einige Male gestreift haben, zuletzt beim 8:0 gegen den HSV. Aber so lange zwischendurch in Knackpunkt-Spielen irdischer Fußball (in der Ukraine) oder gar unterirdischer (0:4 gegen Real) eingestreut wird, bleibt das ersehnte Ende offen, und das kann nur die Wiederholung des Heynckes-Erfolges sein, im Idealfall mit noch besseren Mitteln.
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Was das Experiment mit außergewöhnlicher Mannschaft und außerwöhnlichem Trainer erst so richtig außergewöhnlich macht: Zu Guardiolas Testbedingungen gehört die selbstgesetzte Auflage, eine auf hohem Niveau funktionierende Mannschaft nicht durch leichte Modifikationen noch weiter zu verbessern, sondern radikal umfunktioniert nach seinem eigenen Fußball-Ebenbild zu formen. Motto: Nicht der Trainer muss kompatibel mit der Mannschaft sein, sondern die Mannschaft mit dem Trainer.
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Bisher waren die Trainer Geschöpfe des FC Bayern. Jetzt soll der FC Bayern ein Geschöpf des Trainers werden. Das kann gut gehen, und wenn es gut geht, wird es unglaublich gut gehen.
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Es gab aber schon einmal einen Trainer, der mit ähnlicher Dickkopf-Strategie zuerst von Fans und Presse ähnlich enthusiastisch gefeiert wurde und später krachend scheiterte: Jupp Heynckes. Nicht der gereifte, geläuterte Heynckes. Der junge Heynckes. In Frankfurt. Aber das ist ein anderes Thema.
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Der zweite deutsche Championsligist der Woche kämpft mit einem ganz anderen Problem, dem Selbstbewusstsein. Dass dies kein Synonym für Selbstvertrauen ist, wird am Beispiel Schalke besonders deutlich, das gegen Real in dem (Selbst-)Bewusstsein auftrat, kein Selbstvertrauen zu haben. Und so feiern sie eine 0:2-Heimniederlage gegen einen blasiert seinen Stiefel runterspielenden Gegner wie einen stolzen Sieg. Mensch, Schalker, ihr seid keine DFB-Pokalzwerge, ihr seid doch … Schalke! Aber immerhin: Jungs wie Timon Wellenreuther und Felix Platte zeigten schon jenes unzagige Selbstvertrauen, das in Mannschaftsstärke auch gegen Real Madrid siegen könnte.
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Wie der freche Platte den Ball volley (leider nur) an die Querlatte hämmerte! Was Selbstvertrauen bewirken kann, bewies auf der Gegenseite ein damit aufgepumpter Marcello, als er den Ball ebenso fulminant (leider) ins Eck zimmerte: Derselbe Marcello, der beim kollektiven brasilianischen Nervenzusammenbruch ein besonders elendes Häufchen Elend war, wäre beim 1:7 noch über die eigenen Füße gestolpert, hätte er ähnliches gewagt.
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Noch einmal zum Simpelrechnen: 1 + 1 = 2, das war nach der Wende auch die gesamtdeutsche Sporterwartung. Dass beim Addieren von kapitalistischen und sozialistischen Medaillen in dieser plumpen Rechnung 1 + 1 aber nicht 2, sondern nur 0,5 ist, sein muss und dass dies auch gut so ist, will in manchen deutschen Kopf einfach nicht hinein. Aber auch das ist ein anderes Thema.
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Hat etwas mit Lance Armstrong zu tun. Der hatte als Tour-Dominator ein Selbstbewusstsein, das ganz alleine Real Madrid vom Platz fegen würde. Nun aber verwandelt sich der Furchtbare in einen Furchtsamen, der nicht nur einen »Freund« nach dem anderen verliert (ohne Anführungszeichen hatte er wohl keine), sondern auch eine Million nach der anderen, stücker zehn davon alleine in dieser Woche. Klar, man tritt nicht auf einen, der am Boden liegt. Auch ein Armstrong hat Mitgefühl verdient. Ich sollte also Mitleid zeigen. Also … NEIN!!!
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Schließlich noch zu einem Verbot, das schon vor dem Erlass wieder einkassiert wurde: Die DFL wollte ihren Bundesligaprofis das Fasten untersagen, und zwar, wie es im Vertragsentwurf hieß, »zur Sicherung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit«. Die Klausel wurde gestrichen, auch in dem Bewusstsein, dass sie keinem weltlichen Gericht (dem bei uns einzig gültigen) stand hielte. Der Vorstoß zielte natürlich auf den Ramadan, in dem gläubige Muslime von Sonnenauf- bis -untergang nicht essen, trinken (und sich sexuell betätigen!) dürfen. Ganz schön hart. Trotz des Umkehrschlusses: Nach Sonnenuntergang geht’s rund!
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Aber es geht ja nicht nur um den Ramadan. Die 40-tägige christliche Fastenzeit hat begonnen. Für Gläubige als Vorbereitung auf Ostern, für weltlichere Gesellen als Vorbereitung auf den meist schrecklichen Moment, wenn sich die aktuelle Taillenweite als nicht kompatibel mit der letztjährigen Bundweite der Sommerhosen erweist. Also ran an den – ach, zugegeben: an meinen – Fünf-Kilo-Winterring! Auch wenn es bzw. er schwer fällt. Oder sollte ich lieber … zur Sicherung meiner Leistungsfähigkeit … eigentlich hatte die DFL ja recht. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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