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Sonntag, 15. Februar, 6.25 Uhr

Meldung der Nacht: In Kopenhagen hat die Polizei einen Mann erschossen, in der Nähe der Tatorte, wo zuvor zwei Menschen erschossen worden sind. Der Täter? Noch unklar, Stand 6.29 Uhr. Terroristischer Hintergrund? Ebenfalls noch unklar, aber wahrscheinlich. Haben Karikaturen etwas damit zu tun? Dito.

Ich schaue auf den Stapel Notizen und Zeitungsausschnitte, die ich gestern abend als erste Auswahl für die “Montagsthemen” neben den Laptop gelegt habe. Obenauf eine Karikatur. Wolfgang Schäuble, in Wehrmachtsuniform (nehme ich an, bin da kein Fachmann), mit einer griechischen Überschrift und zwei griechischen Sprechblasen. Ich war an der Karikatur wegen des Griechischen hängen geblieben, wollte übersetzen, hatte aber keine Chance. Außer Wortfetzen wie “sto”, apo to”, “tyz” und “sas” verstand ich gar nichts. Aber die “FAZ” liefert Erklärung und Übersetzung:

Griechischer Humor: Diese Schäuble-Karikatur findet sich in der Syriza-Parteizeitung. Der Text lautet übersetzt. “Die Verhandlung hat begonnen: Wir bestehen darauf, Seife aus eurem Fett zu machen … wir diskutieren nur über Düngemittel aus eurer Asche.”

Darf Karikatur alles? Ist das von der Meinungsfreiheit gedeckt? Von der griechischen ja, von der deutschen nein. Immerhin erschießen wir den griechischen Karikaturisten nicht. Stünde die Karikatur aber als Meinungsäußerung in einer deutschen linken oder rechten Parteizeitung, käme zumindest der Staatsanwalt und es gäbe einen riesigen Skandal.

Ebenfalls auf dem Stapel: Ein Interview mit Gerhard Polt im neuen “Spiegel”. Anlass: Sein neues Stück “Ekzem Homo”. Untergrund des Interviews: Warum Polt in diesen politisch und religiös bewegten Zeiten sich nicht um die Weltgeschichte, sondern um den Nachbarn kümmert. Einige angestrichene Zitate:

Der Mensch ist dem Mensch ein Nachbar. Das ist schlimm genug. / Es ist doch die Nähe, die der Mensch nicht aushält. In unserem Stück sagt der Nachbar: “Ich brauche keine Religion, um jemanden umzubringen.” Da hat er recht / Spiegel. Sind Sie Charlie? – Polt: “Nein. Ich bin nicht Charlie.” – Spiegel: Warum nicht? – Polt: “Dieses ‘Solidarisiert euch’, das ist nicht meine Vorgehensweise.’”

Und da steht auch noch ein Musterbeispiel für die Sprachlosigkeit und das Unerklärbare zwischen den Menschen und ihrer unvereinbaren Auffassung bzw. Nicht-Auffassung von Scherz, Satire, Humor, Ironie und tieferer Bedeutung. Vor allem (Selbst-)Ironie bleibt für viele – auch intelligente, gebildete, manchmal sogar sympathische – Menschen eine nie zu verstehende Fremdsprache.

Spiegel: Heute klingt das Wort Kabarett altbacken, nach alter Bundesrepublik, nach SPD-Lehren, nach politischer Korrektheit. Was mochten Sie daran? – Polt: “Sehen Sie, ich hatte einen Nachbarn, der hatte mich beim Hildebrandt im ‘Scheibenwischer’ gesehen, als ich dort einen gespielt habe, der die ‘Nationalzeitung’ verkauft und dazu sagt: ‘Man muss doch die Sachen  einmal aus der Sicht der SS sehen und nicht immer aus der der Juden. Die waren doch auch dabei.’ Nach der Sendung komme ich heim, und mein Nachbar steht da: ‘Großartig, Polt, dass du das sagen darfst. Und noch dazu bei dieser roten Sau Hildebrandt. Das rechne ich dir hoch an.’” (…)

Spiegel: Sie haben ihn nicht auf die Ironie hingewiesen? – Polt: “Im Gegenteil. Ich habe gesagt. ‘Dann möchte ich jetzt ein Bier.’ Und dann hat er ein Bier geholt.” (…) Der gleiche Nachbar hat mir erzählt. ‘Es gab gar kein Auschwitz. Das ist alles in Hollywood gedreht.’ Da lasse ich mich nicht auf Diskussionen ein. Da sage ich:’Und wie geht es sonst?’”

Und wie krieg ich so was in den “Montagsthemen” unter? Wahrscheinlich überhaupt nicht. Vielleicht demnächst mal in “Beste Reste”, der “Ohne weitere Worte”-Langversion.

Zwei Nebenaspekte des Interviews: Trotz erkennbarer Bemühungen lagen die Interviewer nicht auf der Wellenlänge des Interviewten, jedenfalls nach meiner Empfindung. Und eine Selbsterkenntnis: Dass in mir ein kleiner Korinthenkacker haust, merke ich auch daran, dass ich beim Lesen an einer Stelle murmelte: “Das muss ‘der selbe Nachbar’ heißen, Herr Polt, nicht ‘der gleiche.’” Dass mir bewusst ist, nicht einmal zu wissen, ob es “derselbe” oder “der selbe” geschrieben wird (so was muss ich immer nachgucken, außer im Blog, da gönne ich mir Narrenschreibfreiheit), das hilft mir dann aber auch, den kleinen Korinthenkacker im Zaum zu halten. “Im Zaum”? “Im Zaun”? “In Zaum”? Ach ja.

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle