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Montagsthemen (vom 16. Februar)

Man stelle sich bloß vor, ein Spiel der Münchner Bayern gegen Borussia Dortmund endete nach ähnlichem Spielverlauf mit dem gleichen 4:5 wie in Leverkusen das Duell Bayer gegen VW – das ginge als epochales Ereignis in die Bundesliga-Geschichte ein. Das Stellvertreter-Duell der Konzerne dagegen sorgt nur für kurzfristiges Event-Aufsehen und wird morgen als statistische Randnotiz im Archiv abgelegt.
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Zwischenanmerkung: Da die Montagsthemen oft eine Fortsetzung des Sport-Stammtischs mit anderer Überschrift sind, bitte ich Leser, die ihn verpasst oder ein kurzes Gedächtnis wie ich haben, in ihrem Zeitungsständer oder im Internet nachzuschauen, was am Samstag über einen Fisch und einen chinesischen Konzern namens Wanda, Kirch-Pleite, Infront und die Quadratur des Kreises zu lesen war.
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Weiter geht’s. In der Bundesliga führt ein unabhängiger Groß-Krösus mit acht Punkten vor einem totalabhängigen Schein-Krösus, der wiederum acht Punkte vor einem dichten Feld liegt, das nahtlos in eine Abstiegszone übergeht. Damit nicht die ganze Liga im internationalen Vergleich ähnlich hinterher hinkt (Bayern England vor VfL Spanien, dahinter Spielvereinigung Deutschland), mahnt deren Aufsichtsrat DFL eindringlich einen Fernsehvertrag nach dem aktuellen Vorbild der Premier League an. Denn die kassiert fast das Vierfache der Bundesliga: Sieben Milliarden in drei statt 2,5 in vier Jahren.
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Diese Milchmädchenrechnung ist natürlich ohne die mehr als Geld werte Attraktivität der Bundesliga, ihre Infrastruktur und ihren Zuschauerboom gemacht, von denen man im maroden englischen Fußball-Ambiente nur träumen kann. Vor allem aber auch ohne das alte »Anstoß«-Mantra von der schon bei Kirch gescheiterten Quadratur des Kreises, »der Refinanzierung nicht refinanzierbarer Investitionen«, was jetzt von der »taz« fast wortgleich bekräftigt wird: »Refinanzierbar sind die Ausgaben der englischen TV-Giganten sowieso nicht«. Danke für die Bestätigung.
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Um es dennoch zu versuchen, schlägt die DFL eine Aufsplitterung des Spieltags vor, um mehr Partien exklusiv übertragen zu können. Wie bitte? Gibt es nicht schon den in Tagen drei- und Anstoßzeiten fünfgeteilten Spieltag? Macht ein Montagsspiel den Kohl der Bundesliga signifikant fetter? Wenn schon, denn schon: Wenn die Fußball-Bundesliga in der Woche mehr Anstoßzeiten benötigt, als ein Spiel”tag” Spiele hergibt, müssen eben auch diese noch gesplittet werden – wozu gibt es denn erste und zweite Halbzeiten? Gebot der Stunde: Verlängerung der Pause von einer popeligen Viertelstunde auf 24 Stunden (plus minus x), mit all dem Live-Brimborium zuvor und danach. Fantastillionastisch!
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Und nun, liebe Kinder, gebt fein acht: Es war einmal, vor vielen, vielen Jahren, da wurden alle, ja, alle!, Bundesligaspiele samstags um 15.30 Uhr angepfiffen, und der liebe Onkel Huberty, eine alte Plaudertasche, kommentierte, analysierte und hinterfragte einen erfolgreichen Torschuss in allerhöchster Unaufgeregtheit mit einem einzigen Wort: Tor. Hörbar ohne Ausrufezeichen. Dagegen klingt die Bahnhofsdurchsage »Der Zug hat Einfahrt auf Gleis 3« wie langgego-o-o-o-o-l-t hingejauchzt von einem südamerikanischen Kommentator auf Speed.
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Natürlich sollten auch wir ewiggestrigen Fußballromantiker mit der Zeit gehen. Und da unser gutes, altes Waldstadion schon seit zehn Jahren den Namen eines Großsponsors trägt, was heutzutage von uralter Tradition zeugt, verabschiede ich mich von meinem trotzigen Festhalten am Waldstadion und halte mich fortan an den korrekten Namen: Commerzstadion.
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Schwacher Witz? Ich weiß. Doch ist »der beste Witz der Welt« tatsächlich besser? Diesen hier hat die Wissenschaft forschungsbierernst als Nummer 1 im Welt-Witz-Ranking ermittelt: Zwei Jäger gehen auf die Jagd. Plötzlich bricht der eine zusammen. Der andere ruft den Notarzt an: »Ich glaube, mein Freund ist tot.« Der Arzt: »Ist er wirklich tot?« Kurze Pause, dann ein Schuss. »Okay, erledigt. Was jetzt?« – Ein dreifach kräftiges Helau!, He-lau, Hel…au.
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Na ja. Es gibt aber auch andere Witz-Rankings. In meinem Archiv lauert ebenfalls eine Nummer 1, gekürt um die Jahrtausendwende von Lach-Forscher Professor William Fry (nicht lachen! Den gab’s wirklich!), der glaubte, den ultimativen Witz gefunden zu haben, über den jeder lacht: Zwei Männer unterhalten sich. Sagt der eine: »Manchmal frage ich mich, was schlimmer ist: Ignoranz oder Apathie.« Sagt der andere: »Das weiß ich nicht, und es interessiert mich auch nicht.«
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Humor ist nun mal Glücks- und Ansichtssache. Und damit zu meinem Nummer-1-Film »Ein Fisch namens Wanda« (gleichauf mit »Manche mögen’s heiß«) und zu Kevin Kline, der sich, als Macho-Parodie Otto unter der eigenen Achsel riechend, zu großen sexuellen Taten berauscht. Als ich die Szene vor ein paar Tagen wieder einmal sah, wusste ich, was ich als Cristiano Rolando beim nächsten Freistoß täte, falls ich nach dieser Seelenwanderung noch zur Selbstironie fähig wäre: Statt mich albern ernsthaft vor dem Schuss breitbeinig wie John Wayne vor dem Duell hinzustellen, würde ich wie Kevin Kline den Arm hochreißen, unter der eigenen Achsel schnüffeln und dann … Narhallamarsch!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle