Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 14. Februar)

Unter den Nachrichten der Woche gab es eine, die es unverdient nicht in die großen Schlagzeilen geschafft hat: Ein Fisch namens Wanda – Gattung: chinesischer Hai – kauft den Sportrechtevermarkter Infront. Und schon läuft die Erinnerungsmaschine an: Als Medien-Milliardär Leo Kirch in den späten Neunzigerjahren Fußball-Rechte für Fantastillionen kaufte, war ich »gespannt auf die verzweifelten Bemühungen zur Quadratur des Kreises: der Refinanzierung nicht refinanzierbarer Investitionen« (»Anstoß«/18. 2. 1997). Es kam, wie es kommen musste: Kirch ging pleite, fünf Jahre später verkauften die Insolvenzmanager die diversen Senderechte der Kirch-Gruppe an Investoren, die eigens dafür Infront gründeten.
*
Zwei Jahre später: Die Insolvenzmanager hatten versichert, keine der Kirch-Firmen sei überschuldet und zahlungsunfähig. Infront aber klagte auf Schadenersatz, da das »und« als »oder« zu verstehen sei und eine der gekauften Firmen zwar nicht zahlungsunfähig, aber überschuldet gewesen sei. Mit dem Unterschied von und und oder oder oder und und beschäftigten sich sogar die Gerichte. Aber das nur am Rande, für Wortfeinschmecker.
*
Ebenfalls für Feinschmecker: Hinter Infront stand als Gründungs-Investor jener Robert Louis-Dreyfus, der Uli Hoeneß ein paar Milliönchen zum Verzocken geschenkt haben soll, vor Infront stand und steht als Galionsfigur ein »Executive Director« namens Günter Netzer, und Philippe Blatter, ein Neffe des Fifa-Präsidenten, ist Präsident und CEO von Infront, das 2008 wegen obskurer Deals mit der Fifa ins Gerede kam. Alles hängt mit allem und alle mit allen zusammen.
*
Und die Quadratur des Kreises? Sie ist dann  doch gelungen. Weil es die Öffentlich-Rechtlichen gibt. Sie gewährleisten den Rechteverkäufern eine ständige Ausfallbürgschaft: Wenn auf dem freien Markt kein Mondpreis mehr zu erzielen ist, übernehmen ARD/ZDF in immer noch lunarer Dimension. Das weiß auch Wanda und schnappt zu. Und wer bezahlt das alles? »After all it was you and me«, wusste schon Mick Jagger (»Who killed the Kennedys?«) in »Sympathy for the Devil«. Es gibt eben nur »Haie und kleine Fische« (sehr viel Ältere erinnern sich an Roman und Film von 1954), und die kleinen Fische, das sind nun mal after all you and me.
*
Weiter mit dem großen Geld: Die »50 + 1«-Regel soll verhindern, dass Fußball-Bundesligisten von Großinvestoren übernommen werden. Für Hoffenheims Milliardär Dietmar Hopp wird nun eine Ausnahme gemacht, weitere werden folgen. Denn die alte 50+1-Regel schert Investoren, Sponsoren und Mäzene über einen Kamm, obwohl sie keine Synonyma sind. Hopp ist ein echter Mäzen, und der wahre Sport verhält sich zur Ware Sport wie der Mäzen zum Sponsor. Mehr Mäzene braucht das Land!
*
Und nun zu etwas völlig anderem, und damit bringen wir »Monty Python«, Kevin de Bruyne, Cristiano Ronaldo und Robert Huth unter einen Hut. Huth hatte, wie hier schon erwähnt, am Online-Doofiespiel »Cock or no Cock« teilgenommen (Erklärungen erspare ich mir und Ihnen). Strafe im empörten England: 20 000 Euro und zwei Spiele Sperre. Fußball- und nicht Cock-Spiele, wohlgemerkt. Cristiano Ronaldo feierte nach der 0:4-Schlappe gegen Atletico dennoch seine Geburtstagsparty, was ihm Spanien sehr, sehr übel nimmt. Und Kevin de Bruyne muss in Deutschland 20 000 Euro zahlen, weil er einem Balljungen, der nicht schnell genug die Kugel rausrückte, ein englisch-globales »Motherfucker« an den Kopf warf. Selbstgerecht moralisierende Heuchelei ist also ein gesamteuropäisches Phänomen.
*
Was Huth tat, ist beknackt, aber völlig harmlos. Was Ronaldo tat, ist völlig verständlich. Was de Bruyne tat, ist völlig normal, jedenfalls im Fußballer- und auch schon im Balljungen-Milieu. Zumal die Fremdsprache eine Verbalinjurie wie »Motherfucker« deutlich abmildert (»Muttif..« wäre da schon eine andere Nummer). Dass wir dennoch übel, übel, übel nehmen und domina- und dominushart strafen, scheint zum moralischen Spreizschritt zu passen, mit dem wir durch moderne Zeiten stolpern und ein dreifach kräftiges »Pfui!!!« allen Motherfuckern entgegenschleudern, während wir lustbibbernd einem Sado-Maso-Softporno entgegen fiebern. War’n Sie schon drin? (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle