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Sonntag, 8. Februar, 6.35 Uhr

Die Topmeldung der Nacht kommt von Bild online: Zehnkampf-Olympiasieger Bruce Jenner, der sich angeblich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht, demnächst Agnes heißen wolle, was aber alles erst in einer Doku-Soap rund um den Kardashian-Clan, in den erbaldsie als Stiefvater eingeheiratet hat, öffentlich gemacht werden soll … so weit die kolportierte Lage, die seit letzter Woche auch Leser unserer Blog-Kolumne, die ein Kolumnen-Blog ist, wissen. Heute Nacht nun: Jenner (korrekter Artikel in der aktuellen Zwischenzeit “das Jenner”?) wird auf dem Highway von fünf Paparazzi-Autos verfolgt, es kommt zu einem Unfall, eine Frau stirbt … und jetzt ist Schluss mit lustig. Ist sowieso keine lustige Sache, falls die Geschlechtsumwandlung kein PR-Trick ist, kein dekadentes Spiel in gelangweilter Schlagzeilen-Trash-Society, sondern Ausdruck echter menschlicher Not, wie bei Simon (früher Simone) Borowiak, dem genialen Satiriker, oder bei dem einen und anderen Sportler, die aber alle den umgekehrten Weg von Jenner gegangen sind.

Kurze Pause eingelegt und in meinem Archiv rumgeklickt, um das hier zu finden:

Als Simon Borowiak noch Simone hieß, dichtete er/sie für »Titanic« unter dem Titel »Hessen nimmt Abschied« über den an Aids gestorbenen Queen-Sänger Freddy Mercury: »Mit fünfundverzisch war schon Schluss, / Des kam vom vielen Koitus. / Der Fred war schwul als wie die Nacht, / drum hat er’s auch nicht lang gemacht. / Dabei konnt’ der doch so schön singe! / Was muss er da noch Kerls bespringe! / Wär er net rein in jedes Bett, / könnt’ er noch leben, unsän Fred.«   *   Schwarzer Humor der krass-grandiosesten Art. Wer wie Borowiak die Irrwitzigkeit des Lebens am eigenen Leib und in der eigenen Seele hautnah spürt, der hat wohl die kürzeste psychosomatische Verbindung zu irrem Witz.

Draußen wird es anscheinend wärmer, meine ich beim Gang zum Briefkasten (FAS) gespürt zu haben. Dann werde ich mich mit den Montagsthemen” sputen müssen, um noch auf den Teich gehen zu können. Der ist erstmals seit zwei Jahren so dick zugefroren, dass er zwei Zentner aushalten kann, so dass ich alle Binsen wegsensen kann. Nicht die von mir in den letzten zwei Jahren geschriebenen, das wäre Titanenarbeit, sondern die in dieser Zeit gewachsenen, Schilf und so. Womit wegsensen? Wahrscheinlich mit der Akku-Heckenschere. Ob sie es schafft? Oder ob die Binsen zu hart gefroren sind? Die KKK-allerliebste Zielgruppe hat andere Sorgen: Ob die Eisdecke zwei Zentner trägt?

Meldung der Nacht bei dpa: Der US-Sender NBC hat eine Untersuchung gegen den beliebten Nachrichtenmoderator Brian Williams eingeleitet, nachdem dieser beim Lügen ertappt worden war. Sowohl seine Berichterstattung aus dem Irak 2003 als auch die über Hurrikan «Katrina» 2005 würden untersucht, berichteten US-Medien am Samstag unter Berufung auf interne NBC-Angaben. Williams hatte mehrfach behauptet, er sei 2003 im Irakkrieg in einem Hubschrauber gewesen, der von einer Panzerfaust abgeschossen wurde. Dann kam jedoch heraus, dass Williams in einem anderen Hubschrauber saß, der erst eine Stunde später bei dem verunglückten Helikopter landete. – Und so weiter. Ein Beitrag zur “Lügenpresse”? Über die wird übrigens so kontrovers wie im Ansatz falsch gestritten. Die einen glauben daran, die anderen halten die, die daran glauben, für minderbemittelte rechtsradikale Simpel. Beides sind arg simple Standpunkte. Mir scheint eher, dass das Symptom, das die einen überinterpretieren, die anderen arrogant für nichtexistent erklären, nichts mit bewusster, gesteuerter,  “von” irgendwo “oben” angeordneter Lügerei zu tun hat, sondern mit der normativen Kraft des Faktischen, und die wiederum hat etwas mit Arbeitsstelle, Arbeitskollegen, Umgang und sozialen Abhängigkeiten zu tun … aber das ist mir zu wichtig, um es hier im Sonntagmorgenblog, der Aufwärmübung für die zu schreibenden “Montagsthemen”, so daherzuschreiben. Was ich meine und mir irgendwann mal auszuformulieren vornehme, wird auch an “weichen” gesellschaftstrendigen Themen deutlich, die scheinbar unerklärlich gleichzeitig in verschiedensten Medienerzeugnissen auftauchen … aber jetzt auch damit Schluss.

Eigentlich wollte ich heute früh Stein(es)brucharbeiten erledigen und ein paar Stichworte anformulieren. Zum Beispiel die Gemeinsamkeit von Wolfsburg und Papsttum. In beide denkt man etwas hinein, was einem gefällt, so dass sie plötzlich populär werden, dabei haben sie sich kein bisschen geändert … na ja, daran muss ich noch sehr viel feilen, bevor ich jenem Herrn eine erzieherische Ohrfeige verpasse, die ihm und mir die Würde lässt.

Großer Text von Dieter Baumann in der “taz”: Beim Lesen gestern schon so viele Anmerkungen gemacht, dass ich das Thema wohl nicht in den “Montagsthemen” unterkriege. Vielleicht Mitte der Woche in einem zusätzlichen “Anstoß” (statt einer “Mailbox”-Auszugskolumne)?  Oder doch “Montagsthemen”, nur kurz anreißen, wegen zweier böser logischer Zahnpasta-Folgerungen? Plus Wolfsburg/Papst, Ramadan und Watzke? Wäre doch eine hübsche Themen-Palette. Mal sehen. Jetzt erst einmal … da ist sie ja. Kaffee, Kuchen, Knicks. Bis dann.

 

Baumhausbeichte - Novelle