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Montagsthemen (vom 9. Februar)

Die erstaunliche Beliebtheit von Papst und Wolfsburg: Zwischen diesen Phänomenen liegen keine Welten, nein, sie liegen auf einer Wellenlänge. In der einfachen Welt von Wille und Vorstellung, wo der Schein das Bewusstsein bestimmt, haben viele Neubekehrte den Papst und den Bundesligisten begeistert gefeiert, weil beide verknöcherte und verhasste Strukturen aufzubrechen scheinen.
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Der Papst wurde bejubelt, weil wir nur zu gerne glauben wollten, dass dieser unkonventionelle Mann auch im Glaubenskern so ganz anders sei als seine Vorgänger, die beiden starrsinnigen Dogmatiker aus Deutschland und Polen. Wir sollen uns nicht wie die Karnickel vermehren? Ach, wie erfrischend! Dass darin ein starrerer dogmatischer Kern (zum Beispiel die Todsünde Abtreibung) steckt als selbst in Ex-Papa Ratzi, blendeten wir in unserer Selbstbegeisterung aus. Erst jetzt, mit den »würdevollen« Schlägen als Erziehungsmittel, sehen wir ernüchtert, dass sich nur der Schein und nicht das Sein verändert hat.
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In Wolfsburg haben wir nur zu gerne den ersten ernsthaften Herausforderer der verhassten Bayern gesehen, wobei Hass hier sowieso nur ein Synonym ist für den Neid der Besitzlosen. Die Bayern an den Lederhosen zu zupfen, das ist Borussia Dortmund nicht gut bekommen (aber am Samstag das Tor zum 3:0: Reinkarnation alter BVB-Herrlichkeit!), doch den Wolfsburgern, dachten wir, könnte es sogar gelingen, ihnen die Krachledernen dauerhaft auszuziehen. Da blinzelten wir lieber unser altes Vorurteil weg, dass der Schein-Klub nur Spielzeug und Marketingmittel eines Weltkonzerns sei, ohne Tradition und Herzensbindung. Da nun aber der FC Bayern trotz leichten Schwächelns weiter souverän vorneweg marschiert, werden wir schon bald wieder alles Wolfsburg-Wohlwollen über Bord werfen und die alten Vorurteile aus dem Unterdeck hervorholen.
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Aus dem Blickwinkel des interessierten, aber unbeteiligten Beobachters (nur zur Sicherheit: das Stilmittel »Wir« ist nicht wörtlich zu nehmen) sollte man noch hinzufügen: An all den positiven wie negativen Vorurteilen über Papst, Wolfsburg und Bayern dürfte etwas dran sein, aber längst nicht alles. Doch wer im Zeitalter des Digitalen nicht alles in 1 oder 2, Ja oder Nein, Falsch oder Richtig daumenrauf- und -runterwandelt, gilt nicht als besonnen-bedächtiger Sucher nach dem Stein der Weisen, sondern als analoger Greis der Steinzeit.
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Typisch: Die von Sieg zu Niederlage zu Sieg sich wandelnde mediale Rauf- und Runter-Begleitung der Dortmunder Achterbahnfahrt. Sehr angenehm aber, wie sich der Emotionsbolzen Klopp in dieser in der Tat völlig außergewöhnlichen Spielzeit besonnen und bedächtig unter Kontrolle hat. »Gefällt mir!« – Eher weniger: BVB-Boss Watzke über die »ultimative Katastrophe« eines Abstiegs: »Es wäre das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit etwas gescheitert wäre.« – Wer noch nie in seinem Leben mit etwas gescheitert ist, dem fehlt eine wichtige, prägende Lebenserfahrung. Er muss ein bedauernswerter Mensch sein. Oder ein Großsprecher. Oder beides.
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Fortsetzung der Bruce-Jenner-Story: Der Zehnkampf-Olympiasieger, der sich angeblich einer Geschlechtsumwandlung unterzieht, demnächst Agnes heißen wolle, was aber alles erst in einer Doku-Soap rund um den Kardashian-Clan, in den Jenner als Stiefvater eingeheiratet hat, öffentlich gemacht werden soll, wird auf dem Highway von fünf Paparazzi verfolgt, es kommt zu einem Unfall, eine Frau stirbt … und jetzt ist Schluss mit lustig. Ist sowieso keine lustige Sache, falls die Geschlechtsumwandlung kein PR-Trick ist, kein dekadentes Spiel in gelangweilter Schlagzeilen-Trash-Society, sondern Ausdruck echter menschlicher Not, wie bei Simon (früher Simone) Borowiak, dem genialen Satiriker, oder bei der einen und anderen Sportlerin, die aber alle den umgekehrten Weg von Jenner gegangen sind.
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Weil’s so schaurig-schön ist, hier noch einmal das, was Borowiak (damals Simone) in »Titanic« unter dem Titel »Hessen nimmt Abschied« über den an Aids gestorbenen Queen-Sänger Freddy Mercury dichtete: »Mit fünfundverzisch war schon Schluss, / Des kam vom vielen Koitus. / Der Fred war schwul als wie die Nacht, / drum hat er’s auch nicht lang gemacht. / Dabei konnt’ der doch so schön singe! / Was muss er da noch Kerls bespringe! / Wär er net rein in jedes Bett, / könnt’ er noch leben, unsän Fred.« – Schwarzer Humor der krass-grandiosesten Art. Wer wie Borowiak die Irrwitzigkeit des Lebens am eigenen Leib und in der eigenen Seele hautnah spürt, der hat wohl die kürzeste psychosomatische Verbindung zu irrem Witz.
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Letzte Worte zum würdigen Prügeln: Dass Schläger in ihrer Kindheit oft selbst geschlagen wurden, dürfte der Papst wissen, ebenso dass er für das berühmteste Foul der jüngeren Fußballgeschichte die Absolution erteilt. Denn zu seinen munteren Sprüchen gehört auch der vom Faustschlag, den er jedem versetzt, der seine Mutter beleidigt. Da bekommt Zidanes Kopfstoß als Rache für die Beleidigung seiner Schwester nachträglichen päpstlichen Segen, und Franziskus müsste Frankreich ex cathedra zum Fußball-Weltmeister 2006 erklären. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle