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Sensationen im Stadtbus (“Senioren-Journal” vom 7. Februar 2015)

Zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten fahre ich mit dem Stadtbus. Also, der Fahrer fährt, ich stehe. Und stehe. Und denke an die Zeit zurück, als ich täglich mit dem Bus zur Schule fuhr und ebenfalls stand und stand. Denn sobald ich im Getümmel einen Platz erobert hatte, traf mich der strafende Blick eines uralten Männleins oder Weibleins, mindestens unvorstellbare 30 Jahre alt, und obwohl ich ein kleiner, bockiger Stoffel war, erhob ich mich zähneknirschend und gewährte dem greisen Krüstchen die Gnade seiner frühsteinzeitlichen Geburt. Lag es an den Genen, dass damals alle, egal ob braves Mädchen oder Rotzlöffel, wie selbstverständlich für Ältere aufstanden? Liegt es am genveränderten Frühstücksmüsli, dass sie heute allesamt störrisch und stur sitzen bleiben?
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Ich würde mich so gerne setzen. Auf einen der sagenumwobenen Sitze direkt über dem Hinterrad. Sitzt man lange genug dort, so ging das Gerücht unter uns Schülern, erlebe man Sensationen der außergewöhnlichsten Art. Ich konnte es leider nie nachprüfen, denn ich stand ja unentwegt. So wie ich jetzt stehe und das bucklige Gerücht (es hat über ein halbes Jahrhundert auf demselben) immer noch nicht verifizieren kann.
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Meine Hand klammert sich an den Haltegriff, meine Gedanken schweifen ab. Zu Harald Martenstein. Der greise … quatsch … der große »Zeit«-Kolumnist verficht zwar nicht expressis verbis die Aufsteh-Pflicht im Bus, aber er verlangt immerhin »Geriatrical Correctness«. So wie eine Berliner Genderforscherin nur noch mit »Professx« angeredet werden möchte (»man verrenkt sich fast den Kiefer und muss zum Kieferorthopädx«), fordert Martenstein ein gendergerechtes Wort für »alte Männer«, wobei ich aber seinen Vorschlag »Mumpf« nicht favorisiere, obwohl sich das Wort auch gebisslos leicht hinmümmeln lässt.
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Ich würde Martenstein, dem Ass aus der Glossen-Bundesliga, gerne mal die Hand schütteln. Dann wüsste ich nämlich, wer von uns beiden der biologisch Jüngere ist. Denn die Wissenschaft hat festgestellt, »dass der Kraftverlust in der Hand ein wichtiges Zeichen dafür ist, wenn Muskelschwäche und Altersbeschwerden drohen«, behauptet eine Altersmedizinx aus dem englischen Southhampton. Die Kraft des Händedrucks gebe Aufschluss über Lebens- und Gebrechlichkeitserwartung, und ein »fester Händedruck ist ein Kennzeichen für gesundes Altern« (Quelle: »SZ«).
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Aha. Dann wäre meine Linke, noch von jahrelangem Krafttraining zehrend, mopsgesund und kaum volljährig, während meine hundertjährige Rechte, von einer Arthrose im Daumensattelgelenk gepeinigt, schon gequält aufschreit, wenn auch nur die mumpfigste Mumpfhand nach ihr greift.
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Leistungssport ist also auch keine Anti-Aging-Lösung, weiß meine verschlissene rechte Wurfhand. Außerdem hat jener US-Arzt, der Menschen half, »die Probleme mit dem Älterwerden und der Leistung im Schlafzimmer hatten«, seine Spezialklinik in Florida geschlossen, denn sie wurde offenbar weniger von Patienten der Kategorie »Mumpf« als von solchen jener jungen Art frequentiert, die Probleme mit der Leistung auf dem Sportplatz hatten.
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Reisen sei die beste Anti-Aging-Methode, glaubte der »FAS«-Autor Günter Franzen, und ging daher auf eine »Happy-Single-Reise«, nachdem seine Mitbewohnerin geklagt hatte, dass es mit ihm »seit meiner Freisetzung aus meinem Brotberuf nicht mehr auszuhalten sei: ›Du schleichst depressiv durch die Wohnung, setzt keinen Fuß mehr vor die Tür, vergraulst Freunde durch deine bissige Übellaunigkeit‹« – ach, das kommt auch Ihnen bekannt vor, liebe Mitmumpfe?
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Franzen bereute die Reise schon am Flughafen, als sich »die Hochbetagten mit ihren Rollatoren und der Aggressivität antiker Wagenlenker an die Spitze der zum Ausgang drängenden Menschenmassen« setzten, »als ginge es nicht um einen Sitzplatz in der A-340, sondern ums nackte Überleben im Kolosseum zu Rom«.
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Vollends den Reise-Appetit verdarb es ihm, als er am Strand »an Hunderten von eingefallenen Gesäßbacken, hängenden Brüsten, aufgetriebenen Schmerbäuchen, in grauem Haargestrüpp baumelnden Gemächten« vorbeikam und an einer »Gruppe von Frauen in meinem Alter, die mir, breitbeinig in Liegestühle gefläzt, den Anblick ihrer rasierten, halb geöffneten« …. halt, stopp, als mein eigener Zensurbeauftragter muss ich hier einschreiten, denn das mag zwar heute jugendfrei sein, wird aber von meiner FSK nicht für die Altersgruppe unseres Magazins freigeben.
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Ich muss aussteigen. Meine starre rechte Klaue löst sich vom Haltegriff, leicht benommen und geschlaucht vom langen Stehen werfe ich noch einen sehnsuchtsvollen Blick zu den Sitzen über den Hinterrädern. Demnächst will auch ich auf Reisen gehen. Mit dem Fernbus. Für 14 Euro nach Bad Salzschlirf und zurück. Mit Platzreservierung. Sagenumwobene Sensationen warten auf mich.

Baumhausbeichte - Novelle