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Sport-Stammtisch (vom 7. Februar)

Jetzt hallt auch von der Dortmunder Südtribüne der brummsdümmste Slogan, den die Bundesliga zu bieten hat: »Wir woll’n euch kämpfen seh’n!« Als würden sie nicht kämpfen wollen, die BVB-Profis, denen, herangezoomt, die verzweifelte Hilflosigkeit in den Augen flackert.
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Die – fast – gleiche Mannschaft, die beinahe die Champions League gewonnen hätte, spielt nicht nur gegen den Abstieg, sondern gegen Augsburg schon wie ein Absteiger. Und ein Reus wirkt, als habe er nicht mal einen Führerschein für die Bundesliga.
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Die Szenerie erinnert fatal an zwei Abstiege der Frankfurter Eintracht, den ersten und den letzten. Und auch die Töne gleichen sich: Empörte Fans pfeifen ihre scheinbar lust-, herz- und kampflos kickenden Profis aus. Denen war und ist jedoch der geringste Vorwurf zu machen, denn wenn der Geist willig, das Fleisch aber schwach ist, muss man sich zwangsläufig für immer weniger Leistung immer mehr anstrengen (übrigens ein klassischer Fall von echtem Burn-out).
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Wer einmal unter Leistungsdruck Wettkampfsport getrieben hat, kennt das elende Gefühl, kämpfen zu wollen, aber den Kampfbefehl vom eigenen Körper verweigert zu bekommen. Im harmlos akuten Fall ist man im Endspurt »platt«, hat »keine Körner« mehr, was sich schnell beheben lässt. Im chronischen Fall ist man »ausgebrannt«, hat einen »leeren Akku«, und das ist auf die Schnelle nicht zu ändern. Schon gar nicht mit »Wir woll’n euch kämpfen seh’n!« Das gleicht nur der Aufforderung an einen Depressiven, sich doch gefälligst mal zusammenzureißen.
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In Frankfurt ging es beide Male mit Wohlfühltrainern, die den Akku nie aufluden, folgerichtig den Bach runter. Ganz anders beim BVB: Hat Klopp overpaced? Enden zwei Jahre Vollgasfußball zwangsläufig im verzweifelten Wollen, ohne noch zu können? Greift in Dortmund im hyperschnellen Zeitraffer Oswald Spenglers Beschreibung vom natürlichen Werden und Vergehen einer Kultur, das sich beim »Untergang des Abendlandes« über Jahrhunderte hinzieht (und nach Spengler bald vollendet sein müsste)?
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Das sind keine rhetorischen Fragen, in denen schon die Antworten stecken, sondern offene, die nur auf dem Platz beantwortet werden können. Und da dieser im Fußball auch als Rechteck besonders rund ist, könnte der Ball für den BVB schon heute nicht mehr eckig sein (liebe Fans: Mit Humor geht alles besser. Helau!)
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Keine Frage, sondern Fakt, dass Dortmunds geldwertes Spielerkapital crashartig geschrumpft ist. Von Reus über Hummels, Gündogan und manche andere bis zu Sahin läppern sich schnell an die hundert Milliönchen zusammen. Wobei Nuri Sahin, der mit 16 sein Debüt als Erstliga-Startspieler feierte, nicht BVB-spezifisch ist, sondern symptomatisch für die Bundesliga, diesen »Durchlauferhitzer« (neues Modewort), in dem Profikarrieren immer früher beginnen und Leistungskurven sich schon in einem Alter nach unten krümmen, in dem sie früher gerade erst aufstiegen.
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Um Sahins Zukunft muss man sich keine Gedanken machen, er ist reich und geschmeidig genug, um auch später gut zurecht zu kommen. Überhaupt werden viele Liga-Klubs ihrer Verantwortung gerecht, indem sie ihre Talente in Internaten quasi im dualen System ausbilden, so dass die große Mehrzahl, die naturgemäß aussortiert wird, unfallfrei vom exklusiven auf einen stinknormalen Lebensweg abbiegen kann oder zumindest könnte. Wie das Scheitern, dieser Normalfall im Sport, sich auf die Psyche auswirkt, steht jedoch auf einem anderen Blatt.
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Leider verkommen auch olympische Sportarten zu Durchlauferhitzern, in denen Karrieren so früh beginnen wie sie verdampfen. Dass hier die Talente, die von Kindesbeinen an alles auf den Sport setzen, besonders gefährdet sind, dürfte einleuchten, wird aber durch die neue Sportlotterie noch gefördert. Dieses vom Diskuswerfer Robert Harting angestoßene Projekt will Olympia-Talenten ermöglichen, sich ohne Existenzsorgen auf den Sport zu konzentrieren. Was danach kommt, steht nicht zur Debatte. Es geht offenbar nur um den Medaillenspiegel, denn seit der Wende, so Harting sinngemäß, habe Deutschland zwar doppelt so viele Sportler, aber sogar eher weniger Medaillen gewonnen. Dass diese Medaillenspiegelfechterei die Gefahr drastisch erhöht, durch milde Geldgaben (im Gespräch sind ein paar hundert Euro pro Monat) heute schon neben einigen Medaillengewinnern viele kaputte Existenzen von morgen zu schaffen, gilt als defätistische Kritik, nach der man von der Liste der Facebook-»Freunde« gestrichen werden kann …
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Zu schlechter Letzt wäre da noch Lance Armstrong, der offenbar einfach nicht aus seiner Haut kann. Fährt besoffen Auto, baut einen Unfall und behauptet, seine Beifahrerin sei gefahren. Passt! In mein Bild von ihm als miese Type, die schon in der Schule Klassenkameraden gemobbt haben soll. Womit Armstrong immerhin beweist, dass man in der Schule in der Tat fürs (Tour-de-France-)Leben lernen kann. Eine Armstrong-Biographin schildert sogar, wie er noch kurz vor seinem ersten Tour-Sieg als Stargast an einem Kinderrennen teilnahm, lange neben einem Zehnjährigen her fuhr, um kurz vor dem Ziel anzutreten und das Rennen locker zu gewinnen. Jan Ullrich kennt das ja.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle