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Sonntag, 1. Februar, 6.35 Uhr

In Fürth wird ein Mann in einem U-Bahnhof von drei Minderjährigen erstochen, in den Alpen sterben sechs Menschen unter Lawinen, und irgendwo wird Maren Gilzer Dschungelkönigin – drei dpa-Meldungen der Nacht, deren letzte ich nicht verorten kann. Über diese Sache bin ich nur durch “Bild” unterrichtet, denn mich interessiert dieser … ha, ich hab’s wieder, das Wort: … “embetted” Journalismus. Niemand schaut den Scheiß, aber “Bild” ist auf Seite 1 und meist noch auf einer ganzen (!) Seite im Blatt vor Ort, echt embetted. Noch ein Wort huscht durchs Hirn: Ist’s Australien? Na ja, egal wie’n Handkäs.

In der “taz” guten (so viel Lob muss sein) Artikel über den generell embetteden bzw. gepamperten Journalismus gelesen. Das Blatt gehört nämlich zu meiner Trichter-Lektüre (oben viel  rein, unten kommen Bröckchen raus für “Sport-Stammtisch”, “Montagsthemen” und “Ohne weitere Worte”), seit es bei uns gedruckt wird und daher auch mir zur Verfügung gestellt wird (für lau, versteht sich, Geld würde ich nicht dafür ausgeben, ist ja keine echte Zeitung, sondern so eine Art Vereinsblättchen, das meist schon in den Schlagzeilen nicht zwischen Nachricht und Überzeugungstat trennt, was andererseits aber auch zu schönen, griffigen Formulierungen führt). Wo war ich? Also, “taz”: Manchmal prima Artikel dazwischen, wie am Samstag im Ressort “Leibesübungen” über die Handball-WM in Katar und die 680 Journalisten, die für lau dorthin reisen durften. Kommt auf den Zettel für die “Montagsthemen”. Steht schon einiges drauf, zum Beispiel, warum BVB-Watzke ein bedauernswerter Mensch ist. Nicht wegen des BVB, sondern weil ihm eine wichtige Lebenserfahrung fehlt. Welche, das verrate ich hier noch nicht.

Natürlich bin ich meiner Zeit und der “taz” sowieso weit voraus (im Blatt würde ich hinzufügen müssen: ist nur Spaß, nur Selbstironie, aber das ist im Blog nicht nötig, oder?), denn ich habe schon 1998 (und danach noch mehrmals) über den Absahner-Journalismus geschrieben. Moment, ich schaue mal nach, ob das gut abgehangene Stück noch im Archiv zu finden ist … Ja, hier ist es:

 

Ein harter Job

 Fix und fertig sei er. Immer noch. Kein Wunder, daß Journalisten nach den Wirten die geringste Lebenserwartung haben, grummelt er vor sich hin. Die ganze Woche hart gearbeitet, auch zu später Stunde, wenn alle anderen schon in der Kneipe sitzen. Und dann dieses hammerharte Wochenende – durchgearbeitet von Samstag um zwölf bis Sonntag um Mitternacht. 36 Stunden am Stück. Das hält auch der gesündeste Mann nicht aus. »Jetzt brauch’ ich noch’n Docht. Und noch’n Pils. Stell’ einen Kurzen dazu, denn erkältet habe ich mich im Waldstadion auch noch. Hat ja geschüttet wie aus Kübeln.«Zustimmendes Gemurmel in der Mittwochs-Journalistenrunde in der Kneipe an der Ecke. Ähnliches erleben hier fast alle, Woche für Woche. Märtyrer im Dienste ihrer Leser. Der Wirt kennt seine Jungs (Mädels sind nicht vertreten). Er spendiert noch eine Runde, bevor seine besten Stammgäste das Lokal verlassen, um heute ihren harten Job zu beginnen. High noon, hei, nun wird gearbeitet. Die Kneipe leert sich. Der Wirt zündet sich eine an und läßt das hammerharte Wochenende Revue passieren; denn er war dabei. Der jammernde Stammgast, sein Freund, hatte ihn am vergangenen Samstag eingeladen. Ins Waldstadion. Ausverkauft? »Für uns doch nicht! Du kriegst eine von unseren Presse-Dauerkarten, das geht schon in Ordnung, das hast du verdient.«Und so ließ sich der Wirt am Samstag um zwölf Uhr von seinem Freund abholen. Ein Bierchen zur Begrüßung, dann Abstecher in die Redaktion. »Zeitung lesen und Agenturmeldungen sichten, mal sehen, was so los ist.« Der Wirt staunte. Auf dem Redaktionstisch des Freundes lagen ordentlich gestapelt alle wichtigen überregionalen (»Bild« natürlich ganz oben) und lokalen Zeitungen. Der Freund blätterte die Zeitungen durch, bis auf »Bild« jeweils nur den Sportteil.»So, und jetzt auf ins Waldstadion!« Auf dem Weg nach Frankfurt bot der Wirt höflicherweise an, die Fahrtkosten zu bezahlen, wenn der Freund ihm schon eine Pressekarte zur Verfügung stelle. »Bist du verrückt? Das ist doch eine Dienstreise. Krieg’ ich alles bezahlt, inklusive Spesen.«Auch die Befürchtung des kurzatmigen Wirtes, wegen des ausverkauften Stadions keinen Parkplatz zu bekommen, lachte der Freund schallend hinweg. Zwar meldete HR 3 soeben, daß die Besucher des Fußballspiels im Waldstadion öffentliche Verkehrsmittel nehmen sollten, da die Parkplätze belegt seien, doch der Freund steuerte souverän direkt das Waldstadion an, hielt den Ordnern einen Zettel entgegen, auf dem groß »P 3« stand, und wurde freundlich durchgewinkt. Parken 100 Meter Luftlinie vom Anstoßkreis! Der Wirt kam aus dem Staunen nicht heraus. »Schließlich bin ich dienstlich hier,

ich bin doch keiner von den Proll-Fans. Das muß schon so sein.«Da noch viel Zeit bis zum Anpfiff war, nahm der Freund den Wirt mit ins Pressezentrum. Ein paar Schnittchen essen, ein paar Bierchen trinken. »Alles für lau, auch für dich, ist doch klar. Wir sind im Dienst, das gehört zum Service.«Als der Anstoß nahte, schickte der Freund den Wirt nach oben auf die Pressetribüne. »Halt meinen Platz frei, ich geh’ erst mal nach unten in den Innenraum, bißchen Beckenbauer gucken.« Der Wirt gehorchte. Draußen regnete es in Strömen, aber er saß auf seinem trockenen Platz in Block 9, direkt neben den Promis und mitten unter all den Sportjournalisten, die ihren Beruf ausübten. »Ach, Quatsch«, sagte der Freund, der vom Beckenbauer-Gucken (»Ich hab’ Hallo Franz gesagt, der kennt mich.«) zurückgekommen war. »Von denen hier arbeitet höchstens jeder fünfte. Die anderen schauen sich nur das Spiel an, so wie ich, zur beruflichen Weiterbildung. Oder es sind neue Kollegen, so wie du.« Augenzwinkernd stieß er dem Wirt in die Seite. Kopfschüttelnd drückte der Wirt die Kippe aus. Welch ein Leben! Aber jetzt mußte er sich aus seinen Träumen reißen. Neue Gäste kamen, die hatten nur wenig Zeit. Behördenbedienstete, die in ihrer halben Stunde Mittagspause schnell das Stammessen runterschlingen mußten. Bevor er sich in den Streß stürzte, lief noch einmal im Schnelldurchlauf der Rest des 36-Stunden-Arbeitswochenendes vor seinem geistigen Auge ab: Nach dem Spiel wieder Schnittchen und Bier im Pressezentrum, Klönereien des Freundes mit Promis, Kollegen, Spielern und dem merkwürdigen kleinen Trainer, der den Freund aber gar nicht richtig beachtete, obwohl der ihm freundschaftlich auf die schmalen Schultern schlug. Danach Heimfahrt in die Kneipe, Fernsehen. »Ist auch Dienst.« Nach dem Rest von »ran« gab’s Essen und Trinken, das sich der Wirt, Ehrensache, natürlich nicht bezahlen ließ, obwohl der Freund bis morgens um sieben mit ihm in der leeren Kneipe durchhielt. »Formel 1, muß ich sehen, Dienst ist Dienst.«Den Rest des Sonntags verbrachte der Freund in der Redaktion. Das heißt, zwischendurch kam er zum Mittagessen, zum Nachmittagsklönen, zum Abendessen, »sonst hält das ja kein Mensch aus«.Als der Freund nachts um zwölf endlich Feierabend hatte, kam er nur noch auf ein knappes Stündchen »zum Absacken« vorbei. »Morgen muß ich schließlich wieder früh raus.«Ein harter Job. So hart, daß der Freund am Samstag mittag sein Portemonnaie in der Kneipe vergessen und es erst Sonntag nacht bemerkt hatte. Er hatte es nicht vermißt, da er es 36 Stunden lang nicht benötigte.»Hallo, Herr Wirt!« »Ich komme ja schon.« (gw)

 

Tja. Hat nicht jedem Kollegen so richtig gut gefallen. Ich habe übrigens nur ein einziges Mal im Waldstadion mir etwas für lau einverleibt: Als ich im Sommer mit dem Rad ins Stadion fuhr, spät dran war, mich mächtig anstrengte, riesigen Durst hatte und schnell noch ein Selterswasser trinken musste.

Später schrieb ich noch über Journalisten-Rabatte (wenn ich mich recht erinnere, gab oder gibt es über 1500), sonstige Zuwendungen sowie Journalistenpreise, die nach ähnlichem Ringtausch-Muster vergeben werden wie Literaturpreise (Jury-Kriterium: Hat der/die mich auch schon mal gewählt?), bin also geübter Nestbeschmutzer. Denke aber immer auch an die Finger meiner ausgestreckt anklagenden Zeigefinger-Hand, die auf mich zurückweisen (in Sachen Absahnen muss ich allerdings wirklich nicht vor Scham erröten; altes Mantra: Ob ich bestechlich bin, weiß ich nicht, es hat leider noch niemand versucht).

Genug vor mich hin gebrabbelt. Erste Halbzeit des Sonntagmorgen-Blogs ist beendet, kurze Pause, dann geht es weiter, mit neuer Zeitangabe im Kopf, damit die Leser, die Beltz-Mails geschrieben haben und die ich auf den Blog verweise, es besser finden. Bis gleich.

Baumhausbeichte - Novelle