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Sport-Stammtisch (vom 31. Januar)

Katar ist der Watschenmann des Weltsports. Aber wer verprügelt wird, den – Ehrensache! – verteidige ich: In unserer selektiven Wahrnehmung kühlen wir unser Mütchen an einem Land, das praktisch ohne Landsleute, nur mit einer Legion von Landsknechten, unsere reindeutschen Handballer ausgeschaltet hat. Dabei vergessen wir nur zu gerne, dass Deutschland schon vor dem WM-Turnier sportlich ausgeschieden ist, wobei nicht die Wildcard an sich der Skandal war, sondern dass ein sportlich qualifizierter Teilnehmer wie Australien aus schnöden unsportlichen Mammongründen einfach aussortiert worden ist.
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Mit den geplatzten Titelträumen enden aber schlagartig auch alle aufgeplustert aufgeregten Diskussionen der neuen Handball-»Freunde«, auch die um das öffentlich-rechtliche Fernseh-Debakel. Im Fußball bleibt uns die Empörung jedoch noch lange erhalten. WM in Katar? Das ist doch menschenverachtend! Arbeiter leiden jetzt schon, die Fußballer später. Aber wer sieht das Positive? Ich! Wer heute, gerade heute, bei uns ins Fußballstadion geht, liegt schon mit einem Bein im Bett. In Katar: kein Katarrh! Außerdem: Kein Alkohol, daher keine saufenden, pöbelnden, randalierenden Hooligans. Sollte sich dennoch ein Hohl-Hool dorthin wagen: Selbst schuld – Katars Polizei wirft nicht mit Wattebäuschen!
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So. Damit stehe ich auf einer Stufe mit Pep Guardiola, Franz Beckenbauer und Platini junior. Der Bayern-Trainer soll Millionen für katareske PR-Arbeit gesehen haben, der Über-Bayern gar keine … Sklaven, und der Sohn des UEFA-Präsidenten darf sich »Europachef« des Katar-gepamperten Ibrahimovic-Klubs PSG Paris nennen. Und diese Kolumne wird gesponsort vom Außen- und Touristik-Ministerium von Katar … schön wär’s.
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Mütchen gekühlt? Beim Überprüfungslesen der ersten Absätze stolpere ich über den ältlichen Ausdruck. Was bedeutet er überhaupt? Im Internet erfahre ich, dass das »Mütchen« von »muot« kommt, starke innere Bewegung wie Zorn und Hass ausdrückt und schon im Nibelungenlied vorkommt. Ich suche in meiner zerfledderten Bartsch-Ausgabe und finde in Vers 2133 diese schöne Zeile »do kuolten mit den wunden die geste wol ir muot« und die Anmerkung »Das zornig erregte Gemüt kühlt sich an den Wunden, die sie schlagen und dem daraus fließenden Blut.« Steht in der 36. »Aventiure«, in der Kriemhild den Saal über den Köpfen der eingekesselten Burgunden anzünden lässt und diese ihren quälenden Durst mit dem Blut der Erschlagenen löschen.
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Da kühlen wir unsere Mütchen heute zum Glück etwas zivilisierter, aber Blut kann dabei auch fließen. Wie bei Claudia Pechstein. An ihrem Blut und Urin haben eifrige Dopingjäger ihr Mütchen gekühlt, beinahe wäre sie sportlich erschlagen worden. Bei Katrin Krabbe ist das vor Jahren noch gelungen, aber diesmal funktionierte die Methode nicht, das, was man zu wissen glaubt, einfach als bewiesen darzustellen. Nun gilt Pechstein als »Opfer«, das dann auch Krabbe sein muss, der nie Doping nachgewiesen wurde. Dass aber beide  keine Opfer sind, steht auf dem anderen unbewiesenen  Blatt.
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Sogar den nur freizeitaktiven Radfahrern drohen demnächst Blutproben. Noch gilt Radeln unter Alkoholeinfluss erst ab 1,6 Promille als strafbar, aber dieser Grenzwert soll niedriger angesetzt werden. Wobei mich nur wundert, dass man bisher hackevoll Radfahren durfte. Gälten die 1,6 Promille auch für Autofahrer, hätte eine gewisse Bischöfin ein Problem weniger und müsste zudem nicht peinliche Fragen beantworten wie die, wer bei ihr damals auf dem Gepäckträger saß.
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Keine eigene Obergrenze gibt es für rasende Radfahrer wie jene Weltklasseathletin, die verkehrsrechtlich schuldlos schwer verletzt wurde, als ihr auf einer Trainingsfahrt die Vorfahrt genommen wurde. Sie war mit – na ja: erlaubten – 50 km/h im Straßenverkehr unterwegs. Das Thema will ich demnächst aufgreifen, wenn im Frühjahr die Saison beginnt.
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Zu guter Letzt: Gestern Abend sollte er ihn tatsächlich bekommen (haben), den Karl-Valentin-Orden. Heino! Heino? Ja, warum nicht? Ist doch eine Wahl ganz im hinterlistigen Sinne von Valentin. Er lebt ja auch noch, denn nur in Valentins Heino-Sinne ist mancher Friedensnobelpreis nachvollziehbar, aber das ist ein ganz anderes Thema.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de   gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle