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Böser Beltz-Bub, guter Mensch (anlässlich des 70. Geburtstags/31. Januar 2015)

Als der angekündigte Conferencier im Frankfurter »Tigerpalast« vor der Vorstellung ungewohnt lange auf sich warten lässt, eilen beunruhigte Kollegen in die Sachsenhäuser Schifferstraße, wo ihr Freund, der Conferencier lebt.
Lebte. Es ist der Abend des 27. März 2002, der große Kabarettist Matthias Beltz ist tot. Das Herz. Gestorben alleine in seiner Wohnung, völlig unerwartet. Ein Schock nicht nur für die engsten Angehörigen, sondern auch für fassungslose Freunde und Kollegen.
Matthias Beltz wird nur 57 Jahre alt. Bei seinem Begräbnis am 8. April auf dem Frankfurter Hauptfriedhof trauern Tausende. Eine bewegende Sympathiekundgebung vereint Prominente aus ganz Deutschland, die Frankfurter Gesellschaft und namenlose Bürger. Wobei Matthias Beltz, läse er diesen Satz, über das »vereint« nur milde lächeln könnte. Heute wäre Matthias Beltz 70 Jahre alt geworden.
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Biographisches in Kürze: Geboren im Vogelsberg, aufgewachsen in Gießen, Jura-Studium in Marburg und Frankfurt mit Ziel Jugendrichter, Mitbegründer von – in dieser aparten Reihenfolge – »Revolutionärer Kampf«, »Karl-Napp-Chaos-Theater«, »Vorläufiges Frankfurter Fronttheater« und »Tigerpalast«. Schon 1997 weiß er: »Es wird nix mit der Weltrevolution.« Daher gibt er nach sieben Jahren die politpropagandistische Basisarbeit als angelernter Handarbeiter und IG-Metall-Vertrauensmann bei Opel in Rüsselsheim mit der legendär gewordenen Erkenntnis auf: »Der Arbeiter wartet nicht auf die Weltrevolution, sondern auf den Feierabend.«
Sieben Jahre! Sein ehemaliger Kumpel und Mit-Sponti Joschka Fischer schmückt sich zwar auch mit der Opel-Biografie, hält aber nicht mal ein halbes Jahr durch.

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Fischer – ein Kapitel für sich. Kosovo! Als späterer Außenminister »setzt er die Tradition der RAF fort, indem er fremde Völker bombardieren lässt«, sagt Beltz in einer der großen »Jahresendzeitkolumnen« im Sportteil dieser Zeitung, im Trialog mit dem Schriftsteller Matthias Altenburg (alias »Jan Seghers«) und dem Redakteur, den er schelmisch anblinzelt: »Aber das wird ja doch wieder gestrichen.« – Wird es nicht! Nie wird etwas gestrichen in den 13 Jahren der Zusammenarbeit, auch wenn Beltz Leser aller Art herausfordert.
Zum Beispiel: »Die feministischsten und aggressivsten Frauen fahren auf die autoritärsten Männer ab. Das ist die ewige historische Dialektik.« Oder: »Ausländer haben genauso das Recht, Arschlöcher zu sein wie wir Deutsche.« Auch frühe Grüne und alte 68er kriegen ihr Fett weg, wenn Beltz ihnen »Kraft durch Freude-Kultur« oder »ökologischen Volksgerichtshof« bescheinigt.
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Wie kommt es überhaupt zu dieser langjährigen Zusammenarbeit, die eher ein lustvolles zusammen Juxen ist? Warum opfert er, ohne auch nur einen Pfennig und Cent Honorar, so viel Zeit für eine regionale Tageszeitung? Weil es eben »seine« Heimatzeitung ist, und vielleicht auch, weil er im Redakteur einen späten Gleichgesinnten sieht, der als Jugendlicher ähnliche Probleme mit sich und der Welt hatte. Anderen hilft privilegierte Geburt, sie arbeiten mit energischem Ellbogen, haben »Schlag« bei den Mädchen oder Anführer-Mentalität oder auch nur den Sport – Matthias Beltz hat das Wort. Der Witz als Notwehr.
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Auf der Bühne aber steht der Matthias Beltz, den alle kennen: der scharfzüngige und scharfsinnige, literarisch, philosophisch und politisch hochgebildete, bisweilen bösartigem Witz sehr zugeneigte Wort-Künstler. Berühmt-berüchtigt sein Vorschlag, den Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, den ein Briefbombenattentat die Hand gekostet hat, in einen Second-Hand-Shop zu schicken.
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Außerhalb der Bühne erlebt der Redakteur einen anderen Matthias Beltz. Typische Szene: Während eines Treffens in einem Frankfurter Restaurant scheisst (ja!) ein dritter Beteiligter, nicht unbekannt, den ängstlichen, etwas linkischen Kellner böse zusammen. Worum geht es? Vergessen. Besteck nicht sauber, Suppe zu kalt oder was auch immer. Der Kellner schrumpft unterwürfig zusammen, Beltz schaut peinlich berührt zum Redakteur hinüber. Er würde in solch einer Situation eher die kalte Suppe schlürfen oder das Messer an der eigenen Hose sauber wischen, als einen Schwächeren in derartige Verlegenheit zu bringen. Während andere nach oben buckeln und nach unten treten, tritt Beltz auf der Bühne nach oben gnadenlos zu, nach unten buckelt er eher. Weil er eine Seele von Mensch ist.
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Das wird schon bei der ersten Begegnung spürbar: Der Redakteur klingelt sehr nervös und beklommen an der Haustür in der Schifferstraße. Schritte hallen die Treppe herunter, die Tür öffnet sich, Matthias Beltz begrüßt den Besucher, sehr freundlich, etwas fahrig, fast schüchtern wirkend. Schon auf dem Weg nach oben beichten sich beide ihre Nervosität. Den Besucher lockert es auf, Beltz ebenfalls, wobei ungeklärt bleibt, ob er tatsächlich nervös ist oder es nur spielt – um dem »Kellner«, dem Schreiber aus der Provinz, keine Pein zu bereiten.
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Hier treffen Beltz und der Redakteur noch oft zusammen, einmal für ein großes, doppelseitiges Interview (»Das Attentat auf Rudi Dutschke und die Durchsage im Scarabee«/2001/wird interessierten Lesern gerne zugeschickt). Zur Bebilderung, so die Redaktions-Vorgabe, sollen beide gemeinsam auf ein Foto, was dem Besucher unangenehm ist, so dass er es verdrängt und sich erst wieder an die Kamera erinnert, als er von Beltz vor dem Taxi verabschiedet wird. Doppel-Selfie auf der Gass? Nee, der freundliche Taxifahrer übernimmt den Job. Das Ergebnis ist auf dieser Seite zu sehen.
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Noch viele Treffen werden folgen, hoch oben im rotierenden Henninger Turm, in einem Biergarten am Eisernen Steg, beim Chinesen auf der Kaiserstraße, beim Italiener in Bornheim, auf dem urigen Kneipenschiff am Main und immer wieder bei ihm zu Hause in der Schifferstraße. Doch jetzt, wir schreiben das Jahr 1998, zieht Beltz um. Zwar nur vom ersten Stock ins Parterre, aber das Chaos ist perfekt. Mitten im typischen Umzugs-Tohuwabohu liegen zwei Kurzhanteln. Der Arzt hat ihm geraten, Sport zu treiben. Das aber hasst Beltz, in dem noch das Trauma steckt, von Turnlehrern gepiesackt worden zu sein, die mit ihren Schülern nachträglich die Schlacht von Stalingrad gewinnen wollten. Für ihn ist Sport schön nur vor dem Fernseher. Dass er jetzt notgedrungen etwas tun muss, sieht er zwar ein. Den Einwand, dass gemütliche Bizeps-Curls im Sitzen nicht unbedingt das sind, was dem Arzt als Sport vorschwebt, lässt Beltz lächelnd abtropfen.
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Matthias Beltz zieht um, weil es ihm zu mühsam geworden ist, in den ersten Stock zu steigen. Im Parterre werden wir noch einige Jahre lang Kolumnen zusammenjuxen. Erstaunlich daher, wie sich ein Trauerredner am 8. April 2002 an die letzte Begegnung mit seinem guten Freund Matthias erinnert: Nach einer durchzechten Nacht habe man sich vor dem Haus verabschiedet, und Matthias habe gestöhnt, dass er jetzt, weil es keinen Lift gebe, noch so viele Stufen nach oben steigen müsse. – Letzte Begegnung? Guter Freund? Der Umzug ins Parterre ist schon ein paar Jährchen her. Und so sieht man am 8. April Matthias Beltz, unendlich viele Treppenstufen hoch oben, wo kein Lift mehr hinkommt, milde lächeln.
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Eine Woche vor Beltz’ Tod spricht der Redakteur zum letzten Mal mit dem Menschen, dem er sich freundschaftlich verbunden fühlt (»Freund« ist ihm ein zu großes und in diesem Fall zu anmaßendes Wort). Beide freuen sich auf die nächste geplante »Anstoß«-Serie, ein vierwöchiges, fast tägliches Fußball-WM-Duett mit Matthias Beltz und Hessens Ministerpräsident Roland Koch, dem Brutalstmöglichen, dem man im Privatleben aber ebenfalls angenehme Freundlichkeit nachsagt. Das wird nicht das grobschlächtige Gemetzel, das stramm Überzeugte aus allen Lagern erwarten, befürchten oder erhoffen, sondern ein hochklassiges sportliches Duell mit dem Wort als Florett.
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In den Tagen der Vorfreude steigt der Redakteur morgens kurz nach neun ins Auto und stellt das Radio an. Die HR-Nachrichten hat er verpasst, er hört nur noch den letzten Satzfetzen: »… tot in seiner Wohnung in Sachsenhausen aufgefunden«. Er ahnt, er weiß sofort, um wen es geht. Aber er kann es bis heute nicht fassen.

Baumhausbeichte - Novelle