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Sonntag, 25. Januar, 6.50 Uhr

A – S – E – T sind am malträtiertesten, das E sogar schon wieder völlig zerfetzt. N geht noch, D und L glänzen noch fast reinweiß. So, wie ich die Texte mit zwei Fingern blind  in den Computer hacke, recht schnell und richtig hart, verblasst die Schrift auf der Tastatur, und wenn ich doch einmal auf die Buchstaben schauen muss, verwirren mich die schwarzen, abgeschrubbten Tasten derart, dass ich überlegen muss: Wo ist das E? Das T? Das S? Daher habe ich kleine, weiß Klebebuchstaben für die abgeschrubbten gekauft. Sieht seltsam aus, hilft aber. Nur das E geht mir aus.

Draußen Winter, ich glaube, sogar der unerschrockene FAS-Bote hat vor der eisglatten Bergauffahrt kapituliert. Ich kapituliere nicht vor den diversen Schreibaufgaben der Woche von Freitag bis Freitag: Nach dem Sport-Stammtisch die Montagsthemen und Ohne weitere Worte, dann eine neue WBI-Folge (Ja! Mit drei Punkten!) und schließlich wieder Sport-Stammtisch, dazu Mein progressiver Alttag für das Senioren-Journal, ein Beltz-Artikel zum 70. für das Feuilleton und die letzten Zuckungen für das So-wahr-das-Manuskript. Am meisten beschäftigt mich der Geburtstagsartikel, nicht nur wegen der Erinnerungen, sondern auch, weil mir derartige, quasi offzielle Texte schwerfallen.

Gestern wieder einmal im Classica-Sender reingeschaut. Auch dort eine Gedenkveranstaltung. Für Claudio Abbado. Beginnend mit Schuberts Unvollendete, ohne Dirigenten. Sehr bewegend. Dann liest Bruno Ganz “Brot und Wein” von Hölderlin. Eine Zeile notiere ich. So wie ich sie verstehe ein erhabenes, erhebendes, bewegendes Lebens-Motto: Ein Eigenes suchen, so weit es auch ist. Heute früh schaue ich nach. So heißt es in Brot und Wein richtig:

 

Wunderbar ist die Gunst der Hocherhabnen und niemand

Weiß von wannen und was einem geschiehet von ihr.

So bewegt sie die Welt und die hoffende Seele der Menschen,

Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht,

Aufzubrechen. So komm! daß wir das Offene schauen,

Daß ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.

 

Ja.

In den Feuilletons wird derzeit “Geist und Kosmos” des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel rezensiert, dass fundamentalistisch Wissenschaftsgläubige wie Dawkins zur Weißglut treibt, am liebsten würden sie Nagel einen Exorzisten auf den Hals schicken. Aus der “Zeit”: Tatsächlich, so Nagel, schauen die Naturwissenschaften  nur von außen auf das Subjekt, während ihnen die mentale Innenwelt, das geheimnisvolle Universum des Selbstempfindens, unbegreiflich bleibt. (…) So triumphiere mit dem Neodarwinismus eine falsche und ” ideologische Theorie über den gesunden Menschenverstand. Ich würde darauf wetten wollen, dass der gegenwärtige Konsens  in einer oder zwei Generationen lachhaft wirken wird.” Da muss man nur noch hinzufügen, wie in der “Zeit” weiter hinten:  Nagel argumentiert strikt als methodischer Atheist, das heißt, er zaubert nicht plötzlich die Gotteskarte aus dem Ärmel.

Ceterum censeo: Die Deisten der Religionen wissen, dass sie glauben, die Atheisten der Naturwissenschaften glauben, dass sie wissen, und ich weiß, dass ich nichts weiß. Nur dass, wer an den Urknall wissensglaubt, selbst nen  Knall hat.

Und damit zu den unwesentlich handfesteren Dingen: Montagsthemen. Auf dem Zettel bisher: Netzwerk/Mauscheln — HH, Tele, Sky — Klopp, Fitness — Sportlotterie, junge Sportler — Jeder glaubt, er sei besser als der Durchschnitt — Nobelpreis für Jesse Owens.

Packen wir’s an. Bis dann.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle