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Montagsthemen (vom 26. Januar)

Testspiele im Aufbau-Crashkurs der Winterpause gehören zu den unerheblichsten, aussagefreiesten Ereignissen des Fußball-Daseins. Fingerzeige geben sie nur dem innersten Zirkel, Spielern und Trainerteam, als Überprüfung des aktuellen Zustands im Vergleich zu dem im Trainingsplan vorgesehenen.
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Doch es gibt Ausnahmen. Dass die Münchner Bayern – Zustand hin, Trainingsplan her – ihre Gegner zuverlässig beständig zerlegen, lässt jede Hoffnung/Befürchtung schwinden, dass sie noch schwächeln könnten (was sowieso nur im internationalen Wettbewerb  von Belang wäre). Und dass die Dortmunder Borussen auch eine Woche vor dem Neustart verzagt und verunsichert auftreten, verunsichert selbst die bisher unverzagtesten BVB-Zuversichtler.
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Unabhängig von den Ausnahme-Erscheinungen FCB am oberen und BVB am unteren Rand der Bandbreiten-Extreme gehören diese Winter-Trainingswochen zu den wichtigsten des Jahres. Warum, darum herum habe ich schon ganze Kolumnen vollgeschrieben, mit vielen Worten das umkreisend, was Jürgen Klopp im »Kicker«-Interview auf die Frage, ob Fitness Punkte garantiert, kurz und treffend auf den Punkt bringt: »Fitness allein garantiert das nicht. Aber sie ist die Basis für alles.« Prima vereinfacht, ohne zu versimpeln.
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Hoffentlich nehmen sich seine Spieler ein Beispiel und agieren demnächst genauso zügig-zackig treffsicher wie ihr Trainer und nicht so ziellos vor dem Tor (auch dem eigenen) larifarikickend wie ich mit den Trainings-Worten.
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Aber ich will mir ebenfalls ein Beispiel nehmen: Training verhält sich zu Arbeit wie Aufbau zu Raubbau. Oder: Schleifen ist keine Kunst, Training zumindest Kunsthandwerk. Oder: Fitness ist nicht alles, aber ohne Fitness ist alles nichts. Übrigens ein Satz, der in Sachen Integration beim Austausch von »Fitness« mit (deutscher) »Sprache« genauso funktioniert, aber das nur am Rande.
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Noch ein Wort zur Trainingslehre: »Straftraining ist populistischer Quatsch« (Trainer-Legende Hans Meyer; zur Erinnerung: der jede Interview-Vorlage gerdmüllerreflexartig treffsicher im Ironie-Tor versenkte). Dazu muss ich nur noch erwähnen, dass der altvordere Blut-Schweiß-Tränen-Trainer Stevens in Stuttgart einen ihm allzu kecken jungen Spieler um fünf Uhr früh zum Straftraining antreten ließ, und schon wäre jedes weitere Wort überflüssig.
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Natürlich war bei dem populistischen Quatsch auch die Presse zum Bildbeweis vor Ort (die armen Jungs, die von ihren Chefs in den Redaktionen derart berufsfremd  früh ebenfalls zum Straftraining geschickt wurden!), denn Image-Arbeit (hier: als harter Knochen) gehört zum Stil der Zeit, den ein Neuwort auf den Kern bringt: Netzwerken. Das ist aber nur ein Synonym für Mauscheln, Klüngeln und Seilschafteln von Anden bis Alpen. »Netzwerken«: Neben »Unwort« mein Unwort des Jahres.
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Gegenbeispiel für funktionierendes Netzwerken: Während die Öffentlich-Rechtlichen zu Turnieren wie der Handball-WM mit einem Mitarbeiter-Stab anzurücken pflegen, der zwei Fußball-Mannschaften stellen könnte, begnügt sich der Bezahlsender Sky mit einer einzigen (Handball-)Mannschaft. Unsolidarisch!
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Bleibt nur noch abzuwarten, welches »Ich«-Gefühl länger hält: »Ich bin Charlie« oder »Ich bin das DHB-Team«. – Für die vielen neuen Freunde von Ironie und Satire: Das war so was. Im sportlichen Ernst: Ich fiebere mit, denn ich bin Handballer, seit Kindesbeinen.
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Zu guter Letzt: Beim Zappen an einem Klassik-Sender hängen geblieben. Gedenkkonzert für den Anfang 2014 verstorbenen Dirigenten Claudio Abbado, beginnend mit dem ersten Satz aus Schuberts Unvollendeter. Ohne Dirigent am Pult. Bewegend. Dann liest Abbados Freund Bruno Ganz »Brot und Wein« von Hölderlin. Darin: So komm! Dass wir das Offene schauen, / Dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist.
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Ein Eigenes suchen, so weit es auch ist: Das könnte, um es vom hohen Ton auf meine Ebene herunterzubrechen, auch der Antrieb eines jeden Leistungssportlers sein. Wobei in diesem Satz das einschränkende letzte Hauptwort auch ersatzlos gestrichen werden kann. (gw)
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(www.anstoss-gw.de Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle