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Sport-Stammtisch (vom 24. Januar)

Frage an Radio Eriwan: Darf man sich einvernehmlich prügeln? Antwort: Im Prinzip ja, aber nur, wenn sich nicht mehr als zwei prügeln. Konsequenz des BGH-Urteils: Die Boxer können aufatmen, denn im Ring kloppen sich immer nur zwei auf einmal. Catcher dagegen sind ab sofort Mitglieder einer kriminellen Vereinigung, denn in ihren Ringen geht es oft tumultartig drunter und drüber. Der BGH-Fatwa entgehen sie nur, wenn sie endlich zugeben, dass sie nur so tun als ob und in Wahrheit außergewöhnlich gute Stuntmen und athletische Turniertänzer sind.
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Schwere Zeiten jedoch für kampfsportbegeisterte Fußballfans und hessische Kirmes-Traditionalisten, die so gerne ihre rohen Kräfte gegen gleichgesinnte nachbarschaftliche Vereinigungen sinnlos walten lassen. Selbst die glaubhaftesten Beteuerungen – von Hundebesitzern abgelauscht – helfen jetzt nicht mehr: Die wollen doch nur spielen!
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Da ich weiß, dass hinter gesundem Volksempfinden eine latente gefährliche Volkskrankheit stecken kann, frage ich mich auch, ob ich schon Symptome davon zeige, wenn ich arglos frage: Warum dürfen sie sich nicht im Wald und auf der Heide treffen und einvernehmlich die Köpfe einschlagen? Da entlädt sich viel aufgestaute Aggression unter Gleichgesinnten, statt sie uneinvernehmlich auf friedfertige Unbeteiligte zu lenken.
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Von der Strafe für Prügel zur Prügelstrafe: Nicht der BGH, sondern die deutsche moralapostolische Weltöffentlichkeit verurteilt das Gastspiel der Münchner Bayern in Saudi-Arabien aufs Allerallerschärfste. Wie kann man nur so unmenschlich unsensibel sein, in einem Land Fußball zu spielen, in dem die Prügelstrafe herrscht und Frauen nicht autofahren dürfen! Zusatz in Zeiten des herangaloppierenden Faschings: Bei uns dürfen sie, aber sie können es nicht. – Narhalla-Marsch!
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So, und jetzt im Ernst: Ungeachtet der Anwendungs-Problematik kann das BGH-Urteil zum hilfreichen Instrument werden. Und hinter den Moral-Watsch’n für die Bayern steckt der partielle Wahrnehmungswille, vom Sport all das rigoros zu verlangen, wofür außerhalb des Sports ein lax-lässiges Laissez-faire gilt, denn auf das Geld der Saudis sind selbst deren empörte Kritiker scharf, von ganz oben (Milliarden-Deals) bis zu uns herunter: Als in Saudi Arabien die Scharia sogar noch schärfer ausgelegt wurde, strichen wir gerne die Trinkgelder ein, die Ibn Saud vor einem halben Jahrhundert (legendäre Geschichten!) verteilte und die wir auch bei der WM 2006 nicht unbedingt ablehnten.
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Überhaupt fällt mir, dem unbeteiligten, aber interessierten Beobachter von Massenbewegungen aller Art, dieser partielle Wahrnehmungswille immer mehr auf – und dass sich die Kritiker im Umgang mit den Kritisierten große Mühe geben, alle Vorurteile und Vorbehalte der jeweils anderen Seite zu bestätigen.
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Bevor ich mich vergaloppiere, trabe ich zurück zum Sport. Und dort geschehen noch Zeichen und Wunder. Seit 1982 leiere ich unermüdlich mein Mantra ab, dass die Video-Hilfe für den Schiedsrichter (nicht der »Beweis«) kommen müsse. Fast ein Vierteljahrhundert ist vergangen, jetzt ist sie da. Im Handball. Was nicht der einzige Vorteil dieser Sportart ist. Stellen Sie sich bloß vor, eine Horde Hooligans stürmt drohend auf Sie zu – hätten Sie dann lieber die deutschen Fußball- oder Handball-Nationalspieler als Bodyguards an Ihrer Seite?
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Was lange währt … auch das wird endlich gut: Jahrelang fuhr ich auf dem Weg in den Norden an jenem Stadion vorbei, das mal AOL-Arena, mal HSH-Nordbank-Arena oder Imtech-Arena hieß, für mich aber immer das Volksparkstadion blieb. Und jetzt? Heißt es auch offiziell wieder Volksparkstadion. Und damit zu guter Letzt ins Frankfurter Waldstadion und zu unser aller Eintracht, die »ein tiefer Riss durchzieht« (»Frankfurter Rundschau«), angeblich zwischen Finanzvorstand Axel Hellmann (Er »will dem Verein frisches Kapital von außen zuführen«) und Sportboss Heribert Bruchhagen (»will die Bundesliga aus dem laufenden Betrieb bezahlen«). Ich juchzte auf, als ich las, was Heribert Bruchhagen heute zur vor 15 Jahren am Main groß gefeierten milden ISPR-Gabe von zehn Millionen Euro sagt: »Wir haben aber 24 Millionen zurückgezahlt.«
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Bruchhagen musste das auslöffeln, was ihm seine Vorgänger ein»geschenkt« hatten. Ich erlaubte mir juxend ein paar Zweifelchen: »Och, wie isses doch so nett, dass in dieser kalten Welt ausgerechnet im noch kälteren Bankfurt Warmherzigkeit und Selbstlosigkeit den schnöden Shareholderismus unserer Zeit besiegen!« (»Sport-Stammtisch« im Jahr 2000).
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Am Donnerstag hat sich die Lage aber dramatisch zu Gunsten der Eintracht verändert, nun kann Hellmann seine Bank-Kontakte nutzen, und sogar Bruchhagen wird freudig zustimmen. Steht nicht am anderen Ende der Stadt dieser Turm, von dem die frohe Botschaft schallt, dass alle Armenhäuser Europas mit Milliarden überschüttet werden? Und dass die Überschütter, nicht die Überschütteten das Risiko tragen? Die Eintracht ist ein besonders armes Armenhaus, und bescheiden zudem: Es müssen ja gar keine Milliarden sein, ein paar Zehnmilliönchen genügen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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