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35 – 25 – 15 – 5 (“Anstoß” vom 21. Januar)

Vor 35, 25, 15 und vor fünf Jahren jeweils im Januar. Kleine Texte in »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides. 35 – 25 – 15 – 5 – Los geht’s.

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Walter Steiner, »der« Skiflieger des vergangenen Jahrzehnts, arbeitet heute als Service-Mann und Berater für eine Skifirma. Prompt nahm er ein Produkt seines Arbeitgebers in die Hand und hielt es demonstrativ in die Kamera, als ihn ein Fernsehreporter während der Vierschanzentournee interviewte. Obwohl das Interview nicht »live« war, wurde es unbeanstandet ausgestrahlt. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde die geplante Übertragung eines Handballspiels abgesagt, da angeblich auf »Werbung am Mann« nicht verzichtet wurde. Kommentar überflüssig. (Januar 1980 / »Werbung am Mann« war damals DAS heuchlerische Pfui-Thema im Sport; heute wird eher – von seinem Sponsor – gesperrt, wer seine Ski nicht in die Kamera hält. Und die Handballer kommen WM-live nur im Bezahlsender vor …)

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Die ganz und gar unglaubliche Geschichte, von der wir schon in den 70er Jahren berichteten, ist nicht nur wahr, wie Udo Beyer bestätigt, sondern noch unglaublicher: Der nicht linientreue Rolf Oesterreich war mit 1,80 m Größe und nur 100 kg Körpergewicht auch körperlich ein Außenseiter, der eigenwillige Trainingsmethoden austüftelte (zum Beispiel Tiefsprünge aus großer Höhe), eine eigene Variante der Drehtechnik erfand und später sogar 22,63 m (!!! Weltrekord damals: 22,00) stieß, womit er das ganze DDR-System auf den Kopf gestellt hätte. Man holte Oesterreich 1977 nach Leipzig und testete ihn bei der DHFK auf Herz und Nieren, ließ ihn unter Wettkampfbedingungen vorstoßen – 22,45, sozusagen wissenschaftlich getestet! Im Jahr zuvor hätte Oesterreich sogar bei der DDR-Olympia-Qualifikation starten dürfen. Oesterreichs Pech: Er verletzte sich. Udo Beyer heute ehrlich: »Das war mein Glück. Er hätte mich rausgeboxt«. Olympiasieger 1976: Udo Beyer . . . (Januar 1990 / geschrieben für und im Rahmen einer Sonderseite nach einem Besuch bei Beyer in Potsdam. Udo Beyer führt heute ein Reisebüro in seiner Heimatstadt, Rolf Oesterreich ist Mittelschullehrer und lebt in Neukirchen).

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Es gibt deutsche Politiker, die über den Aufstieg des Ex-Catchers Jesse Ventura zum Gouverneur von Minnesota und möglichen US-Präsidentschaftskandidaten lästern: Typisch Amerika! Ein Catcher als Politiker, wie unfein!

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Catcher müssen vor Publikum so tun, als seien sie unfein, intrigant, hinterhältig, böse, betrügerisch, unehrlich und korrupt. Hinter den Kulissen aber sind fast alle Catcher ehrlich und integer, feine Kerls halt, gutmütig und hilfsbereit.

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Politiker müssen vor Publikum so tun, als seien sie ehrlich und integer, hinter den Kulissen aber sind. . . . . . mehr Catcher in die Politik! (Januar 2000 / Ein Politiker fühlte sich persönlich beleidigt, protestierte schriftlich und verlangte eine Erklärung. Wie ihm antworten? Ernsthaft? Nein. Albern? Lieber nicht. Also: Verweis auf Scherz, Satire, Ironie und (keine) tiefere Bedeutung. Der angeforderte Antwortbrief schien den richtigen Ton gefunden zu haben, denn der Politiker meldete sich noch einmal, entwaffnend freundlich: »Ich bin mit allem, was Sie sagen, völlig einverstanden und freue mich über Ihre Antwort. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, alles richtig einzuordnen. Mit herzlichen Grüßen als ein Leser Ihrer Glosse verbleibe ich Ihr Norbert Kartmann.« – Und der wurde 2003 und ist immer noch Hessischer Landtagspräsident).

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Tausende von Basken haben zwischen den Jahren in Bilbao für die Teilnahme einer eigenen Fußball-Nationalmannschaft an Europa- und Weltmeisterschaften demonstriert. Ihr chancenloses, aber nicht ganz unlogisches Argument: Was Schotten und Walisern (die Basken haben sogar noch die Nordiren vergessen) in Großbritannien erlaubt ist, muss auch den Basken in Frankreich und Spanien möglich sein. Was zum eigentlichen Kern des Problems führt: Warum überhaupt dürfen die Engländer das? Warum darf Großbritannien bei Olympia vereint antreten (Medaillenspiegel!), im Fußball aber getrennt zuschlagen? Die Antwort ist ebenso einfach wie unlogisch: Weil die FIFA aus Achtung vor der Mutterland-Tradition erlaubt, was das IOC aus gutem prinzipiellem Grund verbietet. Daher gibt es vier englische Fußball-Nationalmannschaften, aber nur ein Olympiateam (Januar 2010 / Im Fußball dürfen mittlerweile auch die britische Kronkolonie Gibraltar und die dänischen Färöer Inseln mitspielen während das IOC weiterhin »dependent territories« nicht anerkennt). (gw)

* (www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle