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Montagsthemen (vom 19. Januar)

Das sind ja schöne Geschichten, die in den USA erzählt werden! In einem besonders aparten Rosenkrieg behauptet der »Nascar-Star Kurt Busch, seine Ex-Freundin sei eine kaltblütige Auftragsmörderin« (»Welt«), sie habe abends öfter Anrufe erhalten, nach denen sie in einen Tarnanzug geschlüpft (»Schatz, ich muss schnell was erledigen«) und blutverschmiert zurückgekommen sei. Die Dame sei Scharfschützin, ausgebildete Nahkämpferin, versiert zudem mit Messer und Gift.
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Solche Storys gehen heutzutage runter wie Öl. Zu schön, um nicht wahr zu sein. Da will man erst gar nicht hinterfragen, wie unprofessionell eine Auftragskillerin sein muss, die blutverschmiert in den Feierabend geht und in ihrer Kernkompetenz jämmerlich versagt, denn der Rosenkrieg begann mit einer Klage wegen häuslicher Gewalt: Busch, als Rennfahrer zwangsläufig von eher zarter Statur, habe die auftragskillende Nahkämpferin in einem Handgemenge misshandelt. – Wer mich killen lassen möchte, der schicke mir bitte diese Könnerin ihres Fachs!
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Auch hübsch knallig: Bruce Jenner, Ex-Zehnkampfweltrekordler und Olympiasieger 1976 (vor Guido Kratschmer), wird von Jahr zu Jahr fraulicher. Lange Haare, Lippen- und Brustschwellungen etc. Knallbunte Fachmedien, vor allem solche im Netz, wollen sogar wissen, Jenner stecke mitten in einer Geschlechtsumwandlung. Ich erinnere mich noch gut an die Kampfmaschine von Montreal. Mangels Kernkompetenz im Dschungel- und Soap-Fach wusste ich aber nicht, dass Jenner im Nach-Sport-Leben Stiefvater der popoprallen Kardashian-Schwestern geworden ist und in deren Täglich-Seife-Serie mitspielt. Kernkompetent kann ich aber behaupten, dass Anabolika ganz offensichtlich doch nicht vermännlichen und dass der Zehnkampf tatsächlich eine echt männermordende Disziplin ist.
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Wie man sieht und liest, könnten diese »Montagsthemen« gut und gerne auf jedweden Fußball verzichten. Wir benutzen ihn heute auch nur ganz kurz als Dosenöffner zur Satire. Dass diese wiederum die Büchse der Pandora öffnen könnte, aus der, wie wir alten Griechen wissen, alle Übel dieser Welt entweichen … ach, vergessen Sie’s, bildhafte Vergleiche hinken (sie »hinken«? Siehste!). Also, Fußball: Eine der geglücktesten Satiren las ich im letztwöchigen »roten« Kicker …

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Zwischenbemerkung für die Fußball-Fern(inn)en unter meiner liebsten Zielgruppe: Rot kennzeichnet in diesem Fall nicht die Weltanschauung, sondern das donnerstägliche Erscheinungsdatum.
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… wo dem Bremer Werder-Profi Davie Selke das ironische Interview-Meisterwerk gelingt, ausnahmslos Antworten aus dem Klischee-Baukasten für junge Fußballspieler zu geben, ohne einen einzigen erkennbar eigenköpfigen Satz einzustreuen. Ein tolles »Selkie«! Lesen Sie mal das Satire-Kunststück (sicher im Netz noch zu finden), und Sie wissen, was ich meine. Obwohl … mancher Obergriesgram könnte  auf die miese Idee kommen, hier habe kein begnadeter junger Satiriker, sondern ein glattschnäuziger Berater in den Klischee-Baukasten gegriffen, um an einem möglichst kantenlosen Beflissenheitsimage seines Schützlings zu basteln.
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Bildungsbeflissen müsste das Folgende unter der Rubrik »Errata« stehen, die bei mir aber »Dumm gelaufen« heißt: Im »Sport-Stammtisch« vom Samstag erwähnte ich »die deutsche Satirezeitschrift ›Pardon‹«, was mich als Ewiggestrigen verrät, denn »Pardon« heißt schon länger »Titanic« als »Raider« »Twix«. Pardon!
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Pardon, aber wie hätten die zig Millionen beim Papst-Weltrekord reagiert, wenn ich mit dem »Titanic«-Titelbild unseres Papa Ratzi (Sperma- oder Urinfleck auf dem weißen Kittel, erinnern Sie sich?) durch die Menge spaziert wäre? Viele mit Mordswut, einige mit Mordgedanken. »Twix« ist »Raider«, aber »Titanic« nicht »Pardon« und schmeckt auch nicht so.
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In Gernhardt&Co-Zeiten merkten die satirisch Entblößten oft nicht einmal, dass sie karikiert wurden, da wurde mit der Feder scheinbar harmlos gestreichelt, heute mit dem Zaunpfahl gewinkt und mit dem Vorschlaghammer zugeschlagen. Aber plattes Draufhauen und draufhauendes Plattmachen gehören ja zum Stil der Zeit (auch im Comic-Metier hat man  mehr Spaß am groben Manga-Pinsel als am Entenhausen der Donald-Duck-Eltern Barks/Dr. Fuchs). Wir lieben die Grobform von Satire/Karikatur, so lange sie andere treffen soll, die gefälligst so tolerant zu sein haben, wie wir es gerne wären. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat … Sie wissen schon. (gw)
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(www.anstoss-gw.degw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle