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Sport-Stammtisch (vom 17. Januar)

Dass Nationaltrainer und ihre Kapitäne aus aller Welt den großartigen Stürmer Christiano Ronaldo dem großartigen Torhüter Manuel Neuer vorziehen, wird bei uns nicht als vorbildlich demokratisch-gläserne Wahl respektiert, sondern der diesmal  ausnahmsweise völlig unschuldigen Fifa mächtig übel genommen. Weil unser Apfel mehr wert ist als die Birne der anderen?
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Wenn Neuer der Weltfußballer unserer Herzen ist, dann muss Ronaldo der des außerdeutschen Verstandes sein, denn mögen mag den affigen Kerl ja kaum jemand. Aber wer derartige Wahlen ernst nimmt, ist selbst daran schuld. Wessen Apfel ist die bessere Birne? An dieser Frage möge sich abarbeiten, wer will und nichts Besseres zu tun hat.
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Die Reaktionen in Deutschland beweisen leider, dass die gerade in diesen Tagen so viel beschworene Idee der Demokratie, der Meinungsfreiheit und der Toleranz einen schweren Stand hat, wenn sie nicht wortmächtig propagiert wird, sondern sich in den kleinen Dingen des Alltags beweisen muss.
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Dass Lewandowski zum Rapport bei Sammer (bei wem sonst?) antreten muss, um seine arglose Wahl (Ronaldo vor Neuer) zu rechtfertigen … nein, zu bedauern (»Lewa« im Kicker)… nein, zu rechtfertigen (»Lewa« bei Twitter), ist nicht zu rechtfertigen, sondern nur zu bedauern. Und dass Sammer den Polen zum Volldeppen macht (»Ihm war gar nicht bewusst, dass die Punktzahl entscheidet«) … ach, nicht an Sammer abarbeiten. Lieber an solchen Worten erfreuen: »Es ist alles in Ordnung, ich finde es total legitim, dass er sich für einen Stürmerkollegen ausspricht.« Außerdem zeige es, dass es »keine Absprachen« gab und »eine faire Wahl« gewesen sei. Sagt Manuel Neuer. Daher auch mein Weltfußballer des Herzens.
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Während die Bundesliga im Trainingslager schwitzt, spielen ihre afrikanischen Mitspieler in der Heimat um ihren Kontinentaltitel. Das passt so manchem weißen Vereinsverantwortlichen nicht, denn dünkelhafter Rassismus auf Kolonialherrenart sieht im Afrika-Cup nur einen wochenlangen Stammestanz der Neger im Dschungel.
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Oh. Darf man dieses Wort schreiben, auch wenn es satirisch gemeint ist und einen latenten Rassismus bloßstellen will? Doch, doch, das darf man. Schließlich beweisen derzeit Abermillionen, dass sie große Freunde von Scherz, Ironie, Satire und deren tieferer Bedeutung sind. Jetzt müsste aber auch unsere deutsche Satirezeitschrift »Pardon« sofort die Auflagen-Million knacken! Selbstironie ist unsere neue große Stärke, und an Meinungsfreiheit lassen wir uns nicht übertreffen. Zumindest, wenn es um die Freiheit der eigenen Meinung geht.
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Im Kampf um demokratische Rechte sind wir in dieser Woche jedenfalls einen großen Schritt weiter gekommen. Das Pechstein-Urteil interessiert Sie, lieber Leser, mangels Interesse an der schon jahrelangen juristischen Rumwurstelei wahrscheinlich nicht übermäßig. Aber die aktuelle Entscheidung geht uns alle an: Endlich ist die Scharia in Deutschland als das alleine gültige Gesetz abgeschafft! Einschränkung: in Sport-Deutschland. Denn dort war es bisher jedem Sportler verboten, ein ordentliches Gericht anzurufen, wenn in der Gemeinschaft, der man angehört, die Scharia alias CAS ihr Urteil schon gesprochen hatte.
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Da muss England aber noch viel von uns lernen (im Fußball lernen sie’s ja sowieso nie mehr von uns). Robert Huth – wer? Schon vergessen? Ein deutscher Nationalspieler aus früher Aufbruchszeit zum WM-Titel – liebt es nicht nur im Fußball rustikal. Wenn er nicht bei Stoke City kickt, nimmt er gerne im Netz am Spiel »Cock or no Cock« teil. Den Titel übersetze ich nicht, denn auf Deutsch sind die Schamschranken einfach zu hoch (lesen Sie dazu bitte auch heute die »Nach-Lese« im Feuilleton). In dem Spiel geht es darum, auf undeutlichen Bildern zu erkennen, ob sie einen Mann oder eine Frau zeigen – und das natürlich mit Blick dorthin, wo mann normalerweise einen Cock hat oder eben nicht. Wer solch ein Spiel spielt, ist zwar eines beknackten Geistes Kind, aber noch kein zu verknackender übler Sextäter. Das sieht der englische Verband jedoch ganz anders. Ein Mit-Twitterer hat Huth bei der FA angeschwärzt, nun drohen unserem echten Mann in England Sperre und Geldstrafe. Er wollte doch nur spielen!
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Auch Francesco Totti will nur spielen, spielen, spielen. Der römische Volksheld spielt auch mit 38 Jahren noch. Im Lokalderby gegen Kloses Lazio rettete er seiner Roma mit zwei Toren nach 0:2-Rückstand noch das Unentschieden, und nach seinem zweiten Treffer schnappte er sich vom Torwarttrainer ein Smartphone und machte ein … Selpigi? … Pegselfa? … manche Wörter krieg ich einfach nicht hingeschrieben …. ein Selbstfoto mit vor Begeisterung tobenden Fans auf der Tribüne im Hintergrund.
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Totti ist ein großer Held nicht nur der Römer, sondern auch für diese Kolumne, weil er herrlich selbstironisch mit seinem langjährigen Image als tumber Tor umgeht. Zum lächelnden Schluss erzählt er uns daher noch einmal seinen Lieblingswitz: »Schlagzeile in einer italienischen Zeitung: ›Die Bibliothek von Totti ist in Flammen aufgegangen, sie enthielt zwei Bücher.‹ Totti ist verzweifelt: ›Verdammt, das zweite hatte ich noch gar nicht ausgemalt!‹«
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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