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Am Wörter-Standstreifen (“Nach-Lese” vom 17. Januar 2015)

Ich schreibe eine Glosse. Dafür lese ich viele Zeitungen. Wenn ich auf interessante Themen stoße, stelle ich sie den Lesern vor und mache mir eigene Gedanken dazu, halte also »Nach-Lese«.

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Sie fragen, was dieser banale Einstieg soll, diese Aneinanderreihung belangloser Wörter? Ha! Von wegen belanglos! Denn dadurch kennen Sie mich jetzt in- und auswendig. Allerdings nur, wenn Sie ein Computer sind. Für den arbeiten die wenigen Wörter oben als »kleine Verräter« (kürzlich Titelgeschichte im »Zeit«-Ressort »Wissen«), denn »gerade die unscheinbarsten aller Wörter erlauben tiefe Einblicke in unser Inneres«.

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Natürlich kann das nicht jeder dahergelaufene Computer. Unser Wörter-Sherlock steht »bei der Firma Spyware in Aachen. Er gehört zu einer ganz neuen Generation von Maschinen. Sie können aus Wörtern mehr herauslesen als der Mensch. Aus all den winzigen Wörtern setzt die Software ein Bild meiner Persönlichkeit zusammen« (»Zeit«).

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Ach du liebe »Zeit«! Das glaube ich nicht. Wie zum Beispiel geht der Computer mit Ironie um, mit Selbstironie? Mit Scherz, Satire und deren tieferer Bedeutung? Mit Alberei und nackten Kalauern? Ich habe daran Spaß, aber die Maschine versteht keinen, sie nimmt jedes Wort ernst, sie muss mich doch, füttert man sie nur mit meinen letzten Glossen, für einen Wahnsinnigen halten! Angeblich erkennt der Computer schon an meinem Gebrauch von nur scheinbar unschuldigen kleinen Artikeln, Personalpronomen und Präpositionen, ob ich lüge, wen ich liebe oder wie alt ich bin. So benutzen mehr Frauen als Männer das Wörtchen »ich« statt »wir« (bisher hatten »wir« das umgekehrt vermutet), ebenfalls deutlich mehr Junge als Alte. – Mal nachzählen: Bisher habe ich (11) das »Ich« zwölf Mal benutzt, null Mal das »Wir«, also muss ich (da schlägt’s 13!) eine junge Frau sein.

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Der Computer ist auch programmiert nach dem Prinzip der Freudschen Fehlleistung, das in fehlerhaft Dahingesagtem tiefere Erkenntnis vermutet. Doch da hinkt die Maschine den neuesten Erkenntnissen – oder sagen wir lieber: Übereinkünften – der Psycho-Branche hinterher, die im Freudschen Fehler keine Offenbarung verborgener Gelüste mehr sieht, sondern einen simplen Versprecher. Oder Verschreiber. Ohne anal-oder sonstig fixierten Hintergrund.

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Wie dem auch sei, verrutschte Buchstaben können hübsche Effekte herbei zaubern. Die schönsten davon sammelt das »Gemischte Doppel« des »Süddeutsche Zeitung«-Magazins. Kleine Auswahl (in der SZ kongenial bebildert): Tiefschnee/Schnieftee, Eisscholle/Scheißolle, Klitschko/Kitschklo, Rotkäppchen/Kothäppchen oder Powershoppen/Showerpoppen.

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Manchmal verwirrt schon ein einziges verirrtes Buchstäblein. Als ich kürzlich auf der Autobahn an dem Hinweis »Standstreifen-Ertüchtigung« vorbei fuhr, ließ ich mir das wunderbare deutsche Wort ein paar Mal auf der Zunge zergehen, bis sich dort, auf der Zunge, ein unschuldiges »r« auf und davon machte und sich weiter vorne im Wort einnistete.

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Bis heute kann ich das Wort nicht fehlerlos aussprechen. Woran Martin Walser schuld ist, denn kurz nach der »r«-Verschiebung las ich in seinem Tagebuch »Schreiben und Leben« (im September 2014 bei Rowohlt erschienen) diesen Eintrag vom 11. Juli 1979: »Wenn man lange in keinem Strandbad war, möchte man jedes Mädchen im Bikini anstarren wie eine Erscheinung. Ich habe das wohl lächerlicherweise getan. Die Badeanzüge haben sich inzwischen so sehr vermindert, dass sie als Flecken gelten können, durch die man auf das Sehenswerte aufmerksam gemacht wird. Wie das alles ruhig hingenommen wird. Sogar die vierzehnjährigen Buben tun, als sei das gar nichts.« – Nicht so der damals schon über 50-jährige Walser im Strandbad. Und wohin in Walsers Strandbad das »r« im Standstreifen verrutscht ist? Ach, Sie wissen’s doch!

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Keine Probleme hätte ich, den Standstreifen auf englisch zu verballhornen. Denn in der »Zeit« lese ich auch, dass man in einer Fremdsprache härtere, hemmungslosere Entscheidungen trifft als in der Muttersprache. Dokumentiert ist das im sogenannten »Footbridge-Dilemma«. Dessen Szenario: Ein Zug rast auf fünf Menschen zu, die man nur retten kann, wenn man zuvor einen Sechsten auf die Gleise stößt. Was würden Sie tun? In ihrer Muttersprache befragt, hätten die meisten Probanden gesinnungsethische Hemmungen, den Sechsten zu opfern. In einer Fremdsprache mit dem Problem konfrontiert, stieg die Zahl derjenigen, die den Mann verantwortungsethisch auf die Gleise stoßen würden, um das Dreifache.

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Dieser Effekt sei auch »in anderen Zusammenhängen gut belegt: Vielen Menschen fällt es leichter, in einer Fremdsprache zu fluchen. Sie haben dann weniger Hemmungen.«

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Auch das glaube ich nicht. Das ist doch Bullshit! Fuck!  (gw) * (www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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