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Sonntag, 11. Januar, 6.40 Uhr

Wichtigste Meldung der Nacht, noch nicht bei dpa oder sid aufgetaucht, sondern in Bild online gefunden: Mats Hummels verlobt sich mit der Erdnuss.

Wer so blöd und böse wie ich schon frühstsonntagmorgens in den Tag startet, weil er Spaß an hämischen Gags hat, sollte sich einmal eindringlich hinterfragen. Ich versuche es:

Sie heißt Cathy Fischer und redet so, als trage sie eine kleine Erdnuss hinter der Stirn oder ein Gummibärchen oder eine Erbse. Das ist nicht schlimm (…) aber (…) doch überraschend, weil Mats Hummels ja immer so großen Wert darauf legt, sehr klug zu wirken. (FAS über die Freundin des Nationalspielers, die in Brasilien als »Reporterin« tätig ist).

Das ließ ich mir natürlich während der WM nicht für die Zitaten-Kolumne “Ohne weitere Worte” entgehen. Jetzt verloben sich die beiden (falls Bild online Recht hat), und ich quatsche noch immer den alten, bösen, fremden Gag nach.

Wenn ich etwas in meinen journalistischen Jahren verinnerlicht habe, dann die Finger, die auf einen zurückweisen, wenn man mit dem Zeigefinger auf andere deutet. Und das tun wir Journalisten ja unentwegt. Wenn Cathy Fischer, was ich hoffe und annehme, eine empfindsame junge Frau ist, wird sie der Satz in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung tief getroffen haben, Mats Hummels ebenfalls. Sollte sich die FAS, sollte ich Nachplapperer mich schämen? Ich glaube: ja.

Journalisten, vor allem, wenn sie sich etwas intellektueller fühlen, neigen dazu, in gewählten und mehr oder weniger geistreichen Worten die wachsende Unfähigkeit in unserer Gesellschaft zu kritisieren, Einfühlsamkeit zu zeigen, Meinungen anderer zu akzeptieren, Probleme unvoreingenommen von allen Seiten zu betrachten, in der intellektuellen Auseinandersetzung mit Andersdenkenden den eigenen Horizont zu erweitern und und und. Stattdessen verenge sich der eigene Horizont immer mehr, wobei immer der Horizont der anderen gemeint ist, nicht der eigene. Idealtypisch zeigt sich das in den Pro- und Kontra-Demos rund um das Schlagwort, dessen exakte Buchstaben-Zusammensetzung ich stets vergesse, da das Wort auf mich so extrem albern wirkt. Obwohl jedem ein paar Minuten Nachdenkenden klar sein muss, dass die Sache, um die es geht, viele Aspekte hat und dass beide Seiten Argumente haben, die bedenkenswert sind, geht es in der Auseinandersetzung nur um Gut und Böse, Falsch und Richtig, Klug und Doof. Man stellt sich gerne in den eigenen Candystorm und die anderen in den Shitstorm. Im Extremfall gibt das Gefühl, im eigenen Candystorm zu stehen, scheinbar die Legitimation, Andersdenkende nicht nur in einen Shitstorm zu stellen, sondern sie gleich ganz umzupusten.

Ungeordnete Gedanken. Wird überhaupt klar, was ich ausdrücken will? Ich fürchte, nein.Aber der Blog dient ja nur als Aufwärmübung für die Kolumne, im besten Fall bleiben im Stein(es)bruch ein paar Bröckchen übrig, die für die Kolumne, heute die “Montagsthemen”, geschliffen werden können. Heute gibt’s nicht mal Bröckchen. Außerdem schwirrten durch die hingeschriebenen ungeordneten Gedanken die nicht geschriebenen zum tödlichen Unfall des jungen Wolfsburger  Fußballprofis, der zu Beginn der Saison durch zwei haarsträubende Aktionen aufgefallen war. Wie war das noch gleich? – Ich klicke mal kurz ins Archiv. – Bin wieder da. – Mit diesem Kolumnen-Ausschnitt vom September: Wie der junge Wolfsburger Malanda es schafft, seine Torverhinderung von München eine Woche später noch irrwitziger zu übertreffen, wird ihm einen vorderen Platz in den Youtube-Ranglisten der seltsamsten Fußball-Trotteligkeiten bescheren. Und wie das mit den Neuen Medien nun mal so läuft: Dieser Doppel-Trottelschlag macht Malanda unsterblich, die Bilder werden ihn ein Fußball-Leben lang, nein, sein Leben lang begleiten. Der arme Kerl. Selbst als Eintracht-Fan hätte man ihm fast gewünscht, ins Tor getroffen zu haben.

“Sein Leben lang”, sein kurzes Leben lang, und wie unwichtig diese Bilder geworden sind.

Baumhausbeichte - Novelle