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Sport-Stammtisch (vom 10. Januar)

Als Frankreich in Zeiten des großen Zinedine Zidane im Weltfußball die Rolle spielte, die Deutschland heute (noch nicht ganz) zukommt, kannten unsere Alleserklärer ganz genau die Gründe für den Unterschied zwischen französischer Spielkunst und teutonischem Rumpelfußball: Eine wunderbar geglückte Multikulti-Gesellschaft dort, dumpfdeutsches Integrations-Versagen hier.
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Ich glaubte sogar daran. Bis ich einmal in Frankreich mit dem Auto liegen blieb, in einer Vorstadt übernachten musste, einen späten abendlichen Spaziergang unternahm und aus der tristen, menschenleeren Betonlandschaft plötzlich eine Gruppe Jugendlicher – offenbar nordafrikanischer Herkunft – auf mich zustürzte. Sie umringten mich, schrien auf mich ein, ich verstand nicht, was sie von mir wollten, bis ihr Anführer Ruhe forderte und mir erklärte, worum es ging: Sie wollten nicht meine Uhr, mein Geld, mein Leben, sondern baten höflich um meine Unterschrift. Eine Petition für bessere Lebensbedingungen, gegen Ausgrenzung, gegen die hasserfüllte Feindschaft der bürgerlichen Gesellschaft. Richtig nette junge Leute, aber sehr verbittert.
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Kurz darauf las ich von Vorstadt-Krawallen und dass ein französischer Politiker die Banlieues mit Hochdruckreinigern säubern wollte. Er benutzte dafür übrigens den in Frankreich gängigen Begriff des »nettoyer au karcher«. »Kärchern« also, ein deutsches Eponym (aus Eigenname gebildetes Verb, siehe »hartzen«). Der Name des Politikers: Nicolas Sarkozy.
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Fatal, dass in diesen schwierigen Zeiten wieder die Alleserklärer das Sagen haben. Wobei alle Seiten eine Gemeinsamkeit haben: Sie nutzen die alte rhetorische Figur der »captatio benevolentiae«, worin der alte Cicero der größte Könner war: Wenn eine umstrittene Sache eine anrüchige, verabscheuungswürdige und eine gute, eine ehrenhafte Seite hatte, versuchte er, das Wohlwollen zu erhaschen (= captatio benevolentiae), indem er nur über die gute, die ehrenhafte Seite redete.
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Und der zu Zidane-Zeiten hierzulande vergötterte Multikulti-Fußball der Franzosen (und auch der Holländer)? Hauptsächlich die Hinterlassenschaft von französischem und holländischem Kolonialismus und Imperialismus, ergo des Rassismus.
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Alles nicht so einfach. Im Archiv stieß ich jetzt zufällig auf diese Passage aus (m)einem »Sport-Stammtisch« von 2006: »Der Ansatz, dass nicht rassistische Gewalt, sondern die sie oft ursächlich bewirkende verrohende Verwahrlosung das drängende Problem unserer Zeit ist, verharmlost nicht die Fremdenfeindlichkeit, sondern ist Warnung vor  Verharmlosung dieser inneren Verwahrlosung.«
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Wie in der Chaos-Theorie sind es oft die kleinen Anlässe, die sich zu großer Wirkung summieren. Zum Beispiel »MMA« (Mixed Martial Arts), ein sogenannter Kampfsport, in dem der Gegner in einer Art Käfig geschlagen und getreten wird, selbst wenn er schon am Boden liegt. Das war auch in einem Spartenprogramm zu sehen, was aber 2010 verboten wurde. Nun aber hob das Münchner Verwaltungsgericht das Fernseh-Verbot auf, denn es sah »in den Kämpfen keine Sittlichkeitsgefährdung und keine Gefahr für die Jugend« (SZ). Na dann, auf geht’s. Glotze an zum Schlagen und Treten!
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Und sonst? Nach Reus gibt auch Russ kein gutes Vorbild ab. Fast so dumm gelaufen wie jener US-Amerikaner, der beim New York Marathon 240. wurde, obwohl er wegen einer Fußverletzung krankgeschrieben war und Krankengeld kassiert hatte. Da er im Ziel stolz in die Fernsehkamera winkte, was auch sein Arbeitgeber sah, wurde es für ihn richtig teuer.
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Na ja, teuer ist relativ, vor allem im Vergleich mit Reus und Russ. In diesem Zusammenhang: Dass es viele kleine Russ’ gibt, weiß jeder Lokalsportredakteur, aber das nur am Rande. Ob aber alle Mediziner wissen, dass einem Arzt, der falsche Krankheitsbescheinigungen ausstellt, nach Paragraf 278 Strafgesetzbuch zwei Jahre Gefängnis drohen?
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Was Reus und Russ angestellt haben, ist sicher nicht vorbildlich. Aber kein Vergleich mit Ched Evans. Der englische Erstliga-Profi saß wegen Vergewaltigung (die er bestreitet) zweieinhalb Jahre im Knast und sucht seitdem vergeblich nach einem Verein. Grund der Absagen: Ein Fußballer müsse auch Vorbild sein.
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Muss er? Charles Barkley, einst großer Gegenspieler von Michael Jordan und grimmiger (nicht tumber, wie Rodman) »bad boy« der NBA, brachte einmal eine gesellschaftliche Fehlentwicklung und das eine oder andere Thema dieser Kolumne auf den Punkt: »Ich will kein Vorbild sein. Erzieht Eure Kinder alleine!«  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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