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Sport-Stammtisch (vom 3. Januar)

Ein charakteristisches Merkmal aus dem vergangenen Jahr wird offenbar nahtlos ins neue übernommen: Die hämische Schadenfreude, die gnadenlose Aburteilung, wenn die da oben nicht so funktionieren, wie wir uns das vorstellen. Dann machen wir lustvoll nieder, was und wen wir vorher bewundert haben – von Uli Hoeneß über Marco Reus bis zu den deutschen Skispringern.
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Ohne Not und ohne sportliche Rechtfertigung wurden sie zu Topfavoriten hochgejubelt, die endlich, endlich wieder den Tourneesieg nach Deutschland holen müssen. Dann klappte es beim Auftaktspringen nicht so, wie verlangt, und schon sind die Jungs »Suppenhühner«, deren »Versagen« genüsslich seziert, angeklagt und geschmäht wird. So etwas nennt sich dann kritischer Journalismus.
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Trotzdem, oder gerade deswegen, übt der Journalismus eine anscheinend übermächtige Anziehungskraft aus. Goethe, wer sonst, hat auch das schon gewusst: »Zum Golde der Medien drängt, an den Medien hängt doch alles. Ach, wir Armen!« Oder so. Das viel belächelte Wort, »irgendwas mit Medien« machen zu wollen, hat ja auch seine Berechtigung: Mit unseren Medien, mit dem Journalismus also, muss unbedingt etwas gemacht werden, damit er nicht seine Berechtigung verliert und sich in den »sozialen Netzwerken« verstrickt, dieser asozialen Globalisierung, die den Klimawandel vorwegnimmt: Es gibt nur noch Extremwetter, süße Candy-Stürme und verheerende Shit-Orkane.
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Nicht Goethe, ein anderer großer Geist – ich komme gerade nicht auf den Namen – hat schon bei seinem ersten Besuch in Deutschland über uns gestaunt, die wir »nur zwischen Schwarz und Weiß entscheiden konnten und es offenbar nicht für möglich hielten, dass es im Leben auch noch eine graue Spur gibt«.
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Auf der grauen Spur zu Marco Reus. Zum Urvertrauen des Deutschen in Akten, Ausweise und andere amtliche Bescheinigungen gehört scheinbar auch die Folgerung: Wer sieben Jahre ohne Führerschein unfallfrei fährt, ist ein verdammenswürdigerer Sünder als einer, der besoffen Unfälle baut … aber das wenigstens mit gültigem Fahrausweis.
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Reus kam nicht als abgehobener, sich über dem Gesetz wähnender Superstar in diese abartig dämliche und oberpeinliche Lage, sondern als 18-jähriger Nobody, und nach allem, was man hört, nicht aus krimineller Energie, sondern aus panisch-hilfloser Prüfungsangst. Dass er in jungen Jahren »falsch abgebogen ist« und aus der fatalen Nummer nicht mehr rauskam, dieses Klopp-Wort trifft Reus’ miese Lage auf den Kopf (in dem kein Lahm- oder Hummels-Hirn arbeitet).
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Das soll das Delikt aber nicht verharmlosen. Sieben Jahre ohne Führerschein rumzubrettern, das ist keine Bagatelle. Aber wer einfühlsam ist, kann die Not des Marco Reus nachempfinden, die ständige Furcht eines Prüfungsängstlichen, der nur als Fußballer pfiffig und ein Überflieger ist, und erfühlt empathisch die Panik vor der Blamage, die irgendwann kommen muss(te). Das ist keine Entschuldigung. Das ist Mitleid.
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Mitleid. Wer einmal auf der Suche nach einem Standplatz immer tiefer in den dunklen, verwinkelten Schlund einer altgedienten griechischen Fähre hinein fuhr, in einer kakophonischen Geräuschkulisse aus unidentifizierbaren Knällen und Krächen sowie lauthalsigsten Schreien griechischer Antreiber, den schüttelt es vor dem Grauen, das die Opfer der Fährkatastrophe vor Patras erlebt haben müssen. Dass die Zahl der Opfer vielleicht für immer unbekannt bleibt, wundert nicht. Erinnern Sie sich an unsere Serie »Von Olympia nach Athen«? Darin war im Januar 2001 die Rede von Albanern, Kurden und Afrikanern, die in Patras, dem Nadelöhr, auf ihre Chance warten, als blinde Passagiere nach Italien (und von dort nach Deutschland) zu kommen: »Von türkischen Schleppern lassen sie sich in präparierte Lastwagen stecken, von griechischen Polizisten werden sie mit Sonden aufgespürt, die auch kleinste Mengen Kohlendioxyd registrieren – der Mensch muss atmen, und er atmet Kohlendioxyd aus. Trotzdem kommen einige durch. Bei 700 Lastwagen pro Tag kein Wunder. Die anderen versuchen es immer wieder.«
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Jetzt aber Schluss mit gar nicht lustig. Schließlich begann das neue Jahr aus meiner Sicht sehr erfreulich: Am frühen Neujahrsmorgen – noch kein Mensch unterwegs, kein Auto weit und breit zu sehen – standen drei Männer an einer Kreuzung am Gießener Arbeitsamt und warteten brav, still und geduldig, bis die Fußgängerampel auf Grün sprang. Typisch deutsch!
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Die Männer sahen allerdings unverwechselbar afrikanisch-migrantisch aus. Kaum hier, und schon perfekt integriert. So muss es sein!
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Daran hätten sich die Klitschko-Brüder damals ein Beispiel nehmen sollen. Was Vitali (ha! Jetzt fällt mir wieder der Name des anderen großen Geistes ein!) zuerst auffiel, »als ich mit meinem Bruder nach Deutschland kam: Fußgänger, die auch nachts bei leeren Straßen an den Ampeln auf Grün warteten. Sie erinnerten mich an Wesen, die sich nur zwischen Schwarz und Weiß entscheiden konnten und die es offenbar nicht für möglich hielten, dass es   im Leben auch noch eine graue Spur gibt.«
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Sie machten sich über uns lustig, diese ukrainischen Brüder! Kein Wunder, dass ihre Integration katastrophal schief gegangen ist: Noch heute schlägt Wladimir jeden, der ihm zu nahe kommt, erbarmungslos zusammen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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