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Donnerstag, 1. Januar 2015, 11.00 Uhr

Das neue Jahr begann vielversprechend: Am recht frühen Morgen – noch kein Mensch unterwegs, kein Auto weit und breit zu sehen – stehen drei Männer an einer Kreuzung (für Ortskundige: am Gießener Arbeitsamt) und warten brav, still und geduldig, dass die Fußgängerampel auf Grün springt. Typisch deutsch! Die Männer sehen allerdings ausgesprochen afrikanisch-migrantisch aus. Kaum hier, und schon perfekt integriert. So muss es sein.

Daran hätten sich die Klitschko-Brüder ein Beispiel nehmen sollen. … moment mal, ich notiere das hier als Fragment für den morgen zu schreibenden “Sport-Stammtisch” und erinnere mich an das Klitschko-Zitat von damals, aber nicht mehr an den Wortlaut … ich klicke mal schnell ins Archiv …

Was Vitali, »als ich mit meinem Bruder nach Deutschland kam«, zuerst auffiel: »Fußgänger, die auch nachts bei leeren Straßen an den Ampeln auf Grün warteten. Sie erinnerten mich an Roboter, jedenfalls an Wesen, die sich nur zwischen Schwarz und Weiß entscheiden konnten und die es offenbar nicht für möglich hielten, dass es doch manchmal im Leben auch noch eine graue Spur gibt.« (Nov. 2006)

Sie machten sich über uns lustig, diese Brüder! Kein Wunder, dass ihre Integration katastrophal schief ging: Noch heute schlagen sie jeden, der ihnen zu nahe kommt, erbarmungslos zusammen.

Das ist doch schon mal ein hübscher Happen für die Kolumne. Erlebt auf dem Weg in die Redaktion, um für mich gesammelten Lesestoff (immer wieder: Danke!) zu sichten. Noch mal Danke: Für alle, die zu Weihnachten und jetzt zum Jahreswechsel nette Worte gemailt haben. Sehr lieb.

Zum ersten Mal seit Menschengedenken keine Silvester-Kolumne geschrieben, auch die erste 2015-Kolumne wird von der Redaktion übernommen. Gut so, aber ein leicht komisches Gefühl. Der “Ruhestand” hat bisher bedeutet, dass ich mehr Kolumnen schreibe als zuvor (über 200 im Jahr), bei der Masse muss ja manchmal Quatsch bei rauskommen, fürchte ich oft, und zwar nicht der freiwillig gemachte Quatsch, sondern der unfreiwillige, den ich leider erst tags darauf entdecke. Zum Glück sind die Leser mir gegenüber barmherziger als ich selbst.

Wenn ich schon mal dabei bin, sammele ich noch ein paar Kolumnen-Bruchstücke, zu verwenden für “Sport-Stammtisch” oder “Montagsthemen”: Ein charakteristisches Merkmal des Jahres 2014 wird offenbar nahtlos ins neue Jahr übernommen: die hämische Schadenfreude, die erbärmliche Erbarmungslosigkeit von uns da unten, wenn die da oben nicht so funktionieren, wie wir uns das vorstellen. Dann wird lustvoll niedergemacht, was vorher bewundert worden war. Von Hoeneß über Reus jetzt zu den deutschen Skispringern: Ohne Not und ohne sportliche Rechtfertigung werden sie zu Topfavoriten hochgejubelt, die endlich, endlich wieder einen Tourneesieg nach Deutschland holen sollen. Dann klappt es beim Auftaktspringen nicht so, wie verlangt, und schon sind die Jungs “Suppenhühner”, deren Versagen genüsslich seziert und natürlich auch begründet wird, das gehört schließlich zum kritischen Journalismus. Und wenn sie heute vorneweg hüppen? Dann erinnert sich niemand mehr an sein dummes Geschwätz von gestern. Sind wir nicht alle ein bisschen Adenauer?

Noch ein Fragment, in Stichworten: Aufweichung der 50+1-Regel / Hopp  / Sport-Bild-Frage: “Kann jetzt jeder einen Verein  kaufen?” / Beispiel USA, Los Angeles Clippers, Steve Ballmer / Ist das auch die Zukunft der Bundesliga? / Haben die Traditionalisten erst dann wieder eine Chance, wenn die Geldspirale zurückschnurrt? / Aber zurückschnurren kann sie nur, wenn es einen globalen Mordscrash gäbe; wollen wir das? / Problem bei diesem Thema: zu komplex, zu viel Zusatzinformation nötig, um als eines von mehreren Themen in die Kolumne zu pressen; außerdem: können Spiralen zurückschnurren?

Auch zu Marco Reus will ich was schreiben. Vielleicht an die Ampel-Situation anknüpfend, unseren Hang zur Hochpreisung von und bedingungslosen Gläubigkeit an Akten, Ausweise und sonstige behördliche Lebenserlaubnisse. Wer fünf Jahre ohne Führerschein unfallfrei fährt, ist ein verdammenswürdigerer Sünder als einer, der besoffen  Unfälle baut, aber immerhin mit Schein. Seltsam auch, dass denen, die glauben, besonders einfühlsam zu sein, die Einfühlsamkeit oft besonders fehlt. Reus brachte sich nicht als Superstar in diese abartig dämliche Situation, sondern schon als 18-jähriger Nobody, nach allem, was man hört, nicht aus kleinkrimineller Energie, sondern aus Prüfungsangst. Klopp sagt zwar auch manchmal dummes “geiles”, “gieriges”, “galliges” Zeug, aber das Bild, dass Reus als 18-Jähriger falsch abgebogen ist und aus dieser Nummer nicht mehr rauskam,  scheint mir die miese Lage am besten zu treffen. Nur: Wie kurz und knapp in die Kolumne einbauen und nicht als Bagatellisierer dastehen? Fünf Jahre ohne Schein mit einem Geschoss rumzubrettern, ist keine Bagatelle. Aber wer einfühlsam ist, fühlt die Not des Marco Reus, die ständige Furcht eines Prüfungsängstlichen, der zudem nur als Fußballer pfiffig und ein Überflieger  ist, und die Panik vor der Blamage, die irgendwann kommen muss(te). Das ist keine Entschuldigung. Das ist Mitleid.

Zwei weitere Bruchstücke: Rodeln und Bankdrücken, mit zwei Mails als Anstoß, die ich gleich in die Mailbox stellen will. Außerdem: Die Katastrophe der Fähre von Patras, mit Rückgriff auf einen Text aus der Serie “Von Olympia nach Athen” aus dem Jahr 2011. Weiteres: Kurzer Hinweis auf die zu folgen habenden WBI-Bilanzen. Übrigens: Wer von den Teilnehmern nichts dagegen hat, möge mir bitte ein Bild von sich mailen, demnächst könnte ich dann Auflösungs-Texte und Ranglisten mit dem einen oder anderen Porträtfoto bestücken. Ach, ich wiederholes es mal in Versalien, ist doch eine ganz gute Idee, oder?

Wer von den Teilnehmern nichts dagegen hat, möge mir bitte ein Bild von sich mailen, demnächst könnte ich dann Auflösungs-Texte und Ranglisten mit dem einen oder anderen Porträtfoto bestücken.

Hab die Versalien-Taste nicht gefunden, aber fett und rot ist auch nicht schlecht.

 

Baumhausbeichte - Novelle