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Sonntag, 28. Dezember, 6.45 Uhr

Eingeschneit. Wie es wohl unten im Tal aussieht? Auf der Straße ins Hinterland fährt kein Auto. Na ja, um diese Zeit. Der tapfere FAS-Bote aber war schon da. Mit dem Auto? Ein Held. So viel Schnee. Das kennen manche Spätgeborene gar nicht. Also Kinder, die jünger als zwei Jahre alt sind. Witzisch, witzisch, der Herr.

Aber wirklich, so viel Schnee ist hier lange nicht mehr gefallen. Der Teich ist nicht mehr zu sehen, versunken in Schneewehen. Der Teich? Der Teich? Ah, ja, der Teich, der Koffer, das Flugzeug, so beginnt der “Seemannsköpper”, mein erstes und einziges Buch, vor sechs Jahren veröffentlicht, lange vergriffen und nur in ein paar gebrauchten Exemplaren bei Ebay oder Amazon erhältlich. Hatte ihn schon fast vergessen, wollte ihn auch vergessen, denn ich hatte ein ganz anderes Buch geplant, ein viel “wichtigeres”, einen richtig großen Entwicklungsroman, zur Hälfte schon geschrieben, von einem Frankfurter Verlag mit gutem Ruf schon angenommen, aber nach monatelanger Wartezeit erfuhr ich, dass der Verlag pleite geht, pleite ging, pleite war. Aus dem Fragment habe ich den “Seemannsköpper” rausgekürzt und eine Regio-Krimihandlung drumrumgeschrieben, mit heißer Nadel. Dennoch Etikettenschwindel. War nicht glücklich damit, zumal ich das eigentliche Vorhaben, an dem ich sowieso zu scheitern fürchtete, so feige verraten habe. Warum ich jetzt darauf komme? Gestern holte mich der “Seemannsköpper” wieder ein. Ein Bekannter behauptete, den Roman bei Amazon bestellt zu haben. Neu. Ich glaubte ihm nicht, schaute nach, und siehe da, er ist wieder neu erhältlich. Warum? Wieso? Keine Ahnung. Vom Verlag seit Jahren nichts mehr gehört. Übrigens, wer glaubt, als neuer, unbekannter Autor mit einem Roman bei einem kleinen Verlag und ordentlichen Verkaufszahlen reich zu werden, täuscht sich gewaltig. Oder ich war zu naiv. Ich schätze, der FAS-Bote verdient in einem Monat mehr als ich mit dem ganzen Buch. Aber darum ging es mir ja auch nicht. Leider habe ich das, worum es mir ging, vor mir selbst verraten. Einen neuen Versuch wagen? Was mich abschreckt, ist nicht das drohende Scheitern, sondern das Drumherum, das Suchen nach einem Verlag, das Anbiedern, das Sichselbstvermarkten, die peinliche PR, die öffentlichen Auftritte mit Lesungen etc., was ich schon beim “Seemannsköpper” nicht gemacht habe, obwohl das, so sagte man mir, unumgänglich sei, um auf die nötigen Verkaufszahlen zu kommen.

Da schreibe ich doch viel lieber meine “Montagsthemen”. Eingeschneit, im warmen Arbeitszimmer. Der Teich – im Schnee verweht.

Aber was schreib ich bloß? Same question as every sunday.

 

Baumhausbeichte - Novelle