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Montagsthemen (vom 29. Dezember)

Damit niemand behaupten kann, in dieser Kolumne komme der Wintersport zu kurz, fangen wir gleich damit an. Curling. Im alten Jahr wurden der Sportart die Fördermittel gestrichen, im neuen wird sie ein Comeback feiern. Denn nach den Helikopter-Müttern kommen die Curling-Eltern: Sie wischen vor ihren Kindern her, bis diese rasch und rücksichtslos zum Erfolg gleiten.
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Hübsches Bild. Hätte ich gerne selbst gezeichnet. Hab’s aber nur gelesen. In der »FAS«. Dann nachgesuchwortelt. Und siehe da: Die »Curling-Eltern« gibt es auch begrifflich schon seit Jahren. Dann wischt mal schön.
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Wir bleiben auf dem Eis. Auf sehr dünnem. Weil der russische Europameister Fadejew bei der Eiskunstlauf-WM 1989 unter seiner engen Hose nur ein Suspensorium trug, zog ihm die britische Preisrichterin 0,2 Punkte ab. Shocking, meinte die Lady, so etwas sei nur beim Ballett üblich.
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Woher wusste sie das? Ich kenne nur die  Balletttänzer-Methode der strategisch geschickt platzierten Hasenpfote. Und damit zum aktuellen Anlass: Cristiano Ronaldo hat in seiner Heimatstadt Funchal auf Madeira pfauenstolz eine, nämlich seine, Bronzestatue eingeweiht. Deren Realitätsnähe wird nun verspottet, weil sie im sensiblen Fadejew-Bereich … also, sagen wir mal so: Die Statue ist 3,40 Meter hoch und 800 Kilo schwer, und Ronaldos sekundäres Organ (primäres: ganz unten; nachrangiges: ganz oben) versinnbildlicht plastisch-drastisch und buchstäblich hervorragend das Wort »Gemächt«, das in der Phantasie des Künstlers und/oder Ronaldos einen Gutteil der 3,40 Meter und 800 Kilo für sich beansprucht.
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Bleibt nur die Frage: Fadejew-Methode? Nee, bringt nicht viel. Hasenpfote? Auch nicht. Selbst der Riesenrammler schaut in Funchal verschüchtert weg. Oder ließ sich Ronaldo wie Mick Jagger (behauptet jedenfalls Keith Richard) dort von Bienen stechen, um unter der Hose gewaltiger zu wirken? Aua! Tut ja schon beim Schreiben weh!
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Riesenrammler? Tut mir leid, so heißt der Stolz deutscher Kaninchenzüchter nun mal. Auch dazu recherchiere ich im Internet und finde diese mit Beweisfoto bestückte Kleinanzeige: »Verkaufe meinen  Riesenrammler. Er ist kräftig gebaut und sehr gut für die weitere Zucht. Bei Interesse melden. Auch Whats app ist möglich.« – Was es alles gibt!
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Schluss mit lustig. Denn so etwas gibt es ja wirklich, im Internet, siehe auch »Tatort«. Nicht der alte, in dem sich Berti Vogts seinen Ruf als schlechtester deutscher Amateurschauspieler redlich verdiente (erinnern Sie sich? »Ist das euer Kaninchen?«), sondern der von gestern Abend mit dem Thema, das noch vielen Jugendlichen das spätere Leben schwer machen wird, weil das Netz nichts vergisst.
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Nicht nur gestern, sondern schon seit geraumer Zeit muss der »Tatort« die Probleme der ganzen – zumindest deutschen – Welt thematisieren und möglichst auch lösen, mit gesellschaftlich und cineastisch höchstem Anspruch, überwacht von kritischen Medienschaffenden, die schärfer aburteilen als einst Marcel Reich-Ranicki. Am besten schneiden Krimis ab, wenn sie auf Tarantino getrimmt sind, mit schnellen, harten Schnitten, Wackel-Kamera und lärmenden  Hintergrundgeräuschen, so dass die Dialoge kaum zu verstehen sind.
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Über Weihnachten lief der alte Hugh-Grant-Film »Notting Hill« im Fernsehen, zwar  Kitsch as Kitsch can, aber immer wieder schön. Einmal sagt Julia Roberts: »Ich bin doch nur ein Mädchen.« Und der »Tatort« ist doch nur ein Filmchen.
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Fußball. Der BVB verpflichtet in seiner Not einen Kicker von Red Bull Salzburg, also aus der No-go-area für Fußball-Traditionalisten, die einen Shitstorm aufheulen lassen (für Sprach-Traditionalisten: Kotorkan wg. Nicht-Hingeh-Bereich).
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Uli Hoeneß hat seinen Weihnachtsurlaub beendet, zwischendurch seinen bayerischen Verdienstorden aus Protest zurückgegeben (sagen die einen) oder zurückgeben müssen (hämen die anderen). Nicht begraben durfte er zuvor seinen 14 Jahre alten Hund. Das ist zwar ein biblisches Alter für einen Labrador, doch ihn nicht begleiten zu dürfen, war die vielleicht härteste aller Strafen für Hoeneß. Hunde-Menschen wissen das und litten mit ihm.
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Alexander Meier auf die Frage, wer Torschützenkönig wird: »Einer von den Bayern.« Glaube ich nicht. Die machen sich selbst zu viel Konkurrenz. Ich wette: Meier macht’s. Apropos Eintracht. Mir fiel jetzt eine Überschrift auf: »Zchadadse für Georgien.« Was? Dachte ich. »Unser« Zchadadse spielt im März in Tiflis gegen Deutschland? Beim Lesen des Textes stellte ich aber fest, dass nicht nur nichts älter ist als die Zeitung von gestern, sondern dass auch kaum jemand älter ist als der »Montagsthemen«-Zeitungsschreiber von heute, denn Zchadadse, von 1993 bis 1996 bei der Eintracht, ist schon längst kein Spieler mehr, sondern Trainer.
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Nicht nur der Fußball, auch die Zeit ist ein Rasen-Spiel (aua! das tut ebenfalls kalauerig weh!). Wie sang einst Gilbert Becaud? »Und die Zeit und die Zeit … sie löst sie auf« … und zwar alle Probleme. Gründlicher als der »Tatort«. (gw)
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(www.anstoss-gw.de   Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle