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Sport-Stammtisch (vom 27. Dezember/mit letzter WBI-Runde)

»Zwischen den Jahren sind aller guten Thinge drei.« Ja, ich weiß: So begann schon einmal ein »Sport-Stammtisch. Zwischen den Jahren – diese heute nicht messbare Zeitspanne gibt es nur, weil es sie einmal gab: Früher schwankte der Jahreswechsel in deutschen Landen je nach Religionszugehörigkeit zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar. »Aller guten Thinge« waren drei, weil beim »Thing«, der Rats- und Rechtsversammlung der alten Germanen, ein Angeklagter erst beim dritten Thing persönlich erscheinen musste – ein schöner alter deutscher Brauch, der in modernen Zeiten für die »missed tests« der Dopingkontrollen übernommen wurde, aber das ist ein anderes Thema.
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Heute sind in dieser Kolumne die ehrlichen alten Handwerksberufe Melker, Maurer und Weber aller guten Dinge drei (aber das, pssst, nur als erster, versteckter WBI-Tipp). Doch nach der Sportlerwahl des Jahres sind, heißt es jetzt, nicht aller guten Dinge drei: Sportlerin und Mannschaft sind zwar über jeden Zweifel erhaben – aber ist eine olympische Goldmedaille (Rodler Loch) nicht viel wertvoller als ein EM-Titel (Werfer Harting)?
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Nein. Denn so rechnen nur Medaillenerbsenzähler. Für die ist Rodeln sowieso das Größte: Vier Wettbewerbe in Sotschi, vier deutsche Goldmedaillen. Weltweit wird Diskus geworfen, aus allen fünf Erdteilen kommen absolute Weltklassewerfer, aber Rodeln … Rodeln? In wie vielen Ländern wird gerodelt? Wie viele Millionen werden in Deutschland ins Rodeln investiert? Wie viele Rodelbahnen besitzt Deutschland, wie viele die Welt? Wir bejubeln unsere Rodler, und in den USA, China, in fast allen anderen großen Sportnationen, wundert man sich: Was machen die da bloß? Spinnen die Deutschen? Geht’s denen zu gut?
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Aber von mir aus hätte der Rodler auch  gegen den Werfer gewinnen dürfen, denn bei derartigen Sportlerwahlen werden Äpfel und Birnen miteinander verglichen, objektive Kriterien spielen keine Rolle. Leider aber habe auch ich früher mitgespielt, sogar als Initiator von Sportlerwahlen, Jahrzehnte ist’s her. Heiß und kalt lief es mir über den Rücken, wenn Überehrgeizige aus Randsportarten tausendfach Stimmen für sich selbst sammelten, vor Kaufhäusern und an anderen öffentlichen Orten, während bundesweit bekannte und erfolgreiche Athleten hinter Jux-Sportler zurückfielen, die zum Beispiel Weltrekorde im Dauerkicken aufstellten. Nach ein paar Jahren beendete ich unsere Wahlen, sie wurden mir, nun ja, zu heikel. Dass ich seitdem jegliche Form von Rankings misstrauisch beäuge, auch das ist ein anderes Thema.
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Da lobe ich mir die »Wer bin ich?«-Ranglisten. Und unsere Leser, natürlich. In diesem Zusammenhang: Dankeschön für viele nette Grüße und Wünsche. Zum Beispiel von Doris Heyer aus Staufenberg-Treis, die uns aber auch wieder in die Spur zurück bringt: »Darf man hoffen, dass in 2014 keine WBI-Frage mehr auftaucht, mir wäre es recht, denn gefunden habe ich bisher keine?« Konnte sie, konnten Sie auch nicht, denn das angekündigte Verstecken in einer »normalen« Kolumne folgt erst heute, und zwar als Drei-Punkte-Quicky.
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Auf geht’s: Unsere Gemeinsamkeit ist schon auf den ersten Blick offensichtlich. Aber wir, A, B und C, sind auch durchweg bodenständige Typen, haben Spitz- bzw. Ehrennamen, die häufiger genannt wurden als unsere Vornamen, feierten unsere größten Erfolge im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts, und wir wurden weniger durch unsere in etwa gleich oft gewonnenen deutschen Meistertitel (zusammen 14) berühmt, sondern durch andere spektakuläre Taten. Nicht gemeinsam haben wir  unsere Sportarten (keine wird im Kolumnen-Text oben erwähnt) und unser Geburtsjahr (addiert eine Zahl knapp über 5800).
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A: Ich bin in meiner Heimatstadt geboren und gestorben, wurde mit einem Schlag weltberühmt, sang auf Schallplatten und trat bei Karnevalsveranstaltungen auf. Bei einem Wettkampf in den USA spielte ich auf einem Blasinstrument sogar die Nationalhymne … na ja, ich dachte, dass sie es ist. Das gab Ärger. Aber davon hatte ich sowieso genug.
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B: Auch mir wurde, sogar auf dem Höhepunkt meiner Karriere, ein Skandal nachgesagt, doch ich handelte nur konsequent. Auch ich versuchte mich als Schlagersänger, ungleich erfolgreicher, aber mit ähnlichen Reim-Krachern. Später bekam ich Probleme, aber nicht, weil ich meinte, dass Frauen nicht Fußball spielen, sondern in der Küche bleiben sollten. Meine Probleme waren anderer Natur, aber lassen wir das. Alles vergeben und vergessen. Sogar ein Stadion ist nach mir benannt.
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C: Wenn ich das lese, muss ich sagen, dass uns mehr trennt, als wir Gemeinsamkeiten haben: Von mir wurden keine Skandale bekannt, ich habe keine Schlager gesungen, und ich bin sicher der heutzutage Unbekannteste von uns. Damals aber wurde ich gefeiert, weil nur durch mich ein deutscher Sieg möglich wurde, der sogar mit einem legendären  Fußball-Ereignis  verglichen wurde. Und ich hatte ein buchstäblich großes Herz, deutlich größer als das eines späteren Radsport-Helden, und galt damit als medizinisches Wunder.
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Wer sind diese drei Sportler mit der einen ganz offensichtlichen Gemeinsamkeit und noch der einen und anderen dazu? Einsendeschluss: Silvester 2014. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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