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Montagsthemen (vom 22. Dezember)

Das schier unglaubliche Auseinanderdriften von Bayern und BVB … halt. Driften? Kontinente driften jährlich ein paar Zentimeterchen auseinander, aber die beiden ehemaligen Rivalen haben sich in dieser Bundesliga-Hinrunde mit Lichtgeschwindigkeit voneinander entfernt. Während die Münchner als Supernova am Fußball-Himmel gleißen, stürzen die Dortmunder hilflos kreiselnd in ein schwarzes Loch.
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Schon wieder ein falsches Bild: Als Supernova strahlt ein Stern am Ende seiner Lebenszeit kurzfristig auf, um dann im schwarzen Loch zu verschwinden. Daran glauben selbst die hartnäckigsten Bayern-Hasser nicht. Was also ereignet sich da in der Bundesliga? Fragen wir den Philosophen: »Das Ereignis ereignet. Damit sagen wir vom Selben her auf das Selbe zu das Selbe.« Aha. Auch Heidegger hat definitiv keine Ahnung. Auch vom Fußball nicht.
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»Definitiv« – ein Modewort. Bevor wir vom Thema wegdriften, fassen wir das Unfassbare in Zahlen: Um mit den Bayern gleichzuziehen, müsste der BVB die nächsten zehn Spiele gewinnen und der FCB alle verlieren. Oder: Gewinnen die Bayern bis zum vorletzten Tag kein einziges Spiel mehr (alle unentschieden) und die Dortmunder jedes, entscheidet erst der letzte Spieltag (lassen wir die anderen da oben mal aus dem Spiel). Oder: Bayern hat mehr als doppelt so viele Tore geschossen, der BVB mehr als sechs Mal so viele Gegentore kassiert. Oder … ach was, es ist einfach nicht zu fassen. Definitiv!
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Schwere Zeiten für BVB-Fans. Heinrich Steinmeier, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Bövinghausen, beantragte beim Sozialamt, das Sky-Abo für seine Schwiegermutter zu bezahlen, da diese BVB-Fan, 92 und bettlägerig sei. Als der Sachbearbeiter ablehnte, schickte Steinmeier (mit SPD-Kopf) einen Protestbrief an Oberbürgermeister Ullrich Sierau und forderte, »diesen Mann« aus dem Amt zu »entfernen«, denn er »gehört in das System einer SS-Verwaltung«. Nun droht aber Steinmeier Ungemach. So ungerecht ist die Welt zu den BVB-Fans!
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Und Parteigenosse Heiko Brankamp, Bezirksvorsteher von Lütgendortmund, seufzt: »Wir nehmen Schaden wegen solch einem Blödmann.« Er meint nicht Gabriel, nicht Stegner, um die parteiintern über den »Blödmann« gerangelt wird, sondern Steinmeier. Und zwar nicht den ehemaligen Gießener Studenten Frank-Walter, sondern den BVB-Fan aus Bövinghausen. Der bereut nicht, er hat halt den BVB im Herzen und als Brett vor dem Kopf. Aber Rasen-Reuser Reus reut sein Straßenraserfehlverhalten. Da ich immer zu denen halte, die am Boden liegen, wünsche ich ihm wenigstens vorübergehend die Mentalität eines, sagen wir mal, Stefan Effenberg oder Tim Wiese. Gegen deren Selbstverständnis prallt Häme ab und hat Scham keine Chance. Reus dagegen wirkte schon immer auch außerhalb des Fußballplatzes verletzlich, eher wie der linkische, scheue, schüchterne und hoffnungslos in Maja Maranow verliebte Gerichtsmediziner aus meiner Lieblings-Krimiserie »Ein starkes Team«.
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Das fällt mir jetzt nur ein, weil ich gelesen habe, dass in Berlin ein Laden eröffnet wurde, in dem man in der Mittagspause ein Nickerchen machen kann. 20 Minuten Powernapping kosten acht Euro. Und ich hatte mal gedacht, als »Sputnik« (Ex-»Polizeiruf«-Kommissar Jaecki Schwarz, Sidekick beim starken ZDF-Team) wieder eine neue Geschäftsidee hatte und ein Nickerchen-Geschäft eröffnete, das sei nun doch  arg überzogen. Aber gegen die  Realität hat die Phantasie nun mal keine Chance.
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In acht Minuten ein Nickerchen machen … daraus einen hessisch-homophonen Gag zu basteln, untersage ich mir.  Wussten Sie, dass jener Gerichtsmediziner von Robert Seethaler gespielt wird, dem österreichischen Autor, der aktuell mit »Ein ganzes Leben« auf der Bestsellerliste nach oben schießt? Ich habe gerade erst (sehr gerne übrigens) Seethalers »Trafikant« gelesen. Das ist das österreichische Wort für den Betreiber jener Kleinstläden, die in Griechenland Períptero heißen, in Deutschland Kiosk und in Hessen Wasserhäuschen. Vielleicht ein später Geschenktipp. Kein Kiosk, sondern die beiden Romane.
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Apropos Weihnachten. Zu den Rührgeschichten dieser Tage gehört die vom Weihnachtsfrieden vor 100 Jahren an der Weltkriegs-Front bei Ypern. Das »kleine Wunder zum Fest« (Überschrift in der überdimensionalen – die Werbefotos müssen reinpassen – FAZ-Beilage) rührt allerdings weniger, als es existenzpessimistisch berührt. Haben sie nicht sogar Fußball gespielt? So eine Art Pausentee zwischen zwei Kriegshalbzeiten? Als wär’s ein   Monty-Python-Sketch. Aber das ist ein ganz anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle