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Sport-Stammtisch (vom 20. Dezember)

Wes Geistes Kind muss einer sein, der jahrelang ohne gültige Fahrerlaubnis unterwegs ist, zuletzt in einem 150 000-Euro-Geschoss? Klar, solche Typen gibt es. Protz-Macker am Rand der Gesellschaft. Aber ist Marco Reus solch ein Typ? Die Alternative klingt auch nicht viel erfreulicher: Oder ist er ein schlichtes Gemüt, nicht am Rand der Gesellschaft, sondern am Rand der Brummsdummheit?
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Doch keine Angst, es folgt keine Moralpredigt, keiner der Empörungsaufschreie, wie sie jetzt durch die Medien hallen, sondern ein Datum: 18. März 2014. Der Tag, an dem Reus bei einer Polizeikontrolle aufflog. Seitdem wusste er, was auf ihn zukommen musste. Und seitdem beutelt ihn die Verletzungsseuche. Immer rund um das Sprunggelenk. Am Gasfuß.
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Das will kein Witz und soll keine Esoterik sein. Im Gegenteil. Psychosomatik (leib-seelische Wechselbeziehung) gehört zur Schulmedizin, außerdem kennt sie jeder vom und am eigenen Leib. Erinnern Sie sich an den »Anstoß« vom Oktober, Titel: »Verletzungsbereitschaft«? Es ging um die These eines aus Gießen stammenden ehemaligen Bundesliga-Physiotherapeuten: »Jede Verletzung ist letztendlich vermeidbar. Schicksalhaftes Pech gibt es dabei nicht, sondern nur ganz bestimmte Faktoren, die einen Körper oder Körperregionen verletzungsbereit machen.« Sein Stichwort: »Organsprache«. Das Kniegelenk stehe »für das Selbstverständnis, für das Ego, für den eigenen Stolz. Es ist erstaunlich, warum  Spieler immer wieder mit den gleichen körperlichen Beschwerden reagieren.«
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Reus und sein schneller Fuß. Seit März verunsichert, voller Angst vor der unvermeidlichen Blamage. Wirkt der Junge nicht seit Monaten nach außen seltsam defensiv, fast verschüchtert? Als williges Opfer der Bakalorze? Wenn was dran ist an dieser Organsprache (ich weiß es nicht, weise es aber nicht kategorisch ab), dann hat Marco Reus seine wahre Strafe schon längst bezahlt und abgesessen, während der WM verschärft wie im Zuchthaus, und gegen diese Seelen-Folter wirken selbst 540 000 Euro wie Peanuts. Fragt sich jetzt nur noch, gemäß des alten Bestseller-Titels des Gießener Psychoanalytikers Horst Eberhard Richter: Flüchten oder Standhalten? Hält Reus stand, oder flüchtet er vor der Häme ins Ausland?
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Als hätte Borussia Dortmund nicht schon genug Sorgen. Über die Gründe für den beispiellosen Niedergang wird viel gerätselt. Ich rätsele mal mit: Als die wilde BVB-Meute begann, durch die Bundesliga zu hetzen, vermutete ich, dass solch eine Parforcejagd trainingstheoretisch keine zwei, drei Monate länger durchzuhalten sei, das dicke Ende komme gewiss. Ich täuschte mich und wurde zum staunenden BVB- und Klopp-Fan. Doch nun frage ich mich: Habe ich nur Jahre mit Monaten verwechselt?
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Ich irre mich gerne und lasse Marco Reus den BVB doch noch in der Bundesliga nach oben und in der Champions League zum Titel schießen. Aber das ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein Torschützenkönig Alex Meier und eine Frankfurter Eintracht mit mehr Treffern als Bayern München. Obwohl – Meier führt schon deutlich, und die Eintracht (66) ist den Bayern (42) ebenfalls klar voraus. Allerdings ließen die gierigen Bayern ihren Gegnern von der Gesamtausbeute nur drei Törchen übrig (39:3), während die Eintracht redlich teilte. 33:33 – irre Zahlen aus der Wunderwelt des Fußballs.
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In diese Wunderwelt wuchs ich als Junge hinein, dem es oft erging wie »Locke«: Wenn 23 Jungs sich zum Straßenkick aufteilten, musste er als überflüssiger 23. zusehen. Um so begeisterter war ich, als ich später »Locke und die Fußball-Stiefel« las, ein Buch, das mich  faszinierte wie zuvor Fritz Walters »Spiele, die ich nie vergesse«. Und jetzt das: »Seit Jahren ist es mir gelungen, als sehr geneigter Leser Ihrer Kolumnen inkognito zu bleiben. Nun aber ist ein Anlass gegeben, aus dieser Versenkung mal kurz aufzutauchen und meinen Dank für jahrelanges vergnügtes und hintersinniges Lesen auszusprechen«. Albert Weil aus Ober-Mörlen legt  ein Buch bei – eben: »Locke und die Fußball-Stiefel« von Hasso Damm. »Das Buch drückt so viel von der Sport- und Lebensphilosophie und der Seele des Sports aus, die ich oft auch in Ihrem Geschriebenen wiederfinde.«
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»Locke« gehörte auch zu den Kindheits-Lieblingsbüchern des großen Kolumnisten Axel Hacke. Trainer Volker Finke las  daraus sogar Freiburger Spielern vor. Das Buch ist seit vielen Jahren vergriffen. Sehr selten, vier Mal seit 2009, taucht es bei Ebay auf (für bis zu 27,30 Euro) – aber ich hab’s jetzt, sogar neu! Denn Hasso Damm (86), der das Buch 1956 schrieb, lebt ebenfalls in Ober-Mörlen und ist der ehemalige Handballtrainer unseres Lesers. Das versetzte Albert Weil in die »glückliche Lage, das Buch als PDF-Datei von ihm zu bekommen und nachdrucken zu lassen«.
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Dankeschön. Dank auch anderen Lesern für  freundliche Worte, zum Beispiel an Alexander Jörg (Karben), der die »Montagsthemen« am PC im Büro las und beim »mächtigen« Ausruf »Piep!« so laut lachen musste, dass ihn die Kollegen verwundert anblickten. Da erhebe ich noch einmal meine mächtige Stimme und sage wieder, wie einst Horst Hrubesch, »nur ein einziges Wort: Herzlichen Dank!” (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle