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Das war’s (3./Schluss/Anstoß vom 19. Dezember)

Mit Splittern aus »gw«-Kolumnen in drei Teilen durch das Sportjahr 2014 – unsere traditionelle »Das war’s«-Collage mit Beobachtungen am Rande zwischen Skurrilem und Anrührendem, Spaß und Ernst (Teil 3: Juli – Dezember)
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Haben Sie die seltsame Frisur des Zehnkämpfers Rico Freimuth gesehen? Freimütig gibt er zu, das sehe zwar bescheuert aus, aber irgendwie müsse man ja auffallen. Das sieht die Speerwerferin Linda Stahl ganz anders. »Ich bin nicht bereit, mir was auszudenken, damit ich in die Zeitung komme«, sagt sie. Auch in den »Playboy« wollte sie nicht, obwohl »2012 alle Olympia-Sportlerinnen gefragt wurden. Das machen die vom Playboy immer, und drei, vier sagen dann normalerweise ja«. Das sind die ganz verzweifelt Freimuthigen, gelle Rico?
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Früher hausten Wettanbieter dort, wo es stank, in schäbigen Bahnhofsvierteln neben anderen Bedürfnisanstalten. Die Zeiten ändern sich, die Bedürfnisse bleiben die gleichen, nur ihr Ambiente nicht. Die Wettanbieter residieren in Vorstandsetagen und verstecken sich nicht im Zwielicht, sondern präsentieren sich stolz im Rampenlicht, bevorzugt auf den Trikots von Fußballern der von ihnen gesponsorten Bundesligaklubs. Dazu der O-Ton eines ZDF-Experten: »Ihre Wette in sicheren Händen!« Da bekommt der alte Karl Marx (»… jedem nach seinen Bedürfnissen«) neue Bedeutung. Non olet? Olet? Jeder riecht mit seiner eigenen Nase.
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Noch einmal zu Schweinsteiger: Er ist der logische Kapitän, dass die Nachfolge von Lahm überhaupt diskutiert wurde, verstehe ich nicht. Hätte Löw einen anderen ernannt, wäre das in etwa so absurd, als hätte Thomas Schaaf in Frankfurt einen anderen als Alex Meier … upps!
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Zur Textilindustrie. Onkel Dagobert würde im Grab rotieren, läge er denn drin (doch er ist ja unsterblich), wenn er von der Gewinnspanne erführe, die zwischen 15 Cent für eine kinderarbeitende Näherin in Bangladesch und 84 Euro im Laden für ein WM-Trikot liegen. Er müsste in Entenhausen neue Geldspeicher anbauen, um all die Fantastillionen unterzubringen.
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Bei der Spanien-Radrundfahrt wurden ein Italiener und ein Russe, der sich  an dessen Sattel festgehalten hatte, disqualifiziert, weil sie sich  wie die Kesselflicker kloppten – auf dem Rad, bei Tempo 40! Eine artistische Leistung, reif für den Tigerpalast (Tempo 40 ist dort allerdings nur schwerlich auf die Bühne zu bringen).
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Christoph Kramer will ein Buch über die WM schreiben, ein »philosophisches« sogar, und zwar schnell, denn er möchte »das Weihnachtsgeschäft mitnehmen«. Damit erfüllt er die Grundvoraussetzungen für einen Bestseller: Zielgerichtetes Marketing (Weihnachten), scheinbarer Tiefgang (philosophisch), ein Thema, das brennend interessiert (WM-Sieg) – und von dem er selbst nicht viel weiß (Gehirnerschütterung) – (Wo bleibt es denn, das Buch?)
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Zum Glück hatten Serben und Albaner in Belgrad keine Maschinengewehre zur Hand, es hätte ein Massaker gegeben. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man schmunzeln über die eigentlich recht pfiffige Idee, eine Provokations-Flagge per Drohne ins Stadion einzufliegen. Aber man stelle sich bloß vor, oder lieber nicht, was man noch alles mit einer Drohne dort- und anderswohin transportieren könnte.
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Was sind Problemspiele? Und wer zahlt, wenn Hamburger Chaoten auf dem Weg zum Spiel nach München im Frankfurter Hauptbahnhof randalieren? Bayern? HSV? Oder die Eintracht? Unabhängig von der Kostenfrage: Es sind überwiegend Wohlstandsverwahrloste, die nach ihrem Spießer-Alltag den Wochenend-Kick suchen. Den sollten sie auch bekommen, aber bitte nicht nach der gängigen Formel, dass auf einen verletzten Chaoten zehn verletzte Polizisten kommen. Die Randalierer sollten schmerzhaft spüren, dass ihr Freizeitvergnügen kein Spaß ist und keinen Spaß macht.
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Was haben die Götter bloß gegen Marco Reus? Aber es stellen sich auch sehr irdische Fragen: Ist der Körper des Filigranfußballers zu zart für seine Überbegabung (wie einst bei Zehnkämpfer Busemann)? Die Leichtigkeit im Antritt, die Eleganz der Bewegung, die Schnelligkeit, das alles erinnert an ein edles Vollblut-Rennpferd. Aber wenn ihm ein Ackergaul die Hufe an die Fesseln haut, lahmt es wochenlang. Das hat sicher auch Auswirkungen auf die Reus-Gelüste der ganz Großen. So könnten sich die Bayern nach simpler Kosten-Nutzen-Rechnung auch fragen, warum sie einem Konkurrenten (der momentan keiner mehr ist) wieder einmal den Besten wegkaufen sollten, wenn ihn doch regelmäßig schon die Ackergäule anderer Klubs weggrätschen? (Letztes Reus-Aua: 540 000 Euro für Fahren ohne Führerschein, das tut auch einem Fußball-Multimillionär weh).
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Münchens Vorsprung wächst so unaufhörlich wie Riberys Bart. Diesmal folgt die Mode sogar den Gesetzen der Logik bzw. des Nullsummenspiels: Was sie  befohlen hat, unten abzurasieren, befiehlt sie nun, oben nachwachsen zu lassen. Der Hals als Demarkationslinie zwischen Vollrasur unten und Wildwuchs oben. Früher war alles nicht besser, sondern nur andersrum.
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Interessierte Kreise verlangen nun von mir, meine mächtige Stimme gegen den möglichen Olympia-Ausschluss des Kugelstoßens zu erheben. Also gut: Piep!
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Klopp greift  nach einem Strohhalm, wenn er glaubt, »dass das Leben gerecht ist. Und wenn man sich im Erfolg schlecht verhält, glaube ich, dass das irgendwann zurückkommt.« – Das Leben ist gerecht? Wer sich im Erfolg schlecht benimmt, wird das büßen? Bayern hin, München her: Die Lebenserfahrung der meisten Menschen ist eine andere. Auch daher glauben und hoffen viele, dass erst das nächste Leben Gerechtigkeit und Buße bringen wird. Aber das wäre für den BVB zu spät und ist sowieso ein ganz anderes Thema.   (gw)
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Baumhausbeichte - Novelle