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2014 – Das war’s (1./vom 17. Dezember)

Mit Splittern aus »gw«-Kolumnen in drei Teilen durch das Sportjahr 2014 – unsere traditionelle »Das war’s«-Collage mit Beobachtungen am Rande zwischen Skurrilem und Anrührendem, Spaß und Ernst (Teil 1: Januar – März)

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Die ungewöhnlich große Anteilnahme am Schicksal von Michael Schumacher gilt nicht nur dem siebenfachen Formel-1-Weltmeister, sondern wohl mehr noch der Art, wie er sein Leben danach gestaltet hat: Ruhig, unaufgeregt, antiborishaft, mit einem zwar gescheiterten Comeback, das er aber in gelassener Würde beendete. Vom ungeliebten »Schummel-Schumi« zum weltweit geachteten Größten seines Sports – ein auch menschlich beeindruckender Lebensweg. Was nun wird, weiß niemand (woran sich auch am Ende des Jahres nichts geändert hat).

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Bei der Niederlage gegen die Los Angeles Clippers war DeAndre Jordan mit 25 Punkten bester Werfer. Wie hoch hätten die Clippers erst gewonnen, wenn nicht de andre, sondern de richtige Jordan mitgespielt hätte?

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Im Internet kursiert ein Video, das begeistert angeklickt wird und schon zigtausend »Likes« bekommen hat: Ein dickes Mädchen, etwa zwölf Jahre alt, läuft im Sportunterricht frohgemut an, um ein Rad zu schlagen, seine Arme brechen aber unter dem Gewicht des Körpers ein, das Mädchen kracht fürchterlich zusammen und windet sich am Boden. Auch die Netzgemeinde windet sich am Boden, die »sozialen« Medien lachen sich schlapp. Wird das arme Mädchen jemals darüber hinweg kommen?

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Das Schwulsein eines ehemaligen Fußballprofis ist Nummer-eins-Meldung in den Medien, alle überschlagen sich vor Begeisterung über den Bekennermut – und das ist zugleich das wahre Problem, denn diese grotesk verzerrten Dimensionen offenbaren hinter und unter aller scheinbar freundlichen Akzeptanz eine unsichere Verklemmtheit der anderen Art.

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Schumis Formel-1-Nachfolger Sebastian Vettel soll Papa geworden sein. Er, seine Freundin, die Familie, das Management sagen nichts dazu. Grundsätzlich. Wohltuendes Gegenmodell zu anderen Ganz-, Halb und Viertelpromis, die schon längst jubelnd getwittert und Fotos auf Facebook gepostet hätten, auch mit Aufnahmen von der Geburt, demnächst sicher auch mit filmischen Belegen des Zeugungsaktes (Robbie Williams war später im Jahr nah dran).

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Zu den besten Leistungen der letzten Zeit gehört ganz sicher der Weitsprung von Markus Rehm, der mit 7,61 m und mehr als einem halben Meter Vorsprung Hallen-Nordrheinmeister wurde. Rehms Bestleistung steht sogar bei 7,95 m. Damit wurde er im Juli 2013 Weltmeister. Bei den Paralympics. Denn Rehm ist beinamputiert. Mit seinen 7,61 m gewann er gegen Nichtbehinderte, nach den – heiß diskutierten – DLV-Richtlinien wurde er daher nachträglich ausgeschlossen. Die Diskussion wird sich erübrigen, wenn nach der rasanten Entwicklung der High-Tech-Prothesen der erste Beinamputierte zehn Meter weit springt. Nichtsdestotrotz ist Rehm ein großer Sportler (die heißen öffentlichen Diskussionen begannen erst später, aber auch an dieser Feststellung hat sich am Ende des Jahres nichts geändert: ein großer Sportler).

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Warum heißt der Bremser im Bob Bremser, obwohl er ein Anschieber ist und strenges Bremsverbot hat? Im Englischen heißt der Bremser daher auch Pusher, was wiederum ebenfalls missverständlich ist, denn spätestens seit Steppenwolfs »Snowblind Friend« wissen wir: »The pusher is a monster.« Ein Monster war auch der DDR-Sport. Nicht nur, weil er monströs erfolgreich war. Wenn wir Bundesrepublikaner unser olympisches Hinterherhinken erklären wollten, fiel stets das Kalte-Kriegs-Schlagwort »Staatsamateure«. In Sotschi stehen nun drei Viertel der deutschen Mannschaft in Staatsdiensten bei Bundeswehr, Polizei oder Zoll. Wächst zusammen, was zusammen gehört? Oder was sich nicht gehört?

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2008 in Peking war Jamaika (Bolt & Co.) gemessen an der Einwohnerzahl die absolute Nummer eins, und nach effizienter Wirtschaftskraft führte Simbabwe, trieb also umgerechnet den geringsten Aufwand für seine Medaillen. Da halten wir in Sotschi lieber an unserer gewohnten Version fest – denn sonst sähe der Medaillenspiegel doch zu jamaikanisch oder simbabwisch aus.

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So aber kostet eine deutsche Olympia-Medaille alleine über fünf Millionen Euro aus dem Verteidigungs-Etat (Sold für die Sportsoldaten). Aber immerhin sind Winterspiele seit Afghanistan zwar nicht mehr unsere größten soldatischen Einsätze auf fremdem Staatsgebiet seit dem II. Weltkrieg, dafür aber die bei weitem erfolgreichsten.

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»Olympia – ein deutsches Desaster«, titelt die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« und schimpft: »Medaillenziel verfehlt.« Wenn so schon die seriöse FAS desastriert, wie werden bloß die Boulevardschlagzeilen aussehen? Medaillenziel? Welches Ziel? Ich hatte keins. Hatten Sie eins? Verfehlt wurde nur die 30-Medaillen-Forderung, die graue Apparatschiks des Funktionärsunwesens in miefig-piefigen Hinterzimmern der Macht ausbaldowert hatten.

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Dass Veh in Frankfurt sportliche Perspektiven vermisst, dass er hier an Grenzen zu stoßen glaubt, und dass die vernunftgeprägten Ziele der Eintracht »nicht unbedingt meine Ziele sind«, sagt wenig über Frankfurt und einiges über Veh aus: Der Mann überschätzt sich. Diese Eintracht trainieren zu dürfen, muss seit dem Ende der unseligen Jahre für jeden Trainer unterhalb der »hors categorie« wie Guardiola oder Mourinho eine Ehre sein (am Ende des Jahres nur ein Wort dazu: Stuttgart!).  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle