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Sport-Stammtisch (vom 13. Dezember)

Wetten, dass ein Kraftsportler von zweieinhalb Zentnern Lebendgewicht die 100 Meter schneller sprintet als ein gut trainierter Langstreckenläufer? Nein, das ist nach 33 Jahren keine der letzten »Wetten, dass?«-Wetten, sondern war vor 35 (!) Jahren Wett-Thema in der ersten »Sport-Stammtisch«-Kolumne.
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Die Wette kam nicht zustande. Muskelphysiologisch ist es kaum möglich, dass ein Ausdauerleister auf kurzer Strecke schneller ist als ein auf Maximalkraft trainierter Schwerathlet. Außerdem zuckten die Langläufer vor dem Wetteinsatz zurück: Der Verlierer hätte den Sieger (Name: »gw«) auf den Schultern vom Ziel zurück zum Start tragen müssen …
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Drei Jahre später kündigte ich – stolz wie Oskar, da weltexklusiv – in einer »Sport-Stammtisch«-Sonderausgabe an, dass sich in der noch jungen »Wetten, dass?«-Geschichte Unerhörtes beziehungsweise noch nie Gesehenes tun werde: »Burkhard Sude, Gießens Sportler und Deutschlands Volleyballer des Jahres, wird alleine gegen eine ganze Volleyball-Mannschaft antreten!« Der Rest ist Geschichte: Sude gewann gegen einen Männer-Verbandsligisten, und »Wetten dass?« hatte seinen ersten und bis heute unübertroffenen sportlichen Wett-Höhepunkt. Viel später, schon im neuen Jahrtausend, traf Burkhard Sude im Flugzeug nach Berlin zufällig auf Roberto Blanco: »Der war damals mein Wettpartner. Er hat mich sofort wiedererkannt, nach mehr als 20 Jahren. Fand ich einen schönen kleinen Sieg für den Volleyball.«
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»Wetten, dass?« war von Frank Elstner über den unglückseligen Wolfgang Lippert bis zu den langen Jahren mit dem auf seine Art genialen Thomas Gottschalk immer ein ergiebiger Themen-Lieferant für meine Kolumnen, da die Sendung fast immer Sportliches zum Inhalt hatte, oft sogar scheinbar Verblüffendes, was aber sportlich meist ganz einfach zu erklären war.
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So waren unsere Leser der ersten Stunde im Vorteil, als Deutschland buchstäblich mit dem Rücken zur Wand diskutierte. Es ging um eine Wette, bei der das muskelphysiologisch umgekehrte Prinzip unserer Sprint-Wette den Ausschlag gab: Bei der Kraftausdauerübung, vor einer Wand auf einem nicht vorhandenen Stuhl zu sitzen, verloren ein Gewichtheber und ein Kugelstoßer gegen einen Hobby-Sitzer, einen Langläufer und gegen eine Boxerin. Was nicht verwunderlich, sondern zwangsläufig war (das hat was mit isotonischer und isometrischer Kontraktion und »roten« und »weißen« Muskelfasern zu tun, würde hier aber zu weit führen).
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Die staunenswerteste Leistung vollbrachte aber kein Sportler, sondern Rico, ein Border Collie. Dieses Genie von einem Hund konnte 77 Spielzeuge unterscheiden und apportieren. Ricos Rasse wurde schlagartig bundesweit beliebt, was den Ricos und ihren Frauchen, Herrchen und Kindchen aber nicht immer gut bekam: Border Collies wollen in jeder Stunde des Tages beschäftigt werden, ohne ständige Aufgabe (Hauptberuf: Schafe hüten) können sie sich selbst und ihren Menschen zur Plage werden. Aber das nur am Rande.
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Erst Gottschalk machte »Wetten dass?« zum jahrzehntelangen Fernseh-Ereignis Nummer eins. Gottschalk: So schlau, wie Harald Schmidt sich fühlt, so klug, wie Günther Jauch nicht ist. Aber alles und jeder hat seine Zeit. »Lanz wird ein Flop, der ›Wetten, dass?‹ schon längst ohne Gottschalk geworden wäre, weil im Prinzip Schnarchfernsehen mit Promi-PR und Gabelstapler-Irrsinn. Eine scheintote Sendung, die nur Gottschalk noch mühsam am Leben halten konnte.« (»Sport-Stammtisch« 2012)
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Gottschalk und seinem sonnigen Gemüt nahm kaum jemand etwas krumm, selbst wenn er über ein Spülmittel sagte, schlichte Gemüter würden »Reini« für ein Gleitmittel halten. Einmal fragte ihn Robbie Williams: »Hast du auch Haare auf der Brust?« Gottschalk: »Nee, erst ganz weit unten.« Ach, Tommie, dafür liebten wir dich! Kindische müssen zusammenhalten! Manchmal gelangen ihm aber auch hinterlistig-lustige Gags, doch die verpufften, wie damals in Halle, als Gottschalk behauptete, Händels Denkmal dort erinnere daran, dass er hier den ersten Wienerwald eröffnet hat …
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Trotz des sonnigen Gemüts, trotz seines Reichtums, trotz … nein, wegen seiner Superprominenz möchte ich nicht mit einem wie Gottschalk tauschen. Als er bei einem Lufthansa-Flug auf die Toilette musste, hatte sein Vorgänger diese total verdreckt hinterlassen. Unsereiner würde sofort angeekelt rausgehen und bis zur Landung eisern die Pobacken zusammenkneifen. Kann sich ein Gottschalk nicht leisten: Er putzte und schrubbte das Klo von oben bis unten, bis es wieder picobello aussah. Denn hätte er das nicht getan, sagte er, hätte der nächste Klo-Besucher die Bescherung geknipst und die Aufnahme verkauft: »So sieht ein Klo aus, wenn Gottschalk drauf war.«
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Moderne Zeiten. Eine bezeichnende Wette aus späteren Jahren: Ein Mann tritt auf, zieht sich ein Kondom (vulgo: Frommser, Pariser) über den Kopf, setzt einen Hut auf, bläst ihn mit der Nase auf und hängt den Hut, der auf dem senkrecht erigierten Kondom schwebt, auf einen Haken (was leider misslingt, ooooch). Ein in der gesellschaftlichen Entwicklung leicht Zurückgebliebener wie ich nimmt aber eher irritiert zur Kenntnis, dass ein kleines Mädchen, in der ersten Reihe brav neben Mama sitzend, begeistert in die Händchen klatscht, als Papa auf der Bühne einen Pariser mit der Nase aufbläst.
Gut, dass jetzt Schluss ist. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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