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Montagsthemen (vom 8. Dezember)

Bei Nummer 108 weist Marcel Reif in seiner Live-Kommentierung mit »Achtung!«-Ankündigung darauf hin, dass die Bayern in dieser Saison nach einer Ecke noch nie getroffen haben. Prompt schießen die Münchner nach Ecke Nummer 109 das Siegtor. Oder der BVB: »Gesetz der Serie« gebrochen (Gladbach), Rückfall ins schwarze Serien-Loch (Paderborn), und jetzt, nach der Hoffenheim-Maloche, soll es wieder serienmäßig aufwärts gehen – Serien, Serien, wo immer man hinschaut und mitzählt.
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Alle Serien enden. Serien, die nie enden, sind keine Serien, sondern a priori unumstößliche Tatsachen. Und da im Fußball nichts unumstößlich ist (sogar die Pi-mal-Daumen-Tatsachenentscheidung nicht), beweist er immer wieder im ständigen wissenschaftlichen Feldversuch die Richtigkeit der Formel, siehe oben: Alle Serien enden.
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Beim Roulett gibt es kein Gesetz der Serie, dennoch glauben sogar Profizocker daran, Amateure sowieso, die auf Rot setzen, wenn fünf Mal Schwarz kam, und überzeugt sind, damit bessere Chancen zu haben. Ein fast immer folgenreich teurer Irrtum, weil: Zahlen haben kein Herz und keine Erinnerung.
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Ausnahme Fußball: Wenn eine Mannschaft 99 Mal hintereinander verliert, schrumpft die Chance immer mehr, das nächste Spiel zu gewinnen. Denn Fußballer haben Herz und Erinnerung. Serien bauen Selbstbewusstsein auf oder ab, je nachdem. Ihre Suggestionskraft ist größer als die der überzeugendsten Motivations-Irrwische, selbst wenn sie Klopp heißen.
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Deutsche Suggestionskraft macht aus dem großen Torwart Manuel Neuer jetzt schon den Weltfußballer des Jahres. Aber da die Welt sich noch an das Bayern-0:4 gegen Real erinnert, auch an die zum Glück folgenlose Harakiri-Aktion bei der WM, die alle deutschen Chancen hätte beenden können, werden die internationalen Juroren da kaum mitspielen. Rolland Courbis jedenfalls nicht, der Trainer des französischen Erstligisten Montpellier: »Wie kann man den Ballon d’Or jemandem geben, der im wichtigsten Spiel der Saison vor eigenem Publikum vier Tore kassiert hat?« (Quelle: »FAS«). Na ja, das wichtigste Spiel der Saison war ja wohl ein anderes …
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Randnotiz zur Torlinientechnik: Nur ein erster Schritt auf dem Weg, den bisher – Salz in der Suppe! – einkalkulierten Sportbetrug (und sei er auch unwillentlich) zu bekämpfen. Holland ist da schon viel weiter. Dort gibt es einen zusätzlichen Unparteiischen, der in einem Ü-Wagen sitzt und bei Bedarf dem Schiedsrichter funkt, was Sache ist, ihm aber die endgültige Entscheidung überlässt. »Controle totaal« heißt das und ist nichts anderes als  »meine« Video-Hilfe für den Schiedsrichter. Und sie bewegt sich doch! Mag’s einer wie Heribert Bruchhagen auch beklagen und verfluchen.
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Noch mal zum Weltfußballer. Ich würde Messi wählen, gemeinsam auf Platz eins mit Neuer. Aber es geht ja nicht um meine Sympathie, sondern um Einzelleistung. Und da ist Cristiano Ronaldo, der »gockelstolze Erpel ohne Bürzel«, das »alberne Showmännlein«, das sich so »idiotisch zum Freistoß aufstellt, breitbeiniger als John Wayne« (frühe »gw«-Häme, tut mir leid), kaum zu übertreffen: Ein absoluter, unvergleichlicher Ausnahmefußballer, am Ball dynamisch, kraftvoll und athletisch wie kein Zweiter und mit einer aktuell schier unfassbaren  Saison-Bilanz: 23 Tore in 14 Spielen, davon konnte selbst ein Gerd Müller nicht einmal träumen.
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Anderes Thema: Ein Leser (Wolfgang Happich aus Rosbach) übt leise Kritik, dass die Nachricht vom Tod Friedel Schirmers nur in den Kurzmeldungen auftauchte. Der Leser regt an, die Trainer-Legende aus glorreichsten deutschen Zehnkampf-Zeiten im »Anstoß« noch einmal zu würdigen. Voilà: Es war einmal ein junger Sportler, der fuhr mutterseelenallein zu den deutschen Jugendmeisterschaften. Im ersten Zehnkampf seines Lebens lag er nach zwei Übungen im Mittelfeld, stieß aber mit einem guten Kugelstoß in die Spitzengruppe vor. Eine Legende wurde auf das unbekannte Talent aufmerksam und nahm es unter ihre Fittiche: Friedel Schirmer. Alleine der Klang dieses Namens gab dem Jungen ungeahnten Auftrieb. Im Hochsprung hatte er eine Bestleistung von 1,69 m (im Straddle, Flop gab’s noch nicht), diese 1,69 war er schon oft gesprungen, nie auch nur einen Zentimeter höher (Gesetz der Serie!?). Aber nun gab ihm der große Friedel Schirmer vor der vierten Disziplin eine Gratis-Trainerstunde. Der Junge hob ab! Über 1,70, 1,75, sogar 1,80 Meter. Auch 1,85 Meter wurden aufgelegt. »Das schaffst du locker, Junge!« Der Junge lief an, knickte beim Absprung leicht um, wollte aber die Legende nicht enttäuschen und drückte sich voll mit dem Sprungfuß ab – Peng, Bänderriss. Enttäuscht beendete der Junge seine gerade erst begonnene Zehnkampfkarriere.
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So viel zur Suggestionskraft und deren Wohl und Wehe. Das ist zwar kein ganz anderes Thema, hat aber bei weitem nicht nur mit Sport zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle