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35 – 25 – 15 – 5 (“Anstoß” vom 4. Dezember)

Vor 35, 25, 15 und vor fünf Jahren jeweils im November: Kleine Texte in »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides. 35 – 25 – 15 – 5 – Los geht’s.
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»So was kann nur einer schreiben, der von Fußball keine Ahnung hat. Das muss ein ganz dummer Mensch sein. Das war eine Mannschaft früher, was die rein fußballerisch und mit dem Ball anfangen konnte, da könnte sich die heutige Nationalmannschaft mal eine Scheibe von abschneiden.« Worte des Vorsitzenden Widmayer, gesprochen beim Fortbildungslehrgang der Gießener Trainer-Vereinigung, gemünzt auf den letzten »Stammtisch«, in dem geschrieben stand, dass es im Zuge der allgemeinen leistungssportlichen Entwicklung ganz selbstverständlich ist, dass die heutige Nationalmannschaft die WM-Elf von 1954 hoch besiegen würde. Herbert Widmayer, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Fußballlehrer, soll mit seiner Meinung ruhig selig werden. Ich fühle mich durch die starken Worte des Trainer-Unikums nicht beleidigt, halte das Thema aber nicht für diskussionswürdig, da nur für realitätsferne Romantiker nicht eindeutig geklärt. (1979)
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Herbert Widmayer hat sich nun bei mir gemeldet, entschuldigt und versichert, dass ein Missverständnis vorliege, dass unser Mitarbeiter, der mitgeschrieben hatte, etwas in die falsche Kehle bekommen haben müsse, kurzum, dass ihm die Sache leid tue. In einer kleinen Fußball-Plauderei stellte es sich übrigens heraus dass ich mich prächtig mit dem versöhnlichen Gemütsmenschen Widmayer verstand, zumal wir der übereinstimmenden Meinung waren, dass zwar früher der schönere Fußball gespielt wurde, dass aber die Fritz Walter, Helmut Rahn und Co. gegen die athletischeren, schnelleren und ausdauernderen Bundesliga-Spieler von heute keine Chance hätten. (1979, eine Woche später / Dass Widmayer vom DFB zur Entschuldigung verdonnert worden war, verschwieg ich höflich)
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Rückblende: Sommer 1961. Im Zeltlager in Lenste an der Ostsee spielen mittelhessische Jungs Fußball. Schlusspfiff. Der Torwart von Zelt fünf ist traurig. 1:11 verloren. Er trollt sich, will alleine sein, wandert den Strand entlang nach Grömitz. An einem Kiosk fällt ihm eine Schlagzeile ins Auge: »Mauer in Berlin – Weltkrieg droht.« – Winter 1973, Hallen-Europameisterschaften in Rotterdam, vor dem Kugelstoß-Finale. Athlet West liegt neben Athlet Ost auf der Stabhochsprungmatte, Beklemmung. Die DDR-Sportler haben Kontaktverbot mit dem Klassenfeind. Also ruhig bleiben, den Sportkameraden nicht in die Bredouille bringen. Blechern knarzt es aus dem Lautsprecher: »Attention please . . .« Athlet Ost schaut verstohlen rüber, grinst und flüstert: »Weihnachten ist doch schon vorbei.« Athlet West antwortet nicht. Merkwürdige Brüder, die da drüben. Was faselt der von Weihnachten? Erst später, zu spät, geht Athlet West der sächsisch-selbstironische Kontaktversuch auf: »E Tännche . . . « – November 1989: Der Torwart von Lenste, der Kugelstoßer von Rotterdam bekämpft im Fitnesskeller überflüssige Pfunde. Danach Duschen, Tagesschau: Die Mauer fällt. Wahnsinn! 1961: 1:11, die Mauer. 1973: E Tännche, der ganz normale deutsche Wahnsinn. 1989: Jeden streift in diesen Tagen ein ganz persönliches Fitzelchen vom großen Mantel der Geschichte. Wort des Jahres: »Wahnsinn!« (1989)
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Welches ist die unmöglichste aller undenkbaren Schlagzeilen? Vielleicht diese: »Papst im Puff erwischt.« Im Sport wird das Unmöglichste nun möglich: »Saubermann Dieter Baumann gedopt« Als ein mit dem Thema zum eigenen Leidwesen direkt und indirekt intensiv befasster Redakteur wird man in diesen Tagen immer wieder gefragt: Glaubst du, dass . . . ? Die dreigeteilte Antwort: 1. Es ist völlig unerheblich, was man glaubt, egal ob man gut oder schlecht informiert ist. 2. Ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Baumann wissentlich gedopt hat, geringer ist als jene, dass er subjektiv unschuldig ist (objektiv ist er auf jeden Fall schuldig). 3. Zur Relevanz von 2. siehe 1. (1999)
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Und nun zum Spucken und seinem soziologischen, psychologischen und evolutionären Hintergrund. Dr. Heinz-Georg Rupp, Ex-Mentaltrainer von Ex-Bundesligist Bayer Uerdingen: »Mit dem Rausrotzen soll eine Botschaft vermittelt werden, eine Selbstermutigung: Ich bin nicht blockiert! Ich mach mir den Weg frei!« Weia! Noch’n Erklärungsversuch, Spuck-Expertin Dr. Gitta Mühlen-Achs: »Die psychologische Ursache ist eine Form von Männlichkeitswahn. Wer öffentlich ausspuckt, verstößt gegen die gängige Vorstellung von gutem Benehmen. Damit demonstriert man Überlegenheit. Darum spucken Männer auch fast nur in der Gruppe.« Man nennt es auch Rüdenrudelrotzen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle