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Mein progressiver Alttag (Senioren-Journal vom 29. November 2014)

Ein paar Jahre lang habe ich das Leben genossen. Der Geldfluss war bemerkenswert. Ich hatte schicke Autos, und der gute Rotwein ging nie aus. Aber langsam kam die Frage immer mehr in mein Bewusstsein: Warum lebst du? Das Alter ist ja die Strafe dafür, dass man nicht verstorben ist. Ich wollte wieder etwas Sinnvolles machen, daher …

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Preisfrage: Wie geht dieser Satz weiter? Möglichkeit eins: »… begann ich, Kolumnen aus meinem progressiven Alttag zu schreiben«. Möglichkeit zwei: »… feierte ich nach meinem Leben als erfolgreicher Börsenmakler ein Comeback als weltweit gefeierter Pianist«.

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Nun ja, nicht jeder kann ein Josef Bulva (71) sein. Den Geldfluss, die schicken Autos und den guten Rotwein habe ich aus einem »SZ«-Interview mit dem ehemaligen tschechischen Wunderkind übernommen, vor allem wegen des Satzes über die Strafe des Alters und den Wunsch, etwas Sinnvolles zu machen.

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Ob ich in und mit meinem progressiven Alttag etwas Sinnvolles mache, kann durchaus bezweifelt werden, vor allem von mir selbst. Mir geht es da ähnlich wie Hanns Dieter Hüsch (wer ihn nicht mehr kennt: eine Art Matthias Beltz vom Niederrhein) in seinem »Liedermacher«-Song:

 

Karl-Gustav macht polit-gynäkologische Lieder

Fritz-Ottmar macht emanzipiert-protestantische Lieder

Heinz-Detlev macht sado-poetische Bekenntnislieder

Und ich mach’ nur Quatsch.

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Mein Quatsch hat nun fast ein Jahr auf dem Buckel, und da die Zeit der Jahresrückblicke beginnt, presche ich mit dem vor, der für jeden von uns der wichtigste ist. mit dem eigenen. Erstes Thema in meinem progressiven Alttag war: Ist es noch »normale« Vergesslichkeit oder schon …? Doch gleich danach nahm die Progression bei mir immer peinlichere Züge an, zuletzt im Baumarkt: Ich stehe an der Kasse, eine lange Schlange hinter mir, ich will zahlen und finde mein Portemonnaie nicht. »Habe ich wohl im Auto vergessen«, stammele ich und sprinte so schnell die alten Füße tragen nach draußen, durchwühle mein Auto – nichts. Zurück zur Kasse. »Habe es wohl hier drinnen verloren.« Panik. Haste durch alle Gänge, den Blick auf den Boden gerichtet, Kunden anrempelnd, und langsam reift die Erkenntnis: Das Portemonnaie ist weg. Geklaut. Natürlich. Baumarkt, Gewühl, ist ja klar. In dem Moment ertönt ein Gong: »Herr Steines, bitte an der Information melden.« Woher kennen die meinen Namen? Da fällt der Groschen, und beschämt, aber erleichtert hole ich das Portemonnaie ab. Ein Baumarkt-Mitarbeiter hat es in dem Regal gefunden, aus dem ich eine Tube mit Handwaschpaste herausgenommen und dort offenbar als verwirrter Direktzahler das Portemonnaie hinterlegt hatte.

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In weiteren Kolumnen berichtete ich vom Zahn der Zeit, der an meinem Daumensattelgelenk den Knorpel bis auf die Knochen weggenagt hat, eine typische Altersarthrose, und vom »Hallux valgus«, dem Großzehenschiefstand, den ich ererbt habe, der aber im Alt-Tag besonders progressiv wird und seine kleineren Zehen-Geschwister aggressiv bedrängt. Nun ja, es gibt auch Positives zu berichten: Gelenk und Zehe hielten Sommerschlaf. Danke dafür.

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Wunder Punkt, nicht nur des Sommers, blieb – wie schon in einer Frühjahrs-Kolumne berichtet – meine Scham, wenn entgegenkommende Rad-Silberrücken (klein, schlank, fit, durchtrainiert) abschätzig-mitleidige Aha-Blicke auf den Akku meines E-Bikes warfen. Wohler fühlte ich mich daher bei einer Mehrtages-Gruppenfahrt im Süddeutschen, denn da war ich unter Altersgleichen nicht alleine mit dem peinlichen Gefährt unterwegs und daher in der Masse vor überheblichen Blicken geschützt. Dabei drängte sich aber ein neues Thema im progressiven Alttag auf: Warum legten wir an jedem zweiten Maisfeld, und es gab sehr viele Maisfelder, eine kurze Pause ein? Stets vom Gruppenleiter mit dem freudigen Ruf »Maisfeld!« angekündigt? Sie ahnen es. Ich kam erst später auf den Grund der erleichterten, der erleichternden Freude in der Gruppe, was ja alterspersönlich ein gutes Zeichen ist, aber so weit geht mein Drang, mein Mitteilungsdrang nun doch nicht, dieses Thema hier näher auszubreiten. Nur so viel: Das Maisfeld war für die Damen reserviert, die Männer verschwanden hinter Bäumen, dieses Altersproblem ist offenbar ein heterosexuelles.

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Bleibt noch die vorige Kolumne, in der ich von meiner schönen Hörgeräteakustikerin erzählte, deren professionelle Freundlichkeit ich mit gerontophiler Verliebtheit verwechselte, bis ich merkte, dass ich für die Schöne unsichtbar war – ein Phänomen, das nicht nur Frauen kennen. Aber war das wirklich eine wahre Geschichte? Bei dieser oft gestellten Frage kann ich immer nur auf den großen Kolumnisten Axel Hacke verweisen, der sich jahrelang mit seinem Freund Bosch unterhielt, einem Kühlschrank. Haben Sie Hacke etwa geglaubt?

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So, und nun lege ich, von meinem progressiven Alttag des Jahres 2014 leicht erschöpft, eine kurze Urlaubspause ein. Gebucht habe ich per Internet. Dabei muss man auch sein Geburtsjahr angeben und dazu das entsprechende Kästchen anklicken. Dann öffnet sich eine senkrechte Leiste mit Jahreszahlen. Die muss man runter scrollen. Und scrollen. Und scrollen. Bis man irgendwann, weit unten, auf das eigene Geburtsjahr stößt. Deprimierend. Aber immerhin wird mein Jahrgang überhaupt noch geführt. Erst wenn ich ins Nichts scrolle, wird’s richtig ernst.

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Aber nicht in dieser Kolumne. Ich bleibe mir und Hüsch treu:

Paul-Erich hat jetzt endlich mit seinen Balladen die Schallmauer der Wirklichkeit durchstoßen

Krafft-Volker gehört jetzt mit seinen Knast- und Kinder-Opern zu den wirklich ganz Großen

Und Willibald hat jetzt mit seinen Aktionsstrophen der Gesellschaft mal wieder aufs Maul geschlagen

Dagobert dagegen, will mit seinen ökumenischen Liedern das Christentum hinterfragen ….

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… und ich? Ich mach nur Quatsch. Auch 2015. Versprochen.

Baumhausbeichte - Novelle