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Sport-Stammtisch (vom 29. November)

Eine seltsame Champions-League-Woche. Da spielt Bayern München wie … Borussia Dortmund in der Bundesliga. Bayer macht es den Bayern nach und schafft es ebenfalls, eine hoch überlegen geführte Partie zu verlieren, und der BVB wirkt auf seiner Lustspielwiese Champions League plötzlich wie … ein Tabellensechzehnter der Fußball-Bundesliga. Wer dies alles analysieren, erklären und einordnen kann – Hut ab! Ich kann’s jedenfalls nicht.
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Fehlt noch Schalke, das spielte wie …  überhaupt nicht. Schuld daran ist nicht der Trainer, dazu ist er viel zu kurz am Ruder. Dass Trainer-Anfänger Di Matteo bei der Amtseinführung trotz belangloser bzw. nicht vorhandener Referenzen als nächst Guardiola größte Bundesliga-Attraktion präsentiert wurde, das habe ich schon damals verwundert notiert. Wenn er ein Guter ist, wird er das erst nach der Winterpause beweisen können. Im Moment weiß man nur: Er ist kein Strohfeuer-Anblaser (einer dieser altvorderen Sorte hat soeben einen neuen Liga-Job übernommen).
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Jermaine Jones, auf Schalke vom Hof gejagt, ätzt und hetzt aus den USA gegen Manager Horst Heldt: »Wen machst du jetzt verantwortlich? Es ist schlimm, dass jemand einen Klub so ruinieren kann.« Für dieses Nachtreten von hinten kassiert Jones wieder die rote Stinkstiefel-Karte. Für den zweiten Satz auch zu Recht. Aber zur Verantwortlichkeit: Können nicht auch Stinkstiefel Recht haben? Langfristig ist immer der zuständige Sportboss für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich. Es sei denn, er ist nur Sprachrohr des echten Bosses. Der steckt sowieso in einer Pechsträhne: Was wird aus Sponsor Gazprom? Was überhaupt aus dem Russland-Geschäft? Was aus dem Fleisch-Imperium, um das die Tönnies-Familie vor Gericht rangelt?
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Das fußballerische Potenzial bei Schalke ist jedenfalls größer als der sportliche Erfolg. Da dies schon lange der Fall ist, muss es einen Grund geben, der außerhalb des reinen Fußball-Könnens liegt. Ähnlich beim BVB, nur kann dort der aktuelle Schiefstand noch mit reinem Zufall erklärt werden, begünstigt von dadurch wachsender Verunsicherung. Verletzungspech kommt zwar hinzu, kann aber nicht alles erklären. Findet Borussia Dortmund in dieser Saison gar nicht mehr in die Spur, müssen sich auch dort die Verantwortlichen hinterfragen. Klopp tut das jetzt schon. Auch das ehrt ihn.
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Noch mal zum »Stinkstiefel«. Schönes, altes, böses deutsches Wort. Auch seine Synonyme haben es in sich: »Kotzbrocken« oder »Widerling«. Offenbar benötigt die deutsche Sprache keine Lehnwörter, um Fieslinge zu kennzeichnen. Auch das ein urdeutsches Wort, »fies« kommt von »vist«, das mein mittelhochdeutsches Wörterbuch mit dem lateinischen »crepitus« übersetzt. Warum das? Neugierig geworden, schlage ich im lateinischen Schulwörterbuch nach, das weniger großtantenhafte Umstände macht: »crepitus« = »vist« = »fies« = »Knall, Blähung« = Furz. Jetzt weiß ich auch, wie Hape Kerkeling auf sein legendäres »Hurz!« kam (ich könnt’ mich immer noch ausschütten) – weil es eine Verarschung war.
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Keine Verarschung: Aus Rücksicht auf die Gefühle von Muslimen entfernt Real Madrid das christliche Kreuz aus seinem Logo. Zwar nur im arabischen Raum, aber immerhin auch auf der gemeinsamen Kreditkarte mit dem neuen Real-Großsponsor »National Bank of Abu Dhabi«, die auch als Real-Mitgliedsausweis dient. Real ist sogar Wiederholungstäter: Der Klub wollte vor Jahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein milliardenteures ›Real Madrid Resort Island‹ bauen und dort in vorauseilender Unterwerfung das christliche Kreuz aus seinem Wappen entfernen. Mein Kommentar damals: »Geld stinkt nicht? Geld betet nicht.«
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Zum Schluss eine Einstimmung in die Adventszeit und schöne, alte Nikolausbräuche. Gerhard Polt erzählte  im letzten Jahr im SZ-Magazin-Interview, weit abseits seines “Nikolausi”-Sketches, wie er als Kind vom Nikolaus in den Sack gesteckt wurde: »Ich war irre vor Angst und habe geschrien. Es gab ein furchtbares Gelächter. Der Nikolaus – das war der Metzgergeselle aus Altötting – fand das toll, und die anderen fanden das auch toll, und dann die Idee, den Sack auch noch im Schweinestall aufzuhängen – die waren begeistert! Die fanden das alle sehr komisch. Ich kann leicht darüber reden. Aber das wird, solange ich lebe, hängen bleiben.«
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Gruselig. Das arme kleine Gerhardchen. Humor ist nicht nur Glücksache, sondern manchmal auch Körper- und Seelenverletzung. Humorbolzen im Sinne des Altöttinger Metzgersellen sind … Stinkstiefel, Kotzbrocken, Widerlinge, Fieslinge. Hurz! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle