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Montagsthemen (vom 24. November)

Ich bin ein zorniger Kaktus. Das hat mit Gewalt an Frauen und mit Vanessa Mae zu tun, mit den griechischen Göttern und mit Marco Reus. Der Reihe nach: Morgen, am »Tag gegen die Gewalt an Frauen«, erfahren wir, wer wegen besonders fiesem Sexismus den »Zornigen Kaktus« erhält. Am selben Tag ist Einsendeschluss für die laufende »Wer bin ich?«-Runde, und da muss ich unbedingt noch einmal darauf hinweisen, das schöne tote Mädchen nicht zu vergessen, für das es einen zweiten Punkt gibt.
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Ist die Vermengung dieser beiden Großereignisse einen zornigen Kaktus wert? Nein. Gegen die griechischen Götter habe ich keine Chance. Frage in meinem Sprachkalender: Welche Strafe erhielt Teiresias nach einer besonders bösen Tat? 1. Er muss den Himmel auf den Schultern tragen, 2. Er darf nie mehr essen oder trinken, 3. (in meine Lautschrift transkribiert) »ton metamorfosan se jineka«. Klar, den Himmel schultert Atlas, fasten muss Tantalus, also erhält Teiresias die dritte Strafe: Er wird in eine Frau verwandelt, was offenbar die ärgste aller denkbaren Plagen ist. Da werfe ich, als Feminismus-Follower, viele zornige Kaktusse auf die griechischen Götter (denn Kaktusse schmerzen in jedem Fall mehr als Kakteen).
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Strafverschärfend müsste ein olympischer Bakalorz die Zeus & Co. im Sekundentakt gnadenlos weggrätschen, denn was haben die Götter bloß gegen Marco Reus? Aber es stellen sich auch sehr irdische Fragen: Ist der Körper des Filigranfußballers zu zart für seine Überbegabung (wie einst bei Zehnkämpfer Busemann)? Die Leichtigkeit im Antritt, die Eleganz der Bewegung, die Schnelligkeit, das alles erinnert an ein edles Vollblut-Rennpferd. Aber wenn ihm ein Ackergaul die Hufe an die Fesseln haut, lahmt es wochenlang.
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Das hat sicher auch Auswirkungen auf die Reus-Gelüste der ganz Großen, zumindest auf deren Preisvorstellungen. So könnten sich die Bayern nach simpler Kosten-Nutzen-Rechnung auch fragen, warum sie einem Konkurrenten (der momentan keiner mehr ist) wieder einmal den Besten wegkaufen sollten, wenn ihn doch regelmäßig schon die Ackergäule anderer Klubs weggrätschen?
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Wenn auf dem Olymp auch Fußball-Götter etwas zu sagen haben, dann geigen sie (geigen? dazu gleich mehr) ihren bösartigen Kollegen gehörig die Meinung und sorgen für Wiedergutmachung, indem sie im neuen Jahr in einem der möglichen Endspiele für ein umjubeltes Reus-Comeback sorgen, ein mindestens genauso bewegendes wie jetzt in München für Bastian Schweinsteiger. Dort gab es einen erfreulichen Nebeneffekt für die Bayern: Ihr angebliches »Operetten-Publikum« (»Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«) kann auch ganz anders und überschüttete Schweinsteiger mit so viel »alter Liebe«, wie sie selbst auf der BVB-Südtribüne kaum inbrünstiger zu finden ist.
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»Operetten-Publikum«? Falsches Bild. Gemeint ist eher ein sanft dösendes Vorlesungs-Auditorium, das nur bei einer brillanten Formulierung mal nachlässig auf die Pulte klopft. Wenn überhaupt noch Operetten gespielt werden, kommt ein Herz-Schmerz-beschwingtes Publikum. Aber das nur am Rande.
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Ebenfalls nur an diesem: Vor drei Jahren wurde in einer der ersten »Wer bin ich?«-Runden ein Sportreporter gesucht. Sehr schwierig. Lösung: Frank Bascombe, eine Romanfigur von Richard Ford. Zur großen Freude seiner Lese-Freunde gibt es nun ein viertes Bascombe-Buch: »Let Me Be Frank With You« – allerdings noch nicht in deutscher Übersetzung. Der Titel ist ein Wortspiel, etwa: »Lassen Sie mich offen mit Ihnen sein«, was hoffentlich nicht für den Roman gilt, denn diese Floskel bedeutet fast immer: Ich bin jetzt ganz bestimmt nicht offen mit Ihnen.
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Ich bin es jetzt aber mit Ihnen, liebe Leser. Im Vorfeld der Winterspiele von Sotschi hatte ich meine Sympathie mit den Olympia-Ambitionen der Geigerin Vanessa Mae kundgetan. Jetzt scheint aber herauszukommen, dass ihre scheinbar sportlich korrekte Qualifikation ermauschelt, ertrickst, erstunken und erlogen gewesen sein könnte. Falls das stimmt, verwünsche ich sie als Fundamentalist der Fairness und Todfeind des Sportbetrugs mit den Worten von Hadschi Halef Omar (dem Sancho Pansa von Kara Ben Nemsi): »Du jämmerliche Cousine einer kreuzlahmen Spinne, möge ein Kaktus in deinem Bauche wohnen und eine Rattenfamilie mitten in dem Käse leben, den du zu deiner Abendmahlzeit erkoren hast.«
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Da haben wir ihn also wieder, den zornigen Kaktus. Ich mach’s aber lieber kürzer als Karl Mai … nein, als Karl May (der mit »i« war ein Held von Bern): Möge der Fidelbogen in deiner Hand auf ewig verdorren!

Baumhausbeichte - Novelle