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Mein Feind, das Smartphone (“Nach-Lese” vom 22. November)

Ich bin ein Wissender. Ich gehöre zu den »Savants«, den Binnen- oder Inselbegabten, die auf ihrem Spezialgebiet Genies sind, dem Alltag aber manchmal nicht gewachsen. Dustin Hoffman spielte in »Rain Man« solch einen Savant, nach dem realen Vorbild eines Mannes, der 12 000 Bücher auswendig aufsagen konnte. Oder Daniel Tammet. Vor einiger Zeit verblüffte er deutsche Fernsehzuschauer, weil er zehn Sprachen spricht, innerhalb einer Woche Isländisch als elfte lernte und die ersten 22 514 Ziffern der Kreiszahl Pi aufsagen kann. Tammet sagt, dass er viele beste Freunde habe. Sehr viele. Die Primzahlen.
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Nun sind Zahlen nicht unbedingt meine besten Freunde. Auch die Inselbegabung des vielleicht bekanntesten Savants, des Pianisten Kit Armstrong, ist leider nur sehr ansatzweise die meine. Armstrong, heute 22, gilt als eines der größten Pianisten-Talente der Neuzeit. Seine Mutter sagte einmal, bis vor wenigen Jahren habe er seinen Kopf beim Schlafen nicht auf ein weiches Kissen gelegt, sondern auf ein mit geschmolzenen Eiswürfeln gefülltes, weil Kits Hirn ein kleines Atomkraftwerk sei, das ständig gekühlt werden müsse.
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Mein Gehirn hat zwar schon manchen GAU erlebt, sogar ohne Atomreaktor im Frontallappen, aber mit Kit Armstrong verbindet mich dennoch die Musik, denn auch sie ist meine Inselbegabung. Allerdings eine, für die ich mich ein bisschen schäme: Ich kenne unglaublich viele alte deutsche Schlager auswendig, vor allem auch solche, die ich schon beim ersten Hören verachtet habe – damals, vor vielen Jahren, als Namen wie Freddy Quinn für meine Generation gleichbedeutend mit »völlig daneben« waren.
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Aber mein Schicksal als Schlager-Savant wollte es, dass nicht die Texte der vielgeliebten und -gehörten Beatles-Songs im Kopf hängen blieben, sondern … Für Manuela, die er liebte / baute er am Fluss ein Haus / und auf einmal sah das Leben / auch für ihn ganz anders aus / Doch der Fluss stieg übers Ufer / nahm ihm all sein Hab und Gut / seine unerfüllten Träume / die verschwanden in der Flut / Du musst alles vergessen / was du einst besessen, Amigoooo . . . oohhh, warum kenne ich diesen Text und nicht die ersten 22 514 Ziffern der Kreiszahl Pi?
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Nur die Schlager, die kannte ich alle, warum auch immer. Was mir in späteren Jahren immerhin den Ruf eines gerne hinzugerufenen Fachmannes verschaffte. Wie damals, als mich der Anruf einer nahen Verwandten aus einer fernen Stadt erreichte. Abends in froher Runde hatte sie ein seltsames Lied gehört, es ging irgendwie um heißen Sand, keiner wusste, was das für ein Lied war und wer es sang, aber klar war: Ein Anruf bei mir, und ich würde aufklären. Spontan sang ich ins Telefon: Heißer Sand und ein verlorenes Land und ein Lääben in Gefahr / Heißer Sand und die Erinn’rung daran, dass es einmal schöhöner war. Natürlich. »Heißer Sand« von Mina. Mein Nimbus wuchs ins Legendäre.
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Vorbei. Kein Schwein ruft mich an. Tauchen derartige Fragen auf, werde nicht mehr ich konsultiert, sondern das Smartphone. Mein Feind. Schnell gezückt, kurz gedrückt, prompt gewusst. Es hat den einzigen Sinn meines sinnlosen Wissens auf dem Gewissen.
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Doch das Smartphone (und das Tablet & Co.) hat noch mehr auf dem Gewissen, und das wiegt schwerer als der Bedeutungsverlust meiner Inselbegabung. »In der Welt der digitalen Sofort-Auskünfte löst das Finden das Suchen ab. Eilige Gewissheit ersetzt langsames Erkunden«, lese ich in der Süddeutschen Zeitung, deren Autorin Carolin Emcke das ausdrückt, was ich, innerlich grummelnd, schon seit geraumer Zeit empfinde, nicht nur wegen Freddy, Mina & Co. Das pure, sofortige Finden, ohne gesucht zu haben, lähmt Phantasie und Kreativität, beeinträchtigt die Assoziationsfähigkeit und führt zudem nicht einmal zu besonderem Wissensgewinn, denn das mühelos Gefundene ist schnell wieder vergessen.
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Vor einigen Tagen benutzte ich, in einer anderen Kolumne, den Begriff »den Garaus machen«. Beim schnellen Finden sagte mir das Smartphone via Google und Wikipedia, dass mit dem Ruf »gar aus!« im Mittelalter von den Stadttürmen am Ende des Tages das Schließen der Stadttore verkündet wurde. Dann suchte ich  in einem meiner uralten Begleiter weiter, dem ehrwürdigen Wörterbuch der Gebrüder Grimm (ja, sie haben nicht nur Märchen geschrieben!). Links und rechts des Suchweges stieß ich, gedanklich hin und her mäandernd, auf einige hübsche Fundstücke. Nicht nur auf den niedlichen Diminutiv »Garäuslein«, sondern auch auf den sehr modern klingenden grammatischen Hinweis, das Wort »Garaus« sei »im Geschlecht unsicher«. Man studiere nur die genderkorrekten 60 (!) Möglichkeiten, mit denen Facebook-Nutzer ihr Geschlecht angeben können (bigender, transmännlich, viertes Geschlecht, cross-gender usw.) – ihnen allen könnte der »Grimm« mit dem lapidaren »Geschlecht unsicher« das Garäuslein machen.
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Auch Gesellschaftskritik nimmt mein »Grimm« schon vorweg: »Hilft der stark dem schwachen, so hilft er ihme zum garausz.« Ob, wie und warum unsere Art der Hilfe zum Garaus führen kann, wird derzeit besonders kontrovers diskutiert, von Lampedusa bis Syrien. Gar nicht schön auch die Prophezeiung aus »Otho 782«: »Jerusalem, du starke veste / du schön und wohlgebautes haus / dir werden kommen fremde gäste / und mit der spielen den garausz.«.
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Deprimiert von diesen Garaus-Möglichkeiten suche ich Trost beim »Gar aus!«-Befehl »der alten deutschen trinkkunst«: Prost! Ex! Dabei fällt mir ein: Vielleicht hat der kleine Kit seine Mutter auch nur angeschwindelt. Hatte er gar keinen Kopf wie ein Atomkraftwerk, sondern einen »wie der Kreis Biedenkopf«, unter Pubertätstrinkern meiner Generation ein Synonym für schweren Kater? Deswegen die Eiswürfel?
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Eher nicht, wenn man sich dieses Intervierw mit dem damals 15-Jährigen anschaut: »Haben Sie einen besten Freund? – »Ich habe wichtigere Dinge zu tun.« – »Aber Sie haben Freunde?« – »Ich habe Menschen, mit denen ich Musik mache.« – »In Ihrem Alter?« – »Möglich. Ich habe sie nie gefragt, wie alt sie sind.« – »Warum?« – »Weil Alter keine Kategorie ist, in der ich denke.« – »Sind Sie nervös?« – »Nein.« – »Warum nicht?« – »Nervosität ist nicht Teil meines Gemüts.«
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Da laufen einem geschmolzene Eiswürfel den Rücken runter. Solch ein armer Savant hat wohl nur einen Kopf wie … ein Smartphone? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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